Betrifft Psychiatrie

1818 schrieb Dr. Benjamin Rush (genannt der Vater der amerikanischen Psychiatrie):

„Angst und schrecken wirken durch das Medium des Geistes
gewaltig auf den Körper ein und sollten dazu genutzt werden,
den Wahnsinn zu heilen“.

In Bezug auf bestimmte psychiatr. Erkrankungen (Zwangsneurosen etwa) wird das ja auch heute noch praktiziert.
Ich würde gern wissen, was die Fachleute hierzu sagen, ist das
so wirklich heute noch haltbar??? Wird das auch in der Psychol.
angewandt???

H.-D. *sehrinteressiertanantworten*

Hallo Heidi-Dilarah,
ich denke, Betroffene sind auch „Fachleute“ :wink: Deshalb schreibe ich Dir zu Deinem Posting.
Als unter Panikattacken Leidende kann ich zu dieser These vor allem sagen, dass sie bei mir nicht nur nichts genützt hat, sondern vieles verschlimmerte.
Der Wunsch nach einem Allheilmittel ist groß, aber bei einem Individuum wie dem Menschen wohl nicht erfüllbar.
Ergo: Nicht die Bekämpfung ist wichtig, sondern die Ursachenforschung (woraus dann die Bekämpfung folgen kann.) Manches lässt sich jedoch nicht mehr kitten, damit muss man sich dann arrangieren.
Viele Grüße,
Deine Jana

Liebe Jana,

ich denke, Betroffene sind auch „Fachleute“ :wink:

Aber sicher!

Ich kam drauf, da wir vor einigen Zeiten einen Patienten aus
der Psychiatrie wegen einer internistischen Erkrankung über-
nahmen. Ich hab mich sehr viel mit ihm unterhalten…und
hab Dinge gehört (durchaus glaubhaft, trotz psych. Erkrankung),
die mich doch erschüttert haben (z.B. Angst damit zu bekämpfen,
genau solche Situationen zu durchleben, die die Angst aus-
lösen).
Nun ist jeder Mensch individuell anders zu behandeln. Sicher
eine der größten Schwierigkeiten in der Psychiatrie und doch
gehen die Psychiater nach bestimmten Schemata vor (orientierend). Deshalb wollte ich von den Fachleuten hier wissen, ob die o.g. These haltbar und noch gängig ist bzw.
ob in der Psychologie auch so vorgegangen wird.

Manches lässt sich jedoch nicht mehr kitten, damit muss man
sich dann arrangieren.

Dabei wünsch ich Dir alles erdenklich Gute und denk immer
dran, wir alle müssen mit bestimmten Dingen leben, die uns
hindern ganz frei zu sein, aber je besser man damit umgehen
lernt, desto besser wird man leben.
Viele Grüße

H.-D.

Hallo Heidi,

genau solche Situationen zu durchleben, die die Angst aus-
lösen).

Es gibt eine Richtung, die Phobien so recht erfolgreich behandelt (sorry, hab gerade ein Black-out (schwül und Gewitter, 34° im Büro, daher fällt mir momentan nicht ein, wie diese Richtung heißt): aber ein Beispiel: ein Arachnophobiker (Spinnenangst) wird mit Spinnen konfrontiert (Nähe, angreifen,…), man geht davon aus, dass sich seine Angst dadurch auflöst.
Angeblich recht erfolgreich, ich selber halte nix davon (und, ehrlich gesagt, ich behalte lieber meine Spinnenphobie!!!9

Nun ist jeder Mensch individuell anders zu behandeln. Sicher
eine der größten Schwierigkeiten in der Psychiatrie und doch
gehen die Psychiater nach bestimmten Schemata vor
(orientierend). Deshalb wollte ich von den Fachleuten hier
wissen, ob die o.g. These haltbar und noch gängig ist bzw.
ob in der Psychologie auch so vorgegangen wird.

Dazu sollten Psychiater Stellung nehmen. Aber Du unterscheidest glücklicherweise hier ohnehin Psychiater und Psychologen bzw. Psychtherapeuten, die werden nämlich oft in einen Topf geworfen.
An und für sich betreiben die gängigen Psychotherapie-Schulen (jene, die in Österreich per Gesetz zugelassen sind) mit Ausnahme der oben beschriebenen (verflixt, wie heißt die bloss *grrrr*), Ursachenforschung und/oder Umgang mit den Auswirkungen und nicht mit „Schockeffekten“.

