Hallo Fred,
vielleicht hilft Dir eine kleine Selbsterfahrung weiter:
*Ich war ein paar Jahre jünger, ungefähr sieben. In der Nachbarschaft hatte ein junger Mann (ich kannte ihn) eine Trinkfeier veranstaltet. Betrunken wie sie waren, kam es zum Streit. Dieser verlagerte sich auf die Straße. Im Handgemenge wurde dieser junge Mann zu Tode gestochen.
Durch den Krach auf der Straße wurde ich hinaus gelockt. Gerade noch rechtzeitig, um erkennen zu können, wer da weg lief. Ich ging auf diesen leblosen Mann zu, wollte sehen, was mit ihm ist. Andere Leute, einschließlich meine Eltern, kamen aus ihren Häuser.
Ich bekam mit, daß sehr schnell Unruhe war, die totale Aufregung brach los. Ich sah erstarrte Gesichter. Keiner fasste diesen Mann an, irgend jemand rief, die Polizi sollte verständigt werden, irgend jemand schrie auf, der Mann wäre tot. Ich kniete mich vor ihn, wollte ihn fragen, ob er tot wäre. Ich wurde von Erwachsenen zurück gezogen, und ins Haus gebracht.
Schweigen. Ich sah vom Fenster aus den schwarzen Wagen. Ich wußte, dieser Wagen holt Menschen, die nie wieder kamen. Die Leute, die noch immer draußen waren, unterhielten sich.
Meine Eltern kamen ins Haus, hilflos, wie sollten sie mit mir umgehen? Sie fragten mich erst gar nicht, was ich gesehen hatte, sondern schärften mir ein, absolut nichts gesehen zu haben. Dabei hätte ich ihnen gern erzählt, wer die Männer waren, die weg liefen. Ihre Namen kannte ich nicht, aber ihre Gesichter. Auch wußte ich, daß sie den Mann oft besuchten.
Anschließend versuchten sie das Ganze zu beschlichtigen, indem sie mir erzählten, daß der Mann ins Krankenhaus gebracht wurde…
Ich war sieben, aber nicht dumm. Ich wußte, daß kranke Menschen mit dem weißen Wagen und dem Kreuz geholt wurden, und die irgendwann wieder da waren. Und daß die, die mit dem schwarzen Wagen geholt wurden eben nicht wieder kamen.
Ich redete über die Angelegenheit lange Zeit nicht. Es war mir unangenehm ständg von der Seite beobachtet zu werden, so als würde irgend etwas von mir erwartet. Ich beschloß nichts zu tun, da ich eh nicht wußte, was ich eigendlich tun sollte. Ich schwieg und wartete darauf, daß diese Erwachsenentuschelei und dieses Beglotzen (warten auf etwas) aufhörte.
Viel später habe ich das alles einer sehr alten Frau, die in unserer Nähe wohnte, erzählt. Sie erklärte mir, was es mit dem Tot auf sich hat. Außerdem, was Ursache des Streites war, und was für mich besonders wichtig war, warum meine Eltern sich so komisch verhielten und warum sie wollten, daß ich log.*
Ich würde heute behaupten, nicht ich war traumatisiert, sondern meine Eltern. Für Eltern ist es ganz schlimm, miterleben zu müssen, daß sie völlig machtlos mit ansehen müssen, daß ihr Schützling bösen Dingen ausgeliefert wird. Es muß wie ein Ohnmachtgefühl sein, was eine völlig maschinelle Handlung dem Kind gegenüber auslöst.
Diese maschinelle Handlung macht für einem Kind die Sache erst schlimm. Es braucht den *ehrlichen MENSCHEN*, um über die Eindrücke und das Geschehen reden zu können. Diesen wird es sich von ganz allein suchen.
lieben Gruß,
fionny