Selbstvorwürfe

Von: , Frage gestellt am So, 25. Jun 2000

Hi,

ich habe gestern mit einem Bekannten ein langes und tiefgehendes Gespräch gehabt. Der Bekannte war reichlich alkoholsiert, und hat wohl deshalb viel aus sich herausgelassen.
Ich erfuhr, in groben Zügen gesagt, folgendes: Selbstmord seines Bruders vor 5 Jahren, Seitdem Selbstvorwürfe (Wäre ich da gewesen, wäre ich an diesem Tag nicht woanders hingegangen, usw.), Er war danach in psychologischer Behandlung (Suizid-Gefahr), wurde aber nur mit etlichen Medikamenten ruhiggestellt, das eigentliche Problem scheint aber nicht angegangen worden zu sein. Er führt seitdem sein Leben nur an drei Punkten: Arbeit (freiwillige Doppelschichtn (beim Arbeiten denke ich nicht daran), Zuhause, und selten in einer Kneipe. Er hat keine “echten“ Freunde (seine Worte), alle wollen immer nur etwas von ihm, wenn sie mit ihm reden, kurz die ganze Welt ist schlecht. Er lebt nur noch, weil seine Eltern noch da sind, um ihnen beizustehen.
Ich habe ihm versprochen ihm zu helfen helfen, und deshalb suche ich jetzt Kontaktadressen für qualifizierte psychologische Hilfe, Selbshilfegruppen, usw. an die er sich wenden kann. (Er hat keinen Zugang zum Internet)

Danke Tina

7 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach einer Stunde hilfreich
    Re: Selbstvorwürfe

    Hi Tina,

    das hört sich ziemlich übel an. Und ich glaube auch nicht so ganz, daß da nur der Selbstmord des Bruders Ursache ist. Auslöser ja, aber ich denke, das liegt einiges tiefer. Daß Du Dich um den Freund sorgst, ist verständlich. Wenn er selbst raus will aus seiner Erstarrung, wenn er an seiner Arbeitssucht und der Beziehungsstörung etwas verändern will und zwar aus eigenem Antrieb, und Du ihn nur dabei unterstützt, dann ist das gut, richtig und wichtig. Was aber ganz wichtig ist: Du kannst ihn nicht mit Gewalt rausziehen. Jede Form der Psychotherapie und jede Arbeit in Selbsthilfegruppen setzt zwingend die freiwillige Mitarbeit des Betroffenen voraus. Niemand kann jemandem helfen, der sich nicht helfen lassen will und dessen Leidensdruck nicht so groß ist, daß er bereit ist, sich den angstmachenden Veränderung in seinem Leben zu stellen und sie aktiv anzustreben. Wenn der Mann aber wirklich raus will und auch selbst was für tun will, dann kann ihm geholfen werden. Was ganz wichtig ist: auf gar keinen Fall in eine Psychiatrie. Das hat er vermutlich hinter sich (bei Suizidgefährdung kommt meist nur Psychiatrie in Frage, weil die Psychosomatischen Kliniken i.d.R. niemanden aufnehmen, der akut gefährdet ist), nehme ich an, da Du erzählst, daß er nur mit Medikamenten zugeballert wurde, aber keine Arbeit an den Ursachen erfolgte.

    Wie in dem Thread weiter unten auch schon rausgekommen ist, bin ich ein unbedingter Verfechter des 12-Schritte-Programms nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker und den Kliniken, die dieses Programm auch in ihr Therapie-Konzept mit einflechten. Anonyme Gruppen gibt es für so ziemlich jede Störung, nicht nur für Stoffsuchterkrankungen. Auf Anhieb fallen mir für den Fall Deines Freundes die Anonymen Arbeitssüchtigen ein. Und Emotions Anonymous. Bei letzteren gehts um Störungen im Gefühlssektor (Depressionen, Ängste, etc.). Eine sehr gute Anlaufstelle, um Selbsthilfegruppen aus dem Anonymous-Bereich zu finden, sind die Kontaktstellen der Anonymen Alkoholiker. Du findest sie im Telefonbuch von allen größeren Städten. Auch Notruftelefone, Selbsthilfezentren, Suchtberatungsstellen und Psychosomatische Kliniken wissen meist viele Anlaufstellen.

