'Schneiden'

Liebe Wissenden,
ich habe mich bezüglich schon mal an Euch gewandt und sehr hilfreiche Antworten erhalten. Dabei ging es um meine Tochter und ihren Hang zum „Schwarzen“
Ich habe zwischenzeitlich gelernt, die Ader zum „Gothic“ zu akzeptieren. Die Angst, sie könne sich umbringen, haben wir auch in vielen Gesprächen überwunden.
Wir reden sehr viel und häufig miteinander (für eine Mutter und ihre 16jährige Tochter).
Sie wird häufig mal als Satanistin angesprochen, aber das tun wir beide mittlerweile mit einem Schuss Ironie ab.
Was ihr anders sein betrifft, hat sie mittlerweile meine volle Akzeptanz.(Auch wenn es mir immer mal wieder schwer fällt)
Mein großes Problem besteht darin, dass sie sich absichtlich schneidet. „Ritzen“ nennt sie das.
Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, bin ich fast aus den Latschen gekippt. War eine falsche Reaktion, inzwischen wirke ich nach außen auch da ruhiger.
Aber innerlich macht es mich mürbe. Ich habe versucht, mit ihr darüber zu reden. Jedoch da blockt sie komplett ab. Das sei ihr Ding und das ginge mich gar nichts an.

Was bringt einen jungen Menschen dazu, sich zu schneiden? Ist es Langeweile, ist es Aussichtslosigkeit, wenn ich auch nicht den Eindruck habe, das sie für sich keine Perspektiven hat.

Wie gehe ich weiter mit dem Thema um? Ist es meine innere Zerrissenheit, die sie das tun läßt? Ich möchte es so gerne verstehen, aber an dem Punkt läßt sie mich nicht an sich ran.

Habt ihr nicht einen Rat, mit meiner Hilflosigkeit umzugehen und ihr zu helfen, von diesem Drang, sich schneiden zu müssen, wegzukommen?

Erstmal vielen Dank fürs Lesen
Linde

SVV und Gothicszene
Liebe Linde,

SVV (= Selbstverletzendes Verhalten) ist ein in unserer Gesellschaft häufiger anzutreffendes Phänomen, die Betroffenen sind zumeist Frauen.

SVV muß nicht zwingend Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung sein: Zwar findet sich SVV häufig bei Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung (Erklärung dazu siehe Thread weiter unten bzw. Archiv), allerdings ist das sogenannte „Ritzen“ z.B. innerhalb der Gothic-Szene inzwischen sozusagen gesellschaftsfähig geworden.

Was ich damit sagen will: Es kann sein, daß Deine Tochter auch motiviert ist, sich zu schneiden, weil ihre Freunde das tun (sozusagen „Gruppenzwang“).

Nichtsdestotrotz hat sie ein Problem und wenn Du ihr helfen willst, solltest Du Zugang zu ihr finden und ihr signalisieren, daß Du für sie da bist.

Vielleicht hilft es Dir, Dich vorher genauer über SVV zu informieren, es gibt ein gutes Buch für „Einsteiger“:

Der Schmerz sitzt tiefer von Steven Levenkron
ISBN 3466305446 Buch anschauen

Bei Parsimony gibt es ein Forum für Menschen, die sich selbst verletzen, vielleicht liest Du Dir die Postings dort einfach mal durch:

http://f23.parsimony.net/forum47950/index.htm

Und - last but not least - die Gothic-Szene selbst hat sich des Themas angenommen:

http://www.nachtwelten.de/ubb/Forum5/HTML/000089.html

Anhänger der Szene kritisieren dieses Verhalten hier und geben Tipps, wie man den Drang sich selbst zu verletzen, in andere, weniger selbstschädigende Bahnen lenken kann.

SVV an sich wird auf dieser Seite nicht in Frage gestellt - da Deine Tochter mittendrin steckt und Argumenten außerhalb der Szene momentan eventuell nicht zugänglich ist, könnte dieser Link ihr helfen.

Alles Gute
Diana

Liebe Linde,

das ist echt ein übles Thema. „SVV“ nennt sich das ganze und bedeutet „SelbstVerletzendes Verhalten“. Ich bin weder Psychologe noch sonst in diese Richtung ausgebildet, aber mein erster Gedanke beim Lesen war: sie braucht professionelle Hilfe. Es gibt doch sicherlich Therapeuten, die sich auf dieses SVV spezialisiert haben (leider kann ich da auch nicht helfen).

