11. September - Trauma

Hallo Gemeinde,

ein guter Freund von mir lebte (bis vor kurzem) in New York City. Er arbeitete downtown, im Rockefeller-Center, und ist 23, soviel zur Basis-Info.

Nach dem 11. September hat er seinen Job gekündigt, seine Wohnung abgegeben und ist nach Connecticut geflohen. Er hat 3000$ Erspartes und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er weiß nur, daß er nicht nach New York zurück will. Seine Briefe sind traumatisiert, voller Ängste. Er schreibt wirre Dinge, wie, nach Indien auszuwandern (großartiger Plan, da Indien direkter Nachbar von Pakistan ist, aber nun ja). Er hat einfach alles stehen- und liegen gelassen, weiß nicht wohin.

Ich habe das Gefühl, er wandert durch einen Nebel, in dem er seinen Weg nicht mehr sieht, alle Geräusche sind gedämpft, alles, was wir (seine Freunde und ich) ihm sagen oder schreiben, weht einfach an ihm vorbei.

Ich fühle mich schrecklich hilflos. Zu allererst habe ich ihm angeboten, er könne jederzeit nach Deutschland kommen und hier Abstand gewinnen und Kraft schöpfen, so lange er will. Außerdem kann er mich jederzeit anrufen - was er aber nicht tut, er schreibt ab und zu Emails.

Also: Was könnte ich ihm sagen oder schreiben, das ihn erreicht? For once in my life, I’m at a loss for words…

Tips werden gerne unter diesem Posting entgegengenommen.

Liebe Grüße, Nike

Hallo Nike,

nur ein Gedanke dazu…

„Einfach“ alles aufgeben ist gar nicht so einfach…
Alles, was Du schreibst klingt nach einem tiefen Trauma. Ich
habe einen sehr guten Freund, der tief in eine Depression
gefallen ist. Was Du schreibst klingt so ähnlich, im Nebel sein,
alles geht an ihm vorbei. Mein Freund, der in mühevoller Arbeit
aus seiner Depression gefunden hat, sagte mal zu mir, das schwerste, war der Anfang, ich hab einfach alles laufen lassen,
daß war das Schwerste überhaupt…
Ich werde diesen Satz nie vergessen. In Deiner Situation tust Du dass, was Du tun kannst auf die Entfernung hin, will er Dich
kontaktieren, bist Du da…obs hilft ist fraglich. Er hat doch
sicher Menschen vor Ort?
Hilflos hab ich mich damals auch immer gefühlt, von daher antworte ich Dir. Weis noch genau, als er mir per Mail mitteilte, das wars wohl, ich kann nimmer. Hab alle Leute mobil gemacht, geweint, hatte schreckl. Angst…Tage später, mailt er mir, als wäre nichts gewesen…versuch dann mal freundlich zu bleiben…
Also was ich damit sagen will, nimm es Dir nicht persönlich an, wenn er die von Dir gut gemeinten Ratschlaege im Moment nicht hört, die Zeit, daß er Dich brauch, wird kommen. Jetzt brauch Dein Freund sicher was anderes. Vielleicht ist es sogar ein
Wedepunkt in seinem Leben…? Vielleicht sieht er jetzt klarer, als je zuvor, vielleicht ist er einfach nur verwirrt…
Eine zieml. bekannte Schriftstellerin, hatte zu Zeiten des
Vietnam-Krieges ein Telegramm an den US-Präsidenten schicken wollen, noch während sie das teure Stück (war zu tiefsten DDR-Zeiten) aufgeben wollte, wurde sie in die Klapsmühle verbracht…nun frag ich Dich, ist sie ver(rückt) geworden???
Oder war es nicht einfach nur die Hilflosigkeit, etwas unternehmen zu wollen gegen diese ungerechte Welt?
Sei einfach nur da, mehr kannst Du nicht für ihn tun…

Herzl. Grüße
H.-D. (die grade feststellt, dass es schon hell wird draußen…)

Hi Nike

bei Katastrophen gibt es außer der direkten Traumatisierung der Beteiligten noch ein sekundäres Phänomen: Auch die indirekte „Teilnahme“, die nur durch die Medien stattfindet, kann zu traumaischen Reaktionen führen.

Der 11.Sept. hatte natürlich gerade in dieser Hinsicht eine enorme Potenz, und zwar aus zwei Gründen: Im Unterschied zu lokalen Unfällen (der ICE-Crash in Eschede und die Detonation in Enschede), gelegentlichen Amokläufen oder gelegentlichen Naturkatastrophen (Erdbeben) lag hier die Ursache in menschlicher Absicht und sie zielte präzise auf die endgültige Zerstörung des Bewußtsein, daß an irgendeinem Ort in der Welt ein Alltagsleben möglich sei, das sich um die unmittelbare Gefährdung physischen Lebens nicht zu bekümmern braucht.

D.h. die Zerstörung dort , von der mir die Medien berichten, droht mir unmittelbar auch hier. Aber ein auf die Erde zurasender Shoemaker-Komet hätte eine ganz andere psychische Auswirkung als eine solche Gefahr, die aus menschlicher Abgründigkeit kommt, die sich deshalb nicht anbahnt, die sich nicht abwehren, nicht verhindern läßt: Sie ist immer und überall präsent. Das Alles in dem bekannten Satz „Alles, was entsteht, ist wert, daß es zu Grunde geht“ (Faust I) hat nun jeder Mensch in höchster Brisanz und Radikalität in seinem Alltag. Die Fähigkeit des Bewußtseins, zu verdrängen, die sonst eher negative Konsequenzen hat, wird hier eines Tages zum Segen gereichen.

Diese indirekte Traumatisierung hab ich nicht nur von Stimmen aus New York gehört: In den Wochen des September bin ich auch hierzulande sehr vielen solcher Reaktionen begegnet. Die Erscheinungen und auch der therapeutische Umgang damit unterscheidet sich nur wenig von direkten Traumatisierungen durch Grenzüberschreitungen (Gewalterfahrungen, Einbrüche im eigenen Haus usw.) oder eigene Fehlleistungen wie z.B. Verkehrsunfälle… Nur jetzt ist zunächst einmal die traumatisierende Situation in aller Welt unausweichlich.

Die Erscheinung bei Deinem Freund sieht trotzdem ein wenig sonderbar aus, so daß ich die Vermutung hab, daß da noch etwas anderes im Untergrund lag, was durch die Ereignisse aktualisiert wurde. Da scheint mir irgendeine Kellertür aufgegangen zu sein, die vormals verschlossen war.