    Sollte Dein Freund stationären Aufenthalt in Betracht ziehen, würde ich persönlich sehr zu den "Schritte-Kliniken" raten. Dort wird zwar auch an der Sucht gearbeitet, sofern eine Sucht da ist, der Schwerpunkt liegt aber an der emotionalen Aufarbeitung von z.T. weit zurückliegenden Traumatas und an Beziehungsstörungen. Es entsteht zwischen den Patienten meist sehr viel Wärme und Nähe. Dort kann hervorragend an den Ängsten, sich auf Bindungen einzulassen, gearbeitet werden, die Ursachen für das Mißtrauen aufgedeckt werden und neue Handlungsalternativen erarbeitet werden. Und Medikamente werden nicht nur nicht verabreicht, sondern sind explizit verboten, es sei denn, sie sind wirklich unumgänglich. Jedenfalls wird mit der Verordnung von Pillchen seeeeeeehr vorsichtig umgegangen und statt dessen lieber an den Ursachen gearbeitet.

    Die Adressen von diesen "Schritte-Kliniken" kannst Du Dir im Internet raussuchen und dann dort schriftliches Info-Material anfordern. Z.B.
    http://www.kliniken-groenenbach.de/
    http://www.adula-klinik.de/
    http://www.hochgrat-klinik.de/

    Viel Erfolg! Greetings, Nena

    • Antwort von nach 2 Tagen hilfreich
      Re^2: Selbstvorwürfe

      Hi Nena!

      Könntest Du mir dieses 12-Schritte-Programm mal genau erklären? Welche Schritte sind das genau?

      Ausserdem: in den Postings hier ist zu lesen, man müsste allein durch die gezeigten Türen gehen, bloss keiner sagt einem, wie. Mir sind weder die Türen bekannt, noch weiss ich, wie ich da durch gehen soll.

      Lieber Gruss,
      Reggi

      • Antwort von nach 4 Tagen hilfreich
        Re^3: Selbstvorwürfe

        Hi Reggi :-) Könntest Du mir dieses 12-Schritte-Programm mal genau
        erklären? Welche Schritte sind das genau?
        Ach herrjemine. Das ist mit ein paar Sätzen nicht getan. Ich melde mich bei Dir. Ausserdem: in den Postings hier ist zu lesen, man müsste
        allein durch die gezeigten Türen gehen, bloss keiner sagt
        einem, wie. Mir sind weder die Türen bekannt, noch weiss ich,
        wie ich da durch gehen soll.
        Ich bin weder Psychotherapeutin noch Ärztin, ich kann also nur spekulieren, was gemeint ist. Gucken wie es bei mir war/ist. Ob ich aber richtig liege, weiß ich nicht. Für mich sind die "Türen" Dinge in meinem Leben, vor denen ich Angst habe, vor denen ich davon laufe bzw. davon gelaufen bin, in dem ich meine unangenehmen Gefühle durch die Sucht weg gemacht habe. Das können ganz "einfache" Dinge sein. Mal "nein" sagen, wo ein "nein" hin gehört. Grenzen setzen, wo Grenzen sinnvoll und richtig sind. Oder irgendwie eine andere angstbesetzte Situation. Ein Punkt, wo ich mich entscheiden kann, den alten Mist weiter zu machen, im "bequemen Elend" sitzen zu bleiben, oder ganz neue Wege auszuprobieren, die zwar erst mal Angst machen, die aber auch eine Veränderung zulassen. Es gibt keine allgemeingültigen "Türen". Für jeden sind diese Schwellensituationen andere. Du kannst das nur für Dich selbst raus finden. Entweder in der Therapie oder mit Selbsthilfegruppen. Oder mit beidem. Im Alleingang hats zumindest bei mir nicht funktioniert.

        greetings, Nena

  2. Antwort von nach 7 Stunden hilfreich
    Re: Selbstvorwürfe

    Hi,
    ich bin sicher, Dein Freund sucht Hilfe. Da es sich um ein "systemisches" Problem handelt, empfehle ich z.B. mal unter den Adressen in www.familientherapie.org oder den Anlaufstellen der "Lämmle-live"-Sendung in SWR-homepage (genaue Adresse hab ich nicht). Auch wäre ein Antrag auf ein psychotherapeutisches Heilverfahrten bei Kranklenkasse bzw Rentenversicheung in einer geeigneten Rehaklinik sinnvoll.
    gruß Cornelia [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

  3. Antwort von nach 20 Stunden hilfreich
    Re: Selbstvorwürfe

    Hallo Tina,
    Die Antworten weiter unten beziehen sich auf Deinen Bekannten. Ich möchte erst mal fragen: Wie siehst Du Dich und Deine Funktion in dem beschriebenen System? Du schreibst wie eine besorgte Freundin. Es sind also irgendwie mittlerweile auch Deine Sorgen geworden, und die sollten wir sehen, nicht übersehen.

    Dass Dein Bekannter sich offenbar regelmäßig zur rechten Zeit meldet, wenn jemand was von ihm braucht, kann daran liegen, dass er gerne Anerkennung und Liebe finden möchte und dafür einfach immerzu etwas "leisten" will.
    Dieses Leistenwollen geht aber meistens schief, weil die Leistung oft ungefragt kommt, dann zwar angenommen wird, aber keineswegs vereinbart ist, dass er dafür eine Gegenleistung zu kriegen hat.
    Nun frage ich eben mal so - und ganz ohne Hintergedanken ;-) Wie ist das mit Dir?

    Hilfe zu vermittlen und selbst zu helfen ist wunderbar, sofern man/frau dabei das eigene seelische Gleichgewicht und die eigene "Beweglichkeit" behält. Gerade depressive Verstimmungen können aber sehr rasch zu einem Gefühl des Ausgesogenwerdens führen. Ich würde deshalb empfehlen: Guck Dir die eigenen schönen Helfer-Phantasien an, dann macht es nicht etwa "Schwups!" - und Du kannst Dich als Helferin weiter frei bewegen, wirst nicht von dem System der Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit vereinnahmt. Solch eine Verantwortung ist für Geschulte schon schwierig zu ertragen, ohne Ausbildung kannst bald verzweifeln. Hinter jeder De- steckt nämlich eine gehörige Portion Aggression, die aber selten offen liegt und der deshalb gerade dem depressiven Menschen gegenüber kaum entsprechend begegnet werden kann. Damit ist aber die Gefahr gegeben, dass eine wesentliche Prophezeihung des Depressiven eintritt: Die Aggression wird beim Helfer spürbar, was den Effekt hat: "Keiner mag mich, jeder mißversteht mich". Und wir haben gleich zwei neue Opfer: den hilfesuchenden Bekannten und den/die hilflose/n Helfer/in.

    Alles Gute,
    Fröhlich bleiben!
    Vo

    • Antwort von nach einem Tag hilfreich
      Re^2: Selbstvorwürfe

      Hallo Vo,

      erstmal Danke für Deine Hinweise mich betreffend. Da es sich bei dem Mann wirklich nur um einen Bekannten handelt, zu dem ich anonsten überhaupt keinen Kontakt habe, denke ich nicht daß ich mich da zu sehr (seelisch) reinhängen werde.
      Ich habe ihm meine Hilfe angeboten, 1. damit er merkt daß sich überhaupt jemand für ihn interessiert 2. Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer es ist, den ersten Schritt in eine Behandlung zu gehen denn 3. auch mir hat damals jemand nur die Tür gezeigt, und ich bin dann alleine durchgegangen.
      Und das ist eigentlich das, was ich in dieser Sache tun will, ihm die Türen zu zeigen, gehen muß er alleine.
      Selbstverständlich werde ich ihm auch jederzeit für Gespräche zur Verfügung stehen, jedoch werde ich ihm diese nicht "aufzwingen".

      Ansonsten möchte ich mich noch bei allen anderen, die geantwortet haben, bedanken, ich werde mich dann mal jetzt durch die angegebenen Links wühlen.

      gruß
      tina [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

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