Hallo Romana,
danke für Deine ausführliche Antwort!
Wer hat Dir
gesagt, Du sollst, mußt, kannst immer die Starke sein?!?!?!
Generell: Niemand.
Irgendwie scheint es allerdings in meiner Art zu liegen, daß viele meinen, ich sei das. Da kommen wir gleich noch drauf.
In diesem speziellen Fall: Er selbst. Seine Briefe begannen und endeten mit Worten wie: „Sag mir doch, was ich tun soll“, „Ich weiß nicht weiter, hilf mir doch bitte, wenn es einer kann, dann Du“, „gib mir doch einen Rat“, usw. Solche faktischen Hilferufe schubsen einen dann doch in die Position, derjenige sein zu müssen / zu wollen / zu sollen, der eben jetzt der Stärkere sein muß.
Normalerweise bin ich der Meinung, daß „Stärke“ und „Schwäche“ in einer Beziehung (Freundschaft, Partnerschaft, egal welcher) ausgewogen sein muß. Mehr oder weniger trifft das auch auf meine Freundschaften zu. Aber es gibt natürlich Situationen, wo mal der eine, mal der andere stark sein muß. Da es diesem Freund momentan so schlecht ging, fühlte ich mich eben in der Beschützerrolle (die ich in diesem speziellen Fall wegen des Altersunterschiedes ohnehin schon hin und wiede angenommen hatte).
Als ich Dein Posting las, wagte ich es anfänglich gar nicht
Dir zu antworten, weil Du für mich - obwohl ich Dich ja gar
nicht kenne und wir auch so gut wie gar nichts miteinander zu
tun haben - eine Aura hast, die sagt, ich weiß schon alles,
ich kann schon alles. Natürlich hast Du derartiges nie von Dir
behauptet, Du kommst nur bei mir so an.
Stimmt, habe ich nie gesagt. Trotzdem kommt das anscheinend oft so an, vor allem Online - im RL nur selten und nur bei Menschen, die mich nicht gut kennen. Ich bin im grunde nicht der Meinung, daß ich an diesem Ruf arbeite. Ich sage im Gegenteil sehr oft, daß das, was ich schreibe, nur meine persönliche Meinung ist und ich mich irren kann. Das wiederum liegt daran, daß es mir im Leben viel zu oft passiert ist, daß andere meine Meinung unhinterfragt übernommen haben, obwohl ich das gar nicht wollte, mich zur Autoritätsperson erhoben haben, die ich nicht sein wollte.
Ein gewisses Zutun zu diesem „Image“ mag im Internet auch sein, daß ich selten über Probleme spreche. Zumindest online nicht. Ich respektiere es, daß viele gerade hier mit Problemen hinkommen, und wenn mir etwas hilfreiches dazu einfällt, schreibe ich auch gerne dazu. Für mich persönlich erscheint es aber das falsche Umfeld (nicht das w-w-w, sondern das Internet genenrell). Ich spreche mit meinem Partner, mit Freunden, mit meiner Familie. Natürlich gibt es auch Internet-Bekanntschaften, die mir zu Freunden geworden sind. Doch persönliche Dinge kläre ich dann grundsätzlich per Mail, nicht in einem öffentlichen Forum. Ich habe dazu kein Bedürfnis, ganz einfach. Im Gegensatz dazu helfe und diskutiere ich gern, wenn mir zu einem Thema etwas einfällt. Vielleicht läßt das den Eindruck entstehen: „Die sagt zu so vielem was, hat aber selber keine Probleme“. Was natürlich nicht stimmt.
Weshalb ich dann doch antwortete, ich las die anderen Postings
und dachte, ja, ich habe auch den Eindruck, da war schon was
im Vorfeld, und dieses schreckliche Ereignis hat es nur
hochgebracht.
Das stimmt tatsächlich, was diesen Freund von mir betrifft, das ist mir auch klargeworden, und ich glaube auch zu wissen, was es ist. Da hattet Ihr alle Recht. Ich werde das auch mit ihm ansprechen, wenn er wieder etwas mehr zu sich selbst gefunden hat.
[…]
Doch mir geht es hier nicht um Deinen Freund, sondern um Dich.
Wie sehr bekommst Du denn selbst mal Hilfe, wie sehr kannst Du
Hilfe annehmen?
Wie gesagt: Im Grunde sehr gut. Es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der es mir so ging, wie Du jetzt mutmaßt: In der ich glaubte, immer stark sein zu müssen. Das ist aber schon seit einigen Jahren nicht mehr so. Möglicherweise scheinen einige Eigenschaften und Formulierungen aus dieser Zeit noch durch. Aber mittlerweile habe ich gelernt, Schwäche und Hilflosigkeit zu zeigen und auch mal andere stark sein zu lassen. Allerdings tue ich das im RL, weil ich einfach der Meinung bin, daß meine privaten Probleme in einem Online-Forum nichts verloren haben.
In diesem Fall meines New Yorker Freundes kam allerdings tatsächlich etwas von dieser alten Art durch, das hast Du gut erkannt. Einmal, weil er eben einiges jünger ist als ich und wir eine Art „Große Schwester, kleiner Bruder“ Verhältnis haben. Zum anderen, weil die Ereignisse des 11. September für uns alle Grenzerfahrung, jenseits allen bisher Erlebten, sind.
Nike, möglicherweise hat dieses Beispiel so absolut gar nichts
mit Dir zu tun, doch ich mag Dich dazu mal einladen darüber
nachzudenken, wieoft Du Dir durch ein immer Rat wissen zu
sollen bzw. stark sein müssen (was niemand wirklich kann) Du
Dir selbst manche Hilfe verwehrst?
