Abtreibung / Auswirkung auf Zwilling

Hallo liebe Psychologie-Experten,

eine Frage aus purem Interesse:
Ich habe gestern eine Reportage ueber Muetter gesehen, bei denen
waehrend der Schwangerschaft eine Missbildung oder Behinderung
des Kindes festgestellt wurde. Das ist ja von der Seite der
Mutter schon eine komplizierte Angelegenheit, aber ein Fall hat
mich besonders geschockt/fasziniert.

Es ging da um eine Frau, die mit Zwillingen schwanger war. Einer
der beiden hatte eine schwere Missbildung, der andere ist ein
ganz „normales“ Kind. Sie hat sich auf Anraten der Aerzte zu
einer Abtreibung entschlossen, bei der der kranke Zwilling
getoetet wurde und sie beide Kinder bis zur Geburt austrug. Das
gesunde Kind (jetzt ca. 1.5 Jahre alt) war also bis zur Geburt
mit seinem toten Bruder zusammen - meint ihr, das koennte
Auswirkungen auf seine Psyche haben? Oder merkt das Kind die
Veraenderung nicht? Da sich alles um die Muetter drehte, wurde
diese Frage in der Reportage nicht gestellt.

Freue mich auf eure Antworten und sage schon mal danke!
baw

Hallo,

also diese Frage finde ich sehr interessant. Gerade bei dem Thema Abtreibung, dem viele Menschen immernoch sehr kritisch gegenüberstehen. Grundsätzlich denke ich, dass jede Frau bzw. jedes Paar für sich entscheiden muss, ob beim Vorliegen maßgeblicher Indikationen abgetrieben werden soll oder nicht (nur um meine Meinung klargestellt zu haben). Um die Frage zu beantworten, muss man zumindest versuchen, sich zu verdeutlichen, was die Fakten sind. Dabei stellen sich weitere Fragen:

Frage 1:
War der Fötus schon so weit entwickelt, dass er so etwas wie ein Selbstbewusstsein hätte aufbauen können?

Antwort1:
Ich glaube nicht, denn er kann nach unserem Recht nicht älter als 12 Wochen (glaubichmal) gewesen sein, da nach Ablauf dieser Zeit Abtreibungen verboten sind. Das Nervensystem ist zu diesem Zeitpunkt noch so rudimentär, dass ich ein schon vorhandenes Selbstbewusstsein einfach für unmöglich halte. Es liegt dann die Behauptung auch nicht weit weg, dass es dann erstrecht noch kein Fremdbewusstsein entwickelt haben kann. Das wäre die weitaus größere Leistung.

Frage 2:
Nimmt der übrig gebliebene Zwilling zu diesem Zeitpunkt den Eingriff überhaupt wahr?

Antwort 2:
Ich glaube schon, dass der Fötus eindeutig mit Zeichen der Angst (z.B. erhöhte Herzfrequenz) auf den Eingriff reagiert. Ob das nun wirklich als Angst zu deuten ist, sei noch dahingestellt. Es könnte durchaus auch die Wirkung des von der Mutter freigesetzten Adrenalins sein, was ja wiederum eines der Stress- und Notfallhormone ist. Jedenfalls findet ein Feedback auf die Manipulationen statt. Jedoch denke ich auch, dass der Eingriff sehr schonend unter Ultraschallkontrolle verlaufen ist,
möglicherweise mittels einer Spritze mit feiner Nadel, so dass der 2-te Zwilling unter Umständen nicht mehr zu spüren bekam als der Druck, der durch das andrücken des Ultraschallkopfes ausgeübt wird. Solcherlei und noch schwereren Belastungen sind nahezu alle Babies im Mutterleib täglich ausgesetzt. Man denke nur z.B. an die Bauchpresse beim Toilettengang oder an Gehen und Laufen der Mutter.

Frage 3:
Nimmt das ungeborene lebende Kind die Überreste seines Zwillingsgeschwisterchens überhaupt wahr?

Antwort 3:
Ich denke schon, dass das Kind das Häufchen totes Gewebe (bitte entschuldigt meine Ausdrucksweise!!!) neben sich in gewisser weise wahrnehmen kann. Damit wird jedoch nichts assoziiert. Es ist einfach da und das war’s. Ich glaube auch, dass das abgetötete Geschwisterchen nach dem Eingriff nicht mehr maßgeblich gewachsen ist. Also ist es sehr wahrscheinlich ziemlich klein, und das wiederum würde ja weitaus weniger Stress für den lebenden Zwilling bedeuten, der sich ja dann den engen Raum im Bauch der Mutter nicht mit einem gleichgroßen Zwilling teilen muss.

Alles in allem komme ich für mich zu dem Schluss, dass die Abtreibung des Zwillingsgeschwisterchens keinerlei psychische Auswirkungen auf das Kind hat. Die Frage, welche Auswirkungen es später für das Kind hat, wenn es irgendwann einmal eröffnet bekommt, dass es eigentlich einen Zwillingsbruder oder eine Zwillingsschwester hätte haben sollen und dass es im Mutterleib monatelang neben seinem toten Geschwisterchen war, steht auf einem anderen Blatt. Ich für meinen Teil würde mich in diesem Fall dazu entschließen, so früh wie möglich mit dem Kind darüber zu reden, damit die Hintergründe quasi zur Selbstverständlichkeit werden und sich das Kind mit der Zeit jeweils dem Alter entsprechend damit auseinandersetzen kann. Wartet man damit zu lange, so meine Meinung, kann die Nachricht einen schweren Schock für das Kind bedeuten. Aber vielleicht kommt alles ja ganz anders, als man denkt.

Gruß
Hansi

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Kleine Korrektur
Hallo Hansi,

Antwort 1:
Ich glaube nicht, denn er kann nach unserem Recht nicht älter
als 12 Wochen (glaubichmal) gewesen sein, da nach Ablauf
dieser Zeit Abtreibungen verboten sind.

Bei sogenannter eugenischer (vorbeugender) Indikation, sind Abbrüche bis zur 22. SSW zulässig.

Beste Grüße

Tessa

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Hi Baw,

hier keimt immer wieder das Gespräch um Sternchen auf. Indes hier Sternchen für hilfreiche Antworten gedacht waren / sind, möchte ich die Sternchen-Philosophie erweitern und ein Sternchen für eine gute Frage geben. :smile:

Die Tage sah ich auch einen Bericht, leider nicht von Anfang an, der das Thema Behinderungen beinhaltete. Möglicherweise war es derselbe Bericht? Die Quintessenz schien zu sein, daß in einer Welt der Gentechnologie Behinderungen immer weniger gewünscht sind, daß teils jetzt schon Krankenkassen Kosten für behinderte Babys ablehnen, sollte sich die werdende Mutter gegen eine Vorsorgeuntersuchung ausgesprochen haben. Angesichts unserer Diagnoseverfahren seien Behinderungen nicht mehr nötig…

Als Nicht-Expertin habe ich die Meinung, daß es sehr wohl eine Wirkung auf Kind und auch auf Mutter hat, wenn ein totes Kind neben oder in einem für einige Monate ist. Inwieweit dies später ins Bewußtsein dringt ist eine andere Frage. Zweifelsohne wird es Auswirkungen haben.

Manche Zwillinge „spüren“ wenn es ihrem Zwilling schlecht geht. Auch erlebte ich beim Familienstellen mit Abtreibungen schwierige Situationen die für reichlich Konfliktstoff sorgten. Es gibt viele Beispiele, die aufzeigen, daß wir alle miteinander verbunden sind, erst recht wenn wir zu einem Familiensystem gehören.

Interessant wäre es zu erfahren, was aus diesem Menschen wird, sprich beruflich, Privatleben, psychische Probleme?..

Kennt jemand von Euch Statistiken, Berichte von Menschen mit lebenseinschneidenden Ereignissen?

Ciao,
Romana

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Statistiken, Untersuchungen?
Hallo Romana,
vielen Dank fuer deine Antwort. Hansis lange Antwort erklaert
sehr gut und macht auch auf jeden Fall Sinn, finde ich.
Allerdings ist ja aber gerade bei Zwillingen bekannt, dass
zwischen ihnen enge (und nicht nur genetische) Bande bestehen…

Interessant wäre es zu erfahren, was aus diesem Menschen wird,
sprich beruflich, Privatleben, psychische Probleme?..

Kennt jemand von Euch Statistiken, Berichte von Menschen mit
lebenseinschneidenden Ereignissen?

das wuerde mich auch interessieren!
viele Gruesse,
baw

Hallo Hansi,
erstmal Danke fuer deine ausfuehrliche und sehr gute Antwort.
Hast dir ein Sternchen verdient ;O)!

Antwort1:
Ich glaube nicht, denn er kann nach unserem Recht nicht älter
als 12 Wochen (glaubichmal) gewesen sein, da nach Ablauf
dieser Zeit Abtreibungen verboten sind.

Ich glaube, das Kind war tatsaechlich aelter (siehe Tessas
posting). Muss allerdings gestehen, dass es a. eine reportage
aus der Schweiz war und ich keine Ahnung habe, welche Regeln
dort gelten, und b. eine Reportage aus der franzoesischen
Schweiz war und mir deshalb die eine oder andere Sache wg.
franzoesisch entgangen sein konnte.

Jedoch denke ich auch,

dass der Eingriff sehr schonend unter Ultraschallkontrolle
verlaufen ist,
möglicherweise mittels einer Spritze mit feiner Nadel, so dass
der 2-te Zwilling unter Umständen nicht mehr zu spüren bekam
als der Druck, der durch das andrücken des Ultraschallkopfes
ausgeübt wird.

So war es wohl, der kranke Zwilling wurde durch eine Spritze
direkt ins Herz getoetet.

