Selektives 'Vergessen' oder Verdrängung ?

Hallo,

kürzlich hatte ich ein merkwürdiges Erlebnis:

Ich wurde zufällig an eine alte (unangenehme) Geschichte aus meiner Kindheit erinnert. Und dann fiel mir immer mehr dazu ein. Mit meiner allerbesten Freundin, die ich schon damals kannte, habe ich darüber gesprochen, und sie erinnerte sich sofort an den Teil, den sie damals mitbekommen hat - es handelt sich also nicht um Hirngespinste. Ich hatte es aber komplett vergessen oder verdrängt !

Die Sache an sich beschäftigt mich nun, vor allem aber fragte ich mich, warum ich das über all die Jahre sozusagen vergessen habe ? An viele Details kann ich mich wirklich erst jetzt erinnern, ich mag gar nicht daran denken, was mir noch einfallen könnte :frowning:

Ist das ein Selbstschutz des Gehirns ? Ist es „ungesund“, wenn man das dann wieder „wegpackt“ ?

Danke im voraus,

Sylvia-Insel

Hallo,
ich halte das für normal. Verdrängen ist eine Problemlösungsmethode, die es Dir erlaubt Probleme, die nicht unmittelbar angegangen werden können erstmal zu „parken“ und damit notwendiges Handeln nicht zu blockieren. Zu einem späteren Zeitpunkt ist es Dir evtl. möglich die Probleme objektiver (und weniger emotionsbeladen) zu betrachten und sie vollständig zu verarbeiten. Ich hatte solche unschönen Erinnerungen z.B. bei körperlicher Überlastung.

Gruss
Enno

Die Sache an sich beschäftigt mich nun, vor allem aber fragte
ich mich, warum ich das über all die Jahre sozusagen vergessen
habe ? An viele Details kann ich mich wirklich erst jetzt
erinnern, ich mag gar nicht daran denken, was mir noch
einfallen könnte :frowning:

Vielleicht ist der Abstand zum Geschehen nun endlich so groß, daß du dich ihm wieder zuwenden kannst.

Beispiel: Ich klau im Laden ne Tüte Bonbons. 1 Stunde panische Angst, dann schnell vergessen. Nach 1 Jahr, keinem wars aufgefallen, keiner weiss es, keiner klagt mich an, denk ich wieder dran.

Ist das ein Selbstschutz des Gehirns ? Ist es „ungesund“, wenn
man das dann wieder „wegpackt“ ?

Des Gehirns sicher nicht, eher der Psyche. Wie ich eingangs sagte, hast du ja nun die chance die Sache zu bearbeiten und verarbeiten (mit deiner Freundin zusammen) um sie dann endgültig zu vergessen.

Sei froh, du du vergessen konntest. Ich hatte mal ne Zeit, da hat mich jedes Ding an irgeneine Erinnerung gebunden: ein Geruch, ein Lied, Eine Nachricht, ein Fest, Urlaub, alles was auf mich zukam löste eine Assoziationskette aus.

gruss
winkel

Hallo,

kürzlich hatte ich ein merkwürdiges Erlebnis:

Ging mir tatsächlich vor kurzem ähnlich, als ich mit einer alten Schulfreundin mailte, zu der ich 8 Jahre lang keinen Kontakt hatte.

Die Sache an sich beschäftigt mich nun, vor allem aber fragte
ich mich, warum ich das über all die Jahre sozusagen vergessen
habe ? An viele Details kann ich mich wirklich erst jetzt
erinnern, ich mag gar nicht daran denken, was mir noch
einfallen könnte :frowning:
Ist das ein Selbstschutz des Gehirns ? Ist es „ungesund“, wenn
man das dann wieder „wegpackt“ ?

Vergessen ist alltäglich und kein Grund, beunruhigt zu sein. Es hat auch nicht unbedingt etwas mit „Schutzmechanismen“ oder „Verdrängung“ zu tun, sondern schlicht damit, daß das, woran Du Dich erinnerst, lange Zeit nicht mehr wichtig war. Warum sollte man sich mit etwas beschäftigen, es ständig parat halten, was man gar nicht braucht?