Wenn Du mit ihr nicht darüber sprechen kannst, hat sie vielleicht eine Freundin, die bereitwilliger Auskunft gibt?

Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel, viel Glück und Geduld mit Deiner Tochter.

Liebe Grüße,
Reggi

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professionelle Hilfe!

Liebe Linde,

das ist echt ein übles Thema. „SVV“ nennt sich das ganze und
bedeutet „SelbstVerletzendes Verhalten“. Ich bin weder
Psychologe noch sonst in diese Richtung ausgebildet, aber mein
erster Gedanke beim Lesen war: sie braucht professionelle
Hilfe. Es gibt doch sicherlich Therapeuten, die sich auf
dieses SVV spezialisiert haben (leider kann ich da auch nicht
helfen).

Wenn Du mit ihr nicht darüber sprechen kannst, hat sie
vielleicht eine Freundin, die bereitwilliger Auskunft gibt?

Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel, viel Glück und Geduld mit
Deiner Tochter.

Liebe Grüße,
Reggi

Hallo Reggi,
erstmal Danke für Deine Antwort. Das Thema professionelle Hilfe haben wir schon durch.
Ihre klare Ansage: Mama, wenn Du einen Seelenkempner einschaltest, bin ich weg.
Ich glaube, das ist ihr Ernst. Sonst droht sie nie mit dem Spruch. Hat sie auch nicht nötig.
Und ihre Freundin ist zum Schweigen verdonnert.

Ihr seht mich ratlos
Linde

Hallo Linde,
sehr bedenklich, was da Du schilderst. Regi hat es schon erklärt: sich selbst verletzendes Verhalten (egal, wie es vom Betroffenen gerechtfertigt wird) ist unbedingt therapeutisch abzuklären.
Meist hat der/die Betroffene das Gefühl oder noch besser: den Druck/Zwang, sich strafen zu müssen, bzw. es ist für ihn/sie nur möglich, sich auf diese Weise zu spüren.
Prominentestes Beispiel dafür war Prinzessin Diana.
Ich selber habe mich vor einer Woche auch dabei „erwischt“, als ich mir mit voller Kraft selber ins Gesicht schlug. Klingt verrückt, ist es auch. Das war ein Moment ohne Kontrolle aber mit großem Druck, die Aggression richten sich dann gegen sich selber. Und das Verlangen, das wieder zu tun bzw. sich stärker zu verletzen wächst… Ich war von mir selber auch total schockiert und fassungslos!
Ich bin schon bei einem Therapeuten angemeldet, bitte Deine Tochter auf jeden Fall, dass sie mal mit einer TherapeutIn darüber redet. Es gibt sicher in Deinem näherem Umkreis eine Kriseninterventionsstelle, die Dich/Euch an die richtige Adresse vermitteln können.
Alles Gute und liebe Grüße#
Birgit

Hallo Linde,

ich kann dazu nur sagen, dass ich früher einen Seelenklempner mit Psychiatrie verwechselt habe. Soll heissen, dass ich dachte, ich müsste TOTAL verrückt und durchgedreht sein, wenn ich dorthin muss.

Kommt auch noch erschwerend hinzu, dass es wirklich schwierig ist, einen „geeigneten“ Psychologen zu finden (meine Erfahrung). Als ich das erste mal bei einem war, habe ich die ganze dreiviertel Stunde nur geheult, er hat mir gleich beim ersten Mal „kluge“ Ratschläge gegeben und sagte dann: „Wenn Sie meinen, Sie bräuchten noch eine Sitzung, dann lassen Sie sich vorn einen Termin geben!“ - na DANKESCHÖN!

Aber ich gab nicht auf und rief noch eine andere Psychologin an, die mir empohlen worden war. Resultat: die Sprechstundenhilfe fragte mich, wie schlimm es denn sei. Ich antwortete in meinem flapsigen (überspielenden) Tonfall: „Naja, auf dem Fenstersims stehe ich noch nicht!“. Woraufhin ich von der Sprechstundenhilfe (!) den Rat bekam, mich doch lieber an ein Sorgentelefon zu wenden, weil der Terminkalender der Frau Doktor doch recht voll sei!!! Ich muss gestehen, dass ich diese Sache damit gegessen hatte (ungekaut runtergeschluckt?). War mir einfach zu doof.

