Wirklich?
Hi Roland
wie Burkhard schon schrieb, ist es unwichtig, ob solche Neigung vererblich oder sonstwie ansteckend ist. Tatsächlich gibt es Familien, in denen Suizid gehäuft vorkommt. Was zumindest anliegt, ist sicher ein großes Defizit an der Fähigkeit, Krisensituationen durchzustehen. Ist ja auch etwas paradoxes: Wenn man kein Land sieht, weder emotional (Familie) noch sozial (wirtschaftliche Durststrecke), dann soll man sich wie Münchhausen auch noch selbst aus dem Sumpf ziehen.
Das wichtige, was ein Mensch dann braucht, ist ein Gesprächspartner, bei dem er sich aussprechen kann, aber nur, wenn das ohne die üblichen „guten Ratschläge“ („das wird schon wieder“ usw.) vor sich geht und - ganz wichtig - ohne Urteile („du hast ja auch“, „wie kannst du nur“) etc. Dies, so entnehme ich Deinem Posting, machst Du sicher nicht verkehrt. Also bist Du dann die wichtigste Vertrauensperson zur Zeit.
In einer hilflosen Situation ist das einfache, bewertung- und urteilsfreie (!!) „Aussprechen“ (was geht in mir vor, wie ist die Lage) von ungeheuerer Bedeutung - auch zum 100sten Male: Es ist eine von den vielen „magischen“ Funktionen der Sprache, durch die man trotz Ausweglosigkeit auf Distanz zu sich selbst gehen kann und dadurch für Augenblicke klar und schmerzfrei sieht. Unterschätz dessen „therapeutische“ Wirkung nicht, auch wenn Eure Gespräche nicht für ihn einen sonnigen Ausblick zum Resultat haben.
In dieser Situation wäre eine professionelle therapeutische Unterstützung natürlich sinnvoll, aber da er offenbar nicht von alleine drauf kommt, ist tatsächlich Vorsicht geboten mit der Form, wie Du ihm diesen Vorschlag unterbreitest…
Um Dir Vorschläge zu machen, wie Du in Deinen Gesprächen, außer dem was Du wahrscheinlich eh tust, noch handeln könntest, wäre mehr Vorwissen nötig über seine Situation, aber vor allem auch über die Art Eurer bisherigen Kommunikation - ich überlaß es Dir, wie Du mit dem „wäre“ umgehen magst.
Ich schreibe hier mal ein paar Fragen auf, die ich mit Dir (nicht mit ihm) besprechen würde. Es mögen vielleicht Inhalte sein, aus denen Du Ideen für Dein Gespräch mit ihm ziehen könntest…
Was für eine familiäre Krise ist das? Verläßt ihn seine Partnerin? Warum? Hat das bereits mit seiner Verfassung zu tun?
Was meinst du damit, daß du ihm versuchst zu helfen „so gut es geht“? d.h. wie hilfst du und wobei?
Hat er vor dieser Doppel-Krise schon Anzeichen von Nichtbewältigung gezeigt?
Wie reagiertest Du bisher darauf, wenn er Äußerungen macht, die du zitiertest („daß er es nicht als schlimm ansieht, dem Leben ein Ende zu machen, wenn…“)? Was meint er (genau) mit „schlimm“?
Hat er schon mal selbst von einer Therapie gesprochen?
Hast Du es bei ihm schon mal angesprochen und wie (genau) hat er darauf reagiert?
Wie reagiert er darauf, wenn Du ihm sagst, daß Du Angst um ihn hast, daß Du ihn nicht verlieren willst? (Hast Du ihm ja sicher schon deutlich gesagt, oder?)
Du schreibst:
Die Ehe von ihm ist zuende und er leidet sehr darunter. Auf einen Nenner gebracht, er hat keinen Spass mehr am Leben.
Du weißt, nehme ich an, daß, unter etwas zu leiden, eben nicht heißt, daß man das auf den Nenner „keinen Spaß mehr am Leben“ bringen kann!!?? Denn
-
muß Leben nicht immer Spaß machen. Und keinen Spaß bzw. nur Verlustangst und Sorge ohne Aussicht auf Besserung zu haben, muß keineswegs die Konsequenz eines brutalen Selbstzerstörungsaktes haben (das ist nämlich ein Suizid): Ein in die falsche Richtung gelenkter aggressiver (manchmal auch Notwehr-)Akt, jedenfalls so etwas, wie ein Schuß, der nach hinten losgeht.
Ist er im Kampf um die Familie zu passiv? Hat er Wirtschaftsprobleme, weil er sich hat übers Ohr hauen lassen? (Suizid kann die Grundlage haben, daß einer den Mut zum aktiven Kampf nicht hat, so daß die ganze Aktivität sich ersatzweise gegen ihn selbst richtet)
-
Wenn jemand leidet, dann fehlt es ihm gerade nicht an Lebenswillen! Sich „gequält“ zu fühlen ist ein sehr starkes vitales Signal!! Erst jemand, der sich nicht mehr als leidend empfindet, ist in höchstem Maße gefährdet. Ansonsten liegt eher die Vermutung nahe, die ich unter „1.“ beschrieb: Dann ist es nötig für ihn, schnellstens zu lernen, aktiv zu kämpfen. Und dabei kann ein anderer helfen! Wenn das nicht möglich ist, ihm diese Perspektive nahe zu legen, dann müßte therapeutische Hilfe her, denn dann liegt etwas anderes an als nur ein vorübergehender Verlust von Zukunftsaussicht.
Soweit zu dem, was Du bisher geschrieben hast…
Grüße
Metapher