Ungewollte eine gerade ermordete gesehen

hallo werte experten
am freitag abend (auf einem stadtfest) stand der sohn meines freundes direkt neben einem mädchen (16) das 5 min zuvor erschossen wurde. er kam ganz aufgeregt und wollte das vater hilft (der ist polizist), wir haben ihm dann gesagt, das ist sicher ein unfall und kein mord, na ja, der bub (13) wollte dann da doch nochmal hin, das opfer war schon weg und die kripo am suchen.

er erzählte dann dass er das blut aus dem kopf liefen sah, aber das ist ja alles nicht so schlimm und so. der vater fragte ob das kind darüber sprechen wollte, aber das kind meinte nö, alles ok.

wirklich ? kann man das so belassen ? oder reden macht daraus erst ein problem, das, so scheint es, gar keines ist ?

dazu kommt, dass das arme kind vor 3 wochen zeuge eines unfalls war, bei dem ein scheu gewordenes pferd in eine hausfront knallte, und er war zufällig vor ort mit all dem blut, brrr. er hat aber auch das weggesteckt ohne kommentar.

was meint ihr ? reden ? oder nichts tun ?

fred

Hallo,

aufmerksam zuhören, falls Redebedarf (und dies muß nicht zwingend sein, es gibt in dem Alter auch Freunde die „drüberweghelfen“) freilich reden, allerdings nicht ohne gefragt zu werden.

LG
d.

Zustimmung…aber…
Hallo,

wenn sich allerdings stärkere Wesensveränderungen bei dem Jungen einstellen, würde ich zum. bei einer Beratungsstelle mal anfragen, wie man helfen könnte.

Gruß
Maja

Hallo fred,

pauschal läßt sich sicher gar nichts sagen, weil jeder Mensch anders Reagiert und damit umgeht.
Unsere Jungs z.B. sind mit dem Tot von Tieren vertraut und wenn mal eine Henne tot rumliegt, holen sie mich oder meine Frau und sagen bescheid.
Ein Freund unseres großen hat mal nen Rappel gekriegt, weil er der Reste einer Mäuseleiche gefundenhat, die unsere Katze hinterlassen hat. So unterschiedlich ist das.

Aber wie schon geschrieben wurde, solltest Du jetzt sehr genau hinschauen und -hören, was der Junge macht uns sagt. Es sind manchmal nur Andeutungen. Wenn er(!) ein Gespräch haben möchte, nimm das Angebot an und nimm Dir alle Zeit der Welt um mit ihm zu reden.

Vorsichtiges(!) Anfragen ist sicher auch OK, aber nerv ihn nicht damit.

Mehr läßt sich aus der Fernen wohl nicht sagen, sehr pauschal, aber alles andere wäre m.E. unlauter.

Gandalf

Hallo fred!

was meint ihr ? reden ? oder nichts tun ?

Hm, so ganz aus dem Bauch heraus würde ich sagen: reden, aber nicht bedrängen. Aber das ist nur eine ganz laienhafte Meinung! Ich habe mit solchen Situationen überhaupt keine Erfahrung.

Mir kam beim Lesen Deines Postings in den Sinn, daß es bei Unfällen, Katastrophen u.ä. oft psychologische Hilfe in Form von Beratung für Betroffene und Angehörige gibt (bin mir leider nicht sicher wie der Fachausdruck für sowas lautet). Vielleicht gibt es ja sowas auch in Deinem Wohnort? Es waren sicher noch mehr Menschen anwesend, eventuell wird seitens der Stadt/Gemeinde Hilfe angeboten?

Hier mal ein Link, damit Du Dir vorstellen kannst was ich meine:
http://www.mamipapi.ch/Forum/Kindesschutz/2000Merkbl…

Ich wünsche Euch alles Gute!