Liebe (benebelte) Grüße#
Birgit

Hallo zusammen,

bei Panikattacken wird oft die sogenannte Konfrontationstherapie angewandt. Dabei werden die Situationen aufgesucht oder erzeugt, die die Panik auslösen. Das gilt es dann auszuhalten.
Ich habe damit zwiespältige Erfahrungen gemacht. Einerseits hat es geholfen wieder einigermaßen mobil zu werden, aber dann kam ein Punkt, wo es trotz allen Bemühens nicht mehr recht weiter ging. Zwar hatte ich weiter Erfolg damit, aber nach einiger Zeit war das Erreichte plötzlich wieder weg. Die Ärtze konnten sich das nicht erklären und habe mir zum Teil die Schuld zugewiesen (Sie tun zu wenig). Wir hatten dann ordentlich Streit.
Die Konfrontationstherapie ist eine sehr harte und konsequente Therapieform, die viel von einem abverlangt. Alle, die da durch sind, haben richtig was geleistet und mitgemacht. Für Paniker ist aber ohnehin das ganze Leben eine Art Konfrontationstherapie. Aber man muß seine Grenzen kennen und akzeptieren lernen.
In einer analytischen Therapie habe ich dann nach den Ursachen gesucht. Leider mit wenig Erfolg. Ein Psychologe hat mir schon vor Jahren zu dem Thema gesagt, daß meine zu hohen Ansprüche die Ursache wären. Nun versuche ich seit einiger Zeit, mir eine gewisse Wursigkeit anzugewöhnen und den Streß bei der Arbeit und Privat zu reduzieren. Das ist schwer, aber die Panik ist weniger geworden.

Grüße, Erwin

danke docErwin (wie passend *gg*),

bei Panikattacken wird oft die sogenannte
Konfrontationstherapie angewandt. Dabei werden die Situationen
aufgesucht oder erzeugt, die die Panik auslösen. Das gilt es
dann auszuhalten.

Also doch, es wird praktiziert, das war ja meine Frage…

Die Ärtze konnten sich das nicht erklären und habe mir zum Teil die Schuld zugewiesen (Sie tun zu wenig). Wir hatten dann
ordentlich Streit.

Es ist sicher für beide Seiten schwer, die Ursache hierfür
zu finden, aber als Pat. sollte man sich auch Gehör verschaffen und ein Streit kann ja durchaus pos. enden.

Die Konfrontationstherapie ist eine sehr harte und konsequente
Therapieform, die viel von einem abverlangt. Alle, die da
durch sind, haben richtig was geleistet und mitgemacht. Für
Paniker ist aber ohnehin das ganze Leben eine Art
Konfrontationstherapie. Aber man muß seine Grenzen kennen und
akzeptieren lernen.

Nicht nur für Paniker, aber da ist wohl der Leidensdruck ein
recht erheblicher…keine Ahnung, ob ich sowas durchhalten
würde…

Nun versuche ich seit einiger Zeit, mir

eine gewisse Wursigkeit anzugewöhnen und den Streß bei der
Arbeit und Privat zu reduzieren. Das ist schwer, aber die
Panik ist weniger geworden.

Dann ist es doch zumindest ein Teilerfolg, viel Glück weiterhin

Hallo Birgit,
vielen Dank für die „benebelte“ Antwort. Und Angst vor Spinnen
hab ich auch, aber als krank würd ich das nicht gleich
bezeichnen…*gg*, die Viecher sind nun mal eklig…

Liebe Grüße
H.-D.

Hi Heidi,

ich habe meine Flugangst UND Höhenangst im Zuge einer individualpsychologischen Therapie verloren, ohne dass diese unmittelbar angesprochen wurden - wahrscheinlich wurde ihnnen der Boden entzogen.

Meine Angst vor Hunden hat witzigerweise ein Diensthundeführer der Polizei damit kuriert, dass er mit mir so lange in der Zwingerbaracke (links und rechts zehn Käfige mit geifernden Kötern) stehengeblieben ist, bis ich auf einmal keine Angst mehr hatte. jetzt hab ich schon den zweiten (großen!) Hund.

