Wissenschaft Naturwissenschaft Psychologie
Hi Nike
eine spannende Fragestellung, aber sicher ohne Hoffnung, daß man sie in einem einzigen Thread auch nur einigermaßen befriedigend abhandeln könnte, geschweige denn ich einem Posting. Deshalb hier nur mal ein Anfang.
Die Diskussion hatte sich ja an der Frage des Umgangs mit Träumen entzündet. Das ist aber ein Thema für sich, für das wir erstmal die Frage nach der (Natur-)Wissenschaftlichkeit der Psychologie andiskutieren müßten. Dazu also später.
Das statement von Thomas
Physiker reduzieren häufig alles auf
Empirie, ohne zu merken, dass sie hier einen ganzen
Rattenschwanz von Voraussetzungen mitschleppen.
kann ich so nicht unterschreiben. Die Empirie - und zwar ganz speziell die materielle Empirie - ist nur mal der Definitionsbereich naturwissenschaftlicher Forschung und daher keineswegs eine Reduzierung. Aber man muß unterscheiden, ob es um die beobachtende Erfahrung geht, oder um deren Beschreibung. Daß dafür nicht nur rein empirische Begriffe nötig sind (das sind ja lediglich Namen, Benennungen, der beobachteten Objekte), das weiß jeder Naturwissenschaftler. Daß die Begriffe, mit denen wir die Erfahrungen ordnen, beurteilen, bewerten und mit denen wir neue Fragen stellen, nicht selbst wieder aus der Erfahrung gewinnen, das wissen wir spätestens seit Kant. (so ist z.B. „Kausalität“ keine beobachtbare Größe, die in der Natur vorliegt, sondern eine Voraussetzung des Denkens, um die Beobachtung auszuwerten).
Ist Psychologie überhaupt eine Naturwissenschaft und warum?
Dazu zuerst mal die Frage, ob sie eine Wissenschaft überhaupt sei.
Über die Kriterien von Wissenschaft/Naturwissenschaft hatte ich hier schon mal gepostet:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
hier nochmal das Wesentliche mit etwas anderen Worten:
Bei wissenschaftlichen Aussagen ist das entscheidende
- der sorgfältige Umgang mit der Grenze zwischen gesichtertem Wissen und (noch nicht) gesichtertem Wissen
- die sorgfältige Einhaltung der Grenze des Gegenstandsbereiches, über den diese Wissenschaft Aussagen zu machen kompetent ist.
Wenn z.B. ein Mediziner, der nach naturwissenschaftlichen Kriterien arbeitet, Akupunktur oder yogische oder taoistische Meditationstechniken für Unsinn erklärt, dann widerspricht er den eigenen wissenschaftlichen Kriterien! Ebenso ein Physiker, der erklärt, daß die astrologische Aussage, die Planeten hätten Einfluß auf Menschen, sei Unsinn.
Der Mediziner kann - wissenschaftlich korrekt - ausschließlich sagen „wir haben bisher über die physiologischen Wirkungen der Akupunktur keine Erkenntnisse“ und der Physiker kann - wissenschaftlich korrekt - lediglich sagen „wir können über astrologische Aussagen kein Urteil abgeben, weil das, was Astrologen ‚Wirkungen‘ nennen, bisher physikalisch nicht nachweisbar ist“.
Die Aussage „schottische Schloßgespenster gibt es nicht“ ist naturwissenschaftlich falsch. Die Aussage „über… können wir keine physikalische Existenzaussage machen“ ist naturwissenschaftlich korrekt.
Die grundlegende Unterscheidung zwischen reiner Akkumulation von Erfahrung und Wissenschaft im eigentlichen Sinne hat zuerst Aristoteles geleistet, und an dieser Unterscheidung hat sich bis heute nichts geändert: Der Arzt, der aus Erfahrung und Erinnerung weiß, daß für diese Krankheit jenes Mittel günstig ist, hat „Erfahrungswissen“, macht aber noch keine Wissenschaft. Wissenschaft fragt danach, warum dieses Mittel heilt und wie das funktioniert und ob das notwendigerweise so ist und ob immer oder nicht immer und wenn nicht immer, dann warum nicht usw… Auf diesem Wege der Frage nach Gründen bzw. Notwendigkeiten kommt sie daher auf das, was man später „Naturgesetze“ nennen wird. Dazu sind Verfahren des Beweisens und des Widerlegens nötig, für die ebenfalls Aristoteles die Grundlagen geliefert hat (Verfahren des logischen Schließens, Satz vom Widerspruch, Satz vom ausgeschlossenen Dritten usw.).
