Medikation und Psychotherapie

Hi an die Seelenforscher,
neulich sagte mir ein Fachmann, dass eine wirkungsvolle Psychotherapie nur dann stattfinden kann, wenn der Klient/Patient frei von jedem Einfluss irgendwelcher Psychopharmaka steht, da der Therapeut sonst nicht an die tieferen Schichten der Gefühle und Denkensweise herankommen kann.
Dies überrascht mich insofern, dass z.B. am Beispiel von Depressionen oft eine Psychotherapie erst dann möglich sein soll, wenn die dramatischen Symptome der Depression medikamentös eingestellt sind, damit der Klient/Patient überhaupt erst ansprechbar und aktionsfähig ist.
Was trifft zu?
Grüße,
Anja

Hi Anja

eine interessante Fragestellung. Leider sind in diesem Brett ja fast gar eine praktizierenden Therapeuten, und nur solche könnten dir zu dieser Frage etwas sagen aus ihrer Erfahrung heraus. Denn daß sich das, was dir da gesagt wurde, nicht auf Störungen beziehen kann, bei denen ohne (vorherige oder begleitende) Medikation gar nichts geht, das dürfte klar sein - wie Oliver Walter ja schon ausführte.

Da du aber schreibst (oder zitierst):

… da der Therapeut sonst nicht an die tieferen Schichten der Gefühle und Denkensweise herankommen kann

wird es sich auf therapeutische Verfahren beziehen (und damit auch auf psychische Problematiken), bei denen es darauf ankommt, diese „tieferen Schichten“ (was sicher metaphorisch gemeint sein dürfte) zu erreichen und Gedankengänge dialogisch zu bearbeiten, die nicht an der „Oberfläche“ der bewußten rationalen Reflexion liegen. Das kann sich daher nicht um verhaltenstherapeutische, sondern nur um psychoanalytische Therapiemethoden (und daraus abgezweigte Varianten wie die Adlersche, Jungsche oder andere Richtungen) handeln.

Und dabei müßte man wiederum unterschieden, ob es es um kontinuierliche Medikationen geht, oder um gelegentliche vorübergehende, zu denen selbstverständlich auch Alkohol, Amphetamine, Cannabinoide u.a.m., die die aktuelle Stimmungslage und Führung des Gedankengangs verändern und daher auch den reflektierenden dialogischen Zugang zu den Hintergründen und der biografischen Genese der zu therapierenden Problematik. Denn daß psychotrope Substrate die Reflexion, Beurteilung und Bewertung einer aktuellen Störung verändern, ist ja gerade deren Zweck, zu dem sie benutzt werden. Der aktuelle therapeutische Dialog hätte daher unter diesen Bedingungen nur die periphere „externe“ Erinnerung an die Problematik zu Verfügung und nicht mehr den aktuellen eigentlichen „Leidensdruck“.

Bei therapeutischen Verfahren, in denen aber gerade die dialogische Analyse dieses Leidensdrucks im Zentrum der Methode stehen, und erst recht bei solchen Verfahren, in denen das kontinuierlich auch Inhalt in jeder einzelnen „Sitzung“ ist (was bei psychoanalytischen Therapien keineswegs der immer der Fall ist), ist die Auffassung, die dir da dargestellt wurde, durchaus nachzuvollziehen.

Gruß

Metapher

Hallo Anja,

die erste von Dir zitierte Aussage halte ich schon aufgrund ihrer Pauschalität für nicht zutreffend. Daß Psychotherapie nur dann wirkungsvoll sein kann, wenn der Patient keine Medikamente einnimmt, kann man schon durch einen einzigen Fall widerlegen, bei dem diese Aussage nicht zutrifft. So zeigt sich z.B. bei leichteren bis mittleren Depressionen, daß kognitive Verhaltenstherapie ohne Medikation und mit Medikation ungefähr gleich erfolgreich ist.

Wenn man den Satz Deines Fachmanns in „Psychotherapie kann manchmal nur erfolgreich sein, wenn man keine Medikamente einsetzt“, dann kann ich mir durchaus Fälle denken, in denen der Satz zutrifft. Insgesamt kommt es auf die Störung, die Situation und die Person an, ob eine medikamentöse Behandlung sinnvoll ist, welche Medikamente und wie lange sie eingesetzt werden. Bei einigen Störungen ist eine Medikation i.d.R. dringend erforderlich (z.B. Schizophrenie, Manie, schwere Depression), bei anderen sollte sie nur vorübergehend eingesetzt werden (z.B. Benzodiazepin-Therapie bei Panikstörung).

Beste Grüße,

Oliver Walter

Hallo Metapher,

das, was Du schreibst, sehe ich in großen Teilen genauso und als einen sehr wichtigen Aspekt bei der Entscheidung für oder gegen eine Medikation bei bestimmten Störungen an. Nur ist die von Anja zitierte Auffassung - wenn man sie nicht so pauschal äußert, wie es der Fall gewesen zu sein scheint - nicht nur bei psychoanalytischen oder tiefenpsychologischen Therapieformen nachvollziehbar, sondern auch bei vielen anderen, z.B. der Gesprächspsychotherapie, den kognitiven Verfahren innerhalb der VT und auch bei den Konfrontationsverfahren der VT, um einige zu nennen. Es ist unter bestimmten Medikamenten (Sedativa beispielsweise) einfach schwer möglich, im sokratischen Dialog der Kognitiven Therapie die „tieferen“ Einsichten in die eigenen Denkstrukturen zu gewinnen bzw. diesen Dialog überhaupt in Gang zu setzen. Es ist z.B. auch nicht möglich, unter Anxiolytika die körperbetonten und emotionalen Erfahrungen zu machen, die zu einer neuen Einstellung zu körpereigenen Vorgängen führen sollen, wenn man eine In-vivo- oder auch In-sensu-Konfrontation durchführt.

Das war mir wichtig, anzumerken.

Gruß,

Oliver Walter

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Lieber Oliver, lieber Metapher,
nein, nein, ich hab’ Euch nicht vergessen. Mich beschäftigen Eure teils unterschiedlichen, teils kongruenten Auffassungen die ganze Zeit. Aber ich merke, dass ich zum Provokateur werde, wenn ich jetzt anfange zu hinterfragen. Leider ist es mir nicht möglich, fachlich kompetent und mit entsprechend messerscharfen Argumenten da anzusetzen, wo die „Hilflosigkeit“ des Patienten, die „andere Seite“ des Arzt-Therapeuten-Verhältnisses ihre Abwertung über die standadisierten Diagnoseschemen erfährt. Über mir schwebt so eine Wolke, die den Namen Anmaßung trägt und mich zugegebenermaßen wütend macht. Aber ich will das nicht vertiefen. Vielleicht komme ich mal an den Punkt, meine Gedanken bündeln und entsprechend begreiflich machen zu können.
Danke für Eure antworten, sie bieten mir Denk- und Zündstoff, das ist doch schon mal was…
Euch ein schönes Wochenende,
Anja