Die Konfrontationstherapie habe ich in einer ganz miesen Weise bei einem Psychologen erlebt, der mich ohne jedes Vorgespräch anbrüllte, meine Migräne sei doch nur Mache, ich wollte was damit erreichen, dass ich mich „krank stellte“ - darauf habe ich ihm ganz herzlich zehn Minuten meiner Migräne gewünscht.

Bei der Bekämpfung von Phobien geht es meines _Wissens so zu, dass man sich schrittweise an das Objekt der Phobie annähert: Erst nur reden darüber, dann Bilder anschauen, dann Spinne hinter Glas …
Ich meine nur, eine 1818 geschriebene Ansicht ist ein bisschen antiquiert, oder?
gruß,
bb

Hi bb,

Ich meine nur, eine 1818 geschriebene Ansicht ist ein bisschen
antiquiert, oder?

Dachte ich auch, aber bei dieser s.g. Konfrontationstherapie
wird doch noch genauso verfahren…oder versteh ich das falsch?

LG
h.d.

VT
Hi Birgit

daher fällt mir momentan nicht ein, wie diese Richtung heißt

Du meinst die Verhaltenstherapie (VT)

Sie ist mit der Therapie von reinen Phobien tatsächlich sehr erfolgreich - hab was von ca 65% in Erinnerung…

An und für sich betreiben die gängigen Psychotherapie-Schulen
(jene, die in Österreich per Gesetz zugelassen sind) mit
Ausnahme der oben beschriebenen (verflixt, wie heißt die bloss
*grrrr*), Ursachenforschung und/oder Umgang mit den
Auswirkungen und nicht mit „Schockeffekten“.

Allerdings arbeitet auch die VT nicht bei jedem Syndrom mit Konfrontation (die bitte bitte nicht mit „Schocktherapie“ verwechslet werden sollte!) und ausschließlich schon gar nicht! Aitiologie spielt auch hier eine wesentliche Rolle - diese Anleihe aus psychoanalytischen Verfahren hat heute im Grunde jede ernstzunehmende Psychotherapie.

Grüße
Metapher

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dynamische Psychiatrie 19. Jhdt
Hi Heidi

„Angst und schrecken wirken durch das Medium des Geistes
gewaltig auf den Körper ein und sollten dazu genutzt werden,
den Wahnsinn zu heilen“. B. Rush

… aber bei dieser s.g. Konfrontationstherapie wird doch noch genauso verfahren…

Nein, das wäre ein Witz.

Wie unten in diesem thread („VT“) beschrieben, wird das „Konfrontations“-Verfahren in der Verhaltenstherapie angewendet. Einige verwandte Methoden (meinem persönlichen Urteil nach pervertierte) finden sich u.a. bei Hellinger.

Diese verhaltenstherapeutischen (also nicht psychiatrischen) Methoden basieren auf dem amerikanischen Behaviourismus (Skinner et al.), den es bei den Anfängen der sog. „dynamischen“ Psychiatrie Anfang des 19. Jhdt. noch nicht gab. Da waren vielmehr (aus dem und teils auch gegen den Mesmerismus weiterentwickelte) Methoden der Suggestion und der Hypnose in der Diskussion. Sie wurden auch in USA studiert und diskutiert und im englischen Sprachraum u.a. als „Neurohypnology“ bezeichnet.

In dieser frühen Epoche der Psychiatrie war überhaupt noch nicht klar, wie somatische bzw. neurologische Prozesse von psychischen zu unterscheiden seien bzw. mit ihnen zusammenhingen. Als Prototyp des psychophysischen Zusammenhangs galt noch weitgehend der sog. Magnetismus (Mesmer), der ein Konkurrenzmodell gegen den Exorzismus (Gassner)
war. Gleichzeitig mit der Psychosomatik, die Feuchtersleben begründete, startete dann die dynamische Psychiatrie (eben mit Hypnose und Suggestion) die Phase der Überwindung dieser Verfahren. Sie mündete dann ihrerseits in die Psychoanalyse (die sich ja bekanntlich auch aus Hypnosestudien entwickelte). Und diese war ebenfalls in den Anfängen noch nicht gegen psychiatrische (also somatische bzw. neurologische) Therapietheorien (Pariser Psychiatrie-Traditionen) sehr krass unterschieden.

