Re^3: Gedächtnis, Sehen lernen - Gehirnentwicklung
Hallo!
Ist es diese Art von Gedaechtnis, die uns fundamentale Dinge
wie Gehen, Schreiben, Schwimmen usw. zu lernen ermoeglicht?
Ja. Mit der einschränkenden Bemerkung, daß unser Gedächtnis nicht so schön in Einzelabteilungen gegliedert ist, wie das die Modelle vorgaukeln. Gerade beim Schreiben brauchen wir ja nicht nur die Bewegungsabläufe sondern gleichzeitig auch das Wissen über die Bedeutung dessen, was wir schreiben. Das ist dann das semantische Gedächtnis, in dem Worte mit ihrer zugehörigen Bedeutung abgespeichert sind. Natürlich brauchen wir auch das Kurzzeitgedächtnis beim Schreiben, damit wir einen Moment lang verfügbar halten können, was wir schreiben wollen. Aber der Begriff stammt wieder aus einem anderen Modell (Langzeit-Kurzzeit-Ultrakurzzeit-M.), das andere Phänomene menschlichen Gedächtnisses behandelt.
Stimmt es, dass man gewisse Dinge in einem bestimmten Alter
lernen muss, weil es spaeter nie mehr zum perfekten,
reibungslosen, natuerlichen Ablauf kommen kann? ich denke an
Analphabeten, deren Haende nie geschrieben haben, oder aber
Starmusiker, die schon als Vierjaehrige spielen lernten.
Ja.
Zum Zeitpunkt der Geburt sind zwar bereits alle Nervenzellen im Gehirn vorhanden, aber deren Verbindungen untereinander (bis zu 1000 Synapsen je Zelle) nur zum Teil. In dem Buch von F. Vester "Denken, Lernen, Vergessen" ist das gut dargestellt. Innerhalb von 3 Monaten werden enorm viele Verbindungen hergestellt, was nicht heißt, das die Entwicklung nicht auch später weitergeht. Ein Beispiel kenne ich genauer: unser Stereosehen.
Damit es zustande kommt, müssen die Informationen beider Augen zusammengeführt werden. Das passiert richtig hardwaremäßig, die Nervenfasern der korrespondierenden Netzhautareale treffen sich in der Sehrinde, im Hinterkopf. Aus den Differenzen zwischen den Abbildungen aus dem linken und rechten Auge bastelt unser Gehirn dann den schönen räumlichen Eindruck. (Zwar gibt es auch andere Möglichkeiten, 3D zu erzeugen, z.B. anhand von Überschneidungen, aber die wirken nicht so beeindruckend plastisch.)
Bei Kindern, die schielen, wo also in jedem Auge ganz andere Dinge der Umgebung abgebildet werden, kann diese Art räumlichen Sehens nicht entstehen. Das Gehirn schaltet früher oder später eines der beiden Augen ab. Wenn erst nach einem Alter von ca. 7 Jahren das Schielen beseitigt wird, lernt das abgeschaltete Auge nicht mehr, scharf zu sehen und auch das räumliche Sehen ist eingeschränkt, was z.B. beim Einparken Schwierigkeiten bereitet, wie mir eine Kollegin bestätigte.
Nach diesem Prinzip kann man auch die anderen sensiblen Phasen von Lernen (z.B. Sprache) erklären. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es noch andere Gründe gibt.
Zum Weiterlesen kann ich das kleine Taschenbuch von Vester empfehlen.
Tschuess, Sven.