Antwort von
nach einer Stunde
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Re: Selbstvorwürfe
Hi Tina,
das hört sich ziemlich übel an. Und ich glaube auch nicht so ganz, daß da nur der Selbstmord des Bruders Ursache ist. Auslöser ja, aber ich denke, das liegt einiges tiefer. Daß Du Dich um den Freund sorgst, ist verständlich. Wenn er selbst raus will aus seiner Erstarrung, wenn er an seiner Arbeitssucht und der Beziehungsstörung etwas verändern will und zwar aus eigenem Antrieb, und Du ihn nur dabei unterstützt, dann ist das gut, richtig und wichtig. Was aber ganz wichtig ist: Du kannst ihn nicht mit Gewalt rausziehen. Jede Form der Psychotherapie und jede Arbeit in Selbsthilfegruppen setzt zwingend die freiwillige Mitarbeit des Betroffenen voraus. Niemand kann jemandem helfen, der sich nicht helfen lassen will und dessen Leidensdruck nicht so groß ist, daß er bereit ist, sich den angstmachenden Veränderung in seinem Leben zu stellen und sie aktiv anzustreben. Wenn der Mann aber wirklich raus will und auch selbst was für tun will, dann kann ihm geholfen werden. Was ganz wichtig ist: auf gar keinen Fall in eine Psychiatrie. Das hat er vermutlich hinter sich (bei Suizidgefährdung kommt meist nur Psychiatrie in Frage, weil die Psychosomatischen Kliniken i.d.R. niemanden aufnehmen, der akut gefährdet ist), nehme ich an, da Du erzählst, daß er nur mit Medikamenten zugeballert wurde, aber keine Arbeit an den Ursachen erfolgte.
Wie in dem Thread weiter unten auch schon rausgekommen ist, bin ich ein unbedingter Verfechter des 12-Schritte-Programms nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker und den Kliniken, die dieses Programm auch in ihr Therapie-Konzept mit einflechten. Anonyme Gruppen gibt es für so ziemlich jede Störung, nicht nur für Stoffsuchterkrankungen. Auf Anhieb fallen mir für den Fall Deines Freundes die Anonymen Arbeitssüchtigen ein. Und Emotions Anonymous. Bei letzteren gehts um Störungen im Gefühlssektor (Depressionen, Ängste, etc.). Eine sehr gute Anlaufstelle, um Selbsthilfegruppen aus dem Anonymous-Bereich zu finden, sind die Kontaktstellen der Anonymen Alkoholiker. Du findest sie im Telefonbuch von allen größeren Städten. Auch Notruftelefone, Selbsthilfezentren, Suchtberatungsstellen und Psychosomatische Kliniken wissen meist viele Anlaufstellen.
Sollte Dein Freund stationären Aufenthalt in Betracht ziehen, würde ich persönlich sehr zu den "Schritte-Kliniken" raten. Dort wird zwar auch an der Sucht gearbeitet, sofern eine Sucht da ist, der Schwerpunkt liegt aber an der emotionalen Aufarbeitung von z.T. weit zurückliegenden Traumatas und an Beziehungsstörungen. Es entsteht zwischen den Patienten meist sehr viel Wärme und Nähe. Dort kann hervorragend an den Ängsten, sich auf Bindungen einzulassen, gearbeitet werden, die Ursachen für das Mißtrauen aufgedeckt werden und neue Handlungsalternativen erarbeitet werden. Und Medikamente werden nicht nur nicht verabreicht, sondern sind explizit verboten, es sei denn, sie sind wirklich unumgänglich. Jedenfalls wird mit der Verordnung von Pillchen seeeeeeehr vorsichtig umgegangen und statt dessen lieber an den Ursachen gearbeitet.
Die Adressen von diesen "Schritte-Kliniken" kannst Du Dir im Internet raussuchen und dann dort schriftliches Info-Material anfordern. Z.B.
http://www.kliniken-groenenbach.de/
http://www.adula-klinik.de/
http://www.hochgrat-klinik.de/
Viel Erfolg! Greetings, Nena