Arzt will Therapie erzwingen

Hallo,

ich habe folgende Frage.
Mein Sohn, 21 ist seit Februar in der Psychatrie.
Diagnose: Schizophrenie.
Leider haben sich alle Behandlungsversuche als nicht so extrem erfolgreich dargestellt, so das der Oberarzt jetzt von Entlassung spricht wegen Ausschöpfung der Möglichkeiten. Eine Methode wurde noch nicht probiert, die Elektro-Krampf-Methode. (Es werden epileptische Anfälle unter Narkose simuliert) Mein Sohn lehnt dieses strikt ab.

Nach seiner Entlassung sollte er in betreutes Wohnen gehen, aber da ist noch kein Platz frei.

Jetzt soll er entlassen werden, weil der Leiter der Psychatrie sagt, wenn er die Schock-Therapie nicht macht, wären alle Behandlungsmethoden ausgeschöpft, und man könne dort für ihn nichts mehr tun.

Das betreute Wohnen geht aber noch nicht. Er hat eine Höllenangst in seine alte Wohnung zurückzumüssen. Aus verschiedenen Gründen kann ich ihn auch nicht aufnehmen.

Seine behandelnde Ärztin rät von einer Entlassung vor dem betreuten Wohnen ab, aber kommt damit nicht durch.

Was kann ich da machen? Oder er? Darf der Arzt eine Therapie erpressen, denn so kommt es uns vor.

Wie immer für alle Tipps dankbar
Sabine

Hallo Sabine,

eure Situation ist verständlicherweise schwierig. Zur besseren Beurteilung würde ich gern erfahren, in welchem Zustand sich Dein Sohn befindet und welche Therapieversuche bisher unternommen worden sind. Ich nehme an, es wurde versucht, mit Neuroleptika zu behandeln. Schlagen die Medikamente nicht an oder gibt es schwerste Nebenwirkungen? Wurden mehrere Arten von Neuroleptika versucht?

Aus dem, was Du geschrieben hast, kann ich bisher nicht nachvollziehen, wieso ihr die Aussagen des Klinikarztes als Erpressung anseht. Anscheinend haben sich alle Therapieversuche bei Deinem Sohn als erfolglos (?) erwiesen. Was bedeutet in diesem Zusammenhang „als nicht so extrem erfolgreich?“. Dein Sohn stand vor der Entscheidung, als letzte Therapiemöglichkeit in die EKT einzuwilligen, doch diese lehnt er ab. Das ist sein Recht, aber vor der Konsequenz, aus der Klinik entlassen zu werden, schreckt er zurück. Er steckt in einem Dilemma, das sehe ich. Aber eine Erpressung kann ich - wie gesagt - im Moment nicht erkennen. Vielleicht klärt sich dies aber auf, nachdem Du auf meine eingangs gestellten Fragen geantwortet hast.

Beste Grüße,

Dipl. Psych. Oliver Walter

Hallo Oiver,

er wurde bisher in erster Linie mit verschiedenen Psychopharmaka behandelt. Ansonsten Ergotherapie. Sein Zustand von Februar ist deutlich besser, aber er hat noch Restsymptome. Er hört zb. noch Stimmen, und glaubt noch an eine Fernsteuerung durch Gedankenübertragung anderer.

Weiterhin denkt er nach wie vor das seine damaligen Nachbarn ihn in den Wahn getrieben hätten, weil er ihre Gedanken lesen könnte, und sie seine.
Daher auch die Panik vor der alten Wohnung. Er will auf keinen Fall dorthin zurück.

Er hat auch Angst das Satanisten sein Gehirn verspeisen wollen, um diese Fähigkeit des Gedankenlesens zu erlangen.

Er traut sich wenn ich oder Freunde ihn besuchen höchstens 30 Minuten mit in den Park. Alleine traut er sich gar nichts außerhalb zu, weil er Angst hat ferngesteuert zu werden. Busfahren? Unmöglich sagt er. Einkaufen? Nicht alleine.

Ich bin auch der Ansicht das er es ALLEINE nicht schaffen wird. Er ist noch zu - wie sagt man da? (keine worte parat)

Es geht uns ja nur darum das er übergangslos ins betreute Wohnen gehen kann. Ich habe mich über diese Schock-Therapie im Netz schlau gemacht, sie ist ja wirklich umstritten. Ob zu Recht oder Unrecht will und werde ich als Laie nicht beurteilen :smile:

Ich hab keine Anhung wie man diesen Knoten lösen kann. Es war mit Ärztin und Sozialarbeiter eigentlich besprochen das er nach der Entlassung ins betreute Wohnen kommt, jetzt geben sie ihm aber nur noch 1ne Woche. Die Ärztin will ihn auch noch nicht entlassen.

Vielen Dank
Sabine

Hallo Sabine,

die Lage ist für Deinen Sohn wirklich schwierig. Er hat ja noch deutliche Positivsymptome. Die Neuroleptika nimmt er hoffentlich weiter. Kann er nicht für die eine Woche bei Dir oder einem seiner Freunde wohnen? Danach ist das betreute Wohnen ja möglich, oder?

