Sehnsucht nach der Vergangenheit

von Anja Hänel

Hi Leute,

mein Freund hat ein ziemliches Problem mit seiner Psyche, was mich, indirekt, auch betrifft. Ich finde er muesste sich mal professionelle Hilfe suchen, aber er merkt nicht dass in seinem Kopf etwas ziemlich verkorkst ist.

Also, das Problem ist folgendes:
(Achso, vielleicht muss ich dazu noch sagen, dass mein Freund Amerikaner ist und wir eine Beziehung auf Entfernung fuehren. Ich bin zur Zeit hier ihn besuchen und vor ein paar Tagen hat er mir etwas erzaehlt, was mich ziemlich traurig gemacht hat)

Mein Freund ist jetzt 20 und bei den US Marines. Er hat mir voll oft erzaehlt wie schoen doch seine High School zeit war und wie sehr er alles vermisst. Diese Zeit bezeichnet er als die gluecklichste Zeit seines Lebens, alles andere ist Scheisse. Dummerweise bin ich in dem beschissenen Teil seines Lebens. Toll, was? Aber das ist nicht das Schlimmste.
Ach ich hab noch vergessen zu erwaehnen, dass wir heiraten wollen, aber erst in ein paar Jahren.
Er meinte so gluecklich wie er damals war, wird nie nie wieder werden. Das heisst, ich kann machen was ich will, ich werde ihn nie vollkommen gluecklich machen koennen. Ich finde das sehr frustrierend, denn das Ziel einer Ehe oder ueberhaupt einer Beziehung ist es doch den anderen gluecklich zu machen. Aber eigentlich kommt es noch schlimmer:
Auch ein Nichtchrist weiss, dass Himmel und Hoelle zwei ziemlich starke Begriffe sind. Nun ja, jedenfalls setzt er diese Zeit damals mit dem Himmel gleich, und alles andere (auch jetzt) ist Hoelle. Und da er sich soooo sehr diese Zeit von damals zurueckwuenscht, denkt er, dass er genauso gluecklich wird, wenn er in den Himmel kommt. Und genau das ist sein Ziel: in den Himmel zu kommen. Und wenn das halt zulange dauert, dann hilft er ein bisschen nach. Mit anderen Worten, er will sich umbringen. Nicht morgen und auch nicht naechste Woche, aber das steht fuer ihn so gut wie fest.

Ich hab natuerlich unter vielen Traenen versucht ihn davon abzuhalten und ihm das auszureden, aber wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat, dann ist das nicht so leicht da wieder rauszukriegen.

Ich weiss nicht was ich jetzt machen soll. Verlassen will ich ihn auf keinen Fall, dafuer liebe ich ihn zusehr und ausserdem wuerde ihm das auch nicht helfen. Ich wuerde gern irgendeinen Weg finden, ihm zu zeigen, dass das Leben so viele schoene Seiten zu bieten hat und das es das wert ist, es zu leben.

Wenn irgendjemand einen Tipp hat, was ich machen kann, dann waere das super.
Danke schon mal.

Anja

Hi Anja,

könnte es sein, daß Dein Freund gar keine Aussage darüber machen will, daß er mit Dir nicht wirklich glücklich sein könnte, sondern daß die „Hölle“ ganz wesentlich durch die Marines in sein Leben gekommen ist? Die psychische Belastung dort könnte nicht unerheblich sein. Würde er mit Dir offen darüber sprechen, wenn ihn DAS fertig machte?

Gruß
Michael

Nein, die Marines sind auf keinen Fall der Grund oder das Problem. Ich weiss, dass es ein hartes Leben ist, habe es oft genug selbst miterleben muessen. Aber ihm geht es hier verhaeltnismaessig gut und er ist auch einer der Besten auf seinem Gebiet. Er sagt auch nicht, dass er nicht gluecklich mit mir sein will. Er ist gluecklich mit mir, nur werde ich ihn nie so gluecklich machen wie er damals war.
Ich habe auch den Eindruck, dass er Angst hat, dass irgendetwas ihn eventuell gluecklicher machen KOENNTE als damals, weil er das irgendwie als unfair gegenueber seinen schoenen Erinnerungen ansieht.
Er hatte eine nicht so einfache Kindheit (sein Stiefvater hat mehrmals versucht ihn zu erschiessen, nur um einen Teil davon klar zu machen).

Nein, die Marines sind auf keinen Fall der Grund oder das
Problem.

Okay, das war also eine Niete. Davon werde ich mich jetzt nicht entmutigen lassen :wink: Neuer Ansatz:

Er ist gluecklich mit mir, nur werde ich

ihn nie so gluecklich machen wie er damals war.