Gruß
Metapher

3 „Gefällt mir“

Hallo Metapher,
ja ich meinte VT, gestern hatte ich einen wetterbedingten Gehirn-Patschen.

Sie ist mit der Therapie von reinen Phobien tatsächlich sehr
erfolgreich - hab was von ca 65% in Erinnerung…

Richtig, das ist die Erfolgsquote!

Allerdings arbeitet auch die VT nicht bei jedem Syndrom mit
Konfrontation (die bitte bitte nicht mit „Schocktherapie“
verwechslet werden sollte!) und ausschließlich schon gar
nicht!

Der Terminus „Schockeffekte“ war auf das Ausgangsposting bezogen, zugegebenermaßen nicht wissenschaftlich ausgedrückt.
Erfolg hin oder her, ich persönlich halte von der Konfrontationsmethode nicht so viel, weil sie von den Klienten sehr oft als „Schocktherapie“ erlebt wird und die Ablehnung a priori dann schon sehr groß ist. Und für mich sind primär die Ursachen wichtig, aber das kommt - wie gesagt - auf die Situation und die Persönlichkeit des Klienten an.

Liebe Grüße#
Birgit

Mißgriffe
Hi bb

wie soetwas:

Die Konfrontationstherapie habe ich in einer ganz miesen Weise bei einem Psychologen erlebt, der mich ohne jedes Vorgespräch anbrüllte, meine Migräne sei doch nur Mache, ich wollte was damit erreichen, dass ich mich „krank stellte“ - darauf habe ich ihm ganz herzlich zehn Minuten meiner Migräne gewünscht.

auf dich gewirkt haben muß, kann man ohne Weiteres nachvollziehen. Was auch immer das für Kuriosa waren, an die du da zeitweilig geraten bist, es war sicher eine heftige Sache, aus das nich zu verarbeiten, da du ja auf der Suche nach Sinnvollerem warst.

Aber wie wir ja schon mal ähnlich diskutierten, kann ich nicht so ganz nachvollziehen, aus welchem Grund du solche grauenhaften Vorkommnisse genau dann postest, wenn jemand auf der Suche nach dem ist, was für ihn das geeignetste sein könne. Irgendwie verbreitest du dadurch Hoffnungslosigkeit, Mißtrauen, sogar Angst. Dadurch kann so mancher Leser vor dem Schritt zurückschrecken, doch einmal wenigstens ein Beratungsgespräch in psychotherapeutischer Richtung zu starten.

Ca 80& meiner Klienten (ich mache keine Psychotherapie) bringen Erfahrungen aus ergebnislosen oder gar mißglückten Psychotherapien mit und dementsprechend gibt es viele Hinweise, was an div. psychotherapeutischen Verfahren für die jeweils vorliegende Problematik (!!) ungünstig oder gar gegenindiziert war. Nicht immer liegt, nach vorsichtigem Ermessen aus der Distanz, dann ein regelrechter therapeutischer Fehler vor. Natürlich gibts auch manchmal die starke Vermutung therapeutischer Unfähigkeit - auch gar Fehlverhalten (das allerdings individuell auf den Th. beziogen, nicht auf das Verfahren überhaupt).

Aber solche Gruselgeschichten, wie du sie erlebt hast, würden (zumindest in D) eine erhebliche Gefahr für die weitere Berufsausübung des betreffenden Psychotherapeuten bedeuten. Der Vorwurf des „Krankstellens“ ist in jeder Psychotherapie ein geradezu widersinniger, sogar schwachsionniger Mißgriff, den man nicht mal als „Kunstfehler“ interpretieren kann. Schlimm, wenn du es erlebt hast… aber nach wie vor kann ich nicht glauben, daß das reguläre Vertreter von Psychotherapien waren, denn wenn ich mich erinnere, hast du auch von Kristallen und Pendeln geschrieben damals…

Grüße
Metapher

2 „Gefällt mir“

Hi Metapher,

Aber wie wir ja schon mal ähnlich diskutierten, kann ich nicht
so ganz nachvollziehen, aus welchem Grund du solche
grauenhaften Vorkommnisse genau dann postest, wenn jemand auf
der Suche nach dem ist, was für ihn das geeignetste sein
könne. Irgendwie verbreitest du dadurch Hoffnungslosigkeit,
Mißtrauen, sogar Angst. Dadurch kann so mancher Leser vor dem
Schritt zurückschrecken, doch einmal wenigstens ein
Beratungsgespräch in psychotherapeutischer Richtung zu
starten.

