Liebe Hanna,
Sucht dient in den meisten Fällen dazu, andere Probleme zu vergessen, zu verdrängen. In eine Welt abzutauchen, in der diese Probleme nicht existieren oder nicht so wichtig sind.
Alles kann abhängig machen. Nicht nur Alkohol, Zigaretten und Drogen. Auch Putzen, Sex, Hungern, Einkaufen. Oder eben das Internet. Ich glaube auch, daß es Menschen gibt, die eher zum süchtig-werden neigen als andere. Oder eine bestimmte Affinität zu einer bestimmten Art von „Droge“ haben.
Bei einer Sucht würde ich mich immer zuerst fragen: Wo liegen meine echten Probleme? In welchen Situationen greife ich auf meine persönliche Droge (egal ob Zigarette oder Computer) zurück? Mache ich es, wenn ich nervös bin? Gestresst? Traurig? Unzufrieden mit mir selbst?
Dann die nächste Frage: Wozu dient mir meine Droge? Im Falle der Internet-Sucht würde ich mich fragen: Was finde ich im Net, was ich im Offline-Leben nicht bekomme? Vielleicht fällt es Dir hier leichter, Kontakte zu knüpfen, Freunde zu finden? Vielleicht hältst Du Dich nicht für liebenswert genug, so daß die Anonymität des Internet Dir den Schutz gibt, auf Menschen zuzugehen? Vielleicht kannst Du in der virtuellen Welt den Problemen der Realität aus dem Weg gehen? Das sind Fragen, die Du natürlich nur selbst beantworten kannst.
Internet-Sucht ist anders zu behandeln als Alkoholismus, weil es eine rein psychische Droge ist. Eine Entziehungskur gibt es nicht. Aber dennoch gibt es viele Paralellen. Eine Woche „auszusetzen“ hilft Dir nur dabei, herauszufinden, wie süchtig Du bist. Ich kenne Alkoholiker, die das Aussetzen aber als Entschuldigung nehmen, nach dem Motto: „Ich habe eine Woche lang nichts getrunken, also bin ich auch nicht abhängig“. Daß sie die Woche nur überstanden haben, weil sie wußten, daß es nur auf begrenzte Zeit ist, wollen sie oft nicht wahrhaben. Bei Internet-Sucht muß man erst einmal nach Ursachen suchen. Wenn die Probleme, die der Sucht zugrunde liegen, gelöst werden, hilft das oft schon viel.
Ganz liebe Grüße an meine liebe Freundin,
Nike