aber Marion…
Moin Marion,
Ich hab mal versucht diesen Test zu machen,
Warum? Denkst Du, Du hast eine ADS+/-H - Störung?
und bin bereits
bei den ersten Fragen gescheitert, da mein Verhalten, das hier
gefragt war, (IMHO selbstverständlich) situationsabhängig ist.
Es gibt also Situationen, da hab ich eine endlose Geduld,
Ausdauer, Frustrationstoleranz und kann stundenlang auf meinem
Hintern hocken, und es gibt Situationen, da hält das kaum 10
Minuten. Und so geht das beides schon seit Jahren
)
Wirklich merkwürdig, geht es mir doch genauso… 
Und nun ?
Ich könnte Dir ja nun so einiges zum Erwachsenen ADS schreiben, aber ich denke, das wolltest Du mit Deinem Posting gar nicht bezwecken, nicht wahr? Fakt ist, dass gerade eine eindeutige Diagnose dieser „Störung“ bei Erwachsenen sehr schwer zu stellen ist. Und das hängt wiederum von verschiedenen Faktoren ab.
Wie es oben schon beschrieben wurde: der eine leidet extrem unter seinem Verhalten, welches teilweise in das sog. ADS-Störungsbild passt. Der/die andere geniesst seine Besonderheit und das kreative Chaos, obwohl er kriterienbedingt vielleicht dem „Störungsbild“ zuzuordnen wäre.
Desweiteren: Es gibt in den offiziellen Diagnosemanuals der DSM-IV und ICD-10 kein beschriebenes Störungsbild für ADS/Hyperaktivität für Erwachsene in dem Sinne, wie es eines für Kiddis gibt.
Trotzdem sollte man natürlich nicht wegwischen, dass Verhaltensauffälligkeiten dieser Art auch bei erwachsenen Menschen existieren. Und somit empfehle ich Dir folgenden, m.M. nach sehr gut beschriebenen Artikel. Vor allem das (von mir) hervorgehobene, fettgedruckte.
Liebe Grüße
Bettina
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ADHS: eine valide Diagnose?
Im November 1998 fand in den USA vom NIH eine Konsensus-Konferenz zur ADHS statt. William B. Carey kritisierte dabei das Konstrukt der ADHS. In seinem Abstrakt zur Konferenz schreibt er hierzu: Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit und ohne Hyperaktivität (ADHS) wird definiert durch das gleichzeitige Vorhandensein von 6 von 9 Symptomen von Unaufmerksamkeit (inattention) der 6 von 9 Symptomen von Hyperaktivität/Impulsivität, mit Einschränkungen (der Lebensführung) in zwei oder mehr Bereichen, die nicht durch eine andere Störung bedingt sind.
Zusätzliches allgemeines Übereinkommen bestehe darin, dass sich ADHS eindeutig von normalem Verhalten unterscheiden lassen muss, eine neurologische Entwicklungsstörung darstellt und (relativ) unbeeinflusst von sozialen Umgebungsbedingungen ist. Letztlich behauptet er, dass alle diese Bedingungen sehr vage seien bzw. dem subjektiven Urteil unterworfen blieben, dass sie dem normalen Temperament des Kindes (oder auch eines Erwachsenen) durchaus entsprechen und die Diagnose auch eine Stigmatisierung darstellen könne oder aber zu allgemeingültig und unspezifisch seien (Zaren, 1998). Damit fasst Zaren so ziemlich alle Vorurteile zusammen, die man sich so im Zusammenhang mit der Diagnose ADHS diskutieren kann.
Letztlich werden diese Bedenken jedoch auch von vielen (potentiell) Betroffenen bzw. ihren Angehörigen sowie einigen Ärzten bzw. Psychotherapeuten geteilt. Zudem stellt sich die Frage, welche Konsequenzen die Diagnose ADHS für die weitere Lebensgestaltung hat. Insbesondere hinsichtlich einer etwaigen pharmakologischen Behandlung (z.B. mit Stimulanzien) bestehen häufig erhebliche Befürchtungen hinsichtlich Nebenwirkungen der Medikation, einer Abhängigkeitsentwicklung oder aber irreversiblen Veränderungen der Persönlichkeit oder besonderer Fähigkeiten (z.B. Kreativität oder intuitives Wissen).
