Ängste und Zwänge

Hallo,
ich wende mich mit einem Problem an euch, was nicht mich direkt aber eine sehr gute Freundin von mir betrifft.
Sie ist 20 Jahre alt und hat vor einem Jahr mit ihrem Studium begonnen. Schon seit einiger Zeit ist mir aufgefallen, dass sie unter einer Art Kontrollzwang leidet. Das äußert sich darin, dass sie z.B. mehrmals zur Haustür zurückgeht um zu kontrollieren, ob sie auch wirklich abgeschlossen hat. Oder sie dreht immer mehrere Runden ums Auto um sich zu vergewissern, dass die Türen auch 100%ig verschlossen sind. Wenn wir zusammen weggehen, fragt sie mich immer wieder, ob sie alle Türen verschlossen hat, die Handbremse angezogen ist, ob sie die Zigarette im Aschenbecher auch wirklich ausgemacht hat usw. Am Anfang habe ich das alles nicht so ernst genommen, aber ich sehe auch, wie sehr ihr das alles zu schaffen macht. Sie hat ständig Angst, wichtige Termine zu verpassen oder Dinge verloren und vergessen zu haben. Durch diese Angst kann sie sich oft nicht auf wesentliche Dinge konzentrieren. Glücklicherweise hat ihr Leidensdruck recht schnell dazu geführt, dass sie sich in psychologische Behandlung begeben hat. Jetzt trifft sie sich einmal in der Woche mit einem Psychologen. Mit diesem Unterhält sie sich, geht aber die Probleme nicht direkt an. Mir ist klar, dass es wahrscheinlich unterschiedliche Therapiemöglichkeiten bei Zwängen und/oder Ängsten gibt, aber bei meiner Freundin ist bis jetzt (nach einigen Monaten Behandlung) keine Besserung erkennbar.
Hat jemand eigene Erfahrungen in diesem Bereich? Oder weiß jemand Bescheid über adäquate Therapieformen, die ggf. schneller zum Erfolg führen. Gibt es nicht gute verhaltenstherapeutische Ansätze in diesem Zusammenhang?
Viele Grüße
Kirsten

Zwangshandlungen
Hi Kirsten

Jetzt trifft sie sich einmal in der Woche mit einem Psychologen. Mit diesem Unterhält sie sich, geht aber die Probleme nicht direkt an.

Es ist ein großer Unterschied, ob jemand eine Therapie macht oder sich mit einem Psychologen „unterhält“ (auch wenn dies regelmäßig geschieht). Denn ein Psychologe ist ja nicht notwendig zugleich auch Psychotherapeut, und auch „Unterhaltung“ mit einem Therapeuten ist nicht gleich Therapie.

aber bei meiner Freundin ist bis jetzt (nach einigen Monaten Behandlung) keine Besserung erkennbar.

Falls es eine Therapie ist, die sie dort macht, kann und sollte man als Außernstehende® darüber nichts sagen, denn es hängt von dem therapeutischen Konzept ab, wie schnell eine Besserung der Symptome bzw. der Befindlichkeit eintritt. Nach Deiner Beschreibung kann es eigentlich keine reguläre Therapie sein, denn da gibt es normalerweise eine Vereinbarung, daß über die Inhalte möglichst nicht mit Dritten ausgetauscht wird…

… adäquate Therapieformen, die ggf. schneller zum Erfolg führen. Gibt es nicht gute verhaltenstherapeutische Ansätze in diesem Zusammenhang?

Wenn es nur um die Bearbeitung der von Dir beschriebenen Symptome geht, und wenn sie es einmal gründlich angehen will, würde man sicher als erstes VT empfehlen, das ist richtig.

Grüße
Metapher

Hi Metapher,
von einer solchen Vereinbarung hat mir meine Freundin nichts erzählt. Aber Du hast schon recht, ich habe nur einen sehr oberflächlichen „Einblick“ in die Vorgehensweise dieses Psychologen. Darum geht es mir ja auch eigentlich gar nicht. Mir ist schon bewußt, dass der Therapeut wahrscheinlich schon einem therapeutischen Konzept folgt (evtl. Gesprächspsychotherapie). Mich interessiert einfach nur, welche Therapieform bei sochen Zwanghandlungen/störungen am häufigsten angewendet wird und welche von Experten und evtl. von Betroffenen als am effektivsten angesehen wird.
Trotzdem vielen Dank für deine Antwort.
Gruß
Kirsten

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

ok - aus Deiner Beschreibung ging noch nicht hervor, ob es sich überhaupt um eine Psychotherapie handelt, was Deine Freundin da macht. Denn Du sprachst von einem Psychologen, nicht von einem Psychotherapeuten. Im ersteren Fall sollte es also nicht wundern, daß kein „Erfolg“ eingetreten ist.

