Psychiatrie vs. Psychotherapie
Hi Yves
aus deiner Mail vermute ich, daß es sich um eine chat-Freundin handelt?
Zumindest im amerikanischen wäre „molested“ sicher als Euphemismus für das, was du vermutest, gebräuchlich. Aber es ist eigentlich auch gleichgültig, denn solche Angelegenheiten sind sicher ein brisantes Thema für einen chat. Wenn sie selbst davon spricht, ist es ok, aber es empfiehlt sich überhaupt nicht, daß du das Thema von dir aus ansprichst.
Daß sie selbst ihre Neigung zur Selbstverletzung mit einem traumatischen Erlebnis in ihrer Vergangenheit verbindet, bedeutet übrigens noch lange nicht, daß es diese Verbindung auch tatsächlich hat. Aber es ist absolut sinnlos, darüber zu reflektieren oder gar zu spekulieren. Das würde ihr überhaupt nichts bringen.
Mit Therapieempfehlungen sollte man immer sehr vorsichtig sein! Bestenfalls kannst du das Thema in Form einer Frage anschneiden „hast du schon mal daran gedacht, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen“, denn Therapien machen nur Sinn, wenn die Person es von sich aus selbst wünscht. Sonst ist die Gefahr zu groß, daß sie es nach den ersten Gesprächen wieder abbricht, und dann bleibt mindestens eine Enttäuschung übrig.
Leider geht man in der amerikanischen Umgangssprache etwas salopp mit der Bezeichnugn „psychiatric“ um. Alles, was entfernt mit „psycho“ zu tun hat, heißt dort „Psychiatrie“ und man unterscheidet es nicht gegen „Psychotherapie“. In D findet man das auch oft. Daraus kann eine verhängnisvolle Verwechslung entstehen, weil bei Unkundigen psychische Probleme sogleich mit „Spritzen“ und „Irrenhaus“ assoziiert werden.
Aus dem, was du schilderst, ist sicher zu entnehmen, daß eine „psychiatrische“ Beratung hier nicht anliegt, dagegen können psychotherapeutische Betreuungen mit großer Wahrscheinlichkeit helfen… aber - wie gesagt - nur, wenn sie es selbst sucht. Das Problem ist, daß sie bereits durch ihre Net-Recherchen negativ voreingenommen ist (zumal sie ja eben auch von „Psychiatrie“ spricht, die hierfür gar nicht zuständig ist).
Du könntest ihr ja empfehlen, sich einmal zuerst von einem (realen!) Psychotherapeuten beraten zu lassen. Es gibt nämlich immer zuerst Vorgespräche, aus denen dann deutlich werden sollte, welche Art von Psychotherapie überhaupt hier in Frage kommt - Psychoanalyse wahrscheinlich, Gesprächstherapie (genauer Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie) wäre vielleicht auch schon sinnvoll. Aber - wie ich weiter unten unter der Anfrage „sie plant ihren 2. selbstmord…“ (3.12.) schrieb (in „keine Ferndiagnosen“ - sorry, ich hab meinen Namen verändert), sollte man auf keinen Fall Ferndiagnosen versuchen, schon gar nicht, wenn man auf dem Gebiet Laie ist. Man „meint es gut“ und möchte helfen, aber es kann Blockaden erzeugen und die wirkliche Therapie erschweren.
Wünsche dir viel Glück mit deiner Chatpartnerin
Grüße
M.G.