Das grösste Problem der Diagnosestellung ist damit jedoch noch ausgespart: Wie Russel Barkley ausführt, eignen sich potentielle ADHS-Betroffene praktisch überhaupt nicht als Informationsbasis für ihre eigene Symptomatik bzw. Auswirkungen im Verhalten und komorbiden Störungen. Die Selbstwahrnehmung bzw. -Beurteilung unterscheidet sich unter Umständen extrem von Fremdbeurteilungen in Zeugnissen oder Beschreibungen von Eltern, Lebenspartnern oder Arbeitskollegen. Somit wird häufig auch bei sehr typischen Lebensgeschichten bzw. Auftreten von extremen Symptomen eine Erkrankung vom Betroffenen nicht wahrgenommen, falsch bewertet bzw. bagatellisiert. Dies hängt neben der Angst vor Stigmatisierung sicherlich auch mit der im Rahmen der relativen Frontalhirnstörung eingeschränkten Selbstbeurteilung bzw. Selbstkontrolle zusammen.
Andererseits belegen wissenschaftliche Untersuchungen die Validität bei verschiedenen Diagnostikern und zu unterschiedlichen Untersuchungszeitpunkten sowie die Reliabiliät der Diagnosekategorie ADHS bei Kindern, aber auch Erwachsenen (Lahey, 1998).
Zweifellos stellt das Spektrum der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen (ADHS) mit und ohne Hyperaktivität ein relativ breites und erst noch genauer zu definierendes Störungsspektrum dar. Wie Lahey ebenfalls auf der Konsensus-Konferenz 1998 darlegte, wandelte sich dabei ausgehend von fortschreitenden klinischen, insbesondere aber neurobiolgischen und neuropsychologischen Untersuchungen, die Definition bzw. syndromale Zuordnung in den für die Diagnosestellung relevanten Klassifikationssystemen DSM bzw. ICD erheblich.
Die Diagnosekriterien des DSM-IV
Heute fassen die Klassifikationssysteme psychischer Störungen das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom als eine Störung mit Beginn im Kleinkindalter, der Kindheit und Adoleszenz auf. Das amerikanische Klassifikationssystem DSM-IV setzt folgende Kriterien, die z.T. auch auf die Problematik von Erwachsenen angepasst wurden:
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
A. Entweder Punkt (1) und/oder Punkt (2) müssen zutreffen:
- Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome von Unaufmerksamkeit sind während der letzten sechs Monate in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessen Ausmass vorhanden gewesen:
Unaufmerksamkeit
a) beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten,
b) hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten,
c) scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn / sie ansprechen
d) führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund oppositionellem Verhaltens oder Verständigungsschwierigkeiten),
e) hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren,
f) vermeidet häufig, oder hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger dauernde geistige Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben),
g) verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden (z.B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug),
h) lässt sich oft durch äussere Reize leicht ablenken,
i) ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich;
- sechs (oder mehr) der folgenden Symptome der Hyperaktivität und Impulsivität sind während der letzten sechs Monate beständig in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessenen Ausmass vorhanden gewesen:
Hyperaktivität
a) zappelt häufig mit Händen oder Füssen oder rutscht auf dem Stuhl herum,
b) steht in der Klasse oder in Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird, häufig auf,
c) läuft herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben),
d) hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen,
e) ist häufig „auf Achse“ oder handelt oftmals, als wäre er / sie „getrieben“,
f) redet häufig übermässig viel;
Impulsivität
g) patzt häufig mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist,
h) kann nur schwer warten, bis er / sie an der Reihe ist,
i) unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein).
