Hi Martin,
selbst hatte ich im Dezember meinen ersten Todesfall in unmittelbarer Nähe, meine Oma verstarb. Und obwohl ich immer dachte, nie einen Draht und erst recht keinen guten zu ihr zu haben, habe ich sehr getrauert. Allerdings war die Trauer zunächst etwas egoistischer. Sie war nicht mehr da und mir fehlte eine Form von Sicherheit auf die ich nun nicht näher eingehen möchte. Ich trauerte auch, weil ich auf einmal keine Enkelin war und in der Sterbeliste eins aufrückte. Das mag alles grausam klingen, doch ich trauerte auch darum, daß sie sich ihr Leben lang aufgeopfert hat und sich so gut wie nie etwas gegönnt hat. Als Mensch habe ich meine Oma nie wirklich kennengelernt, kennenlernen dürfen.
Meine Oma war im Leben eine sehr dominante Frau, die vielen Menschen das Leben schwer bzw. teils zur Hölle gemacht hat. Doch als ihre Lebenskräfte schwanden, wurde sie weicher, sie weinte sehr viel die letzten Jahre und das was ich ihr sehr sehr hoch anrechne, sie hat Frieden mit sich gemacht.
Mir war es immer sehr unangenehm auf das Thema Tod bzw. Sterben zu kommen, denn wie stellte sie sich ihre Beerdigung vor und ich wollte auch wissen, wie ihre Einstellung zum Tod ist. Ich scheute mich das jedoch lange zu fragen, teils weil ich befürchtete, sie würde mal wieder fälschlicherweise annehmen, ich trachte ihr nur nach dem Tode, teils weil ich selbst Angst vor der Thematik hatte.
Und wenn auch mein eigener Tod noch in sehr weiter Ferne liegen möge, so habe ich bei ihr gemerkt, daß der Tod nichts mehr Schlimmes für sie hatte. Im Gegenteil. Sie hatte ihr Leben gelebt. Sie hat sich den Schmerz von der Seele geheult über die Fehler die sie gemacht hat. Beispielsweise lag sie mal im Krankenhaus als im Nachbarbett eine wohl sogar noch ältere Frau davon sprach wie sie damals in Japan war. Meine Oma sackte im Sitzen so richtig zusammen. Sie hat von der Welt nie was gesehen.
Ich habe sehr oft von meiner Oma geträumt, gleichwohl ich mein Leben lang mich kaum an Träume erinnern konnte. Und in Träumen habe ich heute hi und da mit ihr Kontakt.
Meine Oma wollte sicherlich immer nur das Beste für ihre Nachkommen, auch wenn sie sich nicht immer so verhalten hat. Ich denke, es ist wichtig, das was uns die „Alten“ geben, sprich Wissen, Erfahrung, postitive Erlebnisse, Gefühle von geborgen sein und vieles mehr in uns aufnehmen und weiterleben lassen. Somit leben sie auch in uns ein Stück weiter. Evolutionsgeschichtlich betrachtet haben wir eh alle unsere Ahnen in uns.
Ein Tipp ist noch, daß wenn sie z.B. an Reinkarnation glaubt, sie es sich so leichter machen kann. Bücher von der Kübler-Ross bzw. von Moody sind sicherlich empfehlenswert.
Als meine Oma starb, war von meinen „Freunden“ niemand für mich da. Sogar Menschen mit denen ich ansich extrem intensiven Kontakt hatte, distanzierten sich. Ich litt noch mehr. Ich denke, es fällt vielen Menschen schwer sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Manche Leute denen ich vom Tode meiner Oma erzählte, reagierten nicht mal drauf, mit keinem Wort oder sie drückten sich gerade mal ein „Mein Beieid“ ab. Begleitet hat mich dann ein Bekannter, sogar eine ziemliche Weile, der in dem Bereich wohl schon öfter Sterbebegleitung bzw. Begleitung der Trauernden gemacht hat. Er hat mich reden lassen und war einfach da. Und das war gut so.
Trauern ist eine sehr individuelle Sache und hier kann ich mich nur meinen Vorrednern anschließen. Sei für sie da. Eine emotionale Unterstützung bzw. eventuell Hilfe im Haushalt oder bei der Beerdigung… das ist das was Du ihr im Moment geben kannst.
Meine Oma ging mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht und sie war im Tode schöner als die letzte Zeit in ihrem Leben. Sie wollte den Tod, was natürlich nicht immer so ist. Ich denke, den besten Gefallen den man einem Verstorbenen hier tun kann bzw. auch sich selbst tun kann, ist all das Gute das man mit ihm / ihr erlebt hat bzw. bekommen hat, in sich zu bewahren und darauf aufzubauen und anderen weitergeben.
„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir weggehen.“ Albert Schweitzer
Romana