Borderline Syndrom (Antwort megalang…)
hallo sina,
Nun ist sie ganz glücklich, daß das „Kind“ einen Namen hat
das kann ich nachvollziehen. mir ging es ebenso, nachdem ich jahrelang wegen „schwerer depressionen“ und „massiver eßstörungen“ und „…“ behandelt wurde - das gefühl hatte, keine dieser diagnosen umfaßt alles, in allen „patientengruppen“ habe ich nur bedingt ähnlichkeiten entdeckt.
ich war nicht glücklich über die diagnose, aber ich war glücklich, endlich zu wissen, was es ist. ich war nicht wild auf eine persönlichkeitsstörung, aber wenn das kind einen namen hat, kann man es auch adäquat behandeln.
will sich nun in einer Klinik behandeln lassen und danach ist
„alles wieder in Ordnung“ (Zitat).
das halte ich für sehr gefährlich, das so zu sehen. ich habe selbst auch einige jahre therapie gemacht. war dann stabil - bis vor kurzem.
sie sollte sich darüber im klaren sein, daß sie immer labiler und empfindsamer sein wird als leute, die eine behütete glückliche kindheit hatten. das heißt, dinge, die dich oder ander leute nicht wesentlich belasten, können sie auch nach erfolgreicher therapie aus den socken hauen.
was nicht heißt, daß es keine heilung gibt!! die gibt es. aber es ist nicht so einfach - paar monate klinik und gut ist es für den rest ihres lebens. da sollte sie realistischer sein!
Nun meine Frage, was ist das Borderline Syndrom, wie äußert
sich das, wie verläuft eine Therapie?
kann man in der kürze hier nicht beschreiben. ich empfehle dir auch das schon genannte buch „ich hasse dich, verlaß mich nicht“. das ist meiner meinung nach das am besten für laien geschriebene. vor allem: es gibt kein 08/15-schema für borderline. aber es gibt bestimmte dinge, die immer wieder auftauchen… ein ganz häufiges symptom ist das selbstverletzende verhalten (schneiden, verbrennen, aber auch schon nägelkauen kann dazu gehören) und auch schwierigkeiten in zwischenmenschlichen beziehungen. und schwarz-weiß-denken. aber wie gesagt - das MUSS nicht auf sie zutreffen.
Ich halte sie persönlich eigentlich nicht für krank im
eigentlichen Sinne, sie bekommt ihr Leben im Moment nicht in
den Griff (Studium will sie abbrechen, weil es für sie keine
Zukunftsperspektive bietet, Streit mit der Mutter, etc.). Aber
dagegen kann doch kein Krankenhaus etwas unternehmen, da muß
man sich doch selbst drum kümmern. Sie hat einfach, nach
meiner Meinung, zu viel Zeit über sich und ihr Wohlbefinden
nachzudenken, und alles was sie macht oder tut ist nur auf sie
und ihre „Probleme“ bezogen.
sorry, aber ich finde du bist sehr hart gegen sie - und auch gegen dich!! was wirst du tun, wenn du jemals psychisch labil bist? mir begegnet das so oft - krankheit muß nur behandelt werden, wenn sie sichtbar ist. ein gebrochenes bein wird akzeptiert, eine gebrochene seele nicht.
das ist nicht hilfreich für sie. vielleicht ist es auch anders herum: sie hat viel zeit für sich, weil sie schon länger nicht mehr in der lage ist, leistung zu erbringen?
unterhalte dich mit ihr - frag sie - aber mach ihr keine vorwürfe. die macht sie sich selbst wahrscheinlich zur genüge!
Außerdem haben doch alle Eltern Fehler gemacht.
ja - aber mehr oder weniger große und beeinflussende.
und auch wenn deine eltern und ihre eltern dieselben fehler gemacht hätten - käme immer noch der aspekt dazu, daß nicht jeder mensch die gleiche konstitution mitbringt, um mit enttäuschungen und verletzungen fertig zu werden.
Sie muß doch in die Zukunft blicken und nicht zurück.
grundsätzlich sollte sie in die GEGENWART blicken. ein punkt ist, alltagstauglich zu werden.
aber auch traumaarbeit ist wichtig. ich denke, wenn man die traumatischen erlebnisse nicht aufdröselt und sich darüber klar wird, wo die eigenen verhaltensmuster herkommen, dann werden sie einen nie loslassen. wie gesagt- meine ganz persönliche meinung. und erfahrung.
Ich mache ihr ständig Vorschläge, wie sie aus diesem Tief
herauskommt, aber sie meint nur immer das funktioniert eh
nicht.
sinnlos. wenn man in depressionen steckt, sind anregungen von außen das letzte, was man braucht. sondern verständnis, zuhören. natürlich mußt du nicht mit ihr zusammen rumjammern, wie schwer alles ist. aber ihr ständig vor augen zu halten „geh doch einfach mal ins kino“ - „reiß dich zusammen“ - „andere schaffen das doch auch“ - das hält ihr nur noch mehr vor augen, wie wenig sie es schafft. das macht einen noch fertiger. es ist einfach keine kraft da.