B. Einige Symptome der Hyperaktivität-Impulsivität oder Unaufmerksamkeit, die Beeinträchtigungen verursachen, treten bereits vor dem Alter von sieben Jahren auf.
C. Beeinträchtigungen durch diese Symptome zeigen sich in zwei oder mehr Bereichen (z.B. in der Schule bzw. am Arbeitsplatz und zu Hause).
D. Es müssen deutliche Hinweise auf klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen vorhanden sein.
E. Die Symptome treten nicht ausschliesslich im Verlauf einer Tiefgreifenden Entwicklungsstörung, Schizophrenie oder einer anderen Psychotischen Störung auf und können auch nicht besser durch eine andere psychische Störung besser erklärt werden (z.B. Affektive Störung, Angststörung, Dissoziative Störung oder eine Persönlichkeitsstörung).
Hierbei kodiert man je nach Subtypus:
314.01 (F90.00) Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, Mischtypus : liegt vor, wenn die Kriterien A! und A2 während der letzten sechs Monate erfüllt waren.
314.0 (F98.8) Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, Vorwiegend Unaufmerksamer Typus : liegt vor, wenn Kriterium A1, nicht aber Kriterium A2 während der letzten sechs Monate erfüllt war.
314.O1 (F90.1) Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, Vorwiegend Hyperaktiv-Impulsiver Typus : liegt vor, wenn Kriterium A2, nicht aber Kriterium A1 während der letzten sechs Monate erfüllt war.
Bei Personen (besonders Jugendlichen und Erwachsenen), die zum gegenwärtigen Zeitpunkt Symptome zeigen, aber nicht mehr alle Kriterien erfüllen, wird Teilremittiert spezifiziert.
Die Diagnosekriterien des ICD 10 kann man unter folgendem Link der Uni Lübeck einsehen, entsprechen aber weitgehend den dargestellten Kriterien.
Probleme bei der Diagnosestellung im Erwachsenenalter
Leider gibt es bisher keinen allgemeinen Konsensus für die Diagnostik des ADHS im Erwachsenenalter. Gilt schon die Diagnostik des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms bei Kindern als nicht einfach, so ergeben sich für Erwachsene derzeit eine Reihe von Problemen:
Es liegen nur relativ wenige Verlaufsuntersuchungen zur Symptomatik ehemals hyperaktiver Kinder im Erwachsenenalter vor.
Dabei wurde von den Untersuchern speziell auf die Persistenz von Zeichen motorischer Hyperaktivität oder aber schwerwiegender Störungen des Sozialverhaltens (z.B. Delinquenz, Alkohol- und Drogenmissbrauch etc.) abgezielt. So begrenzen die Diagnostikkriterien des Amerikaners Paul Wender, welcher ein Pionier auf diesem Gebiet ist, sich denn bewusst auch auf die Problematik von motorisch hyperaktiven und impulsiven Erwachsenen bzw. die anhaltende Symptomatik ehemals hyperaktiver Jungen.
Aus dem heutigen Kenntnisstand heraus weiss man aber, dass diese Symptome des ehemals „Hyperkinetischen Syndroms“ mit zunehmenden Alter nicht mehr so deutlich imponieren müssen, dennoch jedoch erheblichen Störungen der kognitiven, emotionalen und psycho-physiologischen Funktionen fortbestehen können.
Es ist ferner nur relativ wenig über die Klinik der ADHS bei Frauen bekannt, bzw. den Verlauf des sogenannten unaufmerksamen Typus, also der ADS ohne Zeichen motorischer Hyperaktivität. Insbesondere fehlen hier Erhebungsinstrumente, die bereits länger und allgemein verbreitet wären.
Rein formal schliessen die aktuellen Diagnosekriterien die Existenz der ADHS bei Frauen quasi aus, da bei Frauen nicht immer Symptome vor dem 7. Lebensjahr auffallen. Dies ist u.a. durch einen hormonellen Einfluss des Östrogens bedingt, der erst mit der Pubertät zum Auftreten typischer ADHS-Symptome führen kann.
