Lügen zerstörten Freundschaft

Hey,

mir stellen sich jetzt einige Fragen, nachdem vor kurzem eine, aus meiner Sicht, sehr gute Freundschaft in die Brüche gegangen ist.

Nach anderthalb Jahren Freundschaft stellte sich nun heraus, dass die ganze Sache mehr oder weniger nur auf Lügen aufgebaut war. Das war für mich ein großer Schock. Ich habe zwei Wochen Urlaub nehmen müssen, weil ich nicht damit klargekommen bin. Beängstigend für mich ist aber jetzt vielmehr die Tatsache, dass die betreffende Person scheinbar ihr ganzes Leben nur auf Lügen aufbaut. Es hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass er auch anderen Leuten, teilweise selbst seiner Familie, nur Lügen auftischt. Vielleicht einmal ein Beispiel. Er erzählte jedem, dass sein Vater bei einem Autounfall ums Leben kam. Derweil hat sich der Vater bereits vor acht Jahren von der Familie getrennt. Vor wenigen Wochen verstarb der Vater dann tatsächlich. Er wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden da die Nachbarn sich über den ständig laufenden Fernseher wunderten. Einerseits hat die betreffende Person natürlich getrauert, aber andererseits war er auch froh darüber das damit endlich eine Lüge aus seinem Leben wahr wurde. Im Nachhinein erzählte er mir unter Tränen, dass er die Lügen nur erzählt hatte, weil er es nicht ertragen konnte wenn andere über ihre heilen Familien gesprochen haben, und bei ihm war es nicht so. In dem Zusammenhang vielleicht noch interessant, das der Vater an Epilepsie litt. Im letzten Jahr hatte besagter Freund einen epileptischen Anfall. Allerdings geht er sehr seltsam mit seiner Krankheit um. Er ist der Meinung es ist seine Krankheit und die geht niemanden etwas an. So musste ihn seine Klassenlehrerin mehrfach auffordern zu erklären was im Falle eines Anfalls zu tun ist. Naja, und noch so einige andere Sachen. Manchnmal erscheint es so, als ob er sich das alles selbst einredet. Und wenn man ihn darauf anspricht wird er entweder wütend oder bricht in Tränen aus.

Alles in allem mache ich mir schon etwas Sorgen. Es scheint so, als ob er sich irgendwie in eine Scheinwelt flüchtet, in der er all die Probleme (Vater, Krankheit, …) nicht wahrnimmt.

Achja, vielleicht ist das noch wichtig. Er ist gerade 16. Ich bin sechs Jahre älter, wir kennen uns durch eine Jugendeinrichtung.
Ich habe mit einigen Pädagogen darüber gesprochen. Da musste ich mir sagen lassen das man nicht jede Seele retten kann und das ich mich nicht damit belasten soll. Ich finde aber das es diese eine Seele wert ist.

Hat jemand eine Ahnung ob sein Verhalten normal ist? Oder braucht er irgendwie Hilfe? Und was wenn er nicht bereit ist diese von sich aus anzunehmen?

Mit freundlichen Grüßen

Silvio

So wie Du die Angelegenheit beschreibst, hat Dein freund da tatsächlich ein Problem. Wahrscheinlich bräuchte er eine psychologische und/oder psychatrische Behandlung.

Allerdings muß ich Dir auch sagen, daß Du da sehr wenig tun kannst. Man kann einen Menschen nicht gegen seinen Willen behaneln, schon rein rechtlich nicht. Das Hauptproblem bei solchen Karnkheiten aber ist aber, daß er auch innerlich zur Behandlung bereit sein muß. Er muß bereit sein, sich zu öffnen und über seine Probleme zu reden, sonst hat das Ganze einfach keinen Zweck.

Es bringt auch nichts, da als Laie herumzudoktern. Man kann dabei eigentlich nur Fehler machen. Du kannst ihn nur bitten und immer wieder ansprechen, sich fachliche Hilfe zu suchen. Aber annehmen muß er diese Hilfe selbst.

Es ist schlimm und tut mächtig weh, wenn man daneben steht und nicht helfen kann. Aber es ist nun mal sein Leben, nicht Deins. Es tut mir leid, Dir keine andere Antwort geben zu können, weil es um jeden Menschen schade ist nd weil ich selbst nur ungern jemanden aufgebe. Aber hier kannst Du nichts tun, als ihm zu raten, die nötige Hilfe anzunehmen und ihm zu sagen, daß Du im helfen wirst, wenn er dazu bereit ist.

Gernot Geyer

Hi Silvio,

die Freundschaft ist deswegen „in die Brüche gegangen“, weil Du entdeckt hast, daß Dein Freund Dich anlügt? Bedeutet, „die ganze Sache [war] mehr oder weniger nur auf Lügen aufgebaut“, daß er Dir - um sich einen Vorteil zu verschaffen - Freundschaft/Zuneigung vorgespielt hat? Damit wird man sicher sehr schwer fertig, andere „Lügen“ (z.B. die Geschichte mit dem Vater) dagegen müssen ja nicht unbedingt etwas über Euer Verhältnis zueinander aussagen: die sind wohl so etwas wie ein Teil seiner Person geworden (zum Thema „Behandlungsbedürftigkeit“ und Psychotherapie hat Gernot ja schon geschrieben). Sowohl die Sache mit dem Vater, als auch die mit der Psychotherapie dürften wohl für die meisten Kinder/Jugendlichen ganz gravierende Probleme darstellen. Auch wenn das vielleicht nicht „normal“ ist, sind die Lügen (oder vielleicht besser, das Leugnen") in diesem Fall ja eigentlich - als letztlich zum Scheitern verurteilter Versuch eines Selbstschutzes - verständlich.

Frag Dich doch vielleicht mal, ob Du sein Verhalten Dir gegenüber eher auf seine „Schwäche“ oder auf seine „Bosheit“ zurückführst. Im Fall von „Schwäche“ solltest Du überdenken, ob Du ihm Deine Unterstützung wirklich entziehen willst.

Gruß
Michael