Trieb oder Vernunft

Ich möchte gerne Eure Meinung hören, was- rein im Grundsatz stärker ist: Einem sehr starken(seit einem halben jahr bestehenden) Trieb nachzugeben, oder die „Vernunft“-sprich Angst, Hemmung, unter Umständen viel zu verlieren und neu anfangen zu müssen. (Altersgruppe 30 Jahre)
Ich wäre an privaten und auch fachlichen Antworten interessiert.
LG Eure Chris.

„Trieb“ ist in der Psychologie ja ein eher -äh- schillernder Begriff. Deswegen ist es auch nicht so ganz eindeutig, was Du genau meinst. Der „Trieb“ macht sich als ein „Sehnen“ oder ein „Drang“ bemerkbar? So von der Art: „Am liebsten würde ich einfach…“? Dann würde ich sagen, allein die Tatsache, daß es Dir (oder wem auch immer) gelungen ist, diesem Drang ein halbes Jahr lang nicht nachzugeben, spricht dafür, daß die „Vernunft“ (in diesem Fall) stärker ist.

Das soll jetzt aber nicht heißen, daß ich denke, daß „Vernunft“ im Sinne von Angst, etwas zu verlieren, wirklich „vernünftiger“ ist, als entsprechend starker Neigungen zu handeln.

Gruß
Michael

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Hallo Christin,

so allgemin gestellt, ist die Frage schwer zu beantworten.

Im Grundsatz gilt erst einmal, daß es auf Dauer unmöglich ist, gegen seine Wünsche und Neigungen zu leben. Das erzeugt letztlich nur innere Unzufriedenheit mit sich selbst. Man macht sich ewig Vorwürfe deshalb und trauert vergebenen Chancen nach.
Du kennst sicher das Sprichwort „Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende“. Ein schmerzhafter Schnitt und ein Neuanfang kann durchaus das Beste sein, wenn abzusehen ist, daß man sonst doch nicht zufrieden mit sich selbst wird.

Damit wären wir bei den Dingen, die abzuwägen wären, ob ein solcher Schritt das Risiko lohnt. Da ist als erstes die Frage, ob der Trieb dauerhaft sein wird. Wenn da irgendwo eine Ende erscheint, kann es auch Sinn haben, eine zeitweilige Krise durchzustehen. Das zweite ist die Frage, welcher Verlust bzw. welches Risiko besteht bei der Sache. Materielle Dinge sind zu verschmerzen, wenn man mit seinem Leben zufrieden ist. Außerdem sind solche Verluste am ehesten wettzumachen. Auch neue Freunde lassen sich sicher wieder finden, das muß kein Hinderungsgrund sein.
Im Übrigen: Mit 30 ist noch nichts zu spät, da hast Du Dein Leben noch vor Dir. Da kann ein Neuanfang reizvoll sein und Spass machen. Irgendwann ist die Jugend aber vorbei, dann kann man verlorenen Chancen nur noch nachtrauern.

wie gesagt, es kommt immer auf den konkreten Fall an. Und vor allem: Es ist DEIN Leben, nicht meins und auch nicht das von jemand anderem. Du mußt damit zufrieden sein und vor Dir selbst und Deinen Ansprüchen bestehen können. Laß Dich also nicht beeinflussen bei der Entscheidung. Wenn Du etwas um anderer Leute Willen tust, wird es Dir mit Sicherheit irgendwann leid tun.

Gernot Geyer

ich gehe mal davon aus, dass der „trieb“ irgendwas mit einer neuen liebe o.ä. zu tun hat, stimmt’s?
grundsätzlich denke ich, man sollte mehr auf sein gefühl, auf seinen „bauch“ hören. denn, wie schon in einem anderen posting hier erwähnt, auf dauer bringt es nichts, dieses zu unterdrücken. und ein neuer anfang ist immer auch eine neue chance.
wenn du mit deinem leben jetzt unzufrieden bist, dann ändere es! sei dir selbst wichtig, dann fällt die entscheidung vielleicht leichter.
gruß
steinchen

Hallo,
am stärksten ist weder Vernunft noch Trieb, sondern die Phantasie darüber, was passiert wenn…
Diese Phantasie wiederum nährt sich aus Erfahrungen der Vergangenheit und somit Mutmaßungen über die Zukunft. Am stärksten ist also das Gedächtnis.
Es gibt die reizende Geschichte von Buridans Esel. Der Esel steht zwischen zwei genau gleich großen Heuhaufen und kann sich nicht entscheiden, von welchem er fressen soll, weil von beiden der gleiche Reiz ausgeht. Was passiert? Er verhungert!
Die Existenzialisten haben übrigens behauptet, daß es kein Entscheidungskriterium gibt. Wenn man also Konstrukte wie Vernunft und Trieb = Lust und Angst postulieren will, dann gibt es profund gesehen kein Werkzeug, mit dem man richtig oder falsch beurteilen könnte.
Man muß einfach springen und sehen was passiert.
Daß du dabei nicht verhungerst wünscht dir
Werner

Hallo, Triebweib!