Es kann natürlich sein, daß das, was sich da zusätzlich eröffnet hat, sich nach einer Weile wieder schließt. Da könnte es sinnvoll sein, daß ihr ihn einfach eine Weile „herumirren“ laßt, er wird irgendwo wieder Kontakt mit unmittelbaren Lebensbedürfnissen bekommen. Oder der Druck wird so groß, daß er von sich aus psychologische Hilfe aufsucht. Aber das könnte dramatisch werden, da er ja nur wenig Erspartes bei sich hat, und da außerdem damit zu rechnen ist, daß ähnliche Attentate noch einmal passieren.

Ihm immer wieder anzubieten, nach D zu kommen, ist sicher gut für ihn, aber Vorschläge „tu dies tu das“ wird er sicher ignorieren und davon würde ich dringend abraten. Besser ist es, ihn einfach zum Erzählen zu animieren, was er gerade tut (ganz konkret), wie er sich empfindet usw. - ihn also nur erzählen zu lassen, ohne es zu beurteilen, zu bewerten, ohne Meinungen, was jetzt besser für ihn sei usw.

Fachkundige psychologische Unterstützung wäre natürlich objektiv das beste. Aber auch das nicht als Empfehlung oder Vorschlag, sondern eher in der Form „hast du nicht Lust…?“. Gerade auch in USA hat in den letzten Jahren speziell die Psychotraumatologie (nicht zu verwechseln mit Traumatologie - das ist Sportmedizin) große Erfolge und Fortschritte zu verzeichnen. Aber wie gesagt: Hier ist noch mehr im background.

Schlimme Situation für Dich. Vielleicht a.a.O. mehr?

Liebe Grüße
Metapher

Hallo Nike

Dein Freund scheint einen Schock erlitten zu haben.(Nebel, gedämpfte Geräusche etc)
Weisst du , ob er im WTC Freunde verloren hat? Ob er selbst existenzielle Bedrohung bereits erlebte, Katastrophe, Unfall, Verlust von nahestehenden Personen?

Akzeptierst du das Wirre erst einmal, ohne Ablehnung einfach als Form des sich Äusserns?
Kannst du ihm mitteilen, dass du offen bist für egal welche Mitteilungen, einfach um in Kontakt zu bleiben? (sich mitteilen ist Vorausetzung für einen Heilungsprozess) und kannst du deinerseits in Kontakt mit ihm bleiben?

Vielleicht kannst du in deinen Mails die bereits angesprochenen
Therapie Möglickeiten einbringen?
wertvolle Infos bieten z.b. die Baldwin Trauma pages
http://www.trauma-pages.com/pg2.htm

Du schreibst Ich fühle mich schrecklich hilflos.

I’m at a loss for words…Achtest du auch darauf, ob du nicht einen kleinen Schock erlitten hast wie die New Yorker, die von der zweiten Schockwelle erreicht wurden, als sie ob der Trauer der direkt Betroffenen und ihrer eigenen Hilflosigkeit zu weinen begannen?.

In Selbsthilfegruppen teilen die MNitglieder ihre Gedanken und Erlebnisse miteinander. Vielleicht kannst du ihm Deine Empfindungen mitteilen?

Manchmal ist es gut, nicht sofort vernünftig zu sein, sondern dem inneren Chaos Ausdruck zu verleihen, vorausgesetzt das Gegenüber hält dies aus. In diesem Fall scheint dies sowohl für dich wie auch deinen Freund zu gelten.
Mit aller Achtsamkeit in Kontakt zu bleiben, mag ihm, aber auch dir, gut tun.

Grüsse
Leska

Hallo Gemeinde,

Hi Nike,

ein guter Freund von mir lebte (bis vor kurzem) in New York
City. Er arbeitete downtown, im Rockefeller-Center, und ist
23, soviel zur Basis-Info.

Nach dem 11. September hat er seinen Job gekündigt, seine
Wohnung abgegeben und ist nach Connecticut geflohen. Er hat
3000$ Erspartes und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er
weiß nur, daß er nicht nach New York zurück will. Seine Briefe
sind traumatisiert, voller Ängste. Er schreibt wirre Dinge,
wie, nach Indien auszuwandern (großartiger Plan, da Indien
direkter Nachbar von Pakistan ist, aber nun ja). Er hat
einfach alles stehen- und liegen gelassen, weiß nicht wohin.

Ich hatte auch denselben Eindruck wie Metapher, daß dieses Erlebnis eher was Altes, darunter Begrabenes aufgewühlt hat. Ihr schreibt Euch. Habt Ihr noch eine andere Möglichkeit zu kommunizieren, z.B. via Internet (Chat, Telefonieren…).

Mir scheint manchmal, daß die Menschen in der Peripherie des Geschehens teils nicht minder leiden, eben weil sie sich ihrer Hilflosigkeit nicht erwehren können. Du hast hier allerdings auf die Entfernung nur bedingt Möglichkeiten ihm zu helfen, außer ihm anzubieten, für ihn da zu sein, daß er sich immer an Dich wenden kann. Durch (neutrale) Fragen kannst Du erfahren wie es um ihn steht bzw. ihm auch möglicherweise helfen, selbst herauszufinden, wo er gerade steht. Ich weiß nicht wie er gerade drauf ist, doch eventuell würde ich ihm gar keine psychotherapeutische Hilfe empfehlen, sondern Fragen stellen, sodaß er gegebenenfalls selbst drauf kommt, sich solche Hilfe zu suchen, z.B. eben fragen, wie er mit seiner inneren Verwirrtheit umgehen mag, wie er aus dem Chaos rauskommen möchte, was seine Perspektiven sind, was er nun Schritt für Schritt plant… Wichtig scheint mir hier zu sein, daß Du Dich als Fragestellerin nicht von ausweichenden Antworten ablenken läßt, sondern ihn immer wieder dahin empathisch zurück- bzw. hinführst. Eine verrückte Idee ist möglicherweise… was hältst Du davon, ihm und Dir eine Woche Urlaub zu schenken, z.B. bei http://www.super-last-minute.de bekommt man teils ganz günstige Flüge mit Hotel. Möglicherweise hilft ihm das Abstand zu gewinnen und es hilft Dir Dir ein klares Bild über seinen Zustand zu gewinnen und gemeinsam könntet Ihr möglicherweise so beide zusammen was klären.

Ich habe das Gefühl, er wandert durch einen Nebel, in dem er
seinen Weg nicht mehr sieht, alle Geräusche sind gedämpft,
alles, was wir (seine Freunde und ich) ihm sagen oder
schreiben, weht einfach an ihm vorbei.

Möglicherweise braucht er einfach auch die Zeit, manche Dinge muß man, so schwer es helfen wollenden Menschen auf fallen mag, auch allein durchstehen. Da bleibt einfach nur Deine Bereitschaft für ihn da sein zu wollen und zu können. Auch wenn Dir das zu wenig scheinen mag, es ist sehr viel, möglicherweise braucht er im Moment gar nicht mehr, außer das Gefühl da ist jemand, zu dem er gehen kann, wenn er möchte. Er ist nicht allein. Er kann sich - wenn er möchte - geborgen fühlen.

Ich fühle mich schrecklich hilflos. Zu allererst habe ich ihm
angeboten, er könne jederzeit nach Deutschland kommen und hier
Abstand gewinnen und Kraft schöpfen, so lange er will.
Außerdem kann er mich jederzeit anrufen - was er aber nicht
tut, er schreibt ab und zu Emails.

Hm. Ohne ihn (noch mehr) belasten zu wollen, vielleicht schreibst Du ihm auch mal Deine Gefühle und Gedanken, und was sein aktuelles Leben gerade in Dir auslöst? Vielleicht kannst Du eine Art „Vertrag“ mit ihm zu Deiner Beruhigung und zu seiner Sicherheit zu machen, daß wenn er nicht mehr weiter weiß bzw. wenn er sich mal total down fühlt, er sich bei Dir meldet.

Also: Was könnte ich ihm sagen oder schreiben, das ihn
erreicht? For once in my life, I’m at a loss for words…

Wenn Du gerade nicht so wortreich bist wie sonst, vielleicht hilft eine andere Sprache… wie wäre es, Du bespielst ihm eine Cassette mit Musik, die Ihr beide aus gemeinsamen Erfahrungen kennt und mögt oder Musik die ihm einfach an Deutschland, an Sicherheit, an Geborgenheit, an Liebe erinnert? Wie wäre es, Du machst ihm eine schöne Collage oder mals ihm ein schönes Bild oder drückst sonstwie Deine Zuneigung und Dein Angebot für ihn dazu sein aus?

Tips werden gerne unter diesem Posting entgegengenommen.

Liebe Grüße, Nike

Alles Gute,
Romana

Danke an alle! Und ein Update…
Hallo Ihr Lieben,

erst mal danke für die ausführlichen Antworten (auch an Gitte, die mir per Mail einen sehr hilfreichen Brief schrieb!).

Ich antworte Euch nicht einzeln, sondern gesammelt. Denn ich habe von jedem von Euch etwas Hilfe mitgenommen. Falls Euch ein kleines Update interessiert, gebe ich es Euch hier.

Bevor ich mein Posting schrieb, hatte ich ihm einen relativ gnadenlosen Brief geschrieben. Liebevoll zwar, aber mit dem Thema: „Komm bitte wieder zu Verstand“. Das tat mir im Nachhinein unheimlich leid.

Nach dem Lesen Eurer lieben Postings habe ich mir dann verstärkt Gedanken gemacht. Am Wochenende habe ich mir noch mal alle „Time“, „Newsweek“ u. Ä. Specials angesehen und versucht, mir vorzustellen, wie es gewesen sein muß, life dabei gewesen zu sein. Und mir ging auf, daß er, jenseits aller Vernunft, die man sonst sicher walten lassen muß bei großen Entscheidungen, durchaus das Recht hat, weglaufen zu wollen. Und auch das Recht, eine Weile lang nicht darüber reden zu wollen, bis es ihm besser geht.

Und mir ist auch klar geworden, was einige von Euch hier schreiben: Daß ich selbst mein kleines Trauma davon getragen habe.

Gestern Morgen bekam ich eine Email von ihm, in der er schrieb, daß ihm meine etwas harte Mail doch geholfen hat. Das hat mich erst mal sehr erleichtert. Trotzdem habe ich ihm noch einen zweiten brief geschrieben, in dem ich das, was ich jetzt hier gesagt habe, nochmal niederschrieb. Ich habe ihm noch mal gesagt, daß er jederzeit hier willkommen ist, so lange er möchte. Leider kann ich momentan nicht selbst hinfliegen, daran hatte ich auch schon gedacht.

Und außerdem habe ich mich, wie Du, Romana, geraten hast, auch aufgerafft, ihm zu schreiben, wie schwer das für mich ist. Ihr habt sicher recht: Er erwartet wahrscheinlich gar nicht, daß ich jetzt die Starke bin, die immer Rat weiß. Deswegen schrieb ich ihm, daß das Schlimmste an dieser ganzen Geschichte, bei aller Trauer für die vielen Opfer, für mich die Vorstellung ist, daß er da mitten drin war. Daß das der gedanke ist, der mich nicht losläßt. Er ist für mich wie ein kleiner Bruder, und ich habe mir immer gesagt, daß ich versuchen werde, ihn zu beschützen. Und hier konnte ich nichts für ihn tun, gar nichts. Tjaaa, wollen mal sehen, wie’s jetzt weiter geht. Wenn Ihr möchtet, halte ich Euch auf dem Laufenden.

Auf jeden Fall haben Eure Ratschläge und lieben Worte mir sehr geholfen. Danke Euch allen.

Liebe Grüße, Nike

Hallo Nike,

hm. Ich weiß nicht so recht wie ich es sagen soll, doch ich hatte anfänglich bei meiner Antwort ganz anders angefangen, habe es jedoch wieder gelöscht. Doch da Du selbst nun davon geschrieben hast, „…aufgerafft, ihm zu schreiben, wie schwer das für mich ist.“, möchte ich es noch nachfügen. Wer hat Dir gesagt, Du sollst, mußt, kannst immer die Starke sein!!!

Als ich Dein Posting las, wagte ich es anfänglich gar nicht Dir zu antworten, weil Du für mich - obwohl ich Dich ja gar nicht kenne und wir auch so gut wie gar nichts miteinander zu tun haben - eine Aura hast, die sagt, ich weiß schon alles, ich kann schon alles. Natürlich hast Du derartiges nie von Dir behauptet, Du kommst nur bei mir so an. Also, wieso soll ich jemanden antworten, der das was ich zu sagen habe, wahrscheinlich eh schon alles weiß und dementsprechend nur noch abtun kann. Das waren meine Gedanken zu Dir.