Ich habe mich über diese Schock-Therapie im
Netz schlau gemacht, sie ist ja wirklich umstritten. Ob zu
Recht oder Unrecht will und werde ich als Laie nicht
beurteilen :smile:

Es gibt zur EKT viele Vorurteile, weshalb man sehr vorsichtig sein muß, wenn man Seiten im Netz oder Angaben in der Presse dazu liest. Auf keinen Fall blind *irgendwelchen* Seiten im Netz vertrauen. Aber das machst Du ja auch nicht, wie ich Deinem Posting entnehme. Eine Informationsquelle, der ich großes Gewicht einräume, ist die Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer vom Februar 2003:

http://www.aerztetag.de/30/Richtlinien/Empfidx/Elekt…

Beste Grüße und schönen Sonntag!

Oliver Walter

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Hallo Oliver,

das Problem ist vor allem, es kann noch Wochen dauérn, bis er im betreuten Wohnen unterkommt.

Ich kann ihn auf Grund meiner eigenen Wohnsituation nicht aufnehmen, und TRAUE MIR DAS AUCH GAR NICHT ZU.

Außerdem haben wir erhebliche Sorgen, das er gar kein betreutes Wohnen mehr wahrnimmt, wenn er die familiäre Geborgenheit als Alltag erfährt. Er hat schon sowas angedeutet „… wenn ich bei einem Kumpel unterkomme gehe ich evtl. gar nicht mehr in betreutes Wohnen …“ Würde ich ihn jetzt aufnehmen, wären wir alle in der Zwangslage, und ich müßte ihn evtl. sogar wieder rauswerfen.

Ich finde das wäre fatal.

Vielen Dank,
Sabine

Hallo Sabine,

ja, die Situation ist sehr schwierig. Eine optimale Lösung gibt es anscheinend nicht. Das kleinere Übel besteht wahrscheinlich darin, Deinen Sohn bei einem Freund unterzubringen, bis er einen Platz beim betreuten Wohnen hat. Natürlich sollte diese zeitliche Begrenzung zur Bedingung gemacht werden, bevor er bei dem Freund einzieht, und dann auch konsequent eingehalten werden. Das bedeutet natürlich ein Stück Anstrengung, aber es kann - denke ich - nicht die Lösung sein, nur deshalb in eine EKT einzuwilligen, um Deinen Sohn in der Klinik zu behalten.

Gruß,

Oliver Walter

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Hallo Sabine !

Ich kann natürlich auch keine Fernhilfe anbieten, aber einige Anmerkungen aus meiner Erfahrung als Assistenzarzt in einer psychiatrischen Klinik.

  1. Es wäre sehr sinnvoll, wenn ihr an einer Angehörigengruppe zu Psychosen / Schizophrenie teilnehmen würdet.
  2. Mehr Informationen können nie schaden (u.a. www.kompetenznetz-schizophrenie.de)
  3. Ihr steckt in einer Zwickmühle, die ja schon sehr deutlich wurde. Aber die Klinik auch. Die Kostenzusage wird irgendwann auslaufen oder ist ausgelaufen. Aber es besteht eine chronische Symptomatik mit anhaltender Postivsymptomatik. Das dein Sohn allein nicht zurecht kommt, mag sein. Übergangshilfen dafür wären :
  • Tagesklinik, d.h. teilstationäre Behandlung in der Klinik tagsüber, Schlafen abends und am WE zu Haus bzw. eben „irgendwo“
  • Tagesstätte (ähnliches Konzept, nur niederschwelliger, d.h. weniger auf Therapie, sondern eher auf Betreuung ausgerichtet)
  • psychiatrische Ambulanz der Klinik. Ambulante Weiterbetreuung in sehr enger Anbindung an die Klinik, jedoch eben ambulant
  • psychosozialer Dienst mit aufsuchender Betreuung durch das Gesundheitsamt bzw. einer Pflegekraft / Arzt / Psychologe vor Ort
  • ambulanter Psychiater / Nervenarzt
  • ambulante Betreuung durch Hilfsdienste wie z.B. Caritas etc.

Fakt ist wohl, dass er irgendwann entlassen wird und noch nicht gesund ist. Und vielleicht auch noch nicht annährend stabil bzw. eigentlich in der Lage allein ausserhalb des strukturierten Settings der Klinik klar zu kommen. Dies wird dazu führen, dass er wieder eingewiesen werden muss. Womöglich gegen seinen Willen.

Dies führt dazu, das man sich auch sehr genau überlegen sollte, ob er einen gesetzlichen Betreuer für diese Fragen braucht und ihr als Eltern vor diesem schrecklichen Dilemma der weiteren „Verantwortung“ erstmal teilweise entlastet seid. Es ist halt für alle Beteiligten eine Zwickmühle und es wird über einen längeren Zeitraum noch schwierig werden…

Zuletzt : Es gibt durchaus auch Experten (u.a. in Hamburg an der Unipsychiatrie Eppendorf), die das „Stimmenhören“ bzw. anhaltende Positivsymptomatik für die Betroffenen anders und „positiver“ darstellen. Damit ist nicht gemeint, dass sie das toll finden. Ich meine der Experte dazu heisst Prof. Bock oder so ähnlich (sorry, ich schau jetzt nicht extra nach).