Gruß
Frauke

danke für den link, genau das haben wir ihm auch spontan angeboten, zu einer solchen stelle zu gehen, das wollte er nicht und meinte nö alles roger.
nur ich denke mir in so kurzer zeit soviel hämoglobin ist doch etwas viel, oder ?

und, er wohnt auch nicht mit uns sondern mit der mutter und da sind die familienverhältnisse nicht gerade aufbauend bzw. kommuikationsfördernd… na nun fahren die in die ferien und wir sehen das kind vielleicht erst in 4 wochen wieder :frowning:

sollte der papa das vorher nochmal telefonisch ansprechen ?
hm, fragen über fragen… danke jedenfalls.
fred

So ein Erlebnis ist cool für einen 13-jährigen Buben !
Es wird ihn sicher nicht in irgendeiner Weise beeinträchtigen. Nur durch dümmliches Gelabere übereifriger Erziehungsberechtigter & Co. kann sich ein Dauerschaden einstellen.

Hab Ihr mal mit Bosniaken gesprochen ? Was die im jüngsten Krieg durchlebt haben ? Mit Euren Eltern / Großeltern ? Die an der Front kämpften oder zu hause die Terrorangriffe mit Bomben auf deutsche Städte im Keller überstehen mussten ? Die bei Nacht und Nebel, nur was sie tragen konnten, ihre Heimat verlassen mussten ?

Wenn ich hier schreiben würde was ich denke, würde der Beitrag sicher gelöscht.

HM

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So ein Erlebnis ist cool für einen 13-jährigen Buben !
Es wird ihn sicher nicht in irgendeiner Weise beeinträchtigen.
Nur durch dümmliches Gelabere übereifriger
Erziehungsberechtigter & Co. kann sich ein Dauerschaden
einstellen.

das kann schon sein und ich bin eigentlich mit dir einverstanden. da drängt sich bloss die frage auf = die kids werden heute total verhätschelt und vor allem geschützt und tod existiert bloss auf videokonsolen und in horrorfilmen… da ist doch das problem, oder ?

Hab Ihr mal mit Bosniaken gesprochen ? Was die im jüngsten
Krieg durchlebt haben ? Mit Euren Eltern / Großeltern ? Die an
der Front kämpften oder zu hause die Terrorangriffe mit Bomben
auf deutsche Städte im Keller überstehen mussten ? Die bei
Nacht und Nebel, nur was sie tragen konnten, ihre Heimat
verlassen mussten ?

ja, habe ich persönlich schon. es muss aber trotzdem nicht sein, dass kinder zuschauen (müssen) wenn wie vor kurzem hier ein 17jähriger erstochen wird weil er beim zugbegleiter anzeige erstattete dass gerade sein walkman geklaut wurde… oder, wie in diesem falle ein 16jähriges albanisches mädchen mit 2 kopfschüssen getötet wird, bloss weil sie ihn nicht wollte. da könnte es nämlich kommen, dass gewalt und töten normalität wird (wenn wir nicht schon so weit sind…)

vielleicht ist „urbanlife“ ja dann wir im videospiel : will ich, krieg ich, egal wie, wenn dabei jemand drauf geht, scheissegal… und das bitte vor zuschauern, sonst isses ja ganz uncool.

komische welt in der wir leben, oder ?

fred

Hallo Herr Meyer,

So ein Erlebnis ist cool für einen 13-jährigen Buben !
Es wird ihn sicher nicht in irgendeiner Weise beeinträchtigen.

Worauf gründet sich diese großartige Erkenntnis?

Nur durch dümmliches Gelabere übereifriger
Erziehungsberechtigter & Co. kann sich ein Dauerschaden
einstellen.

Sie und wir scheinen unter „dümmlichem Gelaber“ durchaus Unterschiedliches zu verstehen. Die zwei Zeilen, die wir weiter oben zitieren, assoziieren wir eher damit.

Hab Ihr mal mit Bosniaken gesprochen ? Was die im jüngsten
Krieg durchlebt haben ? Mit Euren Eltern / Großeltern ? Die an
der Front kämpften oder zu hause die Terrorangriffe mit Bomben
auf deutsche Städte im Keller überstehen mussten ? Die bei
Nacht und Nebel, nur was sie tragen konnten, ihre Heimat
verlassen mussten ?

Ja, wir haben! Nahe Verwandte von uns haben einen langen Weg der Flucht vor den Russen hinter sich gebracht, ihre Eltern packten sie auf einen Wagen unter eine undurchsichtige Plane und bläuten ihnen ein „mit dem Licht kommt der Tod!“ - zum einen sicherlich, damit sie sich als Kinder (teils durchaus im vergewaltigungsfähigen Alter) nicht bemerkbar machten, zum anderen aber auch, um ihnen den Anblick von Kinderleichen und anderem Greuel, was den Weg begleitete, zu ersparen. Was denken Sie, Herr Meyer, war das wohl auch „dümmliches Gelaber“?

