seeehr langer Artikel!!!
Hallo Anne,
ich bin rein zufällig zu diesem Thema im Netz auf einen interessanten Artikel gestossen, den ich euch nicht vorenthalten möchte.
Der Artikel ist sehr lang! Wer ihn sich lieber im Original durchlesen will (vielleicht etwas lesefreundlicher und bebildert ;o) : http://www.freizeit.kurier.at/
Im Moment gibt es direkt von der Homepage aus einen Link zu dem Artikel, ich hoffe er bleibt noch etwas gültig.
Viele Grüße
khadja
Hier der Artikel:
Geschwister unter sich
Schmeiß das Baby weg! Die vierjährige Nina stemmt ihre kleinen Fäuste in die Hüften und stampft zornig auf. Die Eltern sind ratlos. Seit Wochen täglich dasselbe Theater. Immer wenn Baby Max an Mutters Busen darf, gebadet, gewickelt und gehätschelt wird, verliert Nina die Fassung. Wünscht sich „den Neuen“ weit weg, lutscht Daumen, pinkelt in die Hose. Nur manchmal herrscht Friede – Nina spielt Mama, wiegt den Bruder in den Armen. Dann ist alles gut im Kinderzimmer.
Beziehung zwischen Krieg und Frieden – Geschwisterliebe ist von Beginn an ein heikler Balanceakt inmitten widersprüchlicher Gefühle. Und magisch in ihrer geballten Kraft. „Von Lebenspartnern können wir uns scheiden lassen, mit Geschwistern bleiben wir verbunden, bis dass der Tod . . ., ob wir das wollen oder nicht“, bemerkt Individualpsychologe Peter Veith. Kurt Tucholsky skizzierte: „Wilde Indianer sind entweder auf Kriegspfad oder rauchen Friedenspfeife – Geschwister jedoch können beides.“
Kain erschlägt Abel, Jakob betrügt Esau, Hänsel beschützt Gretel: Bruderdramen und Geschwistermythen sind ein alter Hut. Dennoch beginnen Forscher erst seit kurzem, das Kraftfeld dieser Beziehung zu verstehen. Ein Kraftfeld, das in seiner besonderen Qualität vieles möglich macht. „Geschwisterbeziehungen oszillieren zwischen Liebe und Hass, Lust und Schmerz, Großzügigkeit und Neid, Angst und Vertrauen, Solidarität und Rivalität“, schreibt die Schweizer Psychoanalytikerin Katharina Ley in ihrem im Herbst erscheinenden Buch „Geschwisterbande“. Prominente Beispiele verdeutlichen die Magie dieser schicksalshaften, prägenden Lebens-Beziehung: Michael Schumacher behauptet, er fahre lieber gegen Ralf um Siege als gegen andere,Niki Lauda spendete seinem Bruder Florian die lebensrettende Niere, Udo Jürgens singt: „Ja, mein Bruder ist ein Maler, ich bin nur ein Musikant.“
Durchschnittlich haben Geschwister 50 Prozent identische Erbanlagen – zufällig können es auch mehr oder weniger Gemeinsamkeiten sein. Je identischer die Gene – desto verblüffender die Ähnlichkeiten. Bestes Beispiel: eineiige Zwillinge. Sie entwickeln sich sogar ähnlich, wenn sie getrennt aufwachsen. Und sie stehen sich emotional extrem nah. „Wie Tag und Nacht“, beurteilen andererseits viele Eltern ihre Kinder. Rätseln über die enormen Unterschiede, die Geschwister trennen. Hier der Star – dort der Stille, hier die Chaotin – dort das Organisationswunder. Ö 3-Moderatorin Claudia Stöckl – mit drei Schwestern und einem Bruder aufgewachsen – erinnert sich: „Barbara war immer schon die Ordentliche – ich die Schlampige. Wir teilten uns ein Zimmer und weil ich so chaotisch war, stritten wir oft.“ Amerikanische Psychologen haben herausgefunden, dass Geschwister – besonders wenn sie gleichen Geschlechts sind und der Altersunterschied gering ist – dazu neigen, sich vom anderen deutlich abzugrenzen und eigene Wege zu gehen. Ein wichtiger Prozess, um eigenes Profil zu entwickeln.
Was aus Brüderchen und Schwesterchen am Ende der Geschichte wirklich wird, hängt auch vom Geschwisterrang ab. Erst seit kurzem ist die Bedeutung der Geburtenfolge in den Mittelpunkt gerückt. Es ist nicht egal, ob man als Prinz oder Nesthäkchen geboren wird. So stellten die Psychologen Forer und Still fest, dass die Stellung der Geschwisterreihe bestimmt, wie jemand seine gesteckten Ziele erreichen möchte. Muss er kämpfen, ist er sich seiner Macht sicher, neigt er zum Taktieren? Der Jugendpsychiater Univ.-Prof. Max Friedrich erklärt: „Am ersten Kind dilettiert man am meisten, auch werden viele Ängste projiziert. Erstgeborene sind daher vorsichtiger.“ Kommt das zweite, folgt die Entthronung – ein eiskalter Konkurrenzkampf beginnt. Gnadenlos wird um die Liebe der Eltern gebuhlt. Timna Brauer – älteste eines Dreimäderlhauses – traktierte die zweieinhalb Jahre jüngere Nathalie so, dass es „ihr heute leid tut, so grauslich war ich manchmal“. Zweitgeborene wiederum hecheln den Leistungen des Großen unerbittlich nach. Friedrich: „Es braucht ein hohes Maß an Durchsetzungskraft und Diplomatie.“ Zum problematischen „Sandwich-Kind“ wird es, wenn die Eltern noch ein drittes Baby in die Welt setzen. Dann heißt es durchboxen – nach oben, nach unten. Der Rest erledigt sich – fast – von selbst. Nummer vier, Nummer fünf werden von den Größeren erzogen.
Drehbuch Familie: Als revolutionär gelten die Publikationen des amerikanischen Wissenschaftshistorikers Frank Sulloway. Er studierte Tausende Lebensläufe bekannter Persönlichkeiten und erforschte den Zusammenhang zwischen Geburtenfolge und Charakter. Die Erkenntnisse: Erstgeborene wie etwa Isaac Newton oder Bruce Willis sind offen für Innovationen, radikale Denker. Sie übernehmen eine Ersatz-Elternrolle, sind diszipliniert und verantwortungsbewusst. Nesthäkchen – wie etwa Charles Darwin oder Charlie Chaplin – sind offen fürs Neue und risikobereiter – weil sie wenig Chance auf Macht haben, gibt es in ihren Durchsetzungsstrategien kaum Dominanzstreben. Auch so lassen sich vielleicht die drastischen Charakterunterschiede der Geschwister erklären. Kritiker dieser These sind freilich sicher, dass die Eltern auch noch ein Wörtchen mitzureden haben. Der deutsche Familienforscher Hartmut Kasten ist überzeugt: „Viel mehr als die Geburtenrangfolge sind Erziehung, soziale Schicht und Schule für die Persönlichkeit der Kinder entscheidend.“ Er plädiert im übrigen für den optimalen Drei- Jahres-Abstand zwischen den Kindern.
„Dann hat das größere Kind Vertrauen und Persönlichkeit so weit entwickelt, dass es auf die Ankunft des Familienneulings gelassen reagiert.“ Geplagte Eltern wie die der eifersüchtigen Nina hoffen auf diesen magischen Wendepunkt. Täglich, stündlich. Damit endlich alles gut wird im Kinderzimmer.
Von Gabriele Kuhn