Dennoch glaube ich als unverbesserliche Optimistin, dass Therapeuten auch hilfreich sein können, man wohl nur mehrere Anläufe braucht :-o

Hast Du mit Deiner Tochter schon einmal besprochen, was sie sich überhaupt unter einem „Seelenklempner“ vorstellt? Versuche einfach, ihre (möglicherweise) abstrusen Vorstellungen zu mildern. Sag ihr, dass sie sich selbst einen aussuchen darf und wenn der ihr nicht auf Anhieb „grün“ ist, darf sie sofort wieder gehen oder braucht nicht mehr dorthin! Wäre doch ein Kompromiss!

Vielleicht bist Du auch darüber schon hinaus, ich weiss ja nicht, wie intensiv ihr schon darüber gesprochen habt. Fakt ist, dass dagegen etwas getan werden muss. Ich will mir gar nicht ausmahlen, wo das hinführen kann.

In der Hoffnung, Dir weitergeholfen zu haben,
Reggi *diesichauchnochgutanihrePubertäterinnert*

Hallo Reggi,
erstmal Danke für Deine Antwort. Das Thema professionelle
Hilfe haben wir schon durch.
Ihre klare Ansage: Mama, wenn Du einen Seelenkempner
einschaltest, bin ich weg.
Ich glaube, das ist ihr Ernst. Sonst droht sie nie mit dem
Spruch. Hat sie auch nicht nötig.
Und ihre Freundin ist zum Schweigen verdonnert.

Ihr seht mich ratlos
Linde

Oups, ich war gerade mit meiner Antwort fertig, als ich dieses Dein Posting las.

erstmal Danke für Deine Antwort. Das Thema professionelle
Hilfe haben wir schon durch.
Ihre klare Ansage: Mama, wenn Du einen Seelenkempner
einschaltest, bin ich weg.
Ich glaube, das ist ihr Ernst. Sonst droht sie nie mit dem
Spruch. Hat sie auch nicht nötig.
Und ihre Freundin ist zum Schweigen verdonnert.

Vielleicht wäre es wirklich gut, Dich (alleine) an eine Kriseninterventionsstelle zu wenden, damit die Dir raten können, wie Du Dich am besten verhalten kannst, die müssten doch Erfahrung damit haben.
Liebe Grüße#
Birgit

Hi Reggi,

ich kann dazu nur sagen, dass ich früher einen Seelenklempner
mit Psychiatrie verwechselt habe. Soll heissen, dass ich
dachte, ich müsste TOTAL verrückt und durchgedreht sein, wenn
ich dorthin muss.

Das ist leider auch noch immer „im Volksdenken“ (tschuldige diesen Ausdruck) stark verankert.

Kommt auch noch erschwerend hinzu, dass es wirklich schwierig
ist, einen „geeigneten“ Psychologen zu finden

Das ist sowieso nicht so leicht, aber ich glaube, wir in Österreich haben da noch den Vorteil, dass sich 1. nicht jeder Psychologe nennen darf, aber 2. die Berufsbezeichnung „Psychotherpeut“ geschützt und strengen gesetzlichen Auflagen unterworfen ist. Also wenn man sich an eine/n PsychotherapeutIn wendet, hat man erstmal die Garantie einer sehr umfassenden und kontrollierten Ausbildung. Außerdem sind unsere Therapeuten per Gesetz verpflichtet, Klienten, die bei einer anderen Therapierichtung besser aufgehoben wären, zu solchen weiterzuvermitteln.
Trotzdem kann es vorkommen, dass es mit einer/em Therapeuten nicht klappt, persönliche Animositäten oder dass man sich doch zuviel erwartet oder zu stark blockiert.

Aber wie gesagt, vielleicht gibt es bei Euch in Deutschland so was ähnliches wie eine Liste eingetragender und ausgebildeter Therapeuten, wo man sich informieren kann.
Liebe Grüße#
Birgit

Hallo Linde

wir hatten vor nicht allzu langer Zeit selbst riesige Probleme in dieser Richtung. Bei Söhnen ist es imho noch schwieriger, wenn sie in solche Szenen geraten.
Und es ist leider nicht mehr weit zu Wiederbetätigung, Vandalismus, Drogenszene.
Ich dank Gott und der ganzen Menschheit, dass diese Phase jetzt vorüber ist. Schon jedes Telefonklingeln hat neue Magengeschwüre ausgelöst.