Man nimmt an, daß Gedächtnisinhalte auf der Ebene der Nervenzellen dadurch gespeichert werden, daß Gruppen von Nervenzellen („Ensembles“) in bestimmter Weise gemeinsam aktiv sind. Diese Aktivität führt dazu, daß sich die Nervenzellen verändern. So können z.B. manche Verknüpfungen zwischen ihnen stärker werden, manche aber auch schwächer. Um die Aktivität aufrechtzuerhalten, müssen diese Nervenzellen aber immer ´mal wieder von außen, z.B. von einem anderen Ensemble angestoßen werden. Passiert dies nicht, dann beginnt Vergessen.

Man kann das Ganze insofern als „Selbstschutz“ ansehen, als daß Menschen sich bei einem absolut perfekten Gedächtnis immer mit ´ner Menge Gedächtnis"müll" herumschlagen müßten, den sie zu dem Zeitpunkt gar nicht bräuchten. Wenn etwas wieder aktuell wird wie z.B. in Deiner jetzigen Situation, dann setzt der Erinnerungsprozeß ein. Auf der Nervenzellebene beginnen einige Ensembles aktiv zu werden, dann immer mehr, bis schließlich die meisten der Ensembles, in denen die Informationen, die damals gespeichert wurden, kodiert ist, wieder aktiv sind.

Wenn Du Dich wieder ziemlich gut erinnern kannst, meinst Du vielleicht, daß Du nicht hättest vergessen sollen, weil Dir das vermeintlich Vergessene heute wichtig erscheint. Andernfalls würdest Du Dich wohl nicht erinnern, oder? Es gab aber eine Zeit, da war es anders. Wie wir etwas beurteilen, ist eben auch zeit-, situations- und ortsabhängig. Du kannst ja ´mal in Deinem Gedächtnis „graben“. Vielleicht kommt etwas zum Vorschein, was wie damals berechtigte Gründe aussieht.

Grüße,

Oliver Walter

Hallo,

Man kann das Ganze insofern als „Selbstschutz“ ansehen, als
daß Menschen sich bei einem absolut perfekten Gedächtnis immer
mit ´ner Menge Gedächtnis"müll" herumschlagen müßten, den sie
zu dem Zeitpunkt gar nicht bräuchten.

solche Leute gibt es ja auch (Bezeichnung vergessen) und soweit ich weiß, sind die idR alles andere als geistig gesund, wobei sie teilweise aber erstaunliche Fähigkeiten haben. Neulich kam wohl wieder ein Bericht über diese Menschen bei Vox, den ich aber leider verpaßt habe. Vielleicht hat den ja jemand anders gesehen.

Gruß,
Christian

Hallo,

solche Leute gibt es ja auch (Bezeichnung vergessen) und
soweit ich weiß, sind die idR alles andere als geistig gesund,
wobei sie teilweise aber erstaunliche Fähigkeiten haben.
Neulich kam wohl wieder ein Bericht über diese Menschen bei
Vox, den ich aber leider verpaßt habe. Vielleicht hat den ja
jemand anders gesehen.

Die Sendung habe ich nicht gesehen, dafür kann ich ein Spiegel-Interview des Neurowissenschaftlers und Nobelpreisträgers Eric Kandel vom 28.04.2003 als Beleg nennen, in dem er anführt, daß Menschen mit
fotografischem Gedächtnis über den „Informationsmüll in ihrem Kopf“ klagen.

Außerdem kann ich dank einer Userin, der ich die im folgenden zitierten Textstellen verdanke, Literarisches dazu reproduzieren. Borges beschäftigt sich in seiner Erzählung „Funes el memorioso“ („Das unerbittliche Gedächtnis“) von 1942 mit dem Phänomen des perfekten Gedächtnis:

"Er kannte genau die Formen der südlichen Wolken des Sonnenuntergangs vom 30. April 1882 und konnte sie in der Erinnerung mit der Maserung auf einem Pergamentband vergleichen, den er nur ein einziges Mal angeschaut hatte, und mit den Linien der Gischt, die ein Ruder auf dem Río Negro am Vorabend des Quebracho-Gefechtes aufgewühlt hatte. Diese Erinnerungen waren indessen nicht einfältig; jedes optische Bild war verbunden mit Muskel-, Wärmeempfindungen usw. Er konnte alle Träume, alle Dämmerträume rekonstruieren. Zwei- oder dreimal hatte er einen ganzen Tag rekonstruiert; nie war er über etwas im Zweifel gewesen, aber jede Rekonstruktion hatte einen ganzen Tag beansprucht. Er sagte mir: ‚Ich allein habe mehr Erinnerungen, als alle Menschen zusammen je gehabt haben, solange die Welt besteht.‘
Der Protagonist meint denn auch: „Mein Gedächtnis, Herr, ist wie eine Abfalltonne.“

