Alkohol und Phantasiegeschichten

Hallo Experten,

eine Freundin rief mich gestern abend völlig fertig an und bat mich um einen Rat, den ich ihr leider nicht geben konnte. Vielleicht weiß ja einer von euch, was man da tun kann.

Ihr Mann kommt seit einigen Wochen fast jeden Tag sehr spät nach Hause. Meistens hat er ein paar Bierchen getrunken. Darüber ist sie natürlich nicht besonders froh, und wenn sie ihn zur Rede stellt, läßt er sich völlig abstruse Geschichten einfallen. Wenn sie ihm sagt, daß das doch totaler Unfug ist, dann ist er beleidigt, weil sie ihm nicht glaubt. Sie hat mir ein paar Geschichten erzählt, die kann niemand glauben, und schon gar nicht in dieser Häufung. Ein Rottweiler hätte ihn angefallen, den er mit bloßen Händen besiegt hat usw. Sie glaubt jedenfalls nicht, daß eine andere Frau dahintersteckt. Vielmehr hat sie Befürchtungen, daß er irgendwie ein ganz anderes, sehr ernstes Problem hat.

Er hat einen sehr stressigen Job, und sucht vermutlich irgend einen Ausgleich. Ich vermute, er trinkt dann halt was, und weil er weiß, daß seine Frau das nicht toll findet, läßt er sich irgend welche Dinge einfallen, die er auch selbst noch glaubt! Aber sie meint, sie könne einfach nicht mit ihm reden. Wenn er heimkommt, will er nur ob seiner Erlebnisse bedauert/bewundert werden, und anderntags hat er es so gut wie vergessen. Nun war ihre Idee, ich solle ihm doch mal ins Gewissen reden. Wir haben früher mal ein paar Jahre nebeneinander gewohnt. Damals hatte er schon mal so eine Phase, die aber überwunden schien.

Nun meine Fragen:
Ist es sinnvoll, daß ich mich als Außenstehende einmische?
Wie sollte sich seine Frau verhalten, soll sie auf seine Geschichten eingehen oder ihm immer wieder sagen, daß es Unfug ist? Sie hat sogar schon eine zeitweilige Trennung in Erwägung gezogen, weil es sie so fertig macht. Wäre das der richtige Weg?
Wie kann man rauskriegen, was wirklich sein Problem ist? An welche Stellen kann man sich als Angehöriger wenden? Da ist einerseits das Alkoholproblem, und andererseits scheint es auch mehr zu sein, wenn man seine komischen Geschichten betrachtet. Schafft er sich da eine neue Realität, oder was? Sollte er einen Psychologen aufsuchen? (Und wie kriegt man ihn dorthin?)

Ich würde ihr und ihm so gerne helfen. Wir kennen uns nun schon so lange, und sie verläßt sich auf mich. Aber ich hab doch auch keine Ahnung… Bitte gebt mir ein paar Tips! Vielleicht ein paar Links, oder Namen von Beratungsstellen, an die sich Angehörige erst mal wenden können.

Danke!

Cora

…viel Fachliches vermag ich Dir (mangels Kompetenz) nicht zu raten, aber Deine Telegrammdarstellung klingt nach einer gehörigen Identitätskrise. Viele Menschen (und besonders ‚Tatmenschen‘) definieren sich über das, was sie getan haben und tun statt über das, was sie sind.
Offenbar gelingt ihm die Identifikation mit Vertrautem nach und nach immer weniger, und es müssen Phantasieerfolge herhalten, um diese Lücken zu stopfen.
Ohne das als Ratschlag formulieren zu wollen (wofür ich auch nicht kompetent bin), scheint es mir, daß seine Frau ihm wirklich nicht am besten wird helfen können, denn vermutlich ist ihr gegenüber die Scham über diese Krise am größten (der Alkohol ist vermutlich nur ein naheliegendes, unbewußtes Alibi).
Manchen Menschen fällt eine „neutrale Gesprächsinstanz“ leichter, wenn es darum geht, eigene Ängste zu verbalisieren. Falls Du Dir zutraust, Dich als eine solche Instanz anzubieten, ist es gewißlich sehr wichtig zu vermeiden, ihm den Eindruck zu vermitteln, alle Welt sehe ihn zerbrechen („Wenn diese Bekannte das schon merkt, müssen es alle merken“).

Viel Glück

hendrik