Es gibt in Ö die sogenannten Streetworker. Das sind vor allem junge Leute, die den Absprung geschafft haben. wirken meistens auf den ersten Blick nicht sehr vertrauensvoll, haben aber vielleicht auch dadurch sehr schnell Kontakt zu den Kids. Diese Leute haben uns sehr geholfen.
Gibt es in D auch solche Menschen? Schildere dein Problem einmal einer Familien-Beratungsstelle.
Weiters wurde uns empfohlen bzw. geraten, uns mit unserem Sohn auf eine Vertrauensperson zu einigen. Das kann ein Verwandter, Bekannter oder auch eine öffentliche Begleitperson einer Beratungsstelle sein, mit der er über seine Probleme, Sorgen offen reden kann.
Bei Gesprächen mit den Eltern wird nie diese Offenheit bestehen können, da es ein zu enges Verhältnis gibt, man oft genau weiß, wie der Gesprächspartner reagiert, was ihm schmeichelt oder auch weh tut. Und auch was man sagen muß, dass man endlich seine Ruhe hat und die Strafen wieder aufgehoben werden.

Ich wünsche dir ebenfalls viel, viel Glück und Geduld und starke Nerven.
Auch die schlimmste Zeit geht vorbei und es scheint wieder mal für euch die Sonne.

Danke an alle
An alle, die mir geantwortet haben.
Ich wollte mich gestern schon bedanken, dann jedoch überschlugen sich die Ereignisse in Amerika.

Es sind einige wertvolle Hinweise dabei, über die ich in aller Ruhe nachdenken werde. Ich werde nichts überstürzen und mir erst einmal professionelle Hilfe und Beratung holen.

Es hat allein schon gut getan, hier darüber schreiben zu können.

Danke allen
Linde

hallo linde,

als selbst betroffene mag ich auch noch was dazu sagen.

es mag schon sein, daß grundsätzlich therapeutische hilfe zu suchen ist. aber nicht unbedingt.
die frage ist, ob bei deiner tochter ein leidensdruck vorhanden ist.
svv ist manchmal nichts weiter als „dampf ablassen“. manch einer knabber fingernägel, manch einer joggt exzessiv, andere trinken alkohol und manche schneiden sich eben.

außerdem ist die frage, ob deine tochter es nicht vielleicht auch macht, um dazu zu gehören.

versteh mich nicht falsch, ich weiß daß es nicht „normal“ ist so etwas zu tun. aber solange bei ihr kein leidensdruck dahinter steht, solltest du sie vorerst vielleicht einfach in ruhe lassen.
das klingt hart, ist aber mein erfahrungswert.

wichtiger als sie dazu zu drängen, damit aufzuhören, ist, daß du sie dazu bringst, hinterher gut für sich zu sorgen, also die wunden ggf. ärztlich versorgen zu lassen.
ich bin zwar kein teenie mehr, aber auch ich wäre (in diesem fall z.b. in einer therapie) sofort weg gewesen, wenn man versucht hätte, mir das zu verbieten. ich denke, daß das der falsche weg ist.

du kannst ihr aber schon versuchen, klar zu machen, daß sie auch in 20 jahren noch mit den narben und mit blöden fragen à la „hast du aber eine aggressive katze…?“ wird leben müssen.

mehr fällt mir momentan nicht dazu ein, aber das wollte ich noch loswerden. ich halte es nämlich für falsch, immer nur darauf zu drängen, ein (aus der sicht der durchschnittsgesellschaft) „falsches“ verhalten abzulegen. dieses verhalten hat einen grund, auch wenn andere den nicht verstehen.

liebe grüße,
fabienne

3 „Gefällt mir“

Leidensdruck

hallo linde,

Hallo Fabienne,
ich bin sehr froh, das Du noch geantwortet hast. Ich habe Deinen Artikel wieder und wieder durchgelesen. Ich glaube, das was Du gesagt hast, kommt meiner/unserer Problematik am nächsten.

als selbst betroffene mag ich auch noch was dazu sagen.

es mag schon sein, daß grundsätzlich therapeutische hilfe zu
suchen ist. aber nicht unbedingt.
die frage ist, ob bei deiner tochter ein leidensdruck
vorhanden ist.
svv ist manchmal nichts weiter als „dampf ablassen“. manch
einer knabber fingernägel, manch einer joggt exzessiv, andere
trinken alkohol und manche schneiden sich eben.