Ich geh’s mal bewußt so frontal an: Da es sich offenbar um eine neue, lustvolle Beziehungskiste handelt, der eine gewachsene und vertrauensvolle (möglicherweise mit Kind) entgegensteht, stehst Du vor dem Dilemma: alte Liebe oder neue Triebe (bitte korrigiere mich, wenn ich mit meiner Vermutung daneben liege). Du kannst freilich auch die Anfrage hier für eine Freundin gemacht haben.

Wenn es aber so ist, wird über kurz oder lang Dein „Trieb“ (möglicherweise bist Du ihm ja auch hörig) sich über die Vernunft hinwegsetzen. Du wirst möglicherweise Skrupel haben und es dem alten Noch-Freund nicht antun wollen, das ehrt Dich, und dieses Posting spricht für die Annahme. Aber es ist nichts Verwerfliches. Mir ist es genau so ergangen, und ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Inzwischen weiß ich aber, daß dieses „Gen-Shopping“ bei der Frau völlig normal ist. Fremdgehen ist nur ein böses Wort und verkennt die Ursituation der Frau, daß sie die Kinder kriegt und nicht der Mann.

Richard

Pflicht und Neigung…
…mit diesen Begriffen benannte schon Friedrich Schiller das Problem in der „ästhetischen Erziehung“.

Ein Konflikt, die in heutiger Zeit oft schnell mit der Formel „Entscheide nach Deinem Bauchgefühl“ beantwortet wird.

Vielfach wird übersehen, daß Selbstfindung, - verwirklichung, wie immer man es nennen will, sich nicht nur in den Dingen, die man mag, die einen anziehen etc, realisierbar ist, sondern auch in den Dingen, die schwierig sind, Pflicht sind, zu denen man sich diziplinieren muß.

Hängt sicherlich von Charakter & Erziehung ab, auch vom Umfeld, wie man lebt, womit man sich arrangiert, auch, wie schnell man Beziehungen, Jobs etc. abhakt, an den Nagel hängt, eben „etwas anderes macht“.

Triff Deine Entscheidung unter Abwägen aller Risiken - und vergiß eins nicht: Das Leben ist sicherlich kein Jahrmarkt der unbegrenzten Möglichkeiten

Ach die lieben Pflichten…
Irgendwie ist das alte Pflichtgefühl einfach nicht totzukriegen. Irgendwer redet mir ein schlechtes Gewissen ein und schon mache ich lauter Dinge, die ich überhaupt nicht will. Was soll das Ganze?
Die Frage ist doch, wofür lebe ich überhaupt? Doch wohl nicht zur ständigen Pflichterfüllung, das ist mir zuwenig. Irgenwie muß das Leben auch Spaß machen, ich muß mit mir und meinem Leben zufrieden sein. Dazu gehört zugegeben auch, daß ich vor meinen eigenen moralischen Ansprüchen bestehen kann, weil ich sonst das Gefühl habe, versagt zu haben. Aber es müssen meine eigenen Ansprüche sein.
Das Leben ist nämlich wirklich kein Jahrmarkt der unbegrenzten Möglichkeiten. Da möchte man schon ein wenig aufpassen, was man mit seiner knapp bemessenen Lebenszeit macht. Etwas einigermaßen Sinnvolles sollte es schon sein, aber ein bißchen Spaß machen möchte es schon. Das lasse ich mir nicht nehmen.

Klar gibt es Dinge, die ich tun muß, einfach weil sie dazu gehören und getan werden müssen. Aber auch das ist dann mein freier Wille, ich habe mich so entschieden und ich muß da durch.
Das ist dann keine Disziplin, das ist einfach Einsicht in die Notwendigkeit. Es ist keine lästige Pflicht, es gehört einfach dazu.

Allerdings filft es hier nicht, über andere zu orakeln. Friedrich der II. prägte den schönen Spruch. „Bei mir kann jeder nach seiner eigenen Fasson glücklich werden.“ Der Mann hatte recht, vor allem sieht das Glück bei jedem etwas anders aus.

Gernot Geyer

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