Wir haben des öfteren Anfragen von Usern, die unter Panikattacken, Angstzuständen u. Ä. leiden. Darum hierzu die zweite FAQ.
***************
Was sind Angststörungen überhaupt?
Diese Störungsbilder galten aufgrund eines erhöhten Medieninteresses als die psychische Erkrankung in den 90er Jahren und wurden dadurch erst richtig populär. Allein in der Bundesrepublik Deutschland gibt es rund sieben Millionen Betroffene. Sie sind jedoch unterschiedlich stark durch diese Erkrankung beeinträchtigt. Angst als Dauerzustand kann zu schweren körperlichen und seelischen Erkrankungen führen.
Angst ist ein Bestandteil menschlichen Lebens. Sie ist wichtig, um drohender Gefahr ausweichen zu können. Es gibt jedoch Menschen, die - ohne eigentlichen Anlaß - unter übersteigerten Ängsten leiden: Die unerwartet einsetzende Panikstörung ist durch plötzliches Auftreten schwerster Angst in Verbindung mit körperlichem Mißempfindungen gekennzeichnet, z. B. Luftnot, Herzrasen, Zittern, Hitzewallungen. Bei der Agoraphobie (Platzangst) besteht Angst, sich an Orte, in Situationen zu begeben, in denen es scheinbar weder Fluchtmöglichkeit noch Hilfe gibt. Bei der sozialen Phobie (z. B. Redeangst) herrscht Angst vor Situationen, in der die Betroffenen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer stehen und befürchten, etwas zu tun, was peinlich ist. Einfache Phobie ist die extreme Furcht vor bestimmten Objekten (z. B. Spinnen). Die allgemeine Angststörung entwickelt sich allmählich und ohne erkennbaren Anlaß. Sie hält längere Zeit an, ein halbes Jahr oder länger.
Angststörungen können verschiedenste Formen annehmen, Phobien sind nur eine davon. Sätze wie „Stell Dich doch nicht so an, das ist doch ganz harmlos“ helfen überhaupt nicht weiter: Es geht hier ein psychisches Problem, nicht um Anstellerei!
Unter der Bezeichnung Angst- und Panikstörung werden folgende unterschiedliche Formen zusammengefaßt:
- generalisierte Angst, die den Betroffenen ohne äußeren Anlaß überfällt
- Panik, als Extremform von generalisierter Angst, die eine ohne sichtbaren Anlaß entstehende intensive Angst bezeichnet und meist attackenartig auftritt.
- phobische Angst, die sich als eine zwanghafte Befürchtung zeigt, die sich angesichts bestimmter Situationen und Objekte aufdrängt, obwohl der Patient die Unbegründetheit dieser Angst erkennt
***************
Erste Hilfe bei Angstattacken:
-
Sprich in aller Ruhe jemandem über das Problem. Erwäge, einen Psychotherapeuten zu Rate zu ziehen.
-
Verzichte bei Panikattacken und bei anderen Formen von Angststörungen auf Nikotin.
-
Nimm vor einer ärztlichen Untersuchung keine Medikamente zu Dir.
-
Trink auf keinen Fall Alkohol zur Beruhigung! Das hilft nichts und Du läufst Gefahr, in eine Sucht zu geraten - irgendwann hast Du ohne Alkohol dann immer Angst, das willst Du bestimmt nicht!
-
Atme bewusst langsam ein und noch langsamer aus (tief, aber nicht zu tief!). Dehne die Atempause zwischen Ausatmen und erneutem Einatmen künstlich etwas aus. Zähl in diesen Atempausen in Einerschritten langsam z.B. von Zehn bis auf Null zurück. Beispiel: Einatmen - Ausatmen - „Zehn“. Einatmen - Ausatmen - „Neun“, Einatmen - Ausatmen - „Acht“ usw.
-
Iß eine Kleinigkeit. Stress und Aufregung führen zu einem gesteigerten Energieverbrauch, wodurch es u.U. zu einer Hypoglykämie (Unterzuckerung) kommen kann. Die dadurch hervorgerufenen Symptome sind denen der Panik sehr ähnlich.