Weshalb ich dann doch antwortete, ich las die anderen Postings und dachte, ja, ich habe auch den Eindruck, da war schon was im Vorfeld, und dieses schreckliche Ereignis hat es nur hochgebracht.

Jeder Mensch ist unterschiedlich stark belastbar. Ich kenne jemanden der mit 15, heute 20, Alpträume hatte, wohl auch noch heute hat, weil er mal eine Nacht sich unter Leichen in einem Bürgerkrieg versteckt hat. Manche Menschen machen - wie man auch immer das noch messen und beurteilen mag - teils Schlimmeres mit, und „laufen in dem Sinne auch nicht davon“.

Doch mir geht es hier nicht um Deinen Freund, sondern um Dich. Wie sehr bekommst Du denn selbst mal Hilfe, wie sehr kannst Du Hilfe annehmen?

Ich hatte mal Kontakt zu einer Frau, die ich sehr schätzte, die beispielsweise ihren Mann mit ihrem „immer stark sein“ in den Alkoholismus getrieben hat. Sicher, es gehören immer zwei dazu, er hat sich auch treiben lassen. Doch als sie mal von einem vermeintlichen Einbrecher an der Balkontüre belästigt worden ist, ihren Freund anrief, ihm die Situation erzählte, hätte dieser ihrer Meinung nach wissen müssen, daß er sofort vorbeikommen soll um sie zu trösten. Ich hätte mir das in der selben Situation auch gewünscht, wäre wohl auch verletzt gewesen, wieso mein Partner, oder auch nur Geliebter, nicht drauf kommt.

Doch so wie ich diese Frau kannte, hat sie das ihm ebenso locker-flockig erzählt wie mir, und es war ja auch schon vorbei, so daß ihm möglicherweise gar nicht die Idee kam, ihr könnte noch die Angst in allen Gliedern stecken. Ich reagiere teils auch wie sie, bin stark und brauche niemanden. :smile: Doch hier als Außenstehende habe ich auch gesehen, daß auch ein Mann mal gewollte werden will, um Hilfe gebeten werden will, daß man bzw. frau auch ruhig mal Angst zugegen darf. Stattdessen hat sie sich ungeliebt gefühlt und wenige Tage später die Beziehung unter fadenscheinigen Gründen, es hätte ja auf einmal eh nicht gepaßt, beendet.

Nike, möglicherweise hat dieses Beispiel so absolut gar nichts mit Dir zu tun, doch ich mag Dich dazu mal einladen darüber nachzudenken, wieoft Du Dir durch ein immer Rat wissen zu sollen bzw. stark sein müssen (was niemand wirklich kann) Du Dir selbst manche Hilfe verwehrst?

Überdies, wenn ich schon gerade kritisiere, Du redest mit Verlaub einen Schmarrn :smile:, wenn Du behauptest, Du hättest ihm nicht helfen können. Du schreibst selbst: "Gestern Morgen bekam ich eine Email von ihm, in der er

schrieb, daß ihm meine etwas harte Mail doch geholfen hat." Also, Du hast ihm geholfen! Weiter… „…daß ich versuchen werde, ihn zu beschützen.“ Das kann eine zweischneidige Sache sein. Will er das denn überhaupt, was ist mit seiner Selbstverantwortung? Du kannst jemanden bedingt eine Stütze sein, doch seinen Weg muß er alleine gehen. Du darfst in Deinem Beschützenwollen ihm nicht so eine Krücke werden, ohne die er, oder wer auch immer, nicht mehr alleine laufen kann oder meint zu können. Damit machst Du Menschen möglicherweise von Dir abhängig.

Und last but not least: „Und hier konnte ich nichts für ihn tun, gar nichts.“ Weshalb schreibst Du das? Mit Verlaub vollkommener Blödsinn! Du sagst selbst, Deine wenn auch harte E-mail hat ihm geholfen. Verdammt noch mal, Du magst ihn, er ist Dir sehr wichtig, Du hast ihm angeboten zu Dir zu kommen, Du machst Dir Gedanken um ihn, sorgst Dich um ihn, Du bist für ihn da, … ist das nichts? Kannst Du bitte das was Du tust auch wertschätzen!!!

Das was Du getan hast oder tust ist was wert, auch wenn es nicht dem entspricht was Du möglicherweise gerne getan hättest. Es ist sehr viel und Du hast Dich als sehr gute Freundin gezeigt, die sicherlich nicht viele Menschen haben. Wieviele Menschen würden sich jemanden wie Dich nun wünschen, der sich um sie so sorgt?!?!?!

Du hast genug getan. Basta. Ich mutmaße, Du magst meine harten Worte nicht so, Du hast eine andere Sprache als ich, doch vielleicht bleibt es Dir dadurch besser im Gedächtnis, Dich und das was Du tust, mehr wertzuschätzen. :smile:

Überdies… Hilfe geht nicht nur über Worte, weiß nicht wieso ich das nochmal aufgreife, doch ich denke, es könnte eine gute Idee sein, für ihn, möglicherweise auch für Dich was machen, das Deine Gefühle ausdrückt, und nichts mit Worten zu tun hat.

Es muß ja keine Musik-CD oder Fotocollage sein, da bin ich jetzt etwas phantasielos. Wenn Du ihm was in konkreter Form schickst, so hat er dann immer eine Art „Talismann“ oder „Rettungsanker“ bei sich und weiß, er kann auf Dich zukommen, wenn es nötig sein sollte.

Sorry für die teils derbe Wortwahl, doch ich konnte / wollte jetzt nicht anders.

Romana

Ihr

habt sicher recht: Er erwartet wahrscheinlich gar nicht, daß
ich jetzt die Starke bin, die immer Rat weiß
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

2 „Gefällt mir“

Hallo Romana,

danke für Deine ausführliche Antwort!

Wer hat Dir
gesagt, Du sollst, mußt, kannst immer die Starke sein?!?!?!

Generell: Niemand. :smile: Irgendwie scheint es allerdings in meiner Art zu liegen, daß viele meinen, ich sei das. Da kommen wir gleich noch drauf.
In diesem speziellen Fall: Er selbst. Seine Briefe begannen und endeten mit Worten wie: „Sag mir doch, was ich tun soll“, „Ich weiß nicht weiter, hilf mir doch bitte, wenn es einer kann, dann Du“, „gib mir doch einen Rat“, usw. Solche faktischen Hilferufe schubsen einen dann doch in die Position, derjenige sein zu müssen / zu wollen / zu sollen, der eben jetzt der Stärkere sein muß.

Normalerweise bin ich der Meinung, daß „Stärke“ und „Schwäche“ in einer Beziehung (Freundschaft, Partnerschaft, egal welcher) ausgewogen sein muß. Mehr oder weniger trifft das auch auf meine Freundschaften zu. Aber es gibt natürlich Situationen, wo mal der eine, mal der andere stark sein muß. Da es diesem Freund momentan so schlecht ging, fühlte ich mich eben in der Beschützerrolle (die ich in diesem speziellen Fall wegen des Altersunterschiedes ohnehin schon hin und wiede angenommen hatte).

Als ich Dein Posting las, wagte ich es anfänglich gar nicht
Dir zu antworten, weil Du für mich - obwohl ich Dich ja gar
nicht kenne und wir auch so gut wie gar nichts miteinander zu
tun haben - eine Aura hast, die sagt, ich weiß schon alles,
ich kann schon alles. Natürlich hast Du derartiges nie von Dir
behauptet, Du kommst nur bei mir so an.

Stimmt, habe ich nie gesagt. Trotzdem kommt das anscheinend oft so an, vor allem Online - im RL nur selten und nur bei Menschen, die mich nicht gut kennen. Ich bin im grunde nicht der Meinung, daß ich an diesem Ruf arbeite. Ich sage im Gegenteil sehr oft, daß das, was ich schreibe, nur meine persönliche Meinung ist und ich mich irren kann. Das wiederum liegt daran, daß es mir im Leben viel zu oft passiert ist, daß andere meine Meinung unhinterfragt übernommen haben, obwohl ich das gar nicht wollte, mich zur Autoritätsperson erhoben haben, die ich nicht sein wollte.
Ein gewisses Zutun zu diesem „Image“ mag im Internet auch sein, daß ich selten über Probleme spreche. Zumindest online nicht. Ich respektiere es, daß viele gerade hier mit Problemen hinkommen, und wenn mir etwas hilfreiches dazu einfällt, schreibe ich auch gerne dazu. Für mich persönlich erscheint es aber das falsche Umfeld (nicht das w-w-w, sondern das Internet genenrell). Ich spreche mit meinem Partner, mit Freunden, mit meiner Familie. Natürlich gibt es auch Internet-Bekanntschaften, die mir zu Freunden geworden sind. Doch persönliche Dinge kläre ich dann grundsätzlich per Mail, nicht in einem öffentlichen Forum. Ich habe dazu kein Bedürfnis, ganz einfach. Im Gegensatz dazu helfe und diskutiere ich gern, wenn mir zu einem Thema etwas einfällt. Vielleicht läßt das den Eindruck entstehen: „Die sagt zu so vielem was, hat aber selber keine Probleme“. Was natürlich nicht stimmt.

Weshalb ich dann doch antwortete, ich las die anderen Postings
und dachte, ja, ich habe auch den Eindruck, da war schon was
im Vorfeld, und dieses schreckliche Ereignis hat es nur
hochgebracht.

Das stimmt tatsächlich, was diesen Freund von mir betrifft, das ist mir auch klargeworden, und ich glaube auch zu wissen, was es ist. Da hattet Ihr alle Recht. Ich werde das auch mit ihm ansprechen, wenn er wieder etwas mehr zu sich selbst gefunden hat.

[…]

Doch mir geht es hier nicht um Deinen Freund, sondern um Dich.
Wie sehr bekommst Du denn selbst mal Hilfe, wie sehr kannst Du
Hilfe annehmen?

Wie gesagt: Im Grunde sehr gut. Es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der es mir so ging, wie Du jetzt mutmaßt: In der ich glaubte, immer stark sein zu müssen. Das ist aber schon seit einigen Jahren nicht mehr so. Möglicherweise scheinen einige Eigenschaften und Formulierungen aus dieser Zeit noch durch. Aber mittlerweile habe ich gelernt, Schwäche und Hilflosigkeit zu zeigen und auch mal andere stark sein zu lassen. Allerdings tue ich das im RL, weil ich einfach der Meinung bin, daß meine privaten Probleme in einem Online-Forum nichts verloren haben.

In diesem Fall meines New Yorker Freundes kam allerdings tatsächlich etwas von dieser alten Art durch, das hast Du gut erkannt. Einmal, weil er eben einiges jünger ist als ich und wir eine Art „Große Schwester, kleiner Bruder“ Verhältnis haben. Zum anderen, weil die Ereignisse des 11. September für uns alle Grenzerfahrung, jenseits allen bisher Erlebten, sind.

Nike, möglicherweise hat dieses Beispiel so absolut gar nichts
mit Dir zu tun, doch ich mag Dich dazu mal einladen darüber
nachzudenken, wieoft Du Dir durch ein immer Rat wissen zu
sollen bzw. stark sein müssen (was niemand wirklich kann) Du
Dir selbst manche Hilfe verwehrst?

Du hast in diesem Fall sehr genau beobachtet, Romana, und ich freue mich, daß es Dich so sehr interessiert. Aber ich glaube, ich kann Dich beruhigen: Darüber habe ich mir sehr lange Zeit Gedanken gemacht. Aber ich trenne das „echte“ Leben von einem öffentlich zugänglichen Forum. Ich komme hierher, um zu diskutieren, und wenn ich mit persönlichen Berichten jemandem helfen kann, habe ich auch kein Problem damit, Privates zu erzählen. Ich fühle nur einfach nicht den Impuls, wirklich private Probleme hier zu besprechen. Dazu habe ich Freunde, einen sehr lieben Partner (bei dem ich auch schwach sein kann) und meine Familie.

Überdies, wenn ich schon gerade kritisiere,

Ich hatte das gar nicht als Kritik aufgefaßt, sondern als die bemühunh, mir bei einem möglichen Problem weiter zu helfen. :smile:

Du redest mit
Verlaub einen Schmarrn :smile:

OK, das ist Kritik… :wink:

wenn Du behauptest, Du hättest ihm
nicht helfen können. Du schreibst selbst: "Gestern Morgen
bekam ich eine Email von ihm, in der er

schrieb, daß ihm meine etwas harte Mail doch geholfen hat."

Also, Du hast ihm geholfen! Weiter… „…daß ich versuchen
werde, ihn zu beschützen.“ Das kann eine zweischneidige Sache
sein. Will er das denn überhaupt, was ist mit seiner
Selbstverantwortung? Du kannst jemanden bedingt eine Stütze
sein, doch seinen Weg muß er alleine gehen. Du darfst in Deinem
Beschützenwollen ihm nicht so eine Krücke werden, ohne die er,
oder wer auch immer, nicht mehr alleine laufen kann oder meint
zu können. Damit machst Du Menschen möglicherweise von Dir
abhängig.

Lustigerweise gehört das auch in die „schwach sein können“ Diskussion. Im Rahmen der Entwicklung, die ich weiter oben angedeutet habe, ist mir nämlich aufgegangen, daß beschützen oft negativ belegt ist. Warum eigentlich? Wenn ich jemanden liebe, will ich ihn auch beschützen. genau so kann ich aber auch das Gefühl zulassen, beschützt werden zu wollen. Und beides finde ich legitim und schön.

Und last but not least: „Und hier konnte ich nichts für ihn
tun, gar nichts.“ Weshalb schreibst Du das? Mit Verlaub
vollkommener Blödsinn! Du sagst selbst, Deine wenn auch harte
E-mail hat ihm geholfen. Verdammt noch mal, Du magst ihn, er
ist Dir sehr wichtig, Du hast ihm angeboten zu Dir zu kommen,
Du machst Dir Gedanken um ihn, sorgst Dich um ihn, Du bist für
ihn da, … ist das nichts? Kannst Du bitte das was Du tust
auch wertschätzen?!?!?!?!

Oookay, hast ja recht. :smile: Ich denke, die Ereignisse des 11. September haben uns alle mit einem Gefühl der Hilflosigkeit zurückgelassen. Die Welt, die wir gekannt haben, ist pulverisiert worden, und wir konnte nur da stehen und fassungslos zu sehen. Das ist das „kleine Trauma“, das wir alle - oder viele von uns, ich auf jeden Fall - zurückbehalten haben.

Das was Du getan hast oder tust ist was wert, auch wenn es
nicht dem entspricht was Du möglicherweise gerne getan
hättest. Es ist sehr viel und Du hast Dich als sehr gute
Freundin gezeigt, die sicherlich nicht viele Menschen haben.
Wieviele Menschen würden sich jemanden wie Dich nun wünschen,
der sich um sie so sorgt?!?!?!

Dankeschön. Es ist lieb, daß Du das sagst.

Du hast genug getan. Basta. Ich mutmaße, Du magst meine harten
Worte nicht so, Du hast eine andere Sprache als ich, doch
vielleicht bleibt es Dir dadurch besser im Gedächtnis, Dich
und das was Du tust, mehr wertzuschätzen. :smile:

Glaube mir, Romana: Ich habe kein Problem mit harten Formulierungen. Im Gegenteil. Und ich weiß das, was Du schreibst, sehr zu schätzen.

Überdies… Hilfe geht nicht nur über Worte, weiß nicht wieso
ich das nochmal aufgreife, doch ich denke, es könnte eine gute
Idee sein, für ihn, möglicherweise auch für Dich was machen,
das Deine Gefühle ausdrückt, und nichts mit Worten zu tun hat.

Es muß ja keine Musik-CD oder Fotocollage sein, da bin ich
jetzt etwas phantasielos. Wenn Du ihm was in konkreter Form
schickst, so hat er dann immer eine Art „Talismann“ oder
„Rettungsanker“ bei sich und weiß, er kann auf Dich zukommen,
wenn es nötig sein sollte.

Ich habe ihm am Wochenende auf meiner Homepage eine Seite gebastelt, eine Art „Insel“, mit Bildern, gedichten und solchen Dingen, einen Ort, an den er sich flüchten kann. Ich glaube, das hat ihn gefreut. Zumindest hat es ihn erreicht , und mittlerweile habe ich auch wieder den Eindruck, daß meine Worte ihn erreichen. Ein großer Fortschritt, da er vor ein paar Tagen noch völlig unzugänglich war - siehe mein Ausgangsposting.

Sorry für die teils derbe Wortwahl, doch ich konnte / wollte
jetzt nicht anders.

Wie gesagt: Ich hab sie gar nicht als derb empfunden, im Gegenteil. Mit Ehrlichkeit habe ich noch nie ein Problem gehabt. Danke für Dein ausführliches Posting. :smile:

Liebe Grüße, Nike

Hi Nike,

danke, für Deine Antwort, fühle mich beruhigter. In meinem Leben traf ich immer auf Menschen, die Offenheit und Ehrlichkeit zu schätzen wußten, bloß nicht wenn ich was äußerte, das sie selbst betraf. :smile: Nun, ich habe dazu gelernt, hatte früher, heute teils auch noch, die Holzhammer-Methode drauf, ganz nach dem Motto, was uns nicht umbringt, härtet ab.

Sicherlich trägst Du zu Deinem „stark sein“ einiges bei, wie daß Du hier gute Hilfestellungen den Leuten gibst ohne selbst Deine Probleme hier einzubringen. Das ist auch völlig okay, zumal Du ja auch noch unter Deinem realen Namen hier bist. Wenn „XYZ“ mal nicht mehr mag, sucht er sich einfach einen neuen nick name, Du als Frau im öffentlichen Leben bist da auch viel leichter angreifbar. Und Du bist für mich so die fleißige, emsige Biene, die meterweise Links in unterschiedlichsten Brettern zusammen trägt. :smile:

Dennoch, wenn Du schreibst, das passiere Dir öfter, für stärker gehalten zu werden als Du bist, von Deinen alten Strukturen sprichst, und auch vom Unterschied zwischen der Online-Nike und der Nike im realen Leben, so scheint mir immer noch ein Rest in Dir da zu sein, der wenigstens zu einem Teil nicht schwach, sondern immer nur stark und hilfsbereit sein möchte. Doch das ist okay. Wir alle sind auf dem Weg. Niemand ist perfekt. Und Dich möglicherweise teils stärker zu geben als Du bist, ist weniger für andere als für Dich ein Nachteil, da meines Erachtens ein Tendenz zum Ausgenutztwerden da sein kann.

Hallo Romana,

danke für Deine ausführliche Antwort!

Wer hat Dir
gesagt, Du sollst, mußt, kannst immer die Starke sein?!?!?!