… und welche von Experten und evtl. von Betroffenen als am effektivsten angesehen wird.
Trotzdem vielen Dank für deine Antwort.

Die Frage hatte ich Dir ja beantwortet: Man würde hier vorzugsweise VT (Verhaltenstherapie) empfehlen, allerdings unter den Voraussetzungen, die ich ebenfalls erwähnte.

Grüße
Metapher

Hi,

ich kenn sowas auch aus meiner Umgebung…

zuerst mal die Theorie:
diese Sache ist eine sehr starke Konditionierung. Du weißt sicher was ich meine, das Belohnungs/Bestrafungssystem… natürlich kann man das nicht einfach auf den Menschen übertragen, denn wir sind in der Lage sehr viel über den Sinn nachzudenken… also warum diese ‚Belohnung‘, wie krieg ich mehr usw… meistens ist das ja gar nicht schlecht (zB wenn ich da eine Münze reinwerfe kommt was raus -> wenn ich sowas will, werfe ich eine Münze rein)…
eine stärkere Art der Konditionierung ist die negative… wenn ich etwas mache, passiert etwas nicht … dumm ist die Sache nur, wenn man das immer wieder machen kann zB eben schauen ob abgeschlossen ist… denn wenn man öfter schaut vergisst man nicht so leicht (klingt logisch, allerdings würde einmal ja auch reichen)… verstärkt wird das praktisch immer (wie oft lässt sie etwas unverschlossen?? -> das Verschlossen sein, ist hier die ‚Belohnung‘)

so soweit die einfache Theorie
der Rest (meine Beobachtungen, bzw das Praktische):

es ist eigentlich einleuchtend das man nicht mehr erreicht wenn man nochmal etwas kontrolliert das sich nicht ändern kann… meistens ist es halt so, dass es sich um eine einfache Sache handelt, der man nicht viel Aufmerksamkeit widmet, etwas was man praktisch schon automatisch macht, zB seine Haustür verschließen…
wenn man etwas voll automatisch macht, erinnert man sich fast nicht mehr daran… jeder kennt das, wenn zB eine Fliege ins Aug fliegen will, und man weicht schnell aus oder schließt das Aug… schon einige Sekunden danach oder Minuten kann man nicht mehr sagen ob das überhaupt passiert ist (wenn das Aug nicht schmerzt *g*)
in diesem Fall ist es so das man automatisch die Tür verschließt wenn man weggeht… so automatisch das sie vielleicht in der Zeit schon an etwas anderes denkt (das ist einer der auslösenden Faktoren… das man sich nicht erinnern kann)
meist ist es auch so, das man zum Zeitpunkt dieser ‚Wiederholungen‘ nicht ganz wach und/oder aufmerksam ist… wenn man in der Früh seine Haustür absperrt zB… das verstärkt die Wiederholungen… denn wenn man nicht aufmerksam ist kann man sich auch nicht dran erinnern

was gibt es dagegen? (für die Person selber)
man kann sich zwingen auch bei einfachen (aber wichtigen) Sachen nicht mit den Gedanken abzuschweifen (ist eher schwer, genausogut kann man versuchen an nichts zu denken… ist aber möglich *g*)
wie bei den meisten Zwangshandlungen kann man sich zwingen das eine Weile einfach nicht mehr zu tun, falls man es eine Weile durchhält hat man es praktisch geschafft…

du als Freundin könntest, immer wenn so eine Situation droht (zB Autozusperren) das Gespräch kurz unterbrechen (nur in diesem Moment plus vielleicht eine Sekunde, nicht davor und nicht danach)… das könnte als Impuls ausreichen…

wichtig ist natürlich, und das wird von allen als selbstverständlich angenommen… das es keinen Grund dafür gibt, also wirklich mal etwas wichtigeres vergessen! solange ist es nämlich keine Zwangshandlung…
bevor man sein Auto offen stehen läßt, schaut man lieber zweimal… dieser Satz begünstigt das ganze zwar, aber man sollte es nicht aus den Augen verlieren

Hi Lex,

Vielen Dank für deine Anregung. Ich habe noch ein paar Fragen zu deinem Posting.