MFG
Martin Winkler

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Hallo Martin,

ich hatte an ein paar dieser Möglichkeiten im Hinterkopf, sie aber aufgrund der Kurzfristigkeit verworfen bzw. nicht genannt. Für wie wahrscheinlich hältst Du es, die von Dir genannten Möglichkeiten kurzfristig (

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Hallo !

Nun, kurzfristig ist ja bei einer Entlassung eines seit Februar 2004 stationär behandelten Patienten eine relative Sache. Ich hätte zu recht „Prügel“ bezogen, wenn ich bei einem solchen Patienten keine vernünftige Entlassungsplanung gemacht hätte. Notfalls muss man halt eine weitere stationäre Therapie durchsetzen, bis zumindest dieser Behandlungsauftrag geklärt ist (also ggf. noch 7 bis 14 Tage länger).

Einige der Dinge wären innerhalb eines Telefonanrufs zu klären, andere brauchen mehr Zeit.

Sehr kurzfristig (sofort) müssen Psychiatrische Institutsambulanz, psychosozialer Dienst bzw. ambulanter Psychiater in das Betreuungsnetz eingebunden werden. Ich weiss, damit ist überhaupt noch nicht die Frage geklärt, wo der Sohn denn schläft. Und die Wahrscheinlichkeit das es nicht klappt ist auch gross. Also muss dies auch thematisiert werden. Sprich : Vorbereitendes Entlassungsgespräch mit Patient, Eltern, ggf. Freund und Arzt der Station (ggf. mit Oberarzt) ansetzen lassen. Am besten unter Beteiligung der nachbetreuenden Einrichtungen.

Das ist zwar schwer zu organisieren, geht aber auch innerhalb einer Woche. Sollen sich ruhig mal ein wenig anstrengen, wenn sie es vorher nicht bedacht haben.

Tageskliniken brauchen meist eine gewisse Vorlaufzeit, bzw. sind manchmal schlicht für diese Patientengruppe nicht gedacht / geeignet (wir hatten eine für eher psychotherapeutisch orientierte Behandlungen und eine für Psychosen etc).

Eine Betreuung einzurichten ist sicher nicht mehr sofort möglich, muss aber ja auch nicht sein.

Ich sehe übrigens auch nicht, dass die Klinik mit der EKT eine Erpressung ausübt, wobei man ich in diesem Fall zur Sinnhaftigkeit bzw. speziellen Indikation der Methode keine Aussage machen kann oder will. Aber es muss eine ambulante weitere Lösung gefunden werden, bzw. die stationäre Behandlung wohl beendet werden. Das ist nicht schön, aber Realität (und eine der Folgen der Psychiatriereformen, die genau eine längere Psychiatriebehandlung solcher Patienten mit chronischer Schizophrenie verhindern wollte). Aus meiner Erfahrung brauchen gerade aber diese jungen Patienten viel Zeit und Unterstützung. Das hat nichts mit Verwahren oder Einschliessen zu tun. Aber allein bis man verschiedene Behandlungsmöglichkeiten sinnvoll getestet und kombiniert hat und eine Stabilisierung eingetreten ist, vergehen doch häufig mehrere Wochen. Leider wird dann erst ganz am Ende geschaut, was denn nun ausserhalb der Klinik passieren soll.

Martin

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Alles wieder anders
Hallo Oliver, hallo Martin,

zunächst erstmal vielen Dank :smile:)

Wie es sich heute herausgestellt hat ist alles vollkommen anders.
Mein Artikel war Stand vom Samstag, wo mein Sohn mir diese Situation aufgelöst berichtet hat.
An dem Tag waren weder Sozialarbeiter noch Ärztin vor Ort.

Heute habe ich den Sozialarbeiter der Klinik erreicht, und er schilderte mir, dass mein Sohn sich GEWEIGERT hat ins betreute Wohnen zu ziehen. MIR gegenüber hat mein Sohn die ganzen letzten Wochen gesagt das er dem betreuten Wohnen zugestimmt hat, als Resonanz auf ein gemeinsames Gespräch mit Ärztin, Sozialarbeiter, ihm und mir. Ich habe es ihm geglaubt. Da ich aus anderen Gründen mehrfach die Woche mit dem Sozialarbeiter rede, und dieser mir nichts davon gesagt hat, das Daniel sich komplett verweigert, bin ich nicht davon ausgegangen. Weiterhin wußte mein Sohn das er entlassen wird, ich hatte auch diese Info nicht.

Tja, da habe ich wohl zu früh auf die Klinik gewettert.

Wie es jetzt weitergeht weiß keiner, ein gerichtlicher Betreuer der Aufenthaltsbestimmungsrecht und diverse andere Dinge hat wurde kurzfristig eingesetzt. Er hat mich heute besucht. Ich hoffe, das es jetzt bergauf geht.

Vielen dank nochmal,
Sabine (die allerheftigst schlucken musste heute)