schlechtes Gewissen
Von: , Frage gestellt am Fr, 2. Nov 2001
Hallo,
Also um meine Geschichte verständlich zu machen, muß ich etwas zurückgreifen. Es war
vor 11 Jahren, als ich einen Arbeitskollegen kennenlernte und wir einfach die besten
Freunde wurden. Ich wäre für ihn durchs Feuer gegangen und er für mich.
Wir verstanden uns blind, ergänzten uns. Es war großartig.
Aber Freunschaft zwischen Mann und Frau ist nicht möglich - es kommt immer die Liebe
dazwischen. So war es auch. Er verliebte sich in mich. Ich mochte ihn sehr, aber ich liebte
ihn nicht. Ich war zu der Zeit gebunden, er nicht. Es gab auch eine Menge privater Probelme,
die ich hatte. Zwar hatte ich einen Freund, aber es funktionierte nicht. Ich habe diesen
Mann später geheiratet, bin jetzt geschieden, aber eigentlich funktionierte es schon
damals nicht mehr. Ich verstand mich nur mit meinem Arbeitskollegen so gut, wie ich das mit
meinem Freund hätte tun müssen.
Heute ist mir vieles meiner Reaktionen unverständlich, aber ich glaube eben aus der Sehnsucht heraus, genau
so eine Beziehung haben zu wollen, wie meine Freundschaft zu ihm war, machte ich ihm immer wieder
Hoffnung, im Wissen, die nicht einlösen zu können (und wollen).
Ich habe ihm sehr weh getan, das weiß ich. Er zog aus unserer Stadt weg, weil es eben keine
Chance gab. Wir schrieben seitenlange Briefe - alles war so, daß er denken mußte, es gäbe
noch eine Chance. Ich war verdammt unfair.
Später ließ ich die Freundschaft "auslaufen", meldete mich nicht mehr. Jahre später schrieb
ich ihm eine Geburtstagskarte und er antwortete sofort. Ich reagierte aber nicht darauf.
Warum? Ich hatte einfach Angst, daß das wieder anfängt. Daß er mich noch liebt, mich noch
will und ich ihm wieder würde wehtun müssen. DAS wollte ich nicht, als Freund, als Mensch
wollte ich ihn schon.
Ich denke oft an ihn, habe heute einen lieben Freund und wüßte gern, ob mein Kollege auch
eine Freundin hat, verheiratet ist. Das würde alles leichter machen.
Ob ihrs glaubt oder nicht, ich gäbe viel dafür, mich bei ihm entschuldigen zu können.
Wie ich ihn kenne, würde er wohl sagen, er wüßte gar nicht wofür. Aber ich weiß es schon.
Ich war egoistisch und unfair. Ihn zu veletzen habe ich in Kauf genommen für den "Genuß"
einer Illusion, die ich ihm gemacht habe. Stimmt, ich habe seit Jahren ein schlechtes Gewissen. Man sagt ja, das schlechte Gewissen sollte eigentlich "das Gute" heißen, weil es ehrlich die Wahrheit sagt...
Wir haben uns - trotz allem - viel zu gut verstanden. Aber ich traue mich einfach nicht,
wieder mit dem Kontakt anzufangen. Bald hat er Geburtstag und ich frage mich, ob ich ihm
schreiben sollte.
Wie seht ihr das?
Vielen Dank fürs Zuhören
Kerstin