Die neurobiologischen Grundlagen der ADHS sind erst seit wenigen Jahren bekannt und konnten daher noch nicht zur Definition von Versuchsgruppen für Verlaufsuntersuchungen herangezogen werden. Da andererseits ADHS ja nur ein neues Syndrom, keinesfalls aber vorher inexistent gewesen ist, werden in der klinischen Praxis bis heute sehr viele Symptome der ADHS möglicherweise anderen Störungsbildern (z.B. agitierte Depressionen, bipolare Störungen, Persönlichkeitsstörungen) zugerechnet.
Besonders für den europäischen Raum kommt dazu, dass erfahrene Diagnostiker für ADD bzw. ADHS (bei Erwachsenen) sehr selten zu finden sind. Oder es bestehen bürokratische Hemmnisse und andere Unklarheiten. Häufig hört man so von dem Problem, dass Kinder- und Jugendpsychiater eigentlich keine Erwachsenen mit (potentiellem) ADHS diagnostizieren und behandeln dürfen. Andererseits wird von Erwachsenenpsychiatern berichtet, welche sich mit dieser Diagnose nicht auskennen oder aber die Therapie (ggf. mit Stimulanzien) verweigern. Auch diesbezüglich ist die rechtliche Lage noch unklar. Häufig wird von fachlicher Seite her auch die blosse Existenz dieses Syndroms in Frage gestellt (siehe oben) oder ADHS schlicht gilt als unbekannt. Derzeit beginnt sich hieran - u.a. durch Veröffentlichungen in deutschsprachigen Psychiaterzeitschriften und im Internet - langsam etwas zu verändern. Eine grundlegende Wende steht jedoch - zum Leidwesen der Betroffenen - noch aus.
Ausgehend von all den geschilderten derzeitigen Schwierigkeiten bleibt also eine möglichst präzise Begrenzung des Syndroms ADHS auf klinisch relevante Gesichtspunkte essentiell. Dies, um vorzubeugen, damit ADHS nicht in den unberechtigten Ruf einer Modeerkrankung kommt.
Diagnostik für wen?
Zunächst muss man sich verdeutlichen, wer in der Regel überhaupt eine Diagnostik hinsichtlich ADHS einfordern wird. Während bei ADHS im Kindesalter die jungen Patienten ja hauptsächlich fremdmotiviert durch die Eltern oder vielleicht auf Veranlassung von Lehrern geschickt werden, suchen im Erwachsenenalter die Patienten aus sehr unterschiedlichen Motiven eine Hilfestellung bzw. Diagnostik.
Hauptsächlich werden dies zumeist Eltern von hyperaktiven (oder aufmerksamkeitsgestörten Kindern) sein, die die Symptomatik der ADHS kennengelernt haben und auch bei sich selber entsprechende klinische Zeichen in der Vergangenheit oder Gegenwart festgestellt oder auch schon Selbstmedikationsversuche mit Stimulanzien angestellt haben.
Andere mögen über Ehepartner, Bekannte oder aus der Presse oder Bücher (z.B. Hallowell „Zwanghaft zerstreut“) von ADHS gehört haben und sich in den zunächst ja recht vagen Symptombeschreibungen wiederfinden oder aber zweifeln, ob die Diagnose auf sie zutrifft.
Fast regelhaft ergibt sich zusätzlich das Problem, dass mehrere Familienmitglieder potentielle ADHS-Betroffene sind, was zur Selbst- und Fremdbeurteilung (aber auch in einer späteren Therapie) nicht unproblematisch ist, da die Symptomatik z.T. als über viele Familiengenerationen „normal“ bzw. geradezu charakteristisch angesehen wird.