Also so hab ich das nicht verstanden. Es wurde gefragt, ob "Schock"therapien heute noch angewendet werden und dabei tauchte auch der Begriff Konfrontationstherapie auf. Ich habe gesagt, ich hätte eine solche erlebt; die ich als Skandal empfand. Gleichzeitig habe ich erwähnt, dass eine (laienhafte) Schocktherapie mich von meiner großen Angst vor Hunden befreit hat, sowie eine reguläre individualpsychologische Therapie, die mir meine Flugangst und Höhenangst genommen hat. Das ist doch wohl positiv genug, oder?
Was die Migräne angeht, wurde sie dann ganz schulmedizinisch behandelt und ist weitgehend verschwunden. Übrigens kann ich mich erinnern dass mir der Hinsicht auf eine erfolgreiche medikamentöse Therapie meiner Depressionen in diesem Brett heftige Vorwürfe eingetragen hat, positive Erlebnisse scheinen also auch Kritik hervorzurufen.

Ca 80& meiner Klienten (ich mache keine Psychotherapie)
bringen Erfahrungen aus ergebnislosen oder gar mißglückten
Psychotherapien mit

Na, dann bin ich ja wohl nicht die einzige, die Gruselgeschichten zu erzählen hat …

Aber solche Gruselgeschichten, wie du sie erlebt hast,
würden (zumindest in D) eine erhebliche Gefahr für die weitere
Berufsausübung des betreffenden Psychotherapeuten bedeuten.

In A vermutlich auch, denn als ich der Gemeinschaftspraxis, in die er eingegliedert war, später vorsprach sagte mir der Internist dort: „Den haben wir entsorgt.“ (Ich hoffe, das war nur als Hinweis auf eine Kündigung und nichts Schlimmeres zu verstehen *bösartiggrins*)

aber

nach wie vor kann ich nicht glauben, daß das reguläre
Vertreter von Psychotherapien waren,

Nachdem dir 80% Prozent deiner Klienten von missglückten Therapien erzählen, kannst du noch immer nicht glauben, dass Psychotherapeuten Fehler machen? Ts, ts. Kann es sein, dass du Psychotherapeuten mit zu viel kindlicher Ehrfurcht betrachtest?
Aber wenn du willst, kann ich dir (privat) Namen und Adresse meines Psychotherapeuten schicken und du kannst ja selber nachfragen, ob er ein regulärer Therapeut war oder nicht. Pendel und Kristalle habe ich erwähnt als Beispiel, was dir bei der Suche nach Therapien alles unterkommt.

gruß,
bb

Hi M.

„Angst und schrecken wirken durch das Medium des Geistes
gewaltig auf den Körper ein und sollten dazu genutzt werden,
den Wahnsinn zu heilen“. B. Rush

… aber bei dieser s.g. Konfrontationstherapie wird doch noch genauso verfahren…

Nein, das wäre ein Witz.

Gut ich frage: wenn jemand einen Waschzwang hat und gezwungen wird, im Dreck „zu wühlen“…klingt das für mich nicht witzig.
Oder, jemand hat Panikattacken auf belebten Straßen und wird
gezwungen (ich mein das i.S. der Therapie) sich dort aufzuhalten ist das auch nicht witzig für den Betroffenen. Man könnte dazu
noch Beispiele (Klaustrophobie z.B.) nennen. So diese Art
Verfahren meinte ich. Da ich nur interessiert und ansonsten
ein ledigl. belesener Laie bin, ist mir schon klar, wie das jetzt auf einen Fachmann wirkt und bitte mir das nachzusehen. Dieser unser Pat. (s.o.) hat mich verunsichert. Ich hab mir auch dahingehend Gedanken gemacht, das auch die Psychoanalyse z.B. ein furchtbar schmerzhafter Prozess für die
Betroffenen sein muss (jedenfalls hab ichs von Betroffenen nie
anders gehört). Ein sehr lieber Freund von mir ist nach der
Therapie (stationär für 1 Jahr - mit anschließender Reha seit
wiederum fast 1 Jahr mit dem Ziel der Wiedereingliederung) völlig wesensverändert. Egal wann wir reden, ich höre nur seinen
Therapeuten, er selber ist gar nimmer vorhanden. Dieser Freund,
dem es jetzt wesentl. besser geht, hat mir auch solche verhaltenstherapeutischen Maßnahmen erläutert und sie mit einem
Marathon verglichen. Ich mach mir einfach nur Sorgen, ob
das alles richtig so ist, wie da verfahren wird. Zum einen
suchen diese Leute das unbedingte Gespräch, zum anderen kann
man als Aussenstehender gar nichts machen, wenn man bemerkt,
wie sie wieder abtriften…tschuldigung, jetzt hab ich viel
zu lang geschrieben…

