Traumdeutung und Traumtraining
Lieber Reiko,
es gibt eine Strömung der Psychologie, die besagt, daß nur Du selbst Deine Träume deuten kannst. Ich bin auch dieser Meinung. Lasse Dich vor allem, wenn Du doch zu einem „Traumdeuter“ gehst, nicht von oberflächlicher Symbolik verwirren. Deine Psyche teilt Dir etwas mit, also mußt Du diese Botschaft verstehen lernen.
Meinen eigenen Worten zum Trotz fallen mir Dinge zu diesem Traum ein. Die will ich Dir auch gerne sagen, aber bitte denke daran, daß das meine Interpretation ist. Deine könnte ganz anders sein.
Ich gehe jetzt mal davon aus, daß Du nicht in einem totalitären Regime wie der DDR aufgewachsen bist, denn sonst wäre Dir selbst die Deutung klar. Was ich mit Deinem Traum assoziiere, ist der Wunsch, auszubrechen, anders zu sein, gegen den Strom zu schwimmen. Vielleicht sogar Dein Leben zu ändern. Es könnte sein, daß Du Dich von etwas „freimachen“ willst (Du reißt Dir Dein Hemd vom Leib). Aber Du hast Angst. Angst, dafür bestraft zu werden. Vielleicht gibt es jemanden, der Dich an dieser Änderung hindern will, oder von dem Du das befürchtest. Vielleicht willst Du auch einfach nur anders sein und der Mann, der Dich in den Rücken schießt, steht für Deine Angst, ohne jemand bestimmten zu repräsentieren.
Wie gesagt, das war meine Assoziation. Viele Dinge sind zur Deutung wichtig, die ich nicht weiß: Wie hast Du Dich gefühlt, bevor Du ausgebrochen bist? Was empfandest Du für die anderen Kinder? Hast Du vorher schon gewußt, daß Du fortlaufen willst, oder kam es ganz plötzlich über Dich? Und so weiter…
Es gibt ein altes Training, wenn man seine Träume besser verstehen will. Ich habe vor Jahren davon gelesen. Meine Mutter hat es angewandt, weil sie immer den gleichen Traum hatte, in dem meine tote Großmutter vorkam. Es soll dazu führen, daß Du aktiv in Deine Träume eingreifen kannst.
Frage Dich mehrmals am Tag: „Bin ich wach oder träume ich“? Das klingt albern, aber es führt dazu, daß diese Frage verinnerlicht wird. Es soll Dich dahin bringen, daß Du sie Dir irgendwann auch im Schlaf stellst, um dann feststellen zu können, daß Du träumst, wenn Du es tust.
Schreibe morgens Deine Träume in ein Buch, das auf Deinem Nachttisch liegt - vor dem Aufstehen.
Wenn ein Traum, so wie dieser, Dich sehr beschäftigt, so erzähle ihn Dir abends vor dem Schlafengehen. Mehrfach. Denke Dir Varianten aus. Spiele den Traum in Gedanken nach. Stell Dir zum Beispiel vor, wie Du Dich umdrehst zu dem Schützen und ihn fragst: „Warum schießt Du auf mich?“
Wie gesagt, ich selbst weiß nicht, ob das funktioniert, aber meine Mutter hat das gemacht. Und schließlich konnte sie meiner Großmutter in ihrem Traum die Frage stellen, die sie bewegte. Und tatsächlich hat sie ihr dann geantwortet. Ich nehme an, bei diesem Training werden das Bewußtsein, daß man träumt, und der eigene, aktive Eingriff in den Traum so verinnerlicht und dem Unterbewußtsein zugeführt, daß man es irgendwann auch kann, wenn man schläft.
Ich hoffe, ich konnte Dir ein wenig helfen.
Lieben Gruß, Nike