Hallo Alpha,
Malte hat schon auf einiges hingewiesen. Ich möchte einige Punkte noch genauer ausführen, weil Deine Frage immer mal wieder auftaucht.
Wenn man psychologische oder medizinische Literatur liest, die sich mit psychischen Störungen befaßt, kann man den Eindruck bekommen, auf einen selbst träfe das eine oder andere zu. Das kommt u.a. dann vor, wenn man selbst niemanden wirklich kennt, der eine ausgeprägte psychische Störung hat. Dann kann man schlecht einschätzen, was klinisch relevant ist und was im Bereich des Unauffälligen liegt.
Dazu kommt das Problem, daß viele der Fachbegriffe denen des Alltags sehr ähnlich oder sogar gleich sind, aber ihre Bedeutung ist unterschiedlich. Nehmen wir „Depression“, „Verfolgungswahn“ oder „Narzißmus“ als Beispiele. Man kann im Alltag sagen, jemand leide unter Verfolgungswahn, sei narzißtisch oder depressiv. Der Arzt oder Psychologe spricht davon aber nur, wenn recht genau definierte Kriterien erfüllt sind. Um festzustellen, ob diese Kriterien erfüllt sind, reicht es nicht die Kriterien anzuschauen und im Kopfe durchzugehen, wenn man nicht mit der spezifischen Bedeutung und dem Hintergrund der jeweiligen Störung vertraut ist.
Dann gibt es das Problem, das mit dem zusammenhängt, was Malte bereits nannte, und auch mit dem, was ich eben schrieb. Bestimmte Störungen wie die Persönlichkeitsstörungen zum Beispiel sind vergleichsweise unscharf definiert. Außerdem beschreiben sie Extremformen dessen, was als unauffällig gilt. Man kann deswegen fließende Übergänge zwischen unauffällig und gestört annehmen. Es ist selbst für den Arzt / Psychologen nicht einfach, in solchen Fällen eine sichere Diagnose abzugeben. Bei Persönlichkeitsstörungen sind Reinformen zudem eher die Ausnahme als die Regel, was die Diagnose noch schwieriger macht.
Das Stichwort „Extremformen“ weist bereits darauf hin, daß tatsächlich viele „Symptome“ in schwacher und nicht klinisch relevanter Weise bei uns allen (hin und wieder) vorkommen. Leider verleitet das selbst einige Kolleginnen und Kollegen - besonders wieder bezüglich der Persönlichkeitsstörungen - psychopathologischen Begriffe zu schnell einzusetzen, weil sie sozusagen die pathologische Brille aufhaben. Dabei sollte man immer genau prüfen, ob die Vermutung einer Störung sich gut begründen läßt. Vieles ist nämlich keineswegs pathologisch.
Das sind also einige wichtige Punkte, die man beim Lesen von Literatur über psychische Störungen bedenken sollte. Wenn man wie Du aufgrund des Gelesenen den Eindruck bekommt, daß man das eine oder andere habe, man sich aber nicht krank oder im Alltagsleben eingeschränkt fühlt, sollte man eine Pause einlegen und das Zeug eine Zeit lang nicht mehr lesen. Das Zeug ist nicht immer gut für einen selbst.
Grüße,
Oliver Walter