AVon ihrer Persönlichkeit her, ist sie ein ziemlich
verwöhntes Einzelkind,
dazu hat schon jemand was geschrieben - da mag ich nur noch wenig zu sagen, außer: nur daß jemand ein einzelkind ist, heißt nicht, daß man nicht traumatisiert sein kann. im gegenteil - vielleicht noch mehr - wenn sich schlechte behandlung durch die eltern nicht auf mehrere geschwister aufteilt…? ich weiß ja nicht, was bei ihr vorgefallen ist… aber das hat mit einzelkind nichts zu tun - nur mit dem individuellen erleben, ob man traumatisiert ist.
Ist das Borderline Syndrom wirklich eine Modediagnose? (im
Internet häufige gestellte Kritik an der Diagnose)
modediagnose - würde ich nicht sagen. es war anfangs eine verlegenheitsdiagnose, weil es eine erkrankung an der grenze (= „borderline“) zwischen psychose und neurose ist. man konnte es weder dem einen noch dem anderen zuordnen. aber das war vor ca. 20 jahren.
es wird häufiger diagnostiziert als früher, sicher. aber sexueller mißbrauch wird auch häufiger aufgedeckt als früher. bulimie wurde vor ca. 10 jahren auch plötzlich häufiger diagnostiziert als 20 jahre davor. das liegt nicht daran, daß es modediagnosen oder modekrankheiten sind, sondern daß es nicht mehr unter den teppich gekehrt bzw. falsch diagnostiziert wird. oder: daß sich die betroffenen eher hilfe suchen.
Ist sowas heilbar?
bedingt: ja. es ist auf jeden fall möglich, ein erfülltes leben zu führen. aber meine eigene erfahrung ist: die psychische konstitution ist immer labiler als bei normal aufgewachsenen menschen. ich habe z.b. in den letzten jahren mein studium fertig gekriegt, habe einen tollen job gekriegt, wohne wieder allein - alles prima, nach außen hin könnte man sagen: stabil, gesund… aber es ist ein täglicher k®ampf, diesen normalen alltag aufrecht zu erhalten. und im moment plane ich, in ca. einem jahr (mein arbeitsvertrag ist zeitlich befristet) eine stationäre traumtherapie zu machen, obwohl ich jetzt seit 2 jahren ohne therapie bin.
es geht auf und ab. es kommt auf ihren (über)lebenswillen an, denke ich.
Handelt es sich bei meiner Freundin nicht einfach um einen
schwierigen Charakter?
denke ich nicht. und überhaupt: wer definiert denn, was ein „schwieriger charakter“ ist? und was ist das gegenteil - ein „einfach gestrickter charakter“? da bleibe ich doch lieber schwierig.
ein trost für deine freundin - das hält mich auch immer aufrecht: sie erfährt zwar tiefen in ihrer seele, die unglaublich belastend sind - aber dafür erfährt sie auch einblicke in ihr inneres, die „normalos“ selten erfahren, erkenntnisse und gefühle, die man sonst nicht wahrnimmt.
ein schwacher trost, wenn man mitten in einer krise steckt, weiß ich…
Helfen wirklich Therapien, die sie in dem Bewußtsein
bestärken, ihr ginge es ja sooo schlecht und die ganze Welt
ist schuld?
das ist das letzte, was eine therapie tun sollte! dann ist sie in der falschen therapie. ein therapeut sollte keinesfalls mit ihr zusammen das elend der welt bejammern. aber wenn es darum geht, die alten, verletzenden erlebnisse durchzuarbeiten: das ziel der therapie ist möglicherweise, ihr erstmal zu bewußtsein zu bringen JA, DAS IST PASSIERT, es ist NICHT NORMAL, es DARF mich verletzt haben. wichtig für sie ist, zu lernen, daß sie ihrer wahrnehmung trauen kann - und wenn sie erlebnisse aus ihrer kindheit als traumatisch erlebt hat - daß es dann auch so ist. das ist kein gemeinsames wundenlecken oder ihr helfen, in selbstmitleid zu versinken, sondern wichtige therapiearbeit. aber immer im hintergrund: der therapeut muß ihr auch helfen, mti diesen bitteren erfahrungen fertig zu werden.
sooo… lange antwort, viel outing meinerseits - aber inzwischen stehe ich zu allem, was mich ausmacht - und nicht zuletzt auch das angebot: deine freundin kann gern mit mir in kontakt treten, wenn sie möchte!
alles liebe,
fabienne