Begriff 'inneres objekt'

beim lesen eines buches („du verstehst mich nicht“, w. schmidbauer - nicht verwandt und nicht verschwägert ,-) ) bin ich auf den begriff „inneres objekt“ oder „inneres modell“ gestoßen, scheint in der psychoanalyse zentrale bedeutung zu haben.

bitte um hinweis auf weiterführende erläuterungen, möglichst hier im forum oder link im web.

vielen dank und -
wünsche gute objekte!

pipo
p.s. das buch ist übrigens klasse!

Die Begriffe „inneres Objekt“ und „inneres Modell“

sind nicht spezifisch psychonanalytisch, sondern sie kommen aus der Kommunikationstheorie (heute ein Teil der Informatik, ursprünglich im Zusammenhang mit der Kybernetik). Es ist ein sog. naives Modell der Interaktion zwischen Informationsträgern (das können auch Menschen sein).

Dabei geht es darum, daß der Sender einen zu vermittelnden Inhalt an sein Vorwissen darüber anpassen muß, wie (vermutlich) der Empfänger seine message interpretieren wird. Dazu muß er sich ein „inneres“ Modell seines Kommunikationspartners (des Objektes) aufbauen. Das ist dann auch das „innere Objekt“.

In der Psychoanalyse spricht man eher von Objekt-Repräsentanzen. Das ist die „verinnerlichte“ Form der Wahrnehmung der Personen in der Beziehungsumgebung. Ich interagiere nicht mit der realen, objektiven Person in ihrer aktuellen Verfassung. sondern mit der person, wie ich sie mir subjektiv „repräsentiert“ habe. Dabei spielen vor allem Erinnerungen und Erwartungen eine Rolle.

Wichtig dabei ist, daß diese Erwartungen und Erinnerungen sich keineswegs nur auf diese bestimmte Person beziehen müssen, mit der ich aktuell umgehe: Es können auch diffuse Beziehungswünsche und Erlebnisse mit anderen (assoziierten) Personen dabei eine Rolle spielen.

Meine eigenen Untersuchungen zur zwischenmenschlichen Interaktion haben ergeben, daß diese Interaktionsmodelle nicht nur zu simpel sind (selbst in der Informatik und in der Robotik wird das viel komplexer betrachtet), sondern auch falsch: Die „inneren Modelle“ des Interaktionspartners sind zwar auch vorhanden, aber

  1. sind sie nicht statisch und insbesondere nicht in einem fixierten Fundus abgelegt - sondern sie werden durch die aktuelle Ansprache des Interaktionspartners „gesteuert“.
  2. sind es weniger „Bilder“ des anderen, als vielmehr Anteile von Selbstbildern: Es sind Selbst-Repräsentanzen (die sonst in der PsyA von den Objektrepräsentanzen unterschieden werden), die durch die Handlungweise des anderen „angeregt“ (excitation) werden.
  3. sind es weder „Bilder“ von einem Anderen, noch Bilder von einem Selbst, sondern es sind Formen von Interaktionsmodi - also eher „Resonanzen“ als „Repräsentanzen“.

Daraus ergeben sich ganz andere Modelle

  1. für die Psychopathologie im Besonderen und
  2. für optimales „Dialogisches Verhalten“ im Allgemeinen und
  3. für Gesprächsformen, die eine Problemlösung des Dialogpartners zum Ziel haben (egal, ob es sich um „Therapien“ oder um „Beratungen“ irgendwelcher Art handelt)

Gruß
Metapher

gestoßen, scheint in der psychoanalyse zentrale bedeutung zu
haben.

bitte um hinweis auf weiterführende erläuterungen, möglichst
hier im forum oder link im web.

vielen dank und -
wünsche gute objekte!

pipo
p.s. das buch ist übrigens klasse!

hallo metapher,
vielen dank für die ausführliche antwort.

es würde mich noch interessieren, was du zu folgendem sagen kannst:

  • ein „gutes“ i n n e r e s o b j e k t = selbstvertrauen, sich selbst mögen, dies entsprechend projezieren und dann selbst gespiegelt bekommen -
  • je „brüchiger“ das i n n e r e o b j e k t ist, desto mehr ist jmd. auf externe liebesbeweise, zuwendung, bestätigung angewiesen - bleiben diese aus, bröckelt das i n n e r e
    o b j e k t noch mehr, der mensch zieht sich in sich zurück, damit beginnt ein teufelskreis, der im glücklichen falle zum psychoterapeuten führt.

sinngemäß aus dem zitierten buch, das den ruch des ratgebers haben mag, trotzdem für mich lesenswert und hilfreich ist.