Gruß,

Oliver Walter

Hi,

"Er kannte genau die Formen der südlichen Wolken des
Sonnenuntergangs vom 30. April 1882 und konnte sie in der
Erinnerung mit der Maserung auf einem Pergamentband
vergleichen, den er nur ein einziges Mal angeschaut hatte, und
mit den Linien der Gischt, die ein Ruder auf dem Río Negro am
Vorabend des Quebracho-Gefechtes aufgewühlt hatte.

ja, jetzt fällt mir auch so einiges wieder ein. Diese Leute nennt man auch „idiots savants“. Ein Beispiel, an das ich mich noch erinnere, war ein junger Mann, der nach einem Rundflug über London die ganze Stadt dreidimensional zeichnen konnte. Sehr beeindruckend, wenn auch irgendwie traurig, weil er letztlich nichts anderes konnte.

Gruß,
Christian

Vergessen & Verdrängen
Hi Sylia

es gibt ganz erstaunlich viele Formen, in denen sich etwas Erlebtes aus der Präsenz des Tagesbewußtseins verabschieden kann. Vom vergessen, was du letzten Samstagabend machtest oder vergessen eines Namens von jemandem, der sich vor 5 Minuten vorgestellt hatte, über das vergessen eines gründlich auswendig gelernten Inhaltes, über das vergessen eines Erlebnisses vor vielen vielen Jahren bis zum kompletten vergessen von allem, was länger als 3 Minuten vergangen ist (bei bestimmten psychiatrischen Krankheiten).

Vielfältige Fachbegriffe stehen dafür zur Verfügung, um die Arten und die „Mechanismen“ des Vorgangs zu charakterisieren, wie ein Bewußtseinsinhalt (und wie vollständig und wie lange und ob wieder abrufbar oder nicht) für das aktuelle Bewußtsein ins scheinbare Nichtexistieren verschwindet. Einige seien hier genannt, ohne aber im Einzelnen auf die Definitionen der Begriffe (und die mit ihnen gemeinten Erscheinungen) einzugehen: Verdrängung, Isolierung, Sublimation, Abspaltung, Konversion, Kompensation, Rationalisierung, Projektion usw. usw.

Die Verdrängung ist dabei eine geradezu alltägliche Bewußtseinsfunktion. Verdrängt werden können Ereignisse, die unangenehm sind (z.B. Ereignisse, die mit Scham, Demütigung, Angst oder anderen heftigen Affekten verbunden waren), aber durchaus auch im Gegenteil Ereignisse, die besonders faszinierend waren (z.B. wenn viel später von einer daran beteiligten Person eine tiefgreifende Verletzung erlebt wurde). Erkennen tut man Verdrängungen, solange sie es sind, nicht bzw. nur indirekt (es kommt darauf an, ob es sog. vollständige oder nichtvollständige sind): Eine Verdrängung kann in der Regel (zunächst einmal) vermutet werden, wenn es z.B. auf bestimmte Ereignisse heftige affektive Reaktionen gibt, die aus der Situation selbst nicht erklärbar sind.

Typisch für die Vergessensform der Verdrängung ist aber, daß irgendwann im Lebenslauf anläßlich eines bestimmten Anstoßes ganz plötzlich ein komplexer Erinnerungsinhalt sich vergegenwärtigt. Das Ereignis, das den Erinnerungsinhalt aufblitzen läßt, ist für den Inhalt dann ein wichtiger Schlüssel … Solche Ereignisse werden dann meist mit einer (einem selbst) auffallenden Heftigkeit, Aufregung erlebt.