PS: zu den unten genannten Ausführungen:
Einiges davon hab ich schon gelesen, neu war mir das der Magnetismus ein Konkurrenzmodell gegen den Exorzismus darstellte, und ganz vielen Dank für die vielen Tips wo ich
was nachlesen kann.

P.P.S: Ich hatte einige Kurse vor Jahren in „Psychologie am
Krankenbett“. Darüber muß ich heute noch manchmal herzlich
lachen, und da ich schon immer grundsätzlich alles hinterfrage, um meine Meinung ggf. verteidigen zu können, wurde ich damals
fast aus dem Kurs geworfen, da ich mich weigerte, anzuerkennen,
daß ich einem wütenden Pat. „aktiv dulde“ …ich weiss noch das nannte sich „Ausdruck echter Überlegenheit“. Wie kann man
sich anmaßen mit 20 einem kranken alten Pat. echt überlegen zu
sein…naja, daß nur mal so am Rande, waren wilde Zeiten im Osten.

Wie unten in diesem thread („VT“) beschrieben, wird das
„Konfrontations“-Verfahren in der Verhaltenstherapie
angewendet. Einige verwandte Methoden (meinem persönlichen
Urteil nach pervertierte) finden sich u.a. bei Hellinger.

Diese verhaltenstherapeutischen (also nicht psychiatrischen)
Methoden basieren auf dem amerikanischen Behaviourismus
(Skinner et al.), den es bei den Anfängen der sog.
„dynamischen“ Psychiatrie Anfang des 19. Jhdt. noch nicht gab.
Da waren vielmehr (aus dem und teils auch gegen den
Mesmerismus weiterentwickelte) Methoden der Suggestion und der
Hypnose in der Diskussion. Sie wurden auch in USA studiert und
diskutiert und im englischen Sprachraum u.a. als
„Neurohypnology“ bezeichnet.

In dieser frühen Epoche der Psychiatrie war überhaupt noch
nicht klar, wie somatische bzw. neurologische Prozesse von
psychischen zu unterscheiden seien bzw. mit ihnen
zusammenhingen. Als Prototyp des psychophysischen
Zusammenhangs galt noch weitgehend der sog. Magnetismus
(Mesmer), der ein Konkurrenzmodell gegen den Exorzismus
(Gassner)
war. Gleichzeitig mit der Psychosomatik, die Feuchtersleben
begründete, startete dann die dynamische Psychiatrie (eben mit
Hypnose und Suggestion) die Phase der Überwindung dieser
Verfahren. Sie mündete dann ihrerseits in die Psychoanalyse
(die sich ja bekanntlich auch aus Hypnosestudien entwickelte).
Und diese war ebenfalls in den Anfängen noch nicht gegen
psychiatrische (also somatische bzw. neurologische)
Therapietheorien (Pariser Psychiatrie-Traditionen) sehr krass
unterschieden.

Gruß
Metapher

Verhaltenstherapie und Psychoanalyse
Hi Heidi

für die Geschichte der Psychiatrie und Psychotherapie ist nach wie vor ein Standardwerk:

Henry F. Ellenberger: „Die Entdeckung des Unbewußten“. Bern 1973
ISBN:3257213433 Buch anschauen

Originalausgabe: „The Discovery of the Unconscious“, New York (Jahrgang ??)

Vielleicht auch was für die Literaturliste?

Gut ich frage: wenn jemand einen Waschzwang hat und gezwungen

wird, im Dreck „zu wühlen“…klingt das für mich nicht witzig.