Du hast in diesem Fall sehr genau beobachtet, Romana, und ich freue mich, daß es Dich so sehr interessiert. Aber ich glaube, ich kann Dich beruhigen: Darüber habe ich mir sehr lange Zeit Gedanken gemacht. Aber ich trenne das „echte“ Leben von einem öffentlich zugänglichen Forum. Ich komme hierher, um zu diskutieren, und wenn ich mit persönlichen Berichten jemandem helfen kann, habe ich auch kein Problem damit, Privates zu erzählen. Ich fühle nur einfach nicht den Impuls, wirklich private Probleme hier zu besprechen. Dazu habe ich Freunde, einen sehr lieben Partner (bei dem ich auch schwach sein kann) und meine Familie.
Überdies, wenn ich schon gerade kritisiere,
Ich hatte das gar nicht als Kritik aufgefaßt, sondern als die bemühunh, mir bei einem möglichen Problem weiter zu helfen. 
Du redest mit
Verlaub einen Schmarrn 
OK, das ist Kritik… 
wenn Du behauptest, Du hättest ihm
nicht helfen können. Du schreibst selbst: "Gestern Morgen
bekam ich eine Email von ihm, in der er
schrieb, daß ihm meine etwas harte Mail doch geholfen hat."
Also, Du hast ihm geholfen! Weiter… „…daß ich versuchen
werde, ihn zu beschützen.“ Das kann eine zweischneidige Sache
sein. Will er das denn überhaupt, was ist mit seiner
Selbstverantwortung? Du kannst jemanden bedingt eine Stütze
sein, doch seinen Weg muß er alleine gehen. Du darfst in Deinem
Beschützenwollen ihm nicht so eine Krücke werden, ohne die er,
oder wer auch immer, nicht mehr alleine laufen kann oder meint
zu können. Damit machst Du Menschen möglicherweise von Dir
abhängig.
Lustigerweise gehört das auch in die „schwach sein können“ Diskussion. Im Rahmen der Entwicklung, die ich weiter oben angedeutet habe, ist mir nämlich aufgegangen, daß beschützen oft negativ belegt ist. Warum eigentlich? Wenn ich jemanden liebe, will ich ihn auch beschützen. genau so kann ich aber auch das Gefühl zulassen, beschützt werden zu wollen. Und beides finde ich legitim und schön.
Und last but not least: „Und hier konnte ich nichts für ihn
tun, gar nichts.“ Weshalb schreibst Du das? Mit Verlaub
vollkommener Blödsinn! Du sagst selbst, Deine wenn auch harte
E-mail hat ihm geholfen. Verdammt noch mal, Du magst ihn, er
ist Dir sehr wichtig, Du hast ihm angeboten zu Dir zu kommen,
Du machst Dir Gedanken um ihn, sorgst Dich um ihn, Du bist für
ihn da, … ist das nichts? Kannst Du bitte das was Du tust
auch wertschätzen?!?!?!?!
Oookay, hast ja recht.
Ich denke, die Ereignisse des 11. September haben uns alle mit einem Gefühl der Hilflosigkeit zurückgelassen. Die Welt, die wir gekannt haben, ist pulverisiert worden, und wir konnte nur da stehen und fassungslos zu sehen. Das ist das „kleine Trauma“, das wir alle - oder viele von uns, ich auf jeden Fall - zurückbehalten haben.
Das was Du getan hast oder tust ist was wert, auch wenn es
nicht dem entspricht was Du möglicherweise gerne getan
hättest. Es ist sehr viel und Du hast Dich als sehr gute
Freundin gezeigt, die sicherlich nicht viele Menschen haben.
Wieviele Menschen würden sich jemanden wie Dich nun wünschen,
der sich um sie so sorgt?!?!?!
Dankeschön. Es ist lieb, daß Du das sagst.
Du hast genug getan. Basta. Ich mutmaße, Du magst meine harten
Worte nicht so, Du hast eine andere Sprache als ich, doch
vielleicht bleibt es Dir dadurch besser im Gedächtnis, Dich
und das was Du tust, mehr wertzuschätzen. 
Glaube mir, Romana: Ich habe kein Problem mit harten Formulierungen. Im Gegenteil. Und ich weiß das, was Du schreibst, sehr zu schätzen.
Überdies… Hilfe geht nicht nur über Worte, weiß nicht wieso
ich das nochmal aufgreife, doch ich denke, es könnte eine gute
Idee sein, für ihn, möglicherweise auch für Dich was machen,
das Deine Gefühle ausdrückt, und nichts mit Worten zu tun hat.
Es muß ja keine Musik-CD oder Fotocollage sein, da bin ich
jetzt etwas phantasielos. Wenn Du ihm was in konkreter Form
schickst, so hat er dann immer eine Art „Talismann“ oder
„Rettungsanker“ bei sich und weiß, er kann auf Dich zukommen,
wenn es nötig sein sollte.
Ich habe ihm am Wochenende auf meiner Homepage eine Seite gebastelt, eine Art „Insel“, mit Bildern, gedichten und solchen Dingen, einen Ort, an den er sich flüchten kann. Ich glaube, das hat ihn gefreut. Zumindest hat es ihn erreicht , und mittlerweile habe ich auch wieder den Eindruck, daß meine Worte ihn erreichen. Ein großer Fortschritt, da er vor ein paar Tagen noch völlig unzugänglich war - siehe mein Ausgangsposting.
Sorry für die teils derbe Wortwahl, doch ich konnte / wollte
jetzt nicht anders.
Wie gesagt: Ich hab sie gar nicht als derb empfunden, im Gegenteil. Mit Ehrlichkeit habe ich noch nie ein Problem gehabt. Danke für Dein ausführliches Posting. 
Liebe Grüße, Nike