Hallo,
also diese Frage finde ich sehr interessant. Gerade bei dem Thema Abtreibung, dem viele Menschen immernoch sehr kritisch gegenüberstehen. Grundsätzlich denke ich, dass jede Frau bzw. jedes Paar für sich entscheiden muss, ob beim Vorliegen maßgeblicher Indikationen abgetrieben werden soll oder nicht (nur um meine Meinung klargestellt zu haben). Um die Frage zu beantworten, muss man zumindest versuchen, sich zu verdeutlichen, was die Fakten sind. Dabei stellen sich weitere Fragen:
Frage 1:
War der Fötus schon so weit entwickelt, dass er so etwas wie ein Selbstbewusstsein hätte aufbauen können?
Antwort1:
Ich glaube nicht, denn er kann nach unserem Recht nicht älter als 12 Wochen (glaubichmal) gewesen sein, da nach Ablauf dieser Zeit Abtreibungen verboten sind. Das Nervensystem ist zu diesem Zeitpunkt noch so rudimentär, dass ich ein schon vorhandenes Selbstbewusstsein einfach für unmöglich halte. Es liegt dann die Behauptung auch nicht weit weg, dass es dann erstrecht noch kein Fremdbewusstsein entwickelt haben kann. Das wäre die weitaus größere Leistung.
Frage 2:
Nimmt der übrig gebliebene Zwilling zu diesem Zeitpunkt den Eingriff überhaupt wahr?
Antwort 2:
Ich glaube schon, dass der Fötus eindeutig mit Zeichen der Angst (z.B. erhöhte Herzfrequenz) auf den Eingriff reagiert. Ob das nun wirklich als Angst zu deuten ist, sei noch dahingestellt. Es könnte durchaus auch die Wirkung des von der Mutter freigesetzten Adrenalins sein, was ja wiederum eines der Stress- und Notfallhormone ist. Jedenfalls findet ein Feedback auf die Manipulationen statt. Jedoch denke ich auch, dass der Eingriff sehr schonend unter Ultraschallkontrolle verlaufen ist,
möglicherweise mittels einer Spritze mit feiner Nadel, so dass der 2-te Zwilling unter Umständen nicht mehr zu spüren bekam als der Druck, der durch das andrücken des Ultraschallkopfes ausgeübt wird. Solcherlei und noch schwereren Belastungen sind nahezu alle Babies im Mutterleib täglich ausgesetzt. Man denke nur z.B. an die Bauchpresse beim Toilettengang oder an Gehen und Laufen der Mutter.
Frage 3:
Nimmt das ungeborene lebende Kind die Überreste seines Zwillingsgeschwisterchens überhaupt wahr?
Antwort 3:
Ich denke schon, dass das Kind das Häufchen totes Gewebe (bitte entschuldigt meine Ausdrucksweise!!!) neben sich in gewisser weise wahrnehmen kann. Damit wird jedoch nichts assoziiert. Es ist einfach da und das war’s. Ich glaube auch, dass das abgetötete Geschwisterchen nach dem Eingriff nicht mehr maßgeblich gewachsen ist. Also ist es sehr wahrscheinlich ziemlich klein, und das wiederum würde ja weitaus weniger Stress für den lebenden Zwilling bedeuten, der sich ja dann den engen Raum im Bauch der Mutter nicht mit einem gleichgroßen Zwilling teilen muss.
Alles in allem komme ich für mich zu dem Schluss, dass die Abtreibung des Zwillingsgeschwisterchens keinerlei psychische Auswirkungen auf das Kind hat. Die Frage, welche Auswirkungen es später für das Kind hat, wenn es irgendwann einmal eröffnet bekommt, dass es eigentlich einen Zwillingsbruder oder eine Zwillingsschwester hätte haben sollen und dass es im Mutterleib monatelang neben seinem toten Geschwisterchen war, steht auf einem anderen Blatt. Ich für meinen Teil würde mich in diesem Fall dazu entschließen, so früh wie möglich mit dem Kind darüber zu reden, damit die Hintergründe quasi zur Selbstverständlichkeit werden und sich das Kind mit der Zeit jeweils dem Alter entsprechend damit auseinandersetzen kann. Wartet man damit zu lange, so meine Meinung, kann die Nachricht einen schweren Schock für das Kind bedeuten. Aber vielleicht kommt alles ja ganz anders, als man denkt.
Gruß
Hansi
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]