Nur relativ selten werden bisher Psychologen oder Ärzte von sich aus an die Diagnose ADHS denken, z.B. wenn die Patienten bei der Erhebung der Lebensgeschichte entsprechende Symptome wie Hyperaktivität, Ablenkbarkeit, Schulleistungsprobleme etc. angeben werden und auch in der Gegenwart erhebliche innere Unruhe und Leistungsprobleme imponieren.
Dabei ist noch mal darauf hinzuweisen, dass recht häufig die Diagnose „Minimale Cerebrale Dysfunktion“ oder eben auch schon „Hyperkinetisches Syndrom“ im Kindesalter gestellt wurde, jedoch keinesfalls immer therapiert wurde. Ausserdem ist damit zu rechnen, dass sich im Laufe des Lebens Copingstrategien, d.h. mehr oder weniger sinnvolle Bewältigungsversuche oder ein „Einrichten“ in bestimmten beruflichen oder sozialen Nischen entwickelt hat. Ein Beispiel wäre ein extrem perfektionistisch-zwanghaftes Verhalten einer in der Kindheit (bei ADHS eher chaotischen und unordentlichen Hausfrau, die sich an festen Listen und Pläne für Besorgungen, den Haushalt und Freizeitaktivitäten hält bzw. sich über einen eher geordneten Ehemann stabilisiert (oder natürlich mit umgekehrten Geschlechterverhältnis). Sie muss nie mit Problemen der Ablenkbarkeit oder Aufmerksamkeit auffallen. Und man kann sich natürlich auch Fragen, warum bei ihr überhaupt eine Diagnosestellung notwendig wäre, bzw. welche Konsequenzen sich hieraus ableiten lassen. In der Regel wird sich diese Frage aber auch erst stellen, wenn aus irgendwelchen Gründen (private Probleme, Überlastungen, Krankheiten) die bisherigen Kompensationsmechanismen (z.B. exzessives Arbeiten, Ordnung etc.) nicht mehr greifen oder sich erhebliche Veränderungen in den sozialen Bedingungen ergeben haben. Dann können allerdings ganz andere Probleme oder gar klinische Störungsbilder in den Vordergrund treten, so dass man zunächst ganz sicher nicht an ADHS sondern vielleicht an eine „agitierte“ oder atypische Depression denken wird. D.h. im Erwachsenenalter wird sich nicht immer sofort die Diagnose ADHS typisch präsentieren (wenn sie denn überhaupt dem Diagnostiker bekannt ist).
Wenn man schon von typischen Leitsymptomen sprechen kann, so wird sich dies auf folgende Bereiche konzentrieren und sich als wesentlich beeinträchtigender als in der „Normal“-Bevölkerung widerspiegeln:
Subjektiv zu geringes Leistungsvermögen, d.h. das volle Wissen, Engagement oder Leistungspotential kann nicht erzielt werden
Vergesslichkeit bzw. häufiges Verlegen von Dingen
Probleme in der Organisation bzw. in der Bewältigung von gleichzeitig mehreren Aufgaben
Impulsivität in verschiedensten Lebensbereichen (verbale Entgleisungen, Aggressivität, Essstörungen, Kaufrausch, etc.)