-
Kämpf nicht gegen die körperlichen Symptome der Angst an. Diese Symptome sind zwar sehr unangenehm, aber ungefährlich. Sie sind allesamt ein Zeichen dafür, dass Ihr Körper bei Angstgedanken richtig reagiert. Nicht die körperlichen Symptome sind verkehrt, sondern die Gedanken, die Sie sich zu den körperlichen Reaktionen oder dem Gefahrenobjekt machen. Denk daran, daß Angst eigentlich eine normale Körperreaktion ist, nur - in Deinem Fall - übertrieben. Laß der Angst Zeit, zu vergehen, und bekämpfe sie nicht.
-
Kontrolliere vielmehr die Gedanken statt den Körper. Beispiel: Wenn Du bei Herzrasen an den Herzinfarkt Deiner Tante denkst, dann sendest Du Deinem Körper verkehrte Signale. Der Körper meint dann fälschlicherweise, er sei in Lebensgefahr und mobilisiert restlos alles, um der (Todes-) Gefahr zu begegnen: So pumpt u.a. das Herz schnell und viel Blut durch Ihren Körper, um Dich flucht- und kampffähig zu machen. Deshalb das Herzrasen.
-
Denk ‚positiv‘ und denk daran, was jetzt und hier passiert, nicht daran, was passieren könnte. Konzentriere Dich auf Deine Sinne, auf das, was Du hörst, siehst, riechst, nicht auf Deine eigenen Körperempfindungen. Denk auch daran, daß jedes Auftreten der Angst eine gute Gelegenheit ist, Fortschritte zu machen.
-
Wenn der Angstanfall in einer speziellen Situation auftrat (z.B. Lift, Menschenansammlung, Parkgarage) und Du diesen Ort fluchtartig verlassen hast, vermeide in Zukunft in keinem Fall diesen Ort. Manche Studien besagen, daß es sogar gut ist, wenn Du diese Situation trotz Angstgefühlen extra aufsuchst (Konfrontationstherapie). Eine solche Taktik sollte aber bei sehr starken Angstattacken nur unter ärztlicher oder psychologischer Überwachung stattfinden. Hab dabei keine zu grosse Angst vor der Angst bzw. den körperlichen Angstsymptomen! Laß die gefürchteten Körperreaktionen ruhig aufkommen. Unser vegetatives Nervensystem sorgt von selbst dafür, dass sich die Angstgefühle und die körperlichen Begleitsymptome automatisch zurückbilden, wenn wir nur lange genug in der gefürchteten Situation verweilen. Wenn Du vor bestimmten Orten oder Situationen immer wieder wegläufst, wird sich Deine Lebenqualität merklich einschränken, z. B., wenn Du beim Einkaufen Tiefgaragen meiden „mußt“ u. Ä.
-
Falls ein Arzt oder eine Ärztin Dir in Notfallsituationen Beruhigungstabletten verschrieben hat, so solltest Du diese Medikamente nicht länger als ca. 2 Wochen einnehmen. Ausnahme: Eine längerfristige Einnahme wurde ärztlich verordnet.
-
Sollten die Angstattacken so schlimm sein, daß sie Dein ganzes Leben beeinträchtigen, dann überlege, ob Du eine Therapie bei einem® verhaltenstherapeutisch orientierten Psychotherapeuten(in) machen möchtest. Angststörungen sind psychotherapeutisch gut behandelbar.
***************
Therapieformen
Verhaltenstherapie:
Im Rahmen der verhaltenstherapeutischen Behandlung geht es vor allen Dingen darum, den Patienten dazu zu bringen, die angstauslösenden Situationen und Objekte nicht mehr zu meiden. Um dies zu erreichen werden die beiden Verfahren „systematische Desensibilisierung“ und „Reizkonfrontation“ angewandt. Hierbei soll sich der Patient entweder in der Realität oder auf der Vorstellungsebene der angstauslösenden Situation aussetzen. Dabei wird entweder schrittweise, d.h. bei der am wenigsten gefürchteten Situation beginnend, vorgegangen, oder der Patient setzt sich gleich der intensivsten Angstsituation aus. Ziel dieser Techniken ist, daß der Patient durch die Konfrontation mit der bisher gemiedenen Angstsituation merkt, daß die befürchteten Konsequenzen ausbleiben, und so seine Angst verliert.
Übrigens: Es macht Sinn, eine Verhaltenstherapie nicht erst dann anzufangen, wenn sich die Angst richtig „festgelernt“ hat, sondern durchaus schon in einem frühen Stadium, dann ist man sie um so schneller wieder los. 