Antwort 3:
Ich denke schon, dass das Kind das Häufchen totes Gewebe
(bitte entschuldigt meine Ausdrucksweise!!!) neben sich in
gewisser weise wahrnehmen kann. Damit wird jedoch nichts
assoziiert. Es ist einfach da und das war’s. Ich glaube auch,
dass das abgetötete Geschwisterchen nach dem Eingriff nicht
mehr maßgeblich gewachsen ist. Also ist es sehr wahrscheinlich
ziemlich klein, und das wiederum würde ja weitaus weniger
Stress für den lebenden Zwilling bedeuten, der sich ja dann
den engen Raum im Bauch der Mutter nicht mit einem
gleichgroßen Zwilling teilen muss.

was aber nun, wenn beide doch schon aelter waren und beide eine
Art Selbstbewusstsein entwickelt hatten? Ab wann wuerdest du
sagen geht das los?

Die Frage, welche Auswirkungen
es später für das Kind hat, wenn es irgendwann einmal eröffnet
bekommt, dass es eigentlich einen Zwillingsbruder oder eine
Zwillingsschwester hätte haben sollen und dass es im
Mutterleib monatelang neben seinem toten Geschwisterchen war,
steht auf einem anderen Blatt. Ich für meinen Teil würde mich
in diesem Fall dazu entschließen, so früh wie möglich mit dem
Kind darüber zu reden, damit die Hintergründe quasi zur
Selbstverständlichkeit werden und sich das Kind mit der Zeit
jeweils dem Alter entsprechend damit auseinandersetzen kann.
Wartet man damit zu lange, so meine Meinung, kann die
Nachricht einen schweren Schock für das Kind bedeuten. Aber
vielleicht kommt alles ja ganz anders, als man denkt.

Das ist sicherlich sehr wichtig - denn wenn uns das schon vom
blossen Zusehen nachdenklich macht, was fuer ein Schock muss es
erst fuer das Kind sein. Ich hoffe, die Mutter liest das hier
;O) Der Junge war uebrigens nicht nur ausgesprochen niedlich,
sondern wirkte auch extrem anhaenglich, ging nicht von Mutters
Schoss etc. Aber dabei muss man natuerlich bedenken, dass da
auch all die Kameras und fremden Leute dran Schuld gewesen sein
koennen.
Also, nochmal vielen Dank fuer deine Muehe!
baw

Hallo baw,

was aber nun, wenn beide doch schon aelter waren und beide
eine
Art Selbstbewusstsein entwickelt hatten? Ab wann wuerdest du
sagen geht das los?

hmm … das kann ich einfach nicht beantworten. Ich ging in Meiner Antwort, wie du weißt, von der 12. SSW aus und wusste nicht, dass noch so lange eine Abtreibung möglich ist (Dank auch an Tessa für den Hinweis). Jedoch wäre die Antwort bezüglich des überlebenden Zwillings nicht sehr viel anders ausgefallen, hätte ich die 22. SSW vorausgesetzt.

Was den toten Zwilling bzw. Abtreibung überhaupt angeht, so denke ich folgendermaßen: Es ist heutzutage möglich, z.B. eine Frühgeburt mit weit weniger als 1000g Gewicht durchzubringen. D.h.: Ärzte und Eltern sehen es dann schon als lebenden Menschen an, dessen Leben es zu retten bzw. zu erhalten gilt. Die Reflexe und andere körperliche Merkmale und Begebenheiten sind dann noch nicht voll ausgebildet, was mit dem Leben auch nicht vereinbar wäre, und das Kind ist nur mit großem apparativen und medizinischem Aufwand zu retten. Aber es geht und wird gemacht. Darum denke ich, dass gerade die Zeit um die 20. SSW. (die Hälfte der Schwangerschaftszeit) für die Abtreibung in meinen Augen eine Art moralische Grenze darstellt. Wirklich begründen kann ich das leider nicht, da mir dazu schlicht der Hintergrund fehlt. Aber die 22. SSW ist sicher nicht ohne Grund bei uns die gesetzliche Grenze. Sicher haben sich Wissenschaftler und Moralisten sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Da würde ich dem Kompromiss vertrauen und niemandem, der bis dann eine Abtreibung in Erwägung zieht, reinreden wollen. Das hat der Gesetzgeber durch die Errichtung der Grenze ja schon getan. Dass bei uns auch ausführliche Beratungsgespräche vorausgesetz werden, finde ich in diesem Zusammenhang gut. So entscheidet sich vielleicht manche Mutter oder manches Elternpaar doch noch für das Leben des Kindes, selbst wenn es eine schwere Behinderung haben sollte. Dass bei anderen Indikationen die Grenze immernoch früher ist, finde ich aber auch gut und gerechtfertigt. Wie ich erwähnt hatte, stehe ich dem Ganzen ziemlich liberal gegenüber. Ich kann mich mit der rechtlichen Situation in Deutschland - was das angeht - also identifizieren.

Gruß
Hansi