Vergessen & Verdrängen
Hi Sylia
es gibt ganz erstaunlich viele Formen, in denen sich etwas Erlebtes aus der Präsenz des Tagesbewußtseins verabschieden kann. Vom vergessen, was du letzten Samstagabend machtest oder vergessen eines Namens von jemandem, der sich vor 5 Minuten vorgestellt hatte, über das vergessen eines gründlich auswendig gelernten Inhaltes, über das vergessen eines Erlebnisses vor vielen vielen Jahren bis zum kompletten vergessen von allem, was länger als 3 Minuten vergangen ist (bei bestimmten psychiatrischen Krankheiten).
Vielfältige Fachbegriffe stehen dafür zur Verfügung, um die Arten und die „Mechanismen“ des Vorgangs zu charakterisieren, wie ein Bewußtseinsinhalt (und wie vollständig und wie lange und ob wieder abrufbar oder nicht) für das aktuelle Bewußtsein ins scheinbare Nichtexistieren verschwindet. Einige seien hier genannt, ohne aber im Einzelnen auf die Definitionen der Begriffe (und die mit ihnen gemeinten Erscheinungen) einzugehen: Verdrängung, Isolierung, Sublimation, Abspaltung, Konversion, Kompensation, Rationalisierung, Projektion usw. usw.
Die Verdrängung ist dabei eine geradezu alltägliche Bewußtseinsfunktion. Verdrängt werden können Ereignisse, die unangenehm sind (z.B. Ereignisse, die mit Scham, Demütigung, Angst oder anderen heftigen Affekten verbunden waren), aber durchaus auch im Gegenteil Ereignisse, die besonders faszinierend waren (z.B. wenn viel später von einer daran beteiligten Person eine tiefgreifende Verletzung erlebt wurde). Erkennen tut man Verdrängungen, solange sie es sind, nicht bzw. nur indirekt (es kommt darauf an, ob es sog. vollständige oder nichtvollständige sind): Eine Verdrängung kann in der Regel (zunächst einmal) vermutet werden, wenn es z.B. auf bestimmte Ereignisse heftige affektive Reaktionen gibt, die aus der Situation selbst nicht erklärbar sind.
Typisch für die Vergessensform der Verdrängung ist aber, daß irgendwann im Lebenslauf anläßlich eines bestimmten Anstoßes ganz plötzlich ein komplexer Erinnerungsinhalt sich vergegenwärtigt. Das Ereignis, das den Erinnerungsinhalt aufblitzen läßt, ist für den Inhalt dann ein wichtiger Schlüssel … Solche Ereignisse werden dann meist mit einer (einem selbst) auffallenden Heftigkeit, Aufregung erlebt.
Falls es sich um eine unangenehme Erinnerung handelt, kann es durchaus sein, daß die Verdrängung einen Zweck erfüllte: Nämlich das Bewußtsein von einer Belastung zu befreien. Je nachdem, wie tiefgreifend das Erlebnis war (Gewalt, Demütigung, double-bind-Konflikte), wird aber oft die Verdrängung allein diesen Zweck nicht erfüllen: Dann stellt das Bewußtsein andere Formen von „Zaubertricks“ zur Verfügung wie z.B. die Konversion (das Erlebte wird symbolisch/assoziativ in einem körperlichen Krankheitssymptom „realisiert“: Immunsystem, Verdauungstrakt, Rheuma, Probleme der Gewichtsregulierung u.a.m.) oder die Abspaltung (das Erlebte wird einem separierten Anteil des Selbst zugeordnet - bis hin zur Generierung einer eigenen Persönlichkeit mit einer völlig anderen Biographie wie z.B. beim MPS).
Daß du nun von einer „plötzlich“ auftauchenden Erinnerung sprachst (ich nehme an, du weißt auch noch die Gelegenheit, bei der sie auftauchte …), wird es sich durchaus um etwas Verdrängtes handeln, das dein Bewußtsein (da der Inhalt, wie du sagtest, unangenehm war) irgendwann einmal früher als „nicht existent“ definiert hat und es in ein „verschlossenes Archiv im Keller“ abgelegt hat. Dort bleibt es auch in der Regel recht lange … bleibt aber trotzdem irgendwie „brisant“. Btw ganz ähnlich einer Spore oder einem Samenkorn, das lange Jahre irgendwo im trockenen herumliegen kann, aber bei einem „treffenden“ Wassertropfen wieder zum Leben erwacht. Du erkennst es selbst: Die Sache an sich beschäftigt mich nun …
Irgendeine andere x-beliebige vergessene Geschichte aus frühen Jahren - und derer gibt es sicher tausende - würdest du eher mit einem bloßen „aha … soso“ beantworten und das wäre dann auch schon alles.
Da es dich aber beschäftigt:
1.
… vor allem aber fragte ich mich, warum ich das über all die Jahre sozusagen vergessen habe
-
… ich mag gar nicht daran denken, was mir noch einfallen könnte 
-
Ist es „ungesund“, wenn man das dann wieder „wegpackt“ ?
könnte es dir selbst ein Hnweis sein, daß es etwas Wichtiges war. Dann ergibt sich natürlich die Frage, wie du damit umgehen könntest/solltest. Ich habe das Gefühl, daß das auch das Anliegen deines Postings ist?
Die Antwort kann - auf der Basis allein dessen, was du schreibst, zunächst nur sein: Wenn es dich neugierig macht, wenn du das unbedingte Bedürfnis verspürst, zu wissen, was da an dieser Stelle sonst noch in der Erinnerungsschatztruhe zu finden ist, dann geh ihm nach - auch mit Hilfe deiner Freundin als Erinnerungsstütze vielleicht.
Wenn du aber meinst (dein Gespür für dich selbst wird es dir sagen), Anlaß zu irgendeiner Sorge zu haben, dann würd ich empfehlen, dir einen dafür geeigneten und geschulten Gesprächspartner zu suchen, mit dem du dich gemeinsam langsam und vorsichtig herantastest (auf keinen Fall forciert) …
… oder - warum auch nicht - vergiß es wieder. Wenn es wichtig für dich ist, wird es wiederkommen, wenn nicht, dann nicht.
Grüße
Metapher