Sterbehilfe!

Guten Morgen Zusammen!

Ich habe eine Frage: Warum tuen sich so viele Menschen mit dem Thema „Sterbehilfe“ so schwer?
Wenn man sie darauf anspricht, werden sei alle sehr verlegen, kaum einer bekommt eine eigene Meinung raus und diejenigen die eine hervorbringen, nuscheln sie auch nur so dahin!
Ich finde dieses Thema ist ausgesprochen wichtig und habe es daher vor kurzem in meinem Freundeskreis angesprochen, bekam aber oben erkläutertes Resultat.
Was ist so schlimm daran, den Wunsch eines, im Kopf noch klaren Menschens zu respektieren?
Ich verstehe es nicht. Ich sehe oft Menschen leiden, sie sterben, jahrelang. Pflege sie bis sie nach jahrelangem Kampf, endlich den Frieden finden. Warum darf man diesen Menschen dann nicht endlich helfen und damit aufhören sie zu quälen?

Es wäre für mich interessant zu hören, was andere darüber denken!

Mfg

Franziska

Tabu-Thema
Hallo Franziska,
das Sterben wird in unserer Gesellschaft doch noch sehr tabuisiert. Betrachtet man technischen, medizinischen Fortschritt, und die Ich-Gesellschaft, wie sie wohl doch eher ausgeprägt ist als früher. Damals, also wo es noch richtige Grossfamilien gab, wurde der Tod genauso akzeptiert wie die Geburt. Als ein natürliches (unausweichliches) Ereignis. Die Sterbenden waren meist zu Hause, in Ihren letzen Stunden, bei Ihren Angehörigen.
Heutzutage gibt es doch viele Pflegeeinrichtungen, wie Krankenhäuser.Da neigt man doch eher dazu, die Person in qualifizierte Fachkrafthände zu übergeben. keine Frage, die Pflege zu Hause ist sehr anstrengend, körperlich, und besonders auch geistlich. Und da denke ich mal, liegt auch der Punkt. Wieso sich mit einem sterbenden Menschen auseinander setzen?Die Ärzte wissen schon, was zu tun ist. Sie wissen auch, was das Beste ist. Wie kann dann der Sterbende, der Leidtragende, noch urteilsfähig sein? Am Ende sind wir noch schuld an seinen Tod! Also wir lieber weggeschaut. Das ist doch einfacher. Augen zu; sehe ich Dich nicht, siehst Du mich auch nicht.
Man befässt sich nicht gern mit den Thema Tod. Und wenn nun plötzlich ein Angehöriger den Freitod wählt, ist man doch betroffen. Da ist ja jemand gestorben. Aber nicht, wie es sich ‚gehört‘, nein, durch eigene Entscheidung.
Und da der Tod, oder eine vorausgegangene Krankheit, Menschen unterschiedlicher Altersgruppen betreffen kann, kann man es auch nicht auf das Alter abschieben. Also die ‚natürliche‘ Art des Ablebens. (auch wenn Derjenige an Schläuchen im KH stirbt, er war doch alt, das musste eh kommen)
Da fehlt noch eine Toleranz-nein-Akzeptanzstufe. Und was geht dem voraus? Aufklärung. Das Unerklärliche macht uns doch solche Angst; wir wissen das wir sterben müssen, aber wir schieben das Thema vor uns her…Obwohl es wirklich jederzeit passieren kann…Und wer setzt sich schon gern mit den Thema plötzlichen Ablebens auseinander? Es ist eine Konfrontation mit sich selbst, ein Blick ins eigene Innere (wie stehe ich persönlich dazu? Habe ich zu mir selbst gefunden, so dass ich auch den Tod _akzeptieren_kann?)
Nicht ganz unwesentlich erscheint mir auch der gesellschaftliche Aspekt, was sagen die Kollegen über den selbstgewählten Tod? was sagt die Famile? (Bsp. eine Person kümmert sich um den Sterbenden, pflegt Ihn, steht Ihm bei, dieser wählt den Freitod; hat die Pflegende Person etwa Ihre Finger im Spiel?)
Das sind meine Gedanken darüber…
Nicole

Guten Morgen Franziska

Zivilcourage beginnt bekanntlich schon bei der Meinungsäusserung, und da tun sich viele Leute schwer, nicht nur mit dem Thema Sterbehilfe.

Man redet soviel über „in Würde leben“, man müsste aber auch in Würde sterben können. Die sog. lebenserhaltenden medizinischen Massnahmen verlängern doch nicht das Leben sondern oft das Sterben.

Tierquälerei wird empört von den meisten Menschen abgelehnt. Wie steht es eigentlich mit Menschenquälerei? Eid hin oder her, wenn ein Krebspatient im Endstadium endlich durch Herzstillstand erlöst wird, also klinisch tot ist, und ein Arzt schon mit den Elektroden bereitsteht…habe ich damit echt ein Problem.

