Post-Operative Veränderung

Bei meinem Vater (52Jahre)wurde letztes Jahr im September ein Bauchspeicheldrüsencarzinom diagnostiziert und darauf hin eine Whipplesche Totaloperation (13 Stunden) durchgeführt. Mit den Ergebnissen und der Genesung waren die Mediziner vorerst zufrieden. Im Feb. mußte dann nochmals ein Narbenbruch operriert werden, wo man gleich die Gelegenheit nutzte alles nochmals anzusehen.
Nun das Problem: Seit der Operation ist mein Vater wie Ausgetauscht: er ist intolarant, aggresiv bzw. leicht zu reizen, kleinkarriert und irgenwie habe ich den Eindruck er rutsch in ein kleinbürgerliches Klische ab(er will sein Essen pünktlich auf dem Tisch, was er sich früher selbst zubereitet hat da er ja schließlich wieder zunehmen muß!!). Er sagt: ihm ist alles egal, er sitzt nur rum und ist am denken.Er redet kaum noch mit meiner Mutter und wenn, dann nur böse Bemerkungen. Jedesmal wenn er merkt das man ihn sieht, dann hebt er sich sein Bauch und äußert ein klägliches „Aua“.
Das einzige was ihn zum strahlen bringt, ist wenn man mit ihm stundelang über seine Krankheit redet. Aber ich und meine Mutter können langsam auch nicht mehr und wir haben das auch angesprochen, aber es fruchtet nicht und es kam auch nur zu einem riesen Krach. Wie bekommt man einen solchen Mensch, der einem Gespräch gegenüber völlig abblockt wieder in eine annähernden Zustand wie vor der OP? Wie kann man ihm klar machen, das er die Krankheit wahrscheinlich gut Überstanden hat (lediglich schlechte Blutwerte, was nach dieser OP aber normal ist) und vor allem das die Ärtze, die ihn behandeln auch Ahnung haben, denn auch dies ist ein Problem. Er möchte anscheinend immer nur schlechtes bei den Ärtzen hören, denn wenn diese nicht direkt etwas wissen oder nicht so sagen wie er sich das vorstellt, dann sind das Idioten die keine Ahnung haben.
Er ist meiner Meinung nach auf dem Standpunkt er ist Todkrank, niemand kann ihm mehr helfen, man kümmert sich zu wenig und es fehlt völlig an einer Lebensbejahenden Einstellung.

Für Hilfen wäre ich dankbar!

Grenzüberschreitungen
Hi Sven

natürlich kann das Erlebnis einer solchen Operation über die rein medizinischen Konsequenzen hinaus eine Persönlichkeit schon sehr verändern. Es können sich somatische, psychische und psychosomatische Dispositionen entwickeln, die mit der Erkrankung (und mit der offensichtlichen Genesung) nicht unmittelbar zusammenhängen.

Deine Darstellungen lassen die Vermutung recht heftiger hypochondrischer Erscheinungen zu, für die auch misanthropische Haltungen nicht ungewöhnlich sind: Es erinnert Dich sicher an Molieres „Eingebildeten Kranken“ und an den „Misanthrop“

… er ist intolarant, aggresiv bzw. leicht zu reizen, kleinkarriert … er will sein Essen pünktlich auf dem Tisch … Er redet kaum noch mit meiner Mutter und wenn, dann nur böse Bemerkungen.

Jedesmal wenn er merkt das man ihn sieht … äußert ein klägliches „Aua“.

Er möchte anscheinend immer nur schlechtes bei den Ärtzen hören, denn wenn diese nicht … nicht so sagen wie er sich das vorstellt, dann sind das Idioten die keine Ahnung haben.

Er ist meiner Meinung nach auf dem Standpunkt er ist Todkrank, niemand kann ihm mehr helfen, man kümmert sich zu wenig und es fehlt völlig an einer Lebensbejahenden Einstellung.

Das Schwierige daran ist: Wenn sich die Umgebung einmal darauf einläßt („Essen pünktlich auf den Tisch…“), und meint, ihm widersprechen zu müssen („daß die Ärzte doch Ahnung haben“, „… die Krankheit überstanden hat…“), dann erreicht man das Gegenteil von dem, was man möchte: Er blockt ab, was selbstverständlich ist, denn er wird ja in seinem Denken nicht bestätigt. Er zieht Selbstwert aus seiner Krankheit, und deshalb muß er sich gegen eine Beschwichtigung und Beruhigung wehren. Das ist das Paradoxe an dieser Verfassung.

