Neon Genesis Evangelion

Hi!

Falls euch die Überschrift nichts sagt: NGE ist eine Anime-Serie (wenn ihr sie nicht kennt, überspringt den nächsten Satz und den nächsten Textblock).

Aber zu der eigentlichen Frage:

In NGE taucht ja, vor allem gegen Ende, recht viel Psychologie auf. Gibt es hier vielleicht jemanden, der NGE kennt und der sich halbwegs mit Psychologie auskennt? Ich wüsste gerne, welche psychologischen Phänomene in NGE auftauchen (z.B. welche Neurosen/Psychosen die Charaktere haben), und welche Modelle von welchen Psychologen verwendet werden.

Von wem stammt z.B. die Erkenntnis, dass unsere Welt, unsere Wahrheit, eine verdrehte Sicht der Realität ist, die nur in unserem Geist existiert?
Und gibt es irgendwo in der Psychologie das Modell, dass in NGE Hedgehog´s Dilemma genannt wird (Je näher sich die Menschen kommen, desto mehr verletzen sie sich. Man muss sich dem Schmerz stellen oder die Einsamkeit ertragen)?

Danke für eure Aufmerksamkeit!
-Sebastian

‚Radikaler Konstruktivismus‘
Hallo,

Von wem stammt z.B. die Erkenntnis, dass unsere Welt, unsere
Wahrheit, eine verdrehte Sicht der Realität ist, die nur in
unserem Geist existiert?

ich habe leider nur auf diese drei Zeilen eine Antwort, aber vielleicht hilft sie ja schon weiter.

Skeptiker, die immer der Meinung waren, dass wir die Welt nich so sehen, wie sie ist, hat es immer gegeben. Bei der obigen Beschreibung fallen jedem Philosophen sofort die Theorien von George Berkeley ein.

Noch treffender aber scheint mir eine philosophische Richtung zu sein, die sich " Radikaler Konstruktivismus" nennt. Die Anhänger dieser Theorie sind der Meinung, dass die existierende Welt nicht ohne unser Denken so wäre, wie sie ist. Wir erfahren hiernach nichts durch Erfahrung und nichts über die Welt, sondern die Erfahrung lernt immer nur dasjenige kennen, was sie schon in die Welt hineinprojiziert.

Eine Beschreibung findest du hier:
http://userpage.fu-berlin.de/~miles/konstrukt.htm .

Gruß

Thomas Miller

Hi!

Das mit dem radikalen Konstruktivismus scheint zu passen, vor allem die Idee, dass es im Grunde keine Probleme gibt sondern nur nicht-viable Wahrheiten. Das es keine ‚echte Realität‘ gibt ist mir etwas zu extrem, passt aber auch zu NGE:

Shinji: Die Welt der Freiheit.
Rei: Und deshalb gibt es hier nichts.
Shinji: Solange ich nicht denke.
Misato: Ja, solange Du nicht denkst.
(erinnert bissl an den leeren Raum in Matrix)

Ich werd mir wenn ich demnächst mal Zeit hab noch mal ein paar Schlüsselepisoden angucken und mal schauen, ob das Modell des Radikalen Konstruktivismus da auch sonst passt.

Danke für den Tip!
-Sebastian

Noch ein Hinweis
Hallo,

ich habe vergessen, darauf hinzuweisen, dass der „Radikale Konstruktivismus“ und der (methodische) „Konstruktivismus“ (Dingler, Lorenzen, Janich etc.) nichts miteinander zu tun haben.

Diese Bemerkung scheint mir notwendig, weil es hier immer wieder zu Verwechslungen kommt.

Gruß

Thomas Miller

ich habe vergessen, darauf hinzuweisen, dass der „Radikale
Konstruktivismus“ und der (methodische) „Konstruktivismus“
nichts miteinander zu tun haben.

Und was ist der Unterschied? Wie funktioniert der methodische Konstruktivismus?

-Sebastian

Hallo Sebastian,

Und was ist der Unterschied? Wie funktioniert der methodische
Konstruktivismus?

dazu ein Link:
http://www.unet.univie.ac.at/~a9501958/Erlanger%20Ko… .

Wenn dir das zu kurz ist:
http://staff-www.uni-marburg.de/~janich/janich_publ… .

Bei Fragen kannst du dich ja nochmal melden.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Puh, der kurze Text überfordert mich…

Buch möchte ich aber keins kaufen, ich hab grad nicht besonders viel Geld (und auch nicht genug Zeit um ein ganzes Buch zu lesen).

Kannst du nicht in wenigen Worten beschreiben, wie methodischer Konstruktivismus funktioniert? Soweit ich aus dem kurzen Text erkannt habe ist der meth. Konstr. etwas völlig anderes als der Radikale.

Kurze Beschreibung
Hallo Sebastian,

Puh, der kurze Text überfordert mich…

es gab im Netz keinen besseren.

Buch möchte ich aber keins kaufen, ich hab grad nicht
besonders viel Geld (und auch nicht genug Zeit um ein ganzes
Buch zu lesen).

Ich kann dir noch Lexikonartikel über Konstruktivismus oder Protophysik empfehlen, die du in der Bibliothek nachschlagen kannst, z. B. im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ oder im „Lexikon der Wissenschaftstheorie“.