Nein, das wäre nicht witzig. Aber in der Verhaltenstherapie wird soetwas nicht „erzwungen“, sondern es wird sukzessive mit Vorübungen angebahnt. Das geht auch nur dann, wenn sich auf der Basis einer Vereinbarung der Patient zur Mitarbeit entschließt. (ob die „Übung“ - im Falle einer Sauberkeitszwanges - nun gerade „im Dreck wühlen“ ist, oder vielmehr später so bezeichnet wird, das kann ich nicht beurteilen)

Ich hab mir auch dahingehend Gedanken gemacht, das auch die Psychoanalyse z.B. ein furchtbar schmerzhafter Prozess für die Betroffenen sein muss (jedenfalls hab ichs von Betroffenen nie anders gehört).

Die Psychonalyse ermöglicht (je nach vorliegender Problematik), traumatische Erlebnisse in der Gegenwart nachträglich „auszuagieren“, die in der Vergangenheit nicht „adäquat“ affektiv beantwortet werden konnten/durften (durch Ausdruck von Wut, Trauer, Schmerz z.B.), und die deshalb verdrängt wurden. Dieser in der Vergangenheit fehlende Ausdruck erzeugt in der Gegenwart Leidensdruck, der - da seine Quelle unbewußt ist - rational/bewußt nicht erklärbar ist, und daher zusätzlich Irritation erzeugt. Die gelungene Auflösung bringt daher nicht einen neuen, zusätzlichen Schmerz hervor, sondern bringt nur eh vorhandenen Schmerz an die „Oberfläche“. Aber dadurch steht er jetzt der Bewältigung zur Verfügung, wobei der Therapeut dann der Begleiter ist. So kann das schmerzliche Erlebnis, das wegen der Verdrängung nicht „wirklich“ in der Vergangenheit versinken konnte, jetzt bewußt „verabschiedet“ werden. Es steht der Erinnerung jetzt frei, und daher schmerzfrei, zur Verfügung.

Ein sehr lieber Freund von mir ist nach der Therapie … völlig wesensverändert. Egal wann wir reden, ich höre nur seinen Therapeuten, er selber ist gar nimmer vorhanden.

Schwer was zu zu sagen. Man sollte vorsichtigerweise das „nach der Therapie“ nicht als „durch die Therapie“ interpretieren. Denn es könnte sich nach deiner Andeutung durchaus um eine psychotische Erscheinung handeln - und die hat wenig günstige Therapieaussichten. Psychoanalytiker nehmen übrigens auch Psychotiker nicht an. Es könnte auch sein, daß die Psychose nicht rechtzeitig erkennbar war (oder auch nicht erkannt wurde), sodaß die Therapie, falls es eine PsyAnalyse war, abgebrochen werden mußte. Das „ich höre immer nur seinen Therapeuten“ ist normalerweise ein Zeichen, daß die sog. „Übertragungsphase“ in der Analyse schon erreicht war. Das ist dabei eine notwendige, aber durch die bzw. nach der sog. „Bearbeitung“ vorübergehende Phase, in der der Therapeut idealisiert wird. Diese Idealisierung muß nicht immer eine Art „Liebesbeziehung“ sein wie möglicherweise hier, es kann auch umgekehrt eine Haßbeziehung sein. Aber das löst sich später wieder auf im psychoanalytischen Prozess…

Ich mach mir einfach nur Sorgen, ob das alles richtig so ist, wie da verfahren wird.

Da möcht ich fast unseren w-w-w-Markus (Uschi’s Typologie Kategorie 5.) zitieren: „Da kann ich dich gut verstehen“.

Zum einen suchen diese Leute das unbedingte Gespräch, zum anderen kann man als Aussenstehender gar nichts machen, wenn man bemerkt, wie sie wieder abdriften…

Das Abdriften sollte ein Therapeut im Griff haben. Aber genau deshalb ist für psychotische Erscheinungen, die Psychoanalyse nicht geeignet. Bei anderen Problemen besteht aber keine Gefahr „abzudriften“…

Und für Menschen, die das „unbedingte“ Gespräch suchen, gibt es inzwischen geeignetere Möglichkeiten als Psychotherapie.

Liebe Grüße

Metapher

___

Mod: Buch anklickbar gemacht - und in die Literaturliste aufgenommen. :wink: