Hi H.-D.
zunächsteinmal: "Freudscher Versprecher" im Unterschied zu einem Versprecher anderer Art ist die Bezeichnung für einen bestimmten Effekt beim Sprechen (s.u.), der nur im Rahmen der psychoanalytischen Theorie des Unbewußten beschrieben werden kann. Der Ausdruck macht also nur vor diesem Hintergrund Sinn.
Der F.-Versprecher ist dabei nur eine speziellere Variante der allgemeineren "Freudschen Fehlleistung".
Außer den einfachen "Zungenbrechern" entstehen Versprecher dadurch, daß man sich gleichzeitig in verschiedenen Gedankengängen bewegt (was fast immer der Fall ist). Dabei kann es vorkommen, daß ein geeigneter sprachlicher Ausdruck benutzt wird, um einen "Kurzschluß" zwischen diesen Gedanken herzustellen. Das ist dann ein ähnlicher "Mechanismus" wie bei einer absichtlichen Metapher ("Kurzschluß" und "Mechanismus" sind Beispiele für Metaphern) oder einer unabsichtlichen Assoziation:
Beispiel: In der Straßenbahn sitzt ein Betrunkener einer aufgetakelten Fregatte gegenüber und sofort denkst du, daß es mal wieder an der Zeit ist, nach Paris zu fahren.. Wie kommt das? Die Szene erinnert dich an den Witz, den es darüber gibt (kennst ihn?), dann an Lieschen Müller, die Dir diesen Witz zum ersten Mal in einem Café auf dem Boulevard St. Michel erzählt hat.
Es gibt natürlich auch absichtliche Assoziationen, für die z.B. die Berliner berühmt sind ("Schwangere Auster" für das Schauspielhaus).
Ein Beispiel für einen normalen (nicht Freudschen) Versprecher: Du bist auf dem Markt und suchst einen Stand, wo es Zwiebeln gibt, findest sie aber nicht. In dem Augeblich, wo du jmd fragst, schießt Dir durch den Kopf "Nicht vergessen! Lieschen Müller will, daß ich ihr Zwieback mitbringe!" - und so fragst Du die Marktfrau "Haben Sie keine Zwieback heute?". Da wäre es natürlich völlig abwegig, eine unbewußte Aktivität dahinter auch nur zu vermuten.
Was ist aber mit folgenden Beispielen?
1. In einem Liebesbrief schreibst du "Ich werde Dich nicht nie vergessen!"
2. (ein eigenes) In einer Mail schreibt jmd. mir: "Ich habe Deinen Text gelesen - und habe daher auch kein gutes Gefühl, Dich weiterzuempfehlen"
3. In einem Bewerbungschreiben steht geschrieben: "... und habe die Absicht, mich bei dem Projekt mit erheblichen Betrügen zu beteiligen"
4. Der schüchteren Lover stößt, als er seiner Angebeteten Rotwein einschenken (*** s.u.) will, das Glas um, und zwar so, daß sich der Wein über ihren Rock ergießt.
Bei 1. und 2. spielt ganz offenbar unwillkürlich ein zweiter Gedanke mit rein, der aber denselben Inhalt hat, nur verschiedenen Wortlaut:
bei 1. "soll ich 'nie' oder nur 'nicht' schreiben?"
bei 2. "'.. habe .. keine Bedenken ..' ach nein, ich drücke es lieber positiv aus '.. gutes Gefühl ..'").
Beim 3. Beispiel wird man schon eher vermuten dürfen, daß sich hier eine verbrecherische Absicht, die beim Schreiben mitgedacht wurde und gerade deshalb - und zwar als zu <V>Verbergende - im Bewußtsein präsent war, unbewußt ihren Weg in die Öffentlichkeit gebahnt hat (was sich in diesem Fall auch bestätigte).
Beim 4. Beispiel ist es schon sehr deutlich, daß sich hier ein komplett unbewußter Gedanke auf sehr anschauliche Weise outete. Ich hatte mich übrigens gerade verschrieben: "anschuliche" .. weil ich an ein eigenes Projekt einer "Schulung, Verlegenheit zu bewältigen" dachte.
Wenn ich übrigens in dem Absatz oben (bei *** unter 4.) jetzt statt "einschenken will" geschrieben hätte "einschießen will", dann wäre das zwar ein "normaler" Verschreiber (einschießen = einschenken + eingießen), aber es wäre trotzdem zusätzlich eine Freudsche Fehlleistung...
Also kurz gefaßt: Eine bestimmte mißglückte Handlung oder Ausdrucksweise kann eine "Freudsche Fehlleistung" sein, muß aber nicht. Wenn sie im Rahmen einer Psychotherapie auftaucht, kann sie jedoch ein wertvoller Hinweis auf unbewußte Inhalte sein, die dann bearbeitet werden können. Dein Beispiel in dem anderen Posting mit dem "töten" statt "trösten" ist ein solches...
In diesem letzten Absatz hatte ich mich schon wieder verschrieben: "bestimkte" statt "bestimmte" - mir schoß nämlich der Gedanke durch den Kopf "was schreibst du hier mühsam lange Texte, die doch keiner liest?" :-))))
Gruß
Metapher