zuerst mal die Theorie:

zuerst mal die Theorie:
diese Sache ist eine sehr starke Konditionierung. Du weißt
sicher was ich meine, das Belohnungs/Bestrafungssystem…
natürlich kann man das nicht einfach auf den Menschen
übertragen, denn wir sind in der Lage sehr viel über den Sinn
nachzudenken… also warum diese ‚Belohnung‘, wie krieg ich
mehr usw… meistens ist das ja gar nicht schlecht (zB wenn
ich da eine Münze reinwerfe kommt was raus -> wenn ich
sowas will, werfe ich eine Münze rein)…
eine stärkere Art der Konditionierung ist die negative… wenn
ich etwas mache, passiert etwas nicht … dumm ist die
Sache nur, wenn man das immer wieder machen kann zB eben
schauen ob abgeschlossen ist… denn wenn man öfter schaut
vergisst man nicht so leicht (klingt logisch, allerdings würde
einmal ja auch reichen)… verstärkt wird das praktisch immer
(wie oft lässt sie etwas unverschlossen?? -> das
Verschlossen sein, ist hier die ‚Belohnung‘)

Mir ist Konditionierung ein Begriff, weiss aber nicht genau, was du mit negativer Konditionierung meinst. Das was Du beschriebst („… wenn ich etwas mache, passiert etwas nicht…“)ist mir eher bekannt als Extinktion oder ggf. hemmende Konditionierung. Wenn ich eine Tätigkeit ausführe und diese nicht mehr verstärkt wird, bleibt sie in der Regel nach einer Zeit aus. Oder meinst Du negative Verstärkung (ein Reiz, der, wenn er entfernt wird, die Auftrittswahrscheinlichkeit einer Reaktion erhöht). Also wenn ich etwas mache und darauf kein negatives Ereigniss mehr folgt, führe ich diese Tätigkeit (nachdem ich den Zusammenhang gelernt habe) in Zukunft öfter aus.
Deine spätere Erläuterung legt nahe, dass du meinst: wenn ich etwas mache, passiert etwas negatives nicht, sondern eigentlich etwas positives. Ich kontrolliere, ob die Tür verschlossen ist. Die Gewissheit, dass sie verschlossen ist hat positiver Verstärkereigenschaften und belohnt somit meine Handlung. Richtig?

so soweit die einfache Theorie
der Rest (meine Beobachtungen, bzw das Praktische):

in diesem Fall ist es so das man automatisch die Tür
verschließt wenn man weggeht… so automatisch das sie
vielleicht in der Zeit schon an etwas anderes denkt (das ist
einer der auslösenden Faktoren… das man sich nicht erinnern
kann)
meist ist es auch so, das man zum Zeitpunkt dieser
‚Wiederholungen‘ nicht ganz wach und/oder aufmerksam ist…
wenn man in der Früh seine Haustür absperrt zB… das
verstärkt die Wiederholungen… denn wenn man nicht aufmerksam
ist kann man sich auch nicht dran erinnern

Ich glaube nicht, dass ihr Kontrollzwang aus einem Defizit von Aufmerksamkeit resultiert. Würde das nicht auch gegen den von dir erläuterten theoretischen Hintergrund der Konditionierung sprechen?
Sie ist sich absolut der Tatsache bewußt, dass sie die Türen abgeschlossen hat und dies auch bereits kontrolliert hat. Meistens weise ich sie nachdem sie das zweite oder dritte mal etwas kontrolliert hat darauf hin, dass alles verschlossen und in Ordnung ist. Darauf erwidert sie, dass ihr das bewußt ist, sie diesen Handlungsimpuls aber kaum unterdrücken kann (sinngemäß).

was gibt es dagegen? (für die Person selber)
man kann sich zwingen auch bei einfachen (aber wichtigen)
Sachen nicht mit den Gedanken abzuschweifen (ist eher schwer,
genausogut kann man versuchen an nichts zu denken… ist aber
möglich *g*)
wie bei den meisten Zwangshandlungen kann man sich zwingen das
eine Weile einfach nicht mehr zu tun, falls man es eine Weile
durchhält hat man es praktisch geschafft…

Meinst Du, dass die Bewältigung im Prinzip in erster Linie mit der Willenskraft zusammenhängt und therapeutische Hilfe eher überflüssig oder unnötig ist?

Würde mich über eine Antwort freuen.
Liebe Grüße
Kirsten

Hi Kirsten,

zuerst mal die Theorie:
diese Sache ist eine sehr starke Konditionierung. Du weißt
sicher was ich meine, das Belohnungs/Bestrafungssystem…
natürlich kann man das nicht einfach auf den Menschen
übertragen, denn wir sind in der Lage sehr viel über den Sinn
nachzudenken… also warum diese ‚Belohnung‘, wie krieg ich
mehr usw… meistens ist das ja gar nicht schlecht (zB wenn
ich da eine Münze reinwerfe kommt was raus -> wenn ich
sowas will, werfe ich eine Münze rein)…
eine stärkere Art der Konditionierung ist die negative… wenn
ich etwas mache, passiert etwas nicht … dumm ist die
Sache nur, wenn man das immer wieder machen kann zB eben
schauen ob abgeschlossen ist… denn wenn man öfter schaut
vergisst man nicht so leicht (klingt logisch, allerdings würde
einmal ja auch reichen)… verstärkt wird das praktisch immer
(wie oft lässt sie etwas unverschlossen?? -> das
Verschlossen sein, ist hier die ‚Belohnung‘)