Entspannungsverfahren:
Da das Erleben von Angst meist mit einer hohen Anspannung verbunden ist, geht diese Therapieform davon aus, daß es in der Bekämpfung der Angst effektiv ist, wenn der Patient lernt, sich in einen Zustand der Entspannung zu bringen. Dazu sind folgende Techniken geeignet:
- Autogenes Training, bei dem der Patient lernt, bestimmte Körperteile durch die Vorstellungskraft willkürlich zu entspannen.
- Progressive Muskelentspannung, die die gezielte An- und Entspannung einzelner Muskelgruppen umfaßt.
- Biofeedback, in dessen Rahmen dem Patienten Rückmeldung darüber gegeben wird, wie stark und an welchen Körperpartien er angespannt ist.
Kognitive Therapie:
Der Patient soll hierbei erkennen, welche Denkabläufe, wie z.B. die Bewertung der körperlichen Symptome als Gefahr, zur Aufrechterhaltung seiner Angst beitragen. Diese Denkmuster sollen dann korrigiert werden. Dabei ist die Vermittlung von Informationen über die Störung sehr hilfreich.
Tiefenpsychologische Verfahren:
Diese Behandlungsmethode beruft sich auf die psychoanalytische Erklärung für Angststörungen. Der Konflikt, der nach dieser Erklärung der Angst zugrunde liegt, wird in der Therapie aufgedeckt und bearbeitet. An erster Stelle steht dabei die Verbesserung der Fähigkeit zur Angstbewältigung. Diese Therapie erstreckt sich meist über mehrere Jahre.
Soziotherapie:
Bei dieser Behandlungsmethode geht es insbesondere darum, durch Einsatz von Gruppentherapie und stufenweiser beruflicher Eingliederung die soziale Isolierung, unter der viele Angstpatienten leiden, zu vermindern.
Pharmakologische Therapie:
Bei der medikamentösen Behandlung von Angststörungen werden am häufigsten Beruhigungsmittel eingesetzt. Grundsätzlich finde ich, daß medikamentöse Behandlung nur im Notfall und nur unter ärztlicher Kontrolle angewendet werden sollte! Dabei sollte bei der Dosierung darauf geachtet werden, daß die Dosis nur langsam gesteigert und ebenso stufenweise abgesetzt wird, zumindest bei Antidepressiva. Diese wirken, im Gegensatz zu Benzos, erst nach einigen Wochen, letztere sofort. Benzos muß man auch nicht „einschleichen“. Bei Langzeitbehandlung besteht das Risiko einer Abhängigkeit. Am erfolgreichsten wurden diese Präparate bei der Therapie von Panikstörungen eingesetzt. Wegen ihrer beruhigenden Wirkung werden bei der Behandlung von Angststörungen auch Antidepressiva verschrieben.
Manche Beruhigungsmittel mögen bei Panikattacken punktuell helfen, bei Phobien sind sie jedoch fehl am Platz. Hier sollte gleich eine gezielte Verhaltenstherapie einsetzen. Anders schaut es bei trizyklischen Antidepressiva (Imipramin) aus: Sie haben wenig Suchtgefahr, anwendbar sind sie für generalisierte Angst/Panik und für nicht anderweitig therapierbare (spezifische) Phobien.
Insbesondere Patienten, die unter phobischen Störungen leiden, werden manchmal mit Betablockern behandelt, die dazu führen, daß psychische und körperliche Symptome nicht mehr so eng miteinander verbunden sind. Es können allerdings Nebenwirkungen, wie Kopfschmerzen, Hautallergien und depressive Verstimmungen auftreten. Eine Dauerlösung bietet sie pharmazeutische Therapie nicht.
***************
Hausmittelchen und Alternative Medizin
…gibt es natürlich auch. Dabei ist immer wieder zu erwähnen: Wenn die Angstattacken wirklich schlimm sind, sollte immer ein ärztlich / psychologischer Therapeut zu Rate gezogen werden. Informationen dazu gibt es auch in dem entsprechenden FAQ-Artikel „Wie finde ich den richtigen Therapeuten?“.