Die grundlegenden Mindestkriterien für (allgemein) wissenschaftliches Arbeiten sind demnach folgende:
1. die Überprüfung, ob die gebrauchten Begriffe unmißverständlich sind und ob mit dem Dialogpartner Konsens über ihre Verwendung besteht.
2. die Überprüfbarkeit der Aussagen , die mit diesen Begriffen gebildet werden. D.h. daß zu einer Aussage immer auch angegeben werden muß, worauf sie sich bezieht und auf welche Weise sie bewiesen werden kann bzw. unter welchen Umständen sie als widerlegt gelten soll und somit verworfen werden muß.
Bei diesem 2. Kriterium ist sehr entscheidend, daß es um die Überprüf barkeit geht, und nicht darum, ob die Überprüfung (bzw. die Widerlegung) bereits gelungen ist oder nicht!!
Eine naturwissenschaftliche Aussage (das muß noch nicht gleich eine Theorie sein!) - allgemeiner: eine Aussage einer empirischen Wissenschaft - hat zusätzlich noch anzugeben, auf welchen empirischen Sachverhalt sie sich bezieht ( Abgrenzung des Geltungsbereichs ): Das führt dazu, daß die von ihr gebrauchten Begriffe (aber nicht alle!!) sich auf beobachtbare Größen beziehen muß. Beobachtbare Größen (Fachbegriff: Observable ) sind aber Meßwerte , und Meßwerte sind Zahlen. Daher ist das entscheidende begriffliche Werkzeug in empirischen Wissenschaften die Mathematik. Denn Observable machen nur Sinn in ihrer Beziehung zu anderen Observablen und solche Beziehungen können gerade mit mathematischen Objekten und Operationen wiedergegeben werden (Skalare, Vektoren, Tensoren, Operatoren, Transformationen, Gleichungen, Differentialgleichung usw).
Das würde zunächst einmal bedeuten, daß die Psychologie zwar zu den Wissenschaften zählt, aber nicht zu den Natur wissenschaften, sofern sie nicht mit Meßgeräten arbeitet. Aber das gilt ja nicht für alle Forschungen, die in der Psychologie betrieben werden…
Wenn man den weitaus wichtigsten Bereich der Diagnostik psychischer Störungen und der Psychotherapie anschaut, dann sieht man, daß es mit der oben erwähnten Forderung nach Eindeutigkeit der Grundbegriffe noch sehr im Argen liegt. Was aber die wissenschaftliche Wertigkeit keineswegs schmälert, denn es geht ja nicht darum, daß die Eindeutigkeit bereits gelungen ist, sondern daß man um deren Wichtigkeit weiß und sich darum bemüht. Denn wie oben gesagt, geht es um den sorgfältigen Umgang mit der Grenze zwischen gesichterm und noch-nicht-gesichertem Wissen…
Dazu kommt, daß unter dem etwas neurotischen Zwang, sich als Naturwissenschaft bewähren zu müssen, also quantitativ (mit Observablen) arbeiten zu müssen, nach und nach die Statistik eine wesentliche Rolle zu spielen begann. Und das ist dann wohl auch das einzige, was Psychologie den Anschein von Naturwissenschaft gibt, wenn man von neueren Entwicklungen im Bereich der Neurophysiologie mal absieht (ein Thema für sich).
Aber gerade die Verwendung von Statistik ist das Problematische in der Psy. Jeden Mathematiker schaudert es dabei (ebenso bzgl. der Statistik in medizinischen Erhebungen), weil es bei der sinnvollen Anwendung von Wahrscheinlichkeitsbestimmungen nämlich entscheidend auf die exakte Definition des Einzelereignisses ankommt - und die ist leider hier fast immer abhängig vom Gebrauch der Umgangssprache und von der dahinterliegenden psychologischen Theorie.
Aber die Psychologie steht erst am Anfang ihrer Geschichte und jede Wissenschaft hat(te) die Geschichte, erst zu werden, was sie ist , und nicht, es von Anfang an zu sein.
Ich mach hier mal Schluß, eh ein Buch draus wird. Zum wissenschaftlichen Umgang mit Träumen später…
Gruß
Metapher