Grüße,
Pipo
P.S. gibt es irgendwo etwas von dir zu lesen? bist du bereit, dein incognito zu lüften?

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hi Pipo

Schmidtbauer schreibt viel, und ich bezweifle nicht, daß man auch viel davon hat, da er ja interessante "Fall"beispiele bringt. Seine Weise, psychoanalytisch zu interpretieren, ist meiner Meinung nach mit Vorsicht zu genießen und sie wird wegen ihrer stereotypen (und überdies etwas veralteten) Form von vielen für nicht unbedenklich angesehen.

  • ein „gutes“ i n n e r e s o b j e k t = selbstvertrauen,
    sich selbst mögen, dies entsprechend projezieren und dann
    selbst gespiegelt bekommen -
  • je „brüchiger“ das i n n e r e o b j e k t ist, desto
    mehr ist jmd. auf externe liebesbeweise, zuwendung,
    bestätigung angewiesen - bleiben diese aus, bröckelt das i n
    n e r e o b j e k t noch mehr, der mensch zieht sich in sich zurück,
    damit beginnt ein teufelskreis, der im glücklichen falle zum
    psychoterapeuten führt.

Wie schon gesagt, steht hier „inneres Objekt“ für das, was man sonst (der Ausdruck „brüchig“ deutet auf Erich Fromm hin) viel deutlicher als „Selbstrepräsentanz“ bezeichnet (ich verwende lieber den einfacheren Ausdruck Selbstbild). Wenn jemand ein ihm angenehmes Selbstbild hat, dann besteht natürlich der Wunsch, daß ihm dies auch von anderen zurück"gespiegelt" wird, daß er also anerkannt wird, wodurch ihm sein Selbstbild objektiv wird.

Wenn er das Bild nun aber projizieren würde (und das heißt z.B. er verwandelt das „ich finde mich super“ in „du findest dich super“), dann hieße das, daß er seine Objektrepräsentanz (sein Bild vom anderen) nicht mehr an seinem Objekt (also am anderen) überprüft (z.B. durch die Frage „findest du dich auch super?“). Das würde zu einem Kollaps der kommunikativen Situation führen. Das kann Sch. also gar nicht gemeint haben (verwendet er diesen Ausdruck wirklich so? Ich weiß es nicht mehr - ist zulange her).

Auch der Schluß aus „ich finde mich super“ auf „du findest mich super“ (das wäre aber keine Projektion) wäre pathologisch: es wäre ein Symptom für eine erhebliche sog. narzistische Störung. Auch das kann Sch. also nicht gemeint haben. Was meint er aber nun?

Daß ein „schwaches“ Selbstbild („ich habe nichts besonderes an mir“) mit einem gesteigerten Bedürfnis nach positiver Zuwendung einhergeht, erklärt sich fast von selbst - man ernährt sich gewissermaßen von der Zuwendung. Mit „brüchigem“ Selbstbild (der Audruck ist mir auch bei Fromm schon suspekt, zumindest unklar), könnte im Grunde nur ein chaotisiertes gemeint sein: unstet, leicht irritierbar, oder gar ohne Anlaß plötzlich umschlagend (auch ein pathologisches Symptom) - oder es ist jemand, der seine (bei jedem Menschen vorhandenen) inneren Widersprüche nicht erträgt und an ihrer Vermittlung scheitert. Solche Selbstbildirritationen können aber auch durch Zuwendung aus Objektbeziehungen nicht geglättet werden.

Tja - was also meint Sch.?

P.S. gibt es irgendwo etwas von dir zu lesen?

„Chaotische Dynamik menschlicher Kommunikation“
in: R. Marx, G. Stebner (Hrg.): „Ich und der Andere“, St. Ingert 1996

bist du bereit, dein incognito zu lüften?

ich kann es nicht lüften, weil ich gar nicht incognito bin :smile:)
(es gibt ein Link in der ViKa)

liebe Grüße

Metapher

http://www.praxis-dialog.de