Extreme Abhängigkeit der Leistungsfähigkeit von äusseren Faktoren, wie z.B. herausforderndes Arbeitsklima, angenehme Wohnbedingungen oder Licht/Geräusche
Intoleranz von Langeweile bzw. fehlende Entspannungsfähigkeit
Fehlende Motivation für Alltagstätigkeiten, geringe Ausdauer bei monotonen Beschäftigungen
Motorische oder auch nur starke innerliche Unruhe mit Besserung bei Bewegung oder aber ständigem Nesteln oder Bewegen mit Fingern oder Füssen
Schliesslich muss erneut auf die bisher kaum beachtete Patientengruppe in den Kliniken oder Praxen hingewiesen werden, die von sich aus nicht auf Störungen der Aufmerksamkeit oder Konzentrationsfähigkeit hinweisen würden, da sie sich hierfür schämen oder es als schlichtweg normal, da im ganzen Leben vorhanden akzeptieren. ADHS-Betroffene sind schlechte Selbstbeobachter in dieser Hinsicht, d.h. geben häufig auch auf Nachfrage an, dass in der Kindheit keine entsprechenden Probleme bestanden. Dies steht dann aber im krassen Gegensatz zu Aussagen ihrer Eltern oder Zeugnisbewertungen der Lehrer, die häufig bereits eindrucksvoll das Vollbild der ADHS beschreiben können. Diese Patienten werden dann vielleicht wegen Suchterkrankungen, Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Schlafstörungen, somatoformen Störungen oder andere Krankheitsbilder mehr oder weniger erfolglos behandelt. Hier lassen sich vielleicht am besten folgende Patientengruppen als prädisponiert für eine weiterführende ADHS-Diagnostik herausgreifen :
Patienten mit seit der Jugend auftretenden lang anhaltenden depressiven Störungen, die nicht wie erwartet auf Antidepressiva oder psychotherapeutische Massnahmen ansprechen.
Patienten mit starkem Drang zur Selbststimulation durch äussere Reize oder Tätigkeiten, Intoleranz von Langeweile oder Ruhe
Patienten mit sehr häufigem Wechsel der Arbeitsstätte und/ oder des Wohnortes oder Beziehungen (sog. „Hunter“)
Patienten, mit plötzlichen aggressiven oder verbalen Entgleisungen, Impulskontrollstörungen, „Adrenalin-Junkies“, Gewaltstraftäter (!)
Patienten mit chronischen Insomnien, d.h. Schlafstörungen, die nicht auf übliche verhaltensmedizinische Massnahmen bzw. Schlafmittel ansprechen.
Andererseits sollte aber ein chronisches Schlafdefizit als Ursache der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen ausgeschlossen werden. D.h. auch nach einer Phase ausreichenden Schlafes (am Wochenende, im Urlaub) müssen sich die gleichen Symptome wie im Alltag manifestieren.
Patienten mit exzessivem Coffeinkonsum, Schokoladenkonsum bzw. starke Raucher, die hierdurch eine Besserung ihrer Konzentrations- und Entspannungsfähigkeit angeben.
Patienten, die wiederholt zu spät oder immer mit Notizzetteln oder -büchern zur Therapie erscheinen
Patienten mit „paradoxen“ Medikamenteneffekten, d.h. ungewöhnlichen Reaktionen z.B. auf Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine oder Neuroleptika, Narkosemittel oder Schmerzmitteln.
Diagnostik warum?
Die Frage, welche Konsequenzen man aus der Diagnostik zieht, wird häufig vernachlässigt. ADHS eignet sich eben nicht als Label für allgemeine Antriebslosigkeit, Befindlichkeitsstörungen, beruflichen oder privaten Stress oder andere unspezifische Einordnungen. Definitionsgemäss müssen die Symptome und Auswirkungen in mehreren Lebensbereichen schwerwiegender und überdauernder sein als bei Menschen in vergleichbarer sozialer Lebenslage oder intellektueller Leistungsfähigkeit und nicht besser durch eine andere psychische / psychiatrische Diagnose erklärbar sein. Eine Diagnostik sollte nur dann veranlasst werden, wenn sich hieraus auch weiterführende Auswirkungen für den Betroffenen oder seine Angehörigen ergibt. Dabei muss man wissen, dass es keinen beweisenden Test für oder gegen die Diagnose ADHS gibt.
Auswirkungen könnten sich u.a. in folgenden Bereichen ergeben:
Abbau von gesundheitsbezogenen Ängsten (z.B. „ich werde verrückt“, oder „ich habe Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium“) und Neubewertung der eigenen Kompetenzen und Defizite, ggf. auch ohne weiterreichende therapeutische Schritte. Hierdurch könnte u.a. eine unnötige Diagnostik hinsichtlich anderer vermeintlicher Ursachen überflüssig gemacht werden. Dies kann im Einzelfall aber auch zur Korrektur von quasi automatisch ablaufenden Gedanken bzw. Selbstbewertungen („Aus Dir wird sowieso nie etwas“) führen und die Kontrollüberzeugung bzw. Erfolgserwartung hinsichtlich eigener Anstrengungen deutlich positiv verändern.