Wenn ich hier schreiben würde was ich denke, würde der Beitrag
sicher gelöscht.

Ach Herr Meyer, ich FREU mich so dolle, weil wir Ihnen in diesem Satz uneingeschränkt zustimmen können! :smile:

Und zum Schluß hab ich noch einen Vorschlag: Lassen Sie uns doch GEMEINSAM, Hand in Hand, eine Initiative gründen, deren Zweck es ist, sämtliche Kriseninterventionsteams und Notfallseelsorger abzuschaffen! Wer braucht schon so einen Quatsch! Und was man damit an Steuergeldern einsparen könnte! (Unter uns: Bei Ihrem hochragenden Intellekt, Herr Meyer, werden Sie sicherlich einen Job haben, in dem Sie wahnsinnig viel Geld verdienen und auch entsprechend viel davon an den Fiskus verlieren. Also wäre dem auch Ihr ganz persönlicher Profit inhärent! Na, wenn das kein Anreiz ist?!)

Untertängst,

Ihre Hoheit Ritter von dem Hagen
(stets mit Schwert und Schild im Kampf gegen das Weicheiertum!)

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Hallo Fred,

vielleicht hilft Dir eine kleine Selbsterfahrung weiter:

*Ich war ein paar Jahre jünger, ungefähr sieben. In der Nachbarschaft hatte ein junger Mann (ich kannte ihn) eine Trinkfeier veranstaltet. Betrunken wie sie waren, kam es zum Streit. Dieser verlagerte sich auf die Straße. Im Handgemenge wurde dieser junge Mann zu Tode gestochen.
Durch den Krach auf der Straße wurde ich hinaus gelockt. Gerade noch rechtzeitig, um erkennen zu können, wer da weg lief. Ich ging auf diesen leblosen Mann zu, wollte sehen, was mit ihm ist. Andere Leute, einschließlich meine Eltern, kamen aus ihren Häuser.
Ich bekam mit, daß sehr schnell Unruhe war, die totale Aufregung brach los. Ich sah erstarrte Gesichter. Keiner fasste diesen Mann an, irgend jemand rief, die Polizi sollte verständigt werden, irgend jemand schrie auf, der Mann wäre tot. Ich kniete mich vor ihn, wollte ihn fragen, ob er tot wäre. Ich wurde von Erwachsenen zurück gezogen, und ins Haus gebracht.
Schweigen. Ich sah vom Fenster aus den schwarzen Wagen. Ich wußte, dieser Wagen holt Menschen, die nie wieder kamen. Die Leute, die noch immer draußen waren, unterhielten sich.
Meine Eltern kamen ins Haus, hilflos, wie sollten sie mit mir umgehen? Sie fragten mich erst gar nicht, was ich gesehen hatte, sondern schärften mir ein, absolut nichts gesehen zu haben. Dabei hätte ich ihnen gern erzählt, wer die Männer waren, die weg liefen. Ihre Namen kannte ich nicht, aber ihre Gesichter. Auch wußte ich, daß sie den Mann oft besuchten.
Anschließend versuchten sie das Ganze zu beschlichtigen, indem sie mir erzählten, daß der Mann ins Krankenhaus gebracht wurde…
Ich war sieben, aber nicht dumm. Ich wußte, daß kranke Menschen mit dem weißen Wagen und dem Kreuz geholt wurden, und die irgendwann wieder da waren. Und daß die, die mit dem schwarzen Wagen geholt wurden eben nicht wieder kamen.
Ich redete über die Angelegenheit lange Zeit nicht. Es war mir unangenehm ständg von der Seite beobachtet zu werden, so als würde irgend etwas von mir erwartet. Ich beschloß nichts zu tun, da ich eh nicht wußte, was ich eigendlich tun sollte. Ich schwieg und wartete darauf, daß diese Erwachsenentuschelei und dieses Beglotzen (warten auf etwas) aufhörte.
Viel später habe ich das alles einer sehr alten Frau, die in unserer Nähe wohnte, erzählt. Sie erklärte mir, was es mit dem Tot auf sich hat. Außerdem, was Ursache des Streites war, und was für mich besonders wichtig war, warum meine Eltern sich so komisch verhielten und warum sie wollten, daß ich log.*