Falls es sich um eine unangenehme Erinnerung handelt, kann es durchaus sein, daß die Verdrängung einen Zweck erfüllte: Nämlich das Bewußtsein von einer Belastung zu befreien. Je nachdem, wie tiefgreifend das Erlebnis war (Gewalt, Demütigung, double-bind-Konflikte), wird aber oft die Verdrängung allein diesen Zweck nicht erfüllen: Dann stellt das Bewußtsein andere Formen von „Zaubertricks“ zur Verfügung wie z.B. die Konversion (das Erlebte wird symbolisch/assoziativ in einem körperlichen Krankheitssymptom „realisiert“: Immunsystem, Verdauungstrakt, Rheuma, Probleme der Gewichtsregulierung u.a.m.) oder die Abspaltung (das Erlebte wird einem separierten Anteil des Selbst zugeordnet - bis hin zur Generierung einer eigenen Persönlichkeit mit einer völlig anderen Biographie wie z.B. beim MPS).

Daß du nun von einer „plötzlich“ auftauchenden Erinnerung sprachst (ich nehme an, du weißt auch noch die Gelegenheit, bei der sie auftauchte …), wird es sich durchaus um etwas Verdrängtes handeln, das dein Bewußtsein (da der Inhalt, wie du sagtest, unangenehm war) irgendwann einmal früher als „nicht existent“ definiert hat und es in ein „verschlossenes Archiv im Keller“ abgelegt hat. Dort bleibt es auch in der Regel recht lange … bleibt aber trotzdem irgendwie „brisant“. Btw ganz ähnlich einer Spore oder einem Samenkorn, das lange Jahre irgendwo im trockenen herumliegen kann, aber bei einem „treffenden“ Wassertropfen wieder zum Leben erwacht. Du erkennst es selbst: Die Sache an sich beschäftigt mich nun …

Irgendeine andere x-beliebige vergessene Geschichte aus frühen Jahren - und derer gibt es sicher tausende - würdest du eher mit einem bloßen „aha … soso“ beantworten und das wäre dann auch schon alles.

Da es dich aber beschäftigt:
1.

… vor allem aber fragte ich mich, warum ich das über all die Jahre sozusagen vergessen habe

… ich mag gar nicht daran denken, was mir noch einfallen könnte :frowning:

Ist es „ungesund“, wenn man das dann wieder „wegpackt“ ?

könnte es dir selbst ein Hnweis sein, daß es etwas Wichtiges war. Dann ergibt sich natürlich die Frage, wie du damit umgehen könntest/solltest. Ich habe das Gefühl, daß das auch das Anliegen deines Postings ist?

Die Antwort kann - auf der Basis allein dessen, was du schreibst, zunächst nur sein: Wenn es dich neugierig macht, wenn du das unbedingte Bedürfnis verspürst, zu wissen, was da an dieser Stelle sonst noch in der Erinnerungsschatztruhe zu finden ist, dann geh ihm nach - auch mit Hilfe deiner Freundin als Erinnerungsstütze vielleicht.

Wenn du aber meinst (dein Gespür für dich selbst wird es dir sagen), Anlaß zu irgendeiner Sorge zu haben, dann würd ich empfehlen, dir einen dafür geeigneten und geschulten Gesprächspartner zu suchen, mit dem du dich gemeinsam langsam und vorsichtig herantastest (auf keinen Fall forciert) …

… oder - warum auch nicht - vergiß es wieder. Wenn es wichtig für dich ist, wird es wiederkommen, wenn nicht, dann nicht.

Grüße

Metapher

Hallo,

ja, jetzt fällt mir auch so einiges wieder ein. Diese Leute
nennt man auch „idiots savants“. Ein Beispiel, an das ich mich
noch erinnere, war ein junger Mann, der nach einem Rundflug
über London die ganze Stadt dreidimensional zeichnen konnte.
Sehr beeindruckend, wenn auch irgendwie traurig, weil er
letztlich nichts anderes konnte.

Dies nennt man auch „Inselbegabung“. Beim „Rain Man“ wurde es z.B. filmisch dargestellt.

Gruß,

Oliver Walter

Danke an alle…
Ihr habt alle gute Infos für mich geliefert. Auch die Sache mit der Inselbegabung - seeeehr interessant !

@ Metapher: Volltreffer… ich möchte mich inhaltlich nicht weiter dazu äußern, aber es handelt sich tatsächlich um etwas schwierigeres als ein einzelnes Ereignis. Insofern denke ich noch darüber nach, ob ich mich JETZT damit auseinandersetze oder es noch einmal wegzupacken versuche, wissend, dass es immer wieder aufkommen wird (liegt an der Thematik selbst).

Schönes Wochenende miteinander,

Sylvia