Andererseits ist es eine Art Reflex solchen Mensche gegenüber (ganz ähnlich wie bei Menschen, die Suizidgedanken outen), daß man ihnen widersprechen zu müssen meint, damit sie sich nicht weiter fallen lassen: Man möchte ihnen Optimismus gewissermaßen mit Gewalt aufdrücken, weil man glaubt, daß sie das brauchen.

Aber das ist gar nicht unbedingt der Fall. Es gibt Verfassungen, in denen eine negative Selbstdiagnose bzw. Selbteinschätzung gerade dasjenige ist, aus denen „Energie“ gezogen wird. Eine Metapher mag da helfen: Im einem Riesenrad muß du auch erst ganz nach unten, bevor es dann (von alleine übrigens - d.h. „von innen heraus“) wieder aufwärts geht.

Hier wäre es - wenn ihr den Mut dazu aufbringt - (ich kann aus der Distanz auch hier nur sagen: „vielleicht“) durchaus eine Möglichkeit, ihn in jeder Hinsicht zu bestätigen.

„Ja - man kann nicht wissen, ob du über den Berg bist“
„Ja auch Ärzte können irren“
„Ja dir gehst besch**“
„du hast bestimmt Schmerzen…“

und dann ist es dringend angesagt, daß ihr ihm Grenzen setzt, denn er betreibt mit euch ein bereits sehr erfolgreiches Spiel der Grenzüberschreitung, so, daß er euch im „Griff“ hat (das erkennt ihr daran, daß es anstrengend ist für euch, denn die Anstrengung liegt ja nicht in der tatsächlich nötigen Pflege…?), daß er euch also für sein paradoxes Selbstmanagement auch erfolgreich eingespannt hat - und euch damit mißbraucht.

„es stimmt, wir kümmern uns nicht ausschließlich um dich“
„es stimmt, wir tun nicht alles, was du willst, sondern auch was wir wollen“
„nein, heute essen wir eine Stunde später, und darüber diskutieren wir nicht“

Und gegen Mißbrauch gibt es nur ein einziges Mittel: Man muß ihn abstellen, egal wie.

Das einzige was ihn zum strahlen bringt, ist wenn man mit ihm stundelang über seine Krankheit redet.

Wenn es dazu kommt („stundenlang“), dann habt ihr es einreißen lassen: Ihr habt geglaubt, ihm damit einen Gefallen zu tun oder eine Erleichterung zu verschaffen. Aber es ist keine Erleichterung für ihn, sondern der „Genuß“ liegt darin, daß er sich eurer ermächtigt hat. Damit verliert ihr die Möglichkeit, tatsächlich Stützen für ihn zu sein!

Die Grenzziehung muß er offenbar neu erlernen, auch sich selbst gegenüber. Und soetwas lernt der andere ausschließlich dadurch (wie es auch bei Kindern ist), daß man ihm gegenüber seine eigenen Grenzen deutlichst kundtut - und sie rigoros einhält.

„So jetzt haben wir genug über deine Krankheit geredet… mit diesem Thema machen wir morgen weiter…“

Die Antworten von ihm sind dann vorauszusehen und ihr müßt lernen, darauf in allem Respekt (vor allem euch selbst gegenüber!!!) zu reagieren - aber dabei nicht nachzugeben…

… und wir haben das auch angesprochen, aber es fruchtet nicht und es kam auch nur zu einem riesen Krach.

Ja - hier wäre es z.B. nötig, daß ihr euch Streit darüber ebenso rigoros verbittet. Ihr dürft nicht damit rechnen, daß er in solch einem direkten Disput nachgeben wird oder einsichtig wird. Das kann sich nur langsam entwickeln… und das auch nur dann, wenn ihr in eurer Haltung konstant bleibt.

Also: vermeidet es, ihm „klarmachen“ zu wollen, daß seine Blutwerte usw usw… denn dann seid ihr es selbst, die das Gespräch über seine Krankheit zur Sprache bringt. Macht ihm klar, daß er in allem Recht hat, was seine Selbsteinschätzung angeht und das darf auch durchaus in einer paradoxen übertriebene Weise geschehen.

Dann könnt ihr ihm ebenso klarmachen, daß ihr eßt, wann es euch recht ist, und daß ihr seine Launen nur begrenzt zu tragen bereit seid, und daß Gesprächse über seine Krankheit nur in wohlüberlegter Dosierung in Frage kommen.

Wenn ihr euch von ihm herumschleudern laßt, helft ihr ihm nicht.

Die Ärzte haben das ihrige getan, das eure ist jetzt, ihm das Grenzensetzen beizubringen. Und das tut man am günstigsten, indem man Grenzüberschreitungen rigoros verhindert.

Grüße
Metapher

für diese antwort gebührt dir…
…ein ganzer sternenhimmel.

hochachtungsvoll
ann