Damit könntest Du gar nicht so falsch liegen, jedenfalls ist es für mich ein Ansatzpunkt, den ich auch schon hatte.

außerdem ist die frage, ob deine tochter es nicht vielleicht
auch macht, um dazu zu gehören.

Das glaube ich eher nicht, bin mir aber nicht sicher.

versteh mich nicht falsch, ich weiß daß es nicht „normal“ ist
so etwas zu tun. aber solange bei ihr kein leidensdruck
dahinter steht, solltest du sie vorerst vielleicht einfach in
ruhe lassen.
das klingt hart, ist aber mein erfahrungswert.

Darum bemühe ich mich. Wenn ich jetzt etwas sage, dann eher so nebenbei, ganz gewollt.

wichtiger als sie dazu zu drängen, damit aufzuhören, ist, daß
du sie dazu bringst, hinterher gut für sich zu sorgen, also
die wunden ggf. ärztlich versorgen zu lassen.

Dagegen sträubt sie sich. Also habe ich ihr eine Wund-und Heilsalbe gekauft und eine Riesenpackung Pflaster und ihr wortlos ins Zimmer gestellt. Sie benutzt beides.

ich bin zwar kein teenie mehr, aber auch ich wäre (in diesem
fall z.b. in einer therapie) sofort weg gewesen, wenn man
versucht hätte, mir das zu verbieten. ich denke, daß das der
falsche weg ist.

du kannst ihr aber schon versuchen, klar zu machen, daß sie
auch in 20 jahren noch mit den narben und mit blöden fragen à
la „hast du aber eine aggressive katze…?“ wird leben müssen.

Sie hat mir mal gesagt, sie würde Tatoos ablehnen, weil die Leben lang da sin. Ich habe sie gefragt, wo für sie der Unterschied bestehen würde. Natürlich habe ich keine Antwort bekommen, habe ich auch nicht wirklich erwartet.

mehr fällt mir momentan nicht dazu ein, aber das wollte ich
noch loswerden. ich halte es nämlich für falsch, immer nur
darauf zu drängen, ein (aus der sicht der
durchschnittsgesellschaft) „falsches“ verhalten abzulegen.
dieses verhalten hat einen grund, auch wenn andere den nicht
verstehen.

Ich versteh das nicht falsch. Ich akzeptiere ihr „anders Sein“. Ich unterstütze sie, wenn sie als Satanistin angegriffen wird, weil die Leute den Unterschied zu Gothic nicht kennen.
Aber es tut mir weh, wenn ich sehe, wie sie sich weht tut. Wenn ich mal wieder ein blutiges Tuch gesehen habe, könnte ich heulen.

Ich danke Dir
Linde

liebe grüße,
fabienne

hallo linde,

ich glaube, deine tochter ist auf jeden fall schon mal gut dran, denn man spürt, daß du dir gedanken machst, sie aber nicht deshalb verurteilst. wenn du ihr das nahebringen kannst, das gefühl, daß du einfach für sie da bist, auch wenn du sie nicht verstehst - das ist schon unheimlich viel wert und kann helfen, auch wenn sie es dir nicht sagt / sagen kann.

Sie hat mir mal gesagt, sie würde Tatoos ablehnen, weil die
Leben lang da sin. Ich habe sie gefragt, wo für sie der
Unterschied bestehen würde. Natürlich habe ich keine Antwort
bekommen, habe ich auch nicht wirklich erwartet.

ein unterschied ist es schon. ein tattoo ist körperschmuck, wird in der regel vom gros der gesellschaft akzeptiert. ist vielleicht noch ein zeichen von freiheit, ein bißchen provokation für die ältere generation - wie auch immer.
narben sind auch ein zeichen für seelenqualen. nicht unbedingt, aber könnte sein. für mich ist es meistens nicht leicht, mit hunderten von alten narben auf dem ganzen körper zu leben. ich werde sie mir aber auch niemals weglasern lassen, denn sie gehören zu mir, sind ein teil meiner geschichte und für mich ein „mahnmal“. deshalb antworte ich auch „alte kriegsverletzungen“, wenn mich jemand fragt, was das ist. weil sie aus dem krieg mit mir selbst stammen, den ich täglich neu gewinne.
wie gesagt, das trifft auf mich zu. wenn bei deiner tochter kein leidensdruck hinterm schnippeln steht, dann möglicherweise auch keine solche bedeutung hinter den narben. aber sie wird damit leben müssen. allerdings kann man sie, wie tattoos auch, inzwischen ganz gut weglasern lassen.