Mir ist Konditionierung ein Begriff, weiss aber nicht genau,
was du mit negativer Konditionierung meinst. Das was Du
beschriebst („… wenn ich etwas mache, passiert etwas
nicht…“)ist mir eher bekannt als Extinktion oder ggf.
hemmende Konditionierung. Wenn ich eine Tätigkeit ausführe und
diese nicht mehr verstärkt wird, bleibt sie in der Regel nach
einer Zeit aus. Oder meinst Du negative Verstärkung (ein Reiz,
der, wenn er entfernt wird, die Auftrittswahrscheinlichkeit
einer Reaktion erhöht). Also wenn ich etwas mache und darauf
kein negatives Ereigniss mehr folgt, führe ich diese Tätigkeit
(nachdem ich den Zusammenhang gelernt habe) in Zukunft öfter
aus.
Deine spätere Erläuterung legt nahe, dass du meinst: wenn ich
etwas mache, passiert etwas negatives nicht, sondern
eigentlich etwas positives. Ich kontrolliere, ob die Tür
verschlossen ist. Die Gewissheit, dass sie verschlossen ist
hat positiver Verstärkereigenschaften und belohnt somit meine
Handlung. Richtig?

ja, eigentlich ist es ja egal ob man sagt das positive (in diesem Fall die verschlossene Tür) tritt auf jeden Fall ein, oder das negative das man vermeiden will (offene Tür) tritt nie ein… das auf was es ankommt ist, glaub ich, nur das die Sache um die es geht wichtig ist und das es (fast?) jedes Mal verstärkt wird… bzw das sie wiederholt werden kann (nachschauen)…

so soweit die einfache Theorie
der Rest (meine Beobachtungen, bzw das Praktische):

in diesem Fall ist es so das man automatisch die Tür
verschließt wenn man weggeht… so automatisch das sie
vielleicht in der Zeit schon an etwas anderes denkt (das ist
einer der auslösenden Faktoren… das man sich nicht erinnern
kann)
meist ist es auch so, das man zum Zeitpunkt dieser
‚Wiederholungen‘ nicht ganz wach und/oder aufmerksam ist…
wenn man in der Früh seine Haustür absperrt zB… das
verstärkt die Wiederholungen… denn wenn man nicht aufmerksam
ist kann man sich auch nicht dran erinnern

Ich glaube nicht, dass ihr Kontrollzwang aus einem Defizit von
Aufmerksamkeit resultiert. Würde das nicht auch gegen den von
dir erläuterten theoretischen Hintergrund der Konditionierung
sprechen?
Sie ist sich absolut der Tatsache bewußt, dass sie die Türen
abgeschlossen hat und dies auch bereits kontrolliert hat.
Meistens weise ich sie nachdem sie das zweite oder dritte mal
etwas kontrolliert hat darauf hin, dass alles verschlossen
und in Ordnung ist. Darauf erwidert sie, dass ihr das bewußt
ist, sie diesen Handlungsimpuls aber kaum unterdrücken kann
(sinngemäß).

das ist es meist nicht… wenn sie sich sicher wäre, würde sie nicht noch einmal kontrollieren… vermutlich läuft die Sache in ihrem Kopf so ab: ich verschließ die Tür immer wenn ich geh, aber hab ich das auch genau jetzt vorhin gemacht?
(ich hoff ich interpretier nicht zuviel…)

man könnte natürlich beobachten unter welchen Umständen es nicht passiert…

in der Konditionierung gibt es keine Aufmerksamkeit (kommt in der Theorie nicht vor…)

was gibt es dagegen? (für die Person selber)
man kann sich zwingen auch bei einfachen (aber wichtigen)
Sachen nicht mit den Gedanken abzuschweifen (ist eher schwer,
genausogut kann man versuchen an nichts zu denken… ist aber
möglich *g*)
wie bei den meisten Zwangshandlungen kann man sich zwingen das
eine Weile einfach nicht mehr zu tun, falls man es eine Weile
durchhält hat man es praktisch geschafft…

Meinst Du, dass die Bewältigung im Prinzip in erster Linie mit
der Willenskraft zusammenhängt und therapeutische Hilfe eher
überflüssig oder unnötig ist?

naja… ich würd sagen es ist wie mit Abnehmen… Willenskraft und Konzentration im richtigen Moment…

freundliche Grüße,
Lex