Generell: Niemand. :smile: Irgendwie scheint es allerdings in
meiner Art zu liegen, daß viele meinen, ich sei das. Da kommen
wir gleich noch drauf.
In diesem speziellen Fall: Er selbst. Seine Briefe begannen
und endeten mit Worten wie: „Sag mir doch, was ich tun soll“,
„Ich weiß nicht weiter, hilf mir doch bitte, wenn es einer
kann, dann Du“, „gib mir doch einen Rat“, usw. Solche
faktischen Hilferufe schubsen einen dann doch in die Position,
derjenige sein zu müssen / zu wollen / zu sollen, der eben
jetzt der Stärkere sein muß.

Ich verstehe Dich, stimme Dir auch zu. Doch zusätzlich hast Du eine Neigung diese Rolle auch gerne übernehmen zu wollen, sonst hättest Du ihn wohl auch gar nicht kennengelernt. Es gibt auch Meschen, die nie in solch eine Lage kommen, weil sie beispielsweise weder für sich noch für andere Menschen Verantwortung übernehmen wollen. Ich finde ja auch alles okay, was Du getan hast, fand nur, Du wertschätzt Dich dabei selbst zu wenig. Die einzige Gefahr die ich in solchen Situationen sehe, ist, andere von sich und seiner Stärke abhängig zu machen und andere damit (unbewußt) noch mehr zu schwächen.

Normalerweise bin ich der Meinung, daß „Stärke“ und „Schwäche“
in einer Beziehung (Freundschaft, Partnerschaft, egal welcher)
ausgewogen sein muß. Mehr oder weniger trifft das auch auf
meine Freundschaften zu. Aber es gibt natürlich Situationen,
wo mal der eine, mal der andere stark sein muß. Da es diesem
Freund momentan so schlecht ging, fühlte ich mich eben in der
Beschützerrolle (die ich in diesem speziellen Fall wegen des
Altersunterschiedes ohnehin schon hin und wiede angenommen
hatte).

Als ich Dein Posting las, wagte ich es anfänglich gar nicht
Dir zu antworten, weil Du für mich - obwohl ich Dich ja gar
nicht kenne und wir auch so gut wie gar nichts miteinander zu
tun haben - eine Aura hast, die sagt, ich weiß schon alles,
ich kann schon alles. Natürlich hast Du derartiges nie von Dir
behauptet, Du kommst nur bei mir so an.

Stimmt, habe ich nie gesagt. Trotzdem kommt das anscheinend
oft so an, vor allem Online - im RL nur selten und nur bei
Menschen, die mich nicht gut kennen. Ich bin im grunde nicht
der Meinung, daß ich an diesem Ruf arbeite. Ich sage im
Gegenteil sehr oft, daß das, was ich schreibe, nur meine
persönliche Meinung ist und ich mich irren kann. Das wiederum
liegt daran, daß es mir im Leben viel zu oft passiert ist, daß
andere meine Meinung unhinterfragt übernommen haben, obwohl
ich das gar nicht wollte, mich zur Autoritätsperson erhoben
haben, die ich nicht sein wollte.

Ein Teil in Dir wollte es wohl schon, denke ich, sonst wäre es nicht passiert. Und es ist ja auch schön, eine Autoritätsperson sein zu können, das muß man erstmal schaffen. :smile:

Ein gewisses Zutun zu diesem „Image“ mag im Internet auch
sein, daß ich selten über Probleme spreche. Zumindest online
nicht. Ich respektiere es, daß viele gerade hier mit Problemen
hinkommen, und wenn mir etwas hilfreiches dazu einfällt,
schreibe ich auch gerne dazu. Für mich persönlich erscheint es
aber das falsche Umfeld (nicht das w-w-w, sondern das Internet
genenrell). Ich spreche mit meinem Partner, mit Freunden, mit
meiner Familie. Natürlich gibt es auch
Internet-Bekanntschaften, die mir zu Freunden geworden sind.
Doch persönliche Dinge kläre ich dann grundsätzlich per Mail,
nicht in einem öffentlichen Forum. Ich habe dazu kein
Bedürfnis, ganz einfach. Im Gegensatz dazu helfe und
diskutiere ich gern, wenn mir zu einem Thema etwas einfällt.
Vielleicht läßt das den Eindruck entstehen: „Die sagt zu so
vielem was, hat aber selber keine Probleme“. Was natürlich
nicht stimmt.

Weshalb ich dann doch antwortete, ich las die anderen Postings
und dachte, ja, ich habe auch den Eindruck, da war schon was
im Vorfeld, und dieses schreckliche Ereignis hat es nur
hochgebracht.

Das stimmt tatsächlich, was diesen Freund von mir betrifft,
das ist mir auch klargeworden, und ich glaube auch zu wissen,
was es ist. Da hattet Ihr alle Recht. Ich werde das auch mit
ihm ansprechen, wenn er wieder etwas mehr zu sich selbst
gefunden hat.

[…]

Doch mir geht es hier nicht um Deinen Freund, sondern um Dich.
Wie sehr bekommst Du denn selbst mal Hilfe, wie sehr kannst Du
Hilfe annehmen?

Wie gesagt: Im Grunde sehr gut. Es gab tatsächlich mal eine
Zeit, in der es mir so ging, wie Du jetzt mutmaßt: In der ich
glaubte, immer stark sein zu müssen. Das ist aber schon seit
einigen Jahren nicht mehr so. Möglicherweise scheinen einige
Eigenschaften und Formulierungen aus dieser Zeit noch durch.
Aber mittlerweile habe ich gelernt, Schwäche und Hilflosigkeit
zu zeigen und auch mal andere stark sein zu lassen. Allerdings
tue ich das im RL, weil ich einfach der Meinung bin, daß meine
privaten Probleme in einem Online-Forum nichts verloren haben.

In diesem Fall meines New Yorker Freundes kam allerdings
tatsächlich etwas von dieser alten Art durch, das hast Du gut
erkannt. Einmal, weil er eben einiges jünger ist als ich und
wir eine Art „Große Schwester, kleiner Bruder“ Verhältnis
haben. Zum anderen, weil die Ereignisse des 11. September für
uns alle Grenzerfahrung, jenseits allen bisher Erlebten, sind.

Nike, möglicherweise hat dieses Beispiel so absolut gar nichts
mit Dir zu tun, doch ich mag Dich dazu mal einladen darüber
nachzudenken, wieoft Du Dir durch ein immer Rat wissen zu
sollen bzw. stark sein müssen (was niemand wirklich kann) Du
Dir selbst manche Hilfe verwehrst?

