'Schneiden'

Von: , Frage gestellt am Di, 11. Sep 2001

Liebe Wissenden,
ich habe mich bezüglich schon mal an Euch gewandt und sehr hilfreiche Antworten erhalten. Dabei ging es um meine Tochter und ihren Hang zum "Schwarzen"
Ich habe zwischenzeitlich gelernt, die Ader zum "Gothic" zu akzeptieren. Die Angst, sie könne sich umbringen, haben wir auch in vielen Gesprächen überwunden.
Wir reden sehr viel und häufig miteinander (für eine Mutter und ihre 16jährige Tochter).
Sie wird häufig mal als Satanistin angesprochen, aber das tun wir beide mittlerweile mit einem Schuss Ironie ab.
Was ihr anders sein betrifft, hat sie mittlerweile meine volle Akzeptanz.(Auch wenn es mir immer mal wieder schwer fällt)
Mein großes Problem besteht darin, dass sie sich absichtlich schneidet. "Ritzen" nennt sie das.
Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, bin ich fast aus den Latschen gekippt. War eine falsche Reaktion, inzwischen wirke ich nach außen auch da ruhiger.
Aber innerlich macht es mich mürbe. Ich habe versucht, mit ihr darüber zu reden. Jedoch da blockt sie komplett ab. Das sei ihr Ding und das ginge mich gar nichts an.

Was bringt einen jungen Menschen dazu, sich zu schneiden? Ist es Langeweile, ist es Aussichtslosigkeit, wenn ich auch nicht den Eindruck habe, das sie für sich keine Perspektiven hat.

Wie gehe ich weiter mit dem Thema um? Ist es meine innere Zerrissenheit, die sie das tun läßt? Ich möchte es so gerne verstehen, aber an dem Punkt läßt sie mich nicht an sich ran.

Habt ihr nicht einen Rat, mit meiner Hilflosigkeit umzugehen und ihr zu helfen, von diesem Drang, sich schneiden zu müssen, wegzukommen?

Erstmal vielen Dank fürs Lesen
Linde

15 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 37 Minuten 1 hilfreich
    Re: 'Schneiden'

    Liebe Linde,

    das ist echt ein übles Thema. "SVV" nennt sich das ganze und bedeutet "SelbstVerletzendes Verhalten". Ich bin weder Psychologe noch sonst in diese Richtung ausgebildet, aber mein erster Gedanke beim Lesen war: sie braucht professionelle Hilfe. Es gibt doch sicherlich Therapeuten, die sich auf dieses SVV spezialisiert haben (leider kann ich da auch nicht helfen).

    Wenn Du mit ihr nicht darüber sprechen kannst, hat sie vielleicht eine Freundin, die bereitwilliger Auskunft gibt?

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel, viel Glück und Geduld mit Deiner Tochter.

    Liebe Grüße,
    Reggi [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

    • Antwort von nach 44 Minuten 0 hilfreich
      professionelle Hilfe!

      Liebe Linde,

      das ist echt ein übles Thema. "SVV" nennt sich das ganze und
      bedeutet "SelbstVerletzendes Verhalten". Ich bin weder
      Psychologe noch sonst in diese Richtung ausgebildet, aber mein
      erster Gedanke beim Lesen war: sie braucht professionelle
      Hilfe. Es gibt doch sicherlich Therapeuten, die sich auf
      dieses SVV spezialisiert haben (leider kann ich da auch nicht
      helfen).

      Wenn Du mit ihr nicht darüber sprechen kannst, hat sie
      vielleicht eine Freundin, die bereitwilliger Auskunft gibt?

      Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel, viel Glück und Geduld mit
      Deiner Tochter.

      Liebe Grüße,
      Reggi

      Hallo Reggi,
      erstmal Danke für Deine Antwort. Das Thema professionelle Hilfe haben wir schon durch.
      Ihre klare Ansage: Mama, wenn Du einen Seelenkempner einschaltest, bin ich weg.
      Ich glaube, das ist ihr Ernst. Sonst droht sie nie mit dem Spruch. Hat sie auch nicht nötig.
      Und ihre Freundin ist zum Schweigen verdonnert.

      Ihr seht mich ratlos
      Linde

      • Antwort von nach 57 Minuten 0 hilfreich
        Re: professionelle Hilfe!

        Oups, ich war gerade mit meiner Antwort fertig, als ich dieses Dein Posting las. erstmal Danke für Deine Antwort. Das Thema professionelle
        Hilfe haben wir schon durch.
        Ihre klare Ansage: Mama, wenn Du einen Seelenkempner
        einschaltest, bin ich weg.
        Ich glaube, das ist ihr Ernst. Sonst droht sie nie mit dem
        Spruch. Hat sie auch nicht nötig.
        Und ihre Freundin ist zum Schweigen verdonnert.
        Vielleicht wäre es wirklich gut, Dich (alleine) an eine Kriseninterventionsstelle zu wenden, damit die Dir raten können, wie Du Dich am besten verhalten kannst, die müssten doch Erfahrung damit haben.
        Liebe Grüße#
        Birgit

      • Antwort von nach 58 Minuten 0 hilfreich
        Re: professionelle Hilfe!

        Hallo Linde,

        ich kann dazu nur sagen, dass ich früher einen Seelenklempner mit Psychiatrie verwechselt habe. Soll heissen, dass ich dachte, ich müsste TOTAL verrückt und durchgedreht sein, wenn ich dorthin muss.

        Kommt auch noch erschwerend hinzu, dass es wirklich schwierig ist, einen "geeigneten" Psychologen zu finden (meine Erfahrung). Als ich das erste mal bei einem war, habe ich die ganze dreiviertel Stunde nur geheult, er hat mir gleich beim ersten Mal "kluge" Ratschläge gegeben und sagte dann: "Wenn Sie meinen, Sie bräuchten noch eine Sitzung, dann lassen Sie sich vorn einen Termin geben!" - na DANKESCHÖN!

        Aber ich gab nicht auf und rief noch eine andere Psychologin an, die mir empohlen worden war. Resultat: die Sprechstundenhilfe fragte mich, wie schlimm es denn sei. Ich antwortete in meinem flapsigen (überspielenden) Tonfall: "Naja, auf dem Fenstersims stehe ich noch nicht!". Woraufhin ich von der Sprechstundenhilfe (!) den Rat bekam, mich doch lieber an ein Sorgentelefon zu wenden, weil der Terminkalender der Frau Doktor doch recht voll sei!!! Ich muss gestehen, dass ich diese Sache damit gegessen hatte (ungekaut runtergeschluckt?). War mir einfach zu doof.

        Dennoch glaube ich als unverbesserliche Optimistin, dass Therapeuten auch hilfreich sein können, man wohl nur mehrere Anläufe braucht :-o

        Hast Du mit Deiner Tochter schon einmal besprochen, was sie sich überhaupt unter einem "Seelenklempner" vorstellt? Versuche einfach, ihre (möglicherweise) abstrusen Vorstellungen zu mildern. Sag ihr, dass sie sich selbst einen aussuchen darf und wenn der ihr nicht auf Anhieb "grün" ist, darf sie sofort wieder gehen oder braucht nicht mehr dorthin! Wäre doch ein Kompromiss!

        Vielleicht bist Du auch darüber schon hinaus, ich weiss ja nicht, wie intensiv ihr schon darüber gesprochen habt. Fakt ist, dass dagegen etwas getan werden muss. Ich will mir gar nicht ausmahlen, wo das hinführen kann.

        In der Hoffnung, Dir weitergeholfen zu haben,
        Reggi *diesichauchnochgutanihrePubertäterinnert*




        Hallo Reggi,
        erstmal Danke für Deine Antwort. Das Thema professionelle
        Hilfe haben wir schon durch.
        Ihre klare Ansage: Mama, wenn Du einen Seelenkempner
        einschaltest, bin ich weg.
        Ich glaube, das ist ihr Ernst. Sonst droht sie nie mit dem
        Spruch. Hat sie auch nicht nötig.
        Und ihre Freundin ist zum Schweigen verdonnert.

        Ihr seht mich ratlos
        Linde

        • Antwort von nach einer Stunde 0 hilfreich
          Re^2: professionelle Hilfe!

          Hi Reggi, ich kann dazu nur sagen, dass ich früher einen Seelenklempner
          mit Psychiatrie verwechselt habe. Soll heissen, dass ich
          dachte, ich müsste TOTAL verrückt und durchgedreht sein, wenn
          ich dorthin muss.
          Das ist leider auch noch immer "im Volksdenken" (tschuldige diesen Ausdruck) stark verankert. Kommt auch noch erschwerend hinzu, dass es wirklich schwierig
          ist, einen "geeigneten" Psychologen zu finden
          Das ist sowieso nicht so leicht, aber ich glaube, wir in Österreich haben da noch den Vorteil, dass sich 1. nicht jeder Psychologe nennen darf, aber 2. die Berufsbezeichnung "Psychotherpeut" geschützt und strengen gesetzlichen Auflagen unterworfen ist. Also wenn man sich an eine/n PsychotherapeutIn wendet, hat man erstmal die Garantie einer sehr umfassenden und kontrollierten Ausbildung. Außerdem sind unsere Therapeuten per Gesetz verpflichtet, Klienten, die bei einer anderen Therapierichtung besser aufgehoben wären, zu solchen weiterzuvermitteln.
          Trotzdem kann es vorkommen, dass es mit einer/em Therapeuten nicht klappt, persönliche Animositäten oder dass man sich doch zuviel erwartet oder zu stark blockiert.

          Aber wie gesagt, vielleicht gibt es bei Euch in Deutschland so was ähnliches wie eine Liste eingetragender und ausgebildeter Therapeuten, wo man sich informieren kann.
          Liebe Grüße#
          Birgit

  2. Antwort von nach 52 Minuten 2 hilfreich
    SVV und Gothicszene

    Liebe Linde,

    SVV (= Selbstverletzendes Verhalten) ist ein in unserer Gesellschaft häufiger anzutreffendes Phänomen, die Betroffenen sind zumeist Frauen.

    SVV muß nicht zwingend Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung sein: Zwar findet sich SVV häufig bei Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung (Erklärung dazu siehe Thread weiter unten bzw. Archiv), allerdings ist das sogenannte "Ritzen" z.B. innerhalb der Gothic-Szene inzwischen sozusagen gesellschaftsfähig geworden.

    Was ich damit sagen will: Es kann sein, daß Deine Tochter auch motiviert ist, sich zu schneiden, weil ihre Freunde das tun (sozusagen "Gruppenzwang").

    Nichtsdestotrotz hat sie ein Problem und wenn Du ihr helfen willst, solltest Du Zugang zu ihr finden und ihr signalisieren, daß Du für sie da bist.

    Vielleicht hilft es Dir, Dich vorher genauer über SVV zu informieren, es gibt ein gutes Buch für "Einsteiger":

    Der Schmerz sitzt tiefer von Steven Levenkron
    ISBN 3466305446 [Buch anschauen]

    Bei Parsimony gibt es ein Forum für Menschen, die sich selbst verletzen, vielleicht liest Du Dir die Postings dort einfach mal durch:

    http://f23.parsimony.net/forum47950/index.htm

    Und - last but not least - die Gothic-Szene selbst hat sich des Themas angenommen:

    http://www.nachtwelten.de/ubb/Forum5/HTML/000089.html

    Anhänger der Szene kritisieren dieses Verhalten hier und geben Tipps, wie man den Drang sich selbst zu verletzen, in andere, weniger selbstschädigende Bahnen lenken kann.

    SVV an sich wird auf dieser Seite nicht in Frage gestellt - da Deine Tochter mittendrin steckt und Argumenten außerhalb der Szene momentan eventuell nicht zugänglich ist, könnte dieser Link ihr helfen.

    Alles Gute
    Diana

  3. Antwort von nach 53 Minuten 0 hilfreich
    Re: SVV

    Hallo Linde,
    sehr bedenklich, was da Du schilderst. Regi hat es schon erklärt: sich selbst verletzendes Verhalten (egal, wie es vom Betroffenen gerechtfertigt wird) ist unbedingt therapeutisch abzuklären.
    Meist hat der/die Betroffene das Gefühl oder noch besser: den Druck/Zwang, sich strafen zu müssen, bzw. es ist für ihn/sie nur möglich, sich auf diese Weise zu spüren.
    Prominentestes Beispiel dafür war Prinzessin Diana.
    Ich selber habe mich vor einer Woche auch dabei "erwischt", als ich mir mit voller Kraft selber ins Gesicht schlug. Klingt verrückt, ist es auch. Das war ein Moment ohne Kontrolle aber mit großem Druck, die Aggression richten sich dann gegen sich selber. Und das Verlangen, das wieder zu tun bzw. sich stärker zu verletzen wächst.... Ich war von mir selber auch total schockiert und fassungslos!
    Ich bin schon bei einem Therapeuten angemeldet, bitte Deine Tochter auf jeden Fall, dass sie mal mit einer TherapeutIn darüber redet. Es gibt sicher in Deinem näherem Umkreis eine Kriseninterventionsstelle, die Dich/Euch an die richtige Adresse vermitteln können.
    Alles Gute und liebe Grüße#
    Birgit

  4. Antwort von nach 17 Stunden 0 hilfreich
    Re: 'Schneiden'

    Hallo Linde

    wir hatten vor nicht allzu langer Zeit selbst riesige Probleme in dieser Richtung. Bei Söhnen ist es imho noch schwieriger, wenn sie in solche Szenen geraten.
    Und es ist leider nicht mehr weit zu Wiederbetätigung, Vandalismus, Drogenszene.
    Ich dank Gott und der ganzen Menschheit, dass diese Phase jetzt vorüber ist. Schon jedes Telefonklingeln hat neue Magengeschwüre ausgelöst.

    Es gibt in Ö die sogenannten Streetworker. Das sind vor allem junge Leute, die den Absprung geschafft haben. wirken meistens auf den ersten Blick nicht sehr vertrauensvoll, haben aber vielleicht auch dadurch sehr schnell Kontakt zu den Kids. Diese Leute haben uns sehr geholfen.
    Gibt es in D auch solche Menschen? Schildere dein Problem einmal einer Familien-Beratungsstelle.
    Weiters wurde uns empfohlen bzw. geraten, uns mit unserem Sohn auf eine Vertrauensperson zu einigen. Das kann ein Verwandter, Bekannter oder auch eine öffentliche Begleitperson einer Beratungsstelle sein, mit der er über seine Probleme, Sorgen offen reden kann.
    Bei Gesprächen mit den Eltern wird nie diese Offenheit bestehen können, da es ein zu enges Verhältnis gibt, man oft genau weiß, wie der Gesprächspartner reagiert, was ihm schmeichelt oder auch weh tut. Und auch was man sagen muß, dass man endlich seine Ruhe hat und die Strafen wieder aufgehoben werden.

    Ich wünsche dir ebenfalls viel, viel Glück und Geduld und starke Nerven.
    Auch die schlimmste Zeit geht vorbei und es scheint wieder mal für euch die Sonne.

  5. Antwort von nach 19 Stunden 0 hilfreich
    Danke an alle

    An alle, die mir geantwortet haben.
    Ich wollte mich gestern schon bedanken, dann jedoch überschlugen sich die Ereignisse in Amerika.

    Es sind einige wertvolle Hinweise dabei, über die ich in aller Ruhe nachdenken werde. Ich werde nichts überstürzen und mir erst einmal professionelle Hilfe und Beratung holen.

    Es hat allein schon gut getan, hier darüber schreiben zu können.

    Danke allen
    Linde



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