Sprache - versteckte Aussagen?

Hi,
ich interessiere mich für die versteckten Aussagen in der Sprache:
Beispiel: „eigentlich würde ich schon gerne“ = „ich will nicht“, etc…

Kennt jemand ein Buch oder sonstige Informationen zu diesem Thema? Gibt es einen Begriff für diese Thematik?

Für Hinweise dankbar - liebe Grüße, Janick

Hallo Janick,

ich interessