Affekttheorie
Hi lehitraot
also sooo unernst war mein Posting garnichtmal gemeint.
Natürlich ist das Argument nicht ganz von der Hand zu weisen, daß Männer seltener als Frauen affektive Reaktionen mimisch und gestisch zeigen, bzw. weniger in unwillkürlicher Lautgebung. Eher schon verbal. Aber das trifft hier nicht so ganz - beim sexuellen Verhalten ist es oft sogar umgekehrt. Und bei Äußerungen des Staunens gibt es überhaupt keine Unterschiede.
Aber die psychologische Affekttheorie gibt bessere Argumente an die Hand:
Bei Deinem Beispiel handelt es sich um eine spezifische Art der Angstreaktion - Sofern Männer eine Lustreaktion zeigen, fügen sie beim Schrei häufig noch eine „verbale“ Komponente dazu „JAAAAAH…“. Das ist ein vorbewußter Trick, sich selbst Mut zu machen und passive Anteile (Flucht) in aktive (Angriff) umzuwandeln.
Das männliche Verhalten im Fall der Angstreaktion hat tatsächlich etwas mit einer größeren Selbstdistanz bei affektiven (Angst-)Reaktionen zu tun: In der Psychoanalyse bzw. in der Ethnopsychoanalyse wird das teilweise kulturgeschichtlich begründet (hab leider keinen Literaturhinweis - hab es nur aus direkten Diskussionen) aus Reminszenzen an das Leben in der Wildnis:
Angstreaktionen allgemein sind eng verwandt mit Aggressionssignalen. Augen- und Mundaufreißen, Arme hochreißen (incl. Erstarren in dieser Pose) sind eigentlich Drohgebärden, die den Angreifer zu einem kurzen Zögern veranlassen (Angstlähmung), das dann wiederum zur Flucht ausgenutzt wird.
Nun kommen zwei alternative Arten von Atemreaktionen dazu: Atemanhalten und Schreien.
Das Schreien unterstützt die Angstlähmung des Angreifers (das ist in Form des „kiai“-Schreies in japanischen Zweikampftechniken noch sichtbar).
Ein Nebeneffekt des Schreiens ist das Warnsignal für andere Bedrohte und eine Komponente Hilferuf kommt noch hinzu.
Aber es hat auch einen Nachteil: Es macht den Angreifer auf sein Opfer aufmerksam.
Das plötzliche Atemanhalten (und genau das ist das, was nichtschreiende Männer auf der Achterbahn tun !! ) nach kurzem heftigem Einatmen (artikuliert entspricht das dem „huch!“-Laut) hat einen anderen psychologischen Grund: Dadurch werden die Aktivitäten aller Wahrnehmungfunktionen der Sinnesorgane optimiert - auch physiologisch: gemeinsam mit der Erstarrung der Pose werden alle Eigenbewegungen und -Geräusche (heftiges Atmen stört die akustische Wahrnehmung) unterdrückt und die Möglichkeit der Sondierung und Deutung der Situation optimiert.
Aber Erstarren und Atemanhalten haben noch den zweiten Eeffekt, daß die Situationsabschätzung des Angreifers irritiert wird. Das kann man gut beobachten, wenn ein Nagetier ausnahmsweise mal merkt, daß eine Schlange sich nähert: Die Schlange bewegt sich nur auf das Opfer zu während dieses sich bewegt. Das kann schon ein Wimperklimpern oder eine Atembewegung sein. Die Schlange „weiß“ genau, daß während dieser Bewegung die Wahrnehmung des Opfers irritiert ist. Wenn das Nagetier trotzdem diese ihm unbekannte Gefahr wittert, erstarrt es und die Schlange greift es nicht an - das kann Stunden dauern. Und es kann sogar sein, daß die Schlange sich abwendet - sie erkennt das Opfer nicht mehr, weil sie dazu die charakteristischen Bewegungen des Opfers braucht.
Atemanhalten hat also gleich zwei nützliche Funktionen. Gegenüber der unmittelbareren, aber aktiven, Reaktion des Schreiens (Lähmung des Angreifers und Eröffnung der Flucht) eröffnet das reflektiertere, aber passive, Erstarren (zeitlichen) Freiraum für die Sondierung weiterer Verhaltensmöglichkeiten - dazu gehört u.a. die spontane Übernahme der Schutzfunktion für andere Beteiligte (siehe Händchenhalten im Beispiel von Nike).
Grüße
Metapher