Anleitung zur Förderung bzw. Neuentwicklung von eigenen Kompensationsstrategien, wie. z.B. Coaching. Hierunter versteht man die ermunternde Kontrolle bzw. Erinnerung an vorher vereinbarte Ziele oder (lästige) Erledigungen durch einen guten Freund oder ggf. Therapeuten. Oder Aufbau von speziellen sozialen Kompetenzen im Rahmen einer Beratung oder Therapie, Vermittlung von Problemlösestrategien oder Organisations- und Selbstmanagmentstrategien, Stressbewältigungsstrategien, Entspannungsverfahren, jeweils sehr konkret am aktuellen Problemverhalten der Gegenwart orientiert.
Beendigung unnötiger Behandlungen bzw. Psychotherapien hinsichtlich vermeintlicher frühkindlichen oder unbewussten Konflikten (z.B. mit der Mutter oder Vater). Dies ist eine mehr oder weniger versteckte Kritik an analytisch ausgerichteten Therapieverfahren bei dieser Patientengruppe, die sicher bei der Grundproblematik der ADHS nicht greifen bzw. sich ins Unendliche erstrecken müssen. Für die verhaltenstherapeutische Psychotherapie gilt dies z.B. dann, wenn übliche Versuche über Expositionsbehandlungen (z.B. bei Angststörungen) oder auf Verstärkerprinzipien (Belohnungen) beruhende Interventionen nicht wie erwartet greifen.
Vermeidung inadäquater medikamentöser Behandlungsversuche, z.B. mit antriebsdämpfenden Medikamenten (z.B. Benzodiazepine, dämpfenden Antidepressiva oder Neuroleptika).
ADHS-Patienten weisen häufig scheinbar „paradoxe“ Medikamenteneffekte auf diese Substanzgruppen (aber z.B. auch Narkosen mit Neuroleptika, Betäubungsmittel beim Zahnarzt, Schmerzmittel etc.) auf. Merkt man, dass die Reaktionen auf diese Mittel ungewöhnlich ist, bzw. übliche Behandlungsversuche (etwa zur Behandlung einer „agitierten Depression“ ) nicht wirksam sind, sollte man unbedingt auch an ein bisher nicht bekanntes ADHS denken! Insbesondere bei Patienten mit unklaren psychiatrischen Beschwerdebildern bzw. chronifiziertem Verlauf seit der frühesten Kindheit sollte unbedingt eine entsprechende Diagnostik - möglichst unter Einschluss bildgebender Verfahren eines SPECT - erfolgen (siehe unten).
Nutzung sinnvoller, d.h. die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit verbessernder, pharmakologischer und psychotherapeutischer bzw. soziotherapeutischer Therapiemöglichkeiten. Aus unserer Erfahrung heraus bietet gerade die Kombination einer sinnvollen pharmakologischen Behandlung (z.B. mit Stimulanzien und / oder Antidepressiva) die Voraussetzung für die Wirksamkeit von psychotherapeutischen Interventionen. Dies ist z.T. auch neurobiologisch begründbar, da ein untererregtes Gehirn nicht die notwendigen Lernprozesse durchlaufen kann, bzw. andere Formen einer "Selbststimulation³ (z.B. durch Drogen, exzessive Reize, Provokation) unterbleiben können. Schon allein dies kann kurzfristig zu einer wirklich dramatischen Stabilisierung beitragen, die dann Voraussetzungen für die weitere Therapie - aber z.B. auch der Fortführung einer Ausbildung, beruflichen Tätigkeit oder aber familiären Rollenverpflichtungen (z.B. als Mutter) sein können.