Früher lebten die Menschen vielleicht schlechter…aber dafür starben sie besser. Durch die Fortschritte (!?) der Medizin, ist es heute in vielen Fällen umgekehrt.

Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung sagen viele…nur…ist DAS für den Betroffenen noch leben? Ich finde man sollte die Wünsche eines Sterbenden respektieren.

Sterbehilfe? - ja, wenn sie gewünscht wird

Gruss
Cabochon

Missbrauch
Hallo,

Ich habe eine Frage: Warum tuen sich so viele Menschen mit dem
Thema „Sterbehilfe“ so schwer?

man darf auch die Möglichkeit des Missbrauchs nicht vergessen.
Im dritten Reich hat man den Begriff „Sterbehilfe“ und den Begriff „Euthanasie“ (= schöner Tod) zur „Vernichtung unwerten Lebens“ verwendet, sprich: Man hat alte, kranke und vermeintlich unnütze (wehrlose) Menschen umgebracht.

Das ist zumindest ein Aspekt des Themas, der (besonders in Deutschland) berücksichtigt werden muss.

Gruß

Thomas Miller

Hallo Franziska,

zu den unten bereits von Nicole und Thomas genannten Argumenten kommt noch die religiöse Prägung, der sich niemand (auch ein Atheist nicht) entziehen kann. So weit ich weiß, ist Selbstmord in allen Religionen ein Tabu. Hängt sicherlich auch mit vergangenen Zeiten zusammen, in denen jedes einzelne Mitglied für das Überleben der ganzen Gemeinschaft (des Stammes) überlebensnotwendig war. Dies ist zwar heute nicht mehr der Fall, aber diese Prägung sitzt noch tief in uns.

Gruß Dirk

Es beruehrt einerseits unser aller Ur-Aengste, andererseits gibt es keine naturgegebene Loesung, keinen Anhaltspunkt zur Klaerung dieser Frage.
Einen Zeitpunkt, wo man sagt: „jetzt kann ich sterben“, gibt es nicht. Man kann zwar den Wunsch nach einem wuerdevollen Tod sehr gut verstehen, andererseits hat aber auch Johannes Rau recht, wenn er sagt „Wird dann nicht jeder rechenschaftspflichtig, der anderen sein Weiterleben aufbuerdet ?“ - hiermit verliert das Leben an sich den hohen, absoluten Stellenwert und tritt gegen andere, moeglicherweise egoistische, Interessen dritter Personen in den Hintergrund. Denn das Argument „lasst sie doch sterben, wenn sie wollen“ wird oft nicht aus Mitleid angefuehrt, sondern aus handfesten Eigeninteressen. Das Problem hat so viele Dimensionen und ist so komplex. Wer soll da eine Loesung finden ? Die Loesung per Gesetz, das ist ganz gefaehrlich, da drueckt man sich um die eigene Verantwortung und tritt diese an eine hoehere Instanz ab. Das kann schnell missbraucht werden (wie immer, wenn man sich aus der Verantwortung stiehlt). Eine Volksbefragung ist auch nicht geeignet, denn unsere Gesellschaft ist viel zu sehr auf Effizienz, Bequemlichkeit und Jugend fixiert. Maschine kaputt ? - Maschine auf den Muell.
Hier wird letztlich nur klar, dass uns allmaehlich die absoluten Werte abhanden gekommen sind.

Gruss, Moriarty

DANKE!
erstmal an alle, die ihre Meinung so offen dargelegt haben!

Gruss

Franziska

liebe franziska,

die angst vor mißbrauch der sterbehilfe ist ein grund. der begriff „euthanasie“ ist negativ belegt. (ups! hat Thomas Miller ja schon gesagt.) wer denkt dabei nicht gleich an nazi-deutschland? daß menschen zu allen allen zeiten einen „schönen tod“ für erstrebenswert hielten, wird verdrängt.
daß es in unserem kulturkreis nicht üblich ist und als morbid gilt, wenn man über den eigenen tod spricht, und selten der wille des sterbenden durch ein „rechtskräftiges“ dokument belegt ist, kommt hinzu. gründe, warum der der tod bei uns totgeschwiegen (huch! wortwitz) wird, haben meine „vorposter“ schon angeführt.
(by the way: ich kann nur jedem empfehlen, ein patiententestament zu machen. ein link dazu: http://www.wdr.de/tv/recht/testament.html)

widersprechen möchte ich aber Moriarty:

Einen Zeitpunkt, wo man sagt: „jetzt kann ich sterben“,
gibt es nicht.

es scheint ihn doch zu geben! ich habe es erlebt, daß menschen sagten „nun ist genug“. und zwar nicht in verzweiflung und der absicht, sich das leben zu nehmen, sondern im frieden mit sich selbst.

an den Weißen Ritter, der die tabuisierung auf religiöse gründe zurückführt:
du hast recht, aber : http://morgenpost.berlin1.de/archiv2001/010707/blick…

grüße von
ann