Du hast in diesem Fall sehr genau beobachtet, Romana, und ich
freue mich, daß es Dich so sehr interessiert. Aber ich glaube,
ich kann Dich beruhigen: Darüber habe ich mir sehr lange Zeit
Gedanken gemacht. Aber ich trenne das „echte“ Leben von einem
öffentlich zugänglichen Forum. Ich komme hierher, um zu
diskutieren, und wenn ich mit persönlichen Berichten jemandem
helfen kann, habe ich auch kein Problem damit, Privates zu
erzählen. Ich fühle nur einfach nicht den Impuls, wirklich
private Probleme hier zu besprechen. Dazu habe ich Freunde,
einen sehr lieben Partner (bei dem ich auch schwach sein kann)
und meine Familie.

Überdies, wenn ich schon gerade kritisiere,

Ich hatte das gar nicht als Kritik aufgefaßt, sondern als die
bemühunh, mir bei einem möglichen Problem weiter zu helfen. :smile:

Du redest mit
Verlaub einen Schmarrn :smile:

OK, das ist Kritik… :wink:

wenn Du behauptest, Du hättest ihm
nicht helfen können. Du schreibst selbst: "Gestern Morgen
bekam ich eine Email von ihm, in der er

schrieb, daß ihm meine etwas harte Mail doch geholfen hat."

Also, Du hast ihm geholfen! Weiter… „…daß ich versuchen
werde, ihn zu beschützen.“ Das kann eine zweischneidige Sache
sein. Will er das denn überhaupt, was ist mit seiner
Selbstverantwortung? Du kannst jemanden bedingt eine Stütze
sein, doch seinen Weg muß er alleine gehen. Du darfst in Deinem
Beschützenwollen ihm nicht so eine Krücke werden, ohne die er,
oder wer auch immer, nicht mehr alleine laufen kann oder meint
zu können. Damit machst Du Menschen möglicherweise von Dir
abhängig.

Lustigerweise gehört das auch in die „schwach sein können“
Diskussion. Im Rahmen der Entwicklung, die ich weiter oben
angedeutet habe, ist mir nämlich aufgegangen, daß
beschützen oft negativ belegt ist. Warum eigentlich?
Wenn ich jemanden liebe, will ich ihn auch beschützen. genau
so kann ich aber auch das Gefühl zulassen, beschützt werden zu
wollen. Und beides finde ich legitim und schön.

Ja, sehe ich auch so. Doch es hängt auch vom Ausmaß ab, helfen, unterstützen, beschützen… alles wunderbare Eigenschaften, doch die Gefahr für andere zu denken und zu handeln, diese fremdzubestimmen und sie von sich abhängig zu machen, wächst auch mit dem Bedürfnis sie zu beschützen bzw. umgekehrt sich selbst abhängig zu machen.

Und last but not least: „Und hier konnte ich nichts für ihn
tun, gar nichts.“ Weshalb schreibst Du das? Mit Verlaub
vollkommener Blödsinn! Du sagst selbst, Deine wenn auch harte
E-mail hat ihm geholfen. Verdammt noch mal, Du magst ihn, er
ist Dir sehr wichtig, Du hast ihm angeboten zu Dir zu kommen,
Du machst Dir Gedanken um ihn, sorgst Dich um ihn, Du bist für
ihn da, … ist das nichts? Kannst Du bitte das was Du tust
auch wertschätzen?!?!?!?!

Oookay, hast ja recht. :smile: Ich denke, die Ereignisse des 11.
September haben uns alle mit einem Gefühl der Hilflosigkeit
zurückgelassen. Die Welt, die wir gekannt haben, ist
pulverisiert worden, und wir konnte nur da stehen und
fassungslos zu sehen. Das ist das „kleine Trauma“, das
wir alle - oder viele von uns, ich auf jeden Fall -
zurückbehalten haben.

Das was Du getan hast oder tust ist was wert, auch wenn es
nicht dem entspricht was Du möglicherweise gerne getan
hättest. Es ist sehr viel und Du hast Dich als sehr gute
Freundin gezeigt, die sicherlich nicht viele Menschen haben.
Wieviele Menschen würden sich jemanden wie Dich nun wünschen,
der sich um sie so sorgt?!?!?!

Dankeschön. Es ist lieb, daß Du das sagst.

Du hast genug getan. Basta. Ich mutmaße, Du magst meine harten
Worte nicht so, Du hast eine andere Sprache als ich, doch
vielleicht bleibt es Dir dadurch besser im Gedächtnis, Dich
und das was Du tust, mehr wertzuschätzen. :smile:

Glaube mir, Romana: Ich habe kein Problem mit harten
Formulierungen. Im Gegenteil. Und ich weiß das, was Du
schreibst, sehr zu schätzen.

Überdies… Hilfe geht nicht nur über Worte, weiß nicht wieso
ich das nochmal aufgreife, doch ich denke, es könnte eine gute
Idee sein, für ihn, möglicherweise auch für Dich was machen,
das Deine Gefühle ausdrückt, und nichts mit Worten zu tun hat.

Es muß ja keine Musik-CD oder Fotocollage sein, da bin ich
jetzt etwas phantasielos. Wenn Du ihm was in konkreter Form
schickst, so hat er dann immer eine Art „Talismann“ oder
„Rettungsanker“ bei sich und weiß, er kann auf Dich zukommen,
wenn es nötig sein sollte.

Ich habe ihm am Wochenende auf meiner Homepage eine Seite
gebastelt, eine Art „Insel“, mit Bildern, gedichten und
solchen Dingen, einen Ort, an den er sich flüchten kann. Ich
glaube, das hat ihn gefreut. Zumindest hat es ihn
erreicht , und mittlerweile habe ich auch wieder den
Eindruck, daß meine Worte ihn erreichen. Ein großer
Fortschritt, da er vor ein paar Tagen noch völlig unzugänglich
war - siehe mein Ausgangsposting.

Sorry für die teils derbe Wortwahl, doch ich konnte / wollte
jetzt nicht anders.

Wie gesagt: Ich hab sie gar nicht als derb empfunden, im
Gegenteil. Mit Ehrlichkeit habe ich noch nie ein Problem
gehabt. Danke für Dein ausführliches Posting. :smile:

Liebe Grüße, Nike

Danke Dir auch, teils MUSS ich einfach meinen Senf dazu beitragen, doch immer mit einem Gefühl der Unsicherheit, da ich oft mich mißverstanden fühle… Doch wenn’s für Dich okay nicht zu hart oder daneben war, fühle ich mich gut damit. :smile:

Ciao,
Romana

2 „Gefällt mir“