Ich würde heute behaupten, nicht ich war traumatisiert, sondern meine Eltern. Für Eltern ist es ganz schlimm, miterleben zu müssen, daß sie völlig machtlos mit ansehen müssen, daß ihr Schützling bösen Dingen ausgeliefert wird. Es muß wie ein Ohnmachtgefühl sein, was eine völlig maschinelle Handlung dem Kind gegenüber auslöst.
Diese maschinelle Handlung macht für einem Kind die Sache erst schlimm. Es braucht den *ehrlichen MENSCHEN*, um über die Eindrücke und das Geschehen reden zu können. Diesen wird es sich von ganz allein suchen.

lieben Gruß,
fionny

*ggg

vielen Dank …

… für diese Publikation, fionny.
Das ist ein sehr wichtiger und erhellender Bericht.

Besonders bewundernswert die Klugheit der erwähnten „sehr alten Frau“.

Viel später habe ich das alles einer sehr alten Frau, die in
unserer Nähe wohnte, erzählt. Sie erklärte mir, was es mit dem
Tot auf sich hat. Außerdem, was Ursache des Streites war, und
was für mich besonders wichtig war, warum meine Eltern sich so
komisch verhielten und warum sie wollten, daß ich log.*

Ich würde heute behaupten, nicht ich war traumatisiert, sondern meine Eltern.

Gut gesagt. Sehr sehr häufig - aber selbstverständlich nicht immer - entstehen aus tiefgreifenden Erlebnissen die Traumatisierungen erst durch die Reaktionen der Umwelt.

Grüße

Metapher

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Hallo Fred,

ich würde die Sache gerne von der anderen Seite anpacken: der Sohn Deines Freundes hat zunächst einmal einen toten Menschen gesehen. Nicht mehr und nicht weniger. Klingt fies, aber: sowas sieht man heutzutage nicht oft und nur in den seltensten Fällen außerhalb der Flimmerkiste. Früher war es völlig selbstverständlich, daß die Menschen zu Hause starben - ein Dreizehnjähriger hat zu der Zeit mit Sicherheit schon mehrere Tote gesehen; ob nun die Großeltern, ein Elternteil oder Geschwister. Als ich klein war, wurden die Leute auch noch zu Hause aufgebahrt - es war für mich völlig normal.

Bedenke auch, daß der Junior den kühlen Kopf bewahrt hat: er versuchte, Hilfe zu holen und ist zum Vater gerannt.

er erzählte dann dass er das blut aus dem kopf liefen sah,
aber das ist ja alles nicht so schlimm und so. der vater
fragte ob das kind darüber sprechen wollte, aber das kind
meinte nö, alles ok.

Weißt Du, die heutigen 13jährigen sehen im Fernsehen so unendlich viel Elend: Giftgasopfer, Flugzeugabstürze, verstümmelte Kriegsopfer… Sicher, es sind zwei Paar Schuhe, ob man es in der Glotze oder ‚live‘ erlebt, aber ich denke, daß ein 13jähriger Junge den Anblick eines toten Menschen durchaus verkraften kann.

wirklich ? kann man das so belassen ? oder reden macht daraus
erst ein problem, das, so scheint es, gar keines ist ?

Wenn er darüber reden will, dann wird er ein solches Gespräch selbst anfangen - er weiß ja (davon gehe ich mal aus), daß Ihr für ihn da seid. Was aus meiner Sicht ganz falsch wäre, wären Drängelei ‚nun rede doch mal mit uns‘ und das ständige Wiederholen des Angebots ‚Du weißt doch, wenn Du darüber…‘. Wann, sagtest Du, ist das passiert? Am Wochenende? Manches muß sich erst ‚setzen‘. Einfach abwarten und ein Auge auf den Gutsten werfen, aber bitte schön aufauffällig und keinesfalls wie der Cerberus persönlich hinter ihm her sein.

Du kannst Kinder nicht vor allem Übel dieser Welt beschützen…

Beste Grüße

Tessa

herzlichen Gruß,
fionny