Aber es tut mir weh, wenn ich sehe, wie sie sich weht tut.
Wenn ich mal wieder ein blutiges Tuch gesehen habe, könnte ich
heulen.

dann ist es vielleicht auch der richtige weg, daß DU dich erstmal an einen therapeuten wendest? nicht nur damit du besser damit klar kommst, sondern auch, um zu erfahren, wie du ihr helfen kannst?
ich kann deinen schmerz verstehen. wenn ich meine freundinnen sehe, wie sie sich selbst verletzen, tut es mir auch weh. aber ich weiß auch, wie egal das ist, in dem moment, in dem man es tut / tun muß. deshalb finde ich es so unglaublich bewundernswert, wie du zu deiner tochter stehst.

liebe grüße,
fabienne

1 „Gefällt mir“

Fragen?
Hi Linde,

Neben dem was bereits gesagt wurde, möchte ich noch einiges hinzufügen.

Den richtigen Therapeuten zu finden ist gar nicht so schwer, wie es den Anschein hat. Wichtig jedoch ist das Erstgespräch. Ein Therapeut ohne Erstgespräch oder Infogespräch ist mit Sicherheit kein guter! Dieses Gespräch dient der ersten Annäherung und kostet im Allgemeinen nichts. Es hat den Sinn sich gegenseitig kennenzulernen und heraus zufinden, ob man zusammen passt oder nicht.

Ich sehe euer Problem als Beziehungsproblem und da gilt es meiner Meinung nach auch anzusetzen.

Der Vater deiner Tochter wird nicht erwähnt in deinen Postings! Wo ist er, hat deine Tochter Kontakt zu ihm?

Es ginge mir nicht so sehr darum deiner Tochter das " Schneiden " wegzunehmen, sondern mir die Frage zu stellen, wozu das gut ist? Was würde deine Tochter tun, wenn sie sich nicht schneiden würde? Schneiden ist ein gewalttätiger Akt, wenn sie sich nicht selbst schneiden würde, wen würde sie an ihrer Stelle am ehesten schneiden wollen, wem am wenigsten?

MfG Harald

Hallo,

als ich 15 Jahre alt war, ging es mir genauso. Ich habe mich nur
noch in schwarz gekleidet und mein Freundeskreis beschränkt auf
gleichdenkende. Irgendwann als meine Großeltern mir keine
beachtung mehr gaben und meine anderen Freunde mich nicht mehr
so ernst nahmen fing ich auch an mir an den Armen mit
Rasierklingen aufzuschneiden. Ich hatte den glauben, Satans
Tochter zu sein, was für mich heute vollkommen idiotisch ist.
Meine Narben sind heute immer noch zu sehen.
Meine Großeltern wollten mir auch helfen, aber mit schlägen. Das
hat das alles natürlich noch schlimmer gemacht.

Zeig einfach, das du für deine Tochter da bist, egal was ist!
Belohne sie nicht dafür, wenn sie wieder zur Klinge greift. Ich
habe immer eine Aufheiterung von meinen Eltern bekommen oder bin
bemittleidet worden. Das ist ein Fehler. Um so weniger
aufmerksamkeit ich bekamm, um so mehr hab ich mir weh getan.

Ich war sehr unzufrieden mit mir. Aber heute geht es mir wieder
gut. Bin in eine andere Stadt gezogen und es hat sich nach
einiger Zeit alles von selbst erledigt.

Ich hoffe für deine Tochter, das sie die Augen aufmacht und sich
überlegt, das die Narben niemals verheilen, aber Schmerzen
schon…

Liebe Grüße
Natascha

Es hat sehr geholfen…
all die Postings zu meinem Problem zu lesen. Auch gab es sehr hilfreichen Mail-Verkehr.
Es waren für mich Denksanstösse dabei, die ich sehr ernst nehme und auf meine/unsere Situation bezogen versuchen werde, umzusetzen.

Vielen lieben Dank an alle, ganz besonders bei den persönlich „Betroffenen“
Linde