Wenn es denn so wäre: damit könntest Du Dich nicht abfinden? Zunächst mal würde ich sagen, daß sich ja noch zeigen wird, ob das tatsächlich so ist. Und dann: warum meinst Du, Du solltest überhaupt in Konkurrenz mit der von ihm so glorifizierten Lebensphase treten? Die ist nun mal vorbei, ob sie wirklich so unerreichbar toll war, oder nicht…

Übrigens, „er ist glücklich mit mir“ paßt ja nicht so ganz zu der Hölle, von der Du zuerst geschrieben hast, oder? Mit den Marines ist alles prima, mit Dir ist er glücklich, aber irgendwann mal bringt er sich bestimmt um, weil sein Leben eine Hölle ist. Besonders konsistent klingt das nicht. Wenn Du wirklich die Befürchtung hast, er könnte diese Drohung in die Tat umsetzen, dann solltest Du schon darauf drängen, daß er (professionelle) Hilfe in Anspruch nimmt. Das muß ja nun in einem ersten Schritt vielleicht auch gar kein „Seelenklempner“ sein; wenn Dein Freund ein Christ ist, dann könntest Du ihm ja unter Umständen ein Gespräch mit einem Geistlichen nahelegen (der wird ihm das schon ausreden, daß der Selbstmord eine Superidee ist, um in den Himmel zu kommen).

Halt die Ohren steif
Michael

Liebe Anja,
was Du über Deine Beziehung schreibst klingt für mich sehr nach emotionaler Erpressung. Vielleicht versucht Dein Freund Dich, eventuell wegen der großen Entfernung und der langen Zeit in der ihr euch nicht sehen könnt,damit an sich zu binden.
Ich bin der Meinung, daß die Ankündigung sich „irgendwann umbringen“ zu wollen schon eine sehr egoistische Sache ist. Da Dein Freund ja sicher weiss wie sehr Du ihn liebst finde ich sein Verhalten dir gegenüber sehr hart. Hast Du schon einmal mit ihm darüber gesprochen wie schlecht DU Dich dabei fühlst?
Vielleicht solltest Du ihn einmal damit konfrontieren!?!

kenne ich auch…
Hallo Anja
Ein bißchen kommt mir das Problem bekannt vor, denn so ähnlich ging es mir auch. Ich dachte lange zeit, das Schönste war meine Schulzeit, alles danach war Scheiße. Ich steigerte mich hinein, jammerte nur herum, seufzte aller Vergangenheit hinterher und habe mich mehr gehaßt als irgendwas auf der Welt.
Gut, ich habe dann eine Therapie gemacht… Aber auch erst dann, als ich auch noch mit meinen Partnern hereinfiel.
Ich weiß, daß es schwer von außen aussieht, aber du - als Außenstehender, und das bist du nun mal - kannst ihm da gar nicht helfen. Er muß sich selbst helfen, so blöd das klingt. Jede angebotene Hilfe wäre bei mir so angekommen, als müsse ich nichts machen, der andere wird schon was richten und wenn es mir immer noch nicht besser geht dadurch, ist das der Beweis dafür, wie beschissen doch alles ist. Es ist ein Kreislauf, denn was fehlt, ist der Sinn des Lebens. Man schönt sich die Vergangenheit, die bei Licht betrachtet, auch nicht besser war. Ich selbst hatte ein paar schwarze Jahre, in denen ich mich selbstbemitleidend durch das Leben schleppte und ehrlich dachte, wenn ich mich umbringe, tue ich den anderen noch einen Gefallen. So blöd es klingt - es war gut so, denn irgendwann ist man so tief unten, daß man die Entscheidung hat. Es zu tun, oder aufzuhören mit dem ganzen Gedankenmist. Zum Umbringen gehört viel, wer es versucht und es nicht durchzieht, entscheidet sich automatisch fürs Leben. Genau das würde er auch, wette ich.
Zudem kommt, daß er 20 ist, so alt ca war ich damals auch. Man ist zu jung um zu erkennen, was für Möglichkeiten vor einem liegen, aber alt genug um zu wissen, was man schon für gute Möglichkeiten hatte.
Ich denke auch, er müßte mal mit jemandem profess. reden. Aber das Ganze klingt sehr nach gepflegtem Selbstmitleid, und da ich das genau kenne, weiß ich, daß jede private, gutgemeinte Hilfe im Sande verrinnt und den anderen deprimiert. Ein Profi kann ganz gezielt in den „schwachen Punkt“ schlagen und sojemanden aufwecken.
Er hat verlernt zu kämpfen, d.h. er ist zu „faul“ zum kämpfen im Leben, genügt sich beim bejammern des Verlorernen. Ich darf so reden, denn ich kenne das. Dieses Jammern ist nicht mal ein Schrei nach Hilfe (offiziell) sondern wirklich der Wunsch unterzugehen.
Nimm ein Bild zu Hilfe - wenn jemand, der nicht schwimmen kann, ins Wasser fällt, dann wirft man ihm einen Ring zu. Er paddelt und kämpft und bekommt den Ring zu fassen. Wenn er sich jedoch sinken läßt und nicht mal Anstalten zum paddeln macht, was willst du dann tun? Hinterherspringen und seine Arme bewegen? Wenigstens das muß er selbst tun. Genauso wollte ich damals untergehn, vielleicht stimmt das ja mit ihm überein.
Versuch doch, für dich eine Antwort zu finden, was man am besten mit jemandem macht, der das „wandelnde Selbstmitleid“ ist. Vielleicht kommst du auf diesem Wege zu einer Lösung.
Viel Glück, Kerstin