Kannst du nicht in wenigen Worten beschreiben, wie
methodischer Konstruktivismus funktioniert? Soweit ich aus dem
kurzen Text erkannt habe ist der meth. Konstr. etwas völlig
anderes als der Radikale.

Ich versuchs mal. Du hast völlig Recht - und das wollte ich ja sagen -, dass der Radikale Konstruktivismus etwas völlig anderes ist als der Methodische Konstruktivismus.

Also:

Der „methodische Konstuktivismus“ oder besser die konstruktive Wissenschaftstheorie geht davon aus, dass der Aufbau der verschiedenen Wissenschaften methodisch begründet werden kann und soll. Wissenschaftliche Theorien besitzen nach dieser Theorie nur dann Gültigkeit, wenn sie 1. methodisch, 2. zirkelfrei, und 3. stufenartig aufgebaut oder rekonstruiert werden können. Man beginnt hier nicht mit Definitionen - wie in den anderen Wissenschaftstheorien -, sondern mit Handlungen. Ich stelle Theorien auf, weil ich Zwecke mittels Handlungen erreichen will. Die dafür notwendige Sprache muss gerechtfertigt und dann eingeübt werden - zunächst die Elementarsätze, die logischen Partikel, die logischen Prädikate, die logischen Operatoren usw. Die Zwecke werden durch intersubjektive Dialogregeln als intersubjektiv gültig festgelegt. Nach ihnen richtet sich dann das weitere Vorgehen.

Das am weitesten entwickelte Modell dieser Art von Konstruktivismus ist die Protophysik, die die Physik rekonstruieren will, indem zunächst die Voraussetzungen der Physik entwickelt werden Geometrie, Chronometrie (Zeitmessung) und Hylometrie (Massenmessung) als nicht-empirische Bedingungen aller empirisch-messenden Praxis der Physik.

Folge dieser Wissenschaftstheorie ist z. B., dass Physik nicht die Geometrie widerlegen kann. Aber das würde schon nicht mehr jeder Konstruktivist in diesem Sinne unterschreiben. Hier beginnen die Streitpunkte.

Jedenfalls soll dieses Programm für alle Wissenschaften durchgeführt werden: Arithmetik, Geometrie (Raumlehre), Zeitmessung usw., und später dann auch für Chemie, Biologie, Psychologie, Soziologie, Politik, Ethik usw. Einiges ist bereits durchgeführt und wird diskutiert, anderes harrt noch der Untersuchung.

Der Unterschied ist also kurz gesagt folgender:
Methodische Konstruktivisten wollen die nicht-empirischen Bedingungen empirischer Forschung ergründen, also diejenigen Handlungen festlegen, die man sinnvoll machen muss, um überhaupt so etwas wie Wissenschaft zu betreiben.
Radikale Konstruktivisten haben sich schon von Wissenschaft im üblichen Sinne eigentlich ganz verabschiedet, weil die Empirie bei ihnen gar keine Rolle mehr spielt.

Das sind die Grundgedanken, die sich natürlich alle in der Diskussion befinden, sodass das eine oder andere von dem einen oder anderen Konstruktivisten mehr oder weniger vertreten wird.

Vielleicht darf ich dir ja mein eigenes Buch empfehlen *hüstel*.
In ihm habe ich gezeigt, wie in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts der Konstuktivismus entstanden ist:
Thomas Miller, „Konstruktion und Begründung. Zur Struktur und Relevanz der Philosophie Hans Drieschs“. Nein, nicht kaufen, in der Bibliothek ausleihen, oder über Fernleihe bestellen! (also keine Werbung!) Aber für deine Zwecke reicht vielleicht diese Einleitung schon.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hi!

Danke für die Erklärung! Ich hab jetzt zumindest eine grobe Vorstellung vom methodischen Konstruktivismus!

Eine Frage zum Radikalen Konstruktivismus hab ich noch: Soweit ich in dem Text verstanden hab gibt es laut dem RK keine ‚echte‘ objektive Realität. „Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden“ (erinnert mich an diese Frage aus dem Zen-Buddhismus, „wenn ein Baum im Wald umfällt, und niemand ist da, um es zu hören, gibt es dann trotzdem ein Geräuch?“).
Aber etwas das subjektiv beobachtet wird muss doch da sein! Ok, möglicherweise nicht immer, z.B. wenn Leute ‚wissen‘, dass Aliens unter uns leben oder in ähnlichen Fällen, aber schon die Ähnlichkeit unserer Wahrheiten zeigt doch, dass ein gemeinsamer Ursprung da sein muss.

Vielen Dank!
Sebastian

Hallo Sebastian,

deine skeptischen Fragen bezüglich des radikalen Konstruktivismus teile ich, und kann sie deshalb nicht wirklich beantworten. Du musst die Vertreter schon selbst fragen :smile: .

Aber vielleicht hilft dir der folgende Link weiter:

http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/LEHRTEXTE/St…

Für Fragen stehe ich - ab Dienstag - wieder zur Verfügung.

Herzliche Grüße

Thomas Miller