Melissenbad
Das entspannende Vollbad sollte abends, regelmäßig, die Woche zweimal, genommen werden. Dazu nehme man entweder das fertige Badeöl oder aber 50 bis 100 Gramm (möglichst frische) Melissenblätter, die mit einem Liter Wasser übergossen, zum Sieden gebracht und nach 10 Minuten abgeseiht werden.
Qi Gong
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) versteht Angst und Panik als Zeichen für eine Schwächung der Willenskraft. Mit Hilfe verschiedener Therapien wird die geschwächte Willenskraft langsam wieder aufgebaut. Die Kräutertherapie - die Behandlung mit einer Mixtur aus 8-12 Kräuterdrogen - gilt als wichtiger Eckpfeiler der Behandlung. Auch die Akupunktur kommt zur Anwendung. Für weniger bedrohliche Streßsituationen empfiehlt die Chinesische Medizin eine spezielle Heilgymnastik: Qi Gong.
***************
Links
http://www.angst-auskunft.de/
Eine sehr gute Seite für Menschen, die unter Ängsten leiden!
http://www.panik-attacken.de/
Aus dies ist eine sehr nützliche und seriöse Seite mit viel Information
http://www.homepages.de/[email protected]/a…
Der persönliche Bericht einer Betroffenen
http://www.medicine-worldwide.de/krankheiten/psychis…
http://www.psych.unizh.ch/klipsy/rink/psys98d2.html
***************
Adressen und Selbsthilfegruppen
DASH - Deutsche Angststörungenhilfe und Selbsthilfe
c/o MASH Münchner Angst-Selbsthilfe e.V.
Gerhard SchickBayerstraße 77 a
Rgb.D-80355 München
Telefon +49 (89) 543 80 80
Telefax +49 (89) 54 40 37 76 Mo. Do. 15-18, Mi. 11-14 Uhr
Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V.
Thomas-Mann-Str. 49
D-53111 Bonn
Tel.: 0228 - 632646
Fax: 0228 - 691759
Agoraphobie e.V. - Beratungsstelle bei Angst, Panik und Phobien
Frau Hartmann, Frau Kropf, Herr Hartmann
Taunusstraße 5
D-12161 Berlin
Telefon +49 (30) 8 51 58 24
Mo. 9-14, Mi. 13-18, Do. 18-20, Fr. 9-13 Uhr
***************
Literatur und Ratgeber
Doris Wolf, Ängste verstehen und überwinden. Gezielte Strategien für ein Leben ohne Angst. 24,00 DM
ISBN:3923614322 Buch anschauen
Roger Baker, Wenn plötzlich die Angst kommt. Panikattacken verstehen und überwinden. 19,90 DM
ISBN:3417205557 Buch anschauen
Reneau Z. Peurifoy, Angst, Panik und Phobien. Ein Selbsthilfe- Programm. 39,80 DM
ISBN:345682291X Buch anschauen
Christine Brasch, Inga-Maria Richberg, Panikattacken: Angst ohne Grund? Ursachen, Therapie, praktische Tips zur Selbsthilfe. 19,90 DM
ISBN:3576111131 Buch anschauen
Brigitte Schröder, Angstzustände und Panikattacken erfolgreich meistern. 16,90 DM
ISBN:3858334820 Buch anschauen
Sigrun Schmidt-Traub, Angst bewältigen. Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie. 35,90 DM
ISBN:3540587195 Buch anschauen
Fritz Riemann, Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. 26,80 DM
ISBN:3497007498 Buch anschauen
Quellen dieses Artikels:
Hauptsache Gesund, MDR Fernsehen
Medicine-Worldwide.de
UND VIELEN DANK AN OLIVER FÜR SEINE RATSCHLÄGE!
Bitte beachtet, daß eine medizinisch / psychologische Ferndiagnose Eures Problems hier nicht erfolgen kann. Richtigkeit und Vollständigkeit dieses Beitrag kann nicht garantiert werden. Die Antworten können und sollen die persönliche Konsultation eines Arztes oder Psychologen nicht ersetzen!
***************
Dies ist ein FAQ-Posting. Bitte antworte nicht direkt darauf, sondern stelle Deine Frage als neuen Artikel ins Forum!
Sollten sich Fehler eingeschlichen haben, dann schreibt mir diesbezüglich doch bitte eine Mail, ich korrigiere dann sofort. 