Schliesslich und endlich müssen dabei jedoch auch ökonomische wie auch soziale Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Bedenkt man die wahrscheinlichen Auswirkungen eines nicht rechtzeitig diagnostizierten ADHS für Kinder- und Jugendlichen bis in das spätere Erwachsenenalter mit den z.T. katastrophalen Folgen für die spätere schulische, berufliche und auch private Lebensentwicklung und die bekannten Zusammenhänge zu Drogen- oder Gewaltproblematik, so ergibt sich hieraus die Forderung nach einer möglichst frühzeitigen und damit präventiv wirksamen Diagnostik einer ADHS. Dies umso mehr, da ja dann auch wiederum eigene Kinder betroffen sein können bzw. häufig Partnerschaften an einer ADHS zerbrechen. Hierbei ist erschreckend, dass z.B. das Risiko für Geschlechtskrankheiten (Hepatitis, AIDS) bei Jugendlichen mit ADHS extrem gegenüber Kontrollgruppen erhöht ist. Da ADHS in Verbindung mit sexuellen Störungen bzw. Auffälligkeiten (Hypersexualität) gebracht wird, können insbesondere auch in diesem Bereich erhebliche forensische Probleme resultieren. Ausserdem schätzt man für die USA, dass bis zu 2/3 aller Straftäter an einem ADD oder ADHS leiden, was jedoch nicht diagnostiziert bzw. therapiert worden ist. Ca. 25 % aller Drogenprobleme werden mit ADHS in Zusammenhang gebracht. Die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen der Diagnostik können also von erheblicher Relevanz sein.
Zusammengefasst sollte gerade bei den Patientengruppen, die ein Hochrisikoprofil für psychiatrische Störungen bzw. forensische Probleme aufweisen, unbedingt eine ADHS ausgeschlossen werden! Hieraus ergibt sich die Frage, wie man mit vertretbarem zeitlichen und apparativem (finanziellem) Aufwand ein Screening bzw. eine Diagnostik bei Erwachsenen gewährleisten kann.
Diagnostik von wem?
Bisher die am häufigsten an ADD-Online gestellte Frage ist die, wo man denn eine Diagnostik auf ADHS bei Erwachsenen durchführen lassen könne bzw. wer erfahren genug sei. Abgesehen davon, dass es bisher nur wenige Diagnostiker bzw. Therapeuten für dieses Syndrom gibt, können bzw. dürfen wir hierzu keine persönlichen Namen von Ärzten bzw. Therapeuten veröffentlichen.
**Grundsätzlich ist von einer Selbstdiagnose anhand von Büchern oder Screening-Listen zu warnen. Wenn man diese Sammlungen liest oder Online-Tests durchführt, wird man sich sehr leicht darin wiederfinden, dennoch muss noch keinesfalls ADHS vorliegen.
Die Symptome der ADHS, wie sie derzeit in den verschiedenen Medien verbreitet werden, sind zunächst sehr unspezifisch und könnten somit auf eine Vielzahl von Menschen zutreffen. Entscheidend ist dabei eben nicht nur das Vorhandensein sondern auch die Ausprägung (im Vergleich zu anderen Menschen) und die überdauernden Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen. Häufig erklären kurzfristige Störungen bzw. Probleme die Symptomatik oder aber es liegen andere psychiatrische Erkrankungen vor (z.B. Generalisierte Angststörung oder Bipolare Störungen), die ganz anders therapiert werden sollten.
Daher sollte die Diagnostik in enger Zusammenarbeit des Patienten und seiner Umgebung (Lebenspartner, Eltern, Freunde) durch einen neurologisch und psychiatrisch erfahrenen Arzt und möglichst auch Psychologen erfolgen. Ideal ist, wenn diese für die Informationserhebung zur Verfügung stehen und auch Berichte / Zeugnisse aus der Kindheit und Jugend für die Diagnosestellung berücksichtigt werden können.**
Aus:
http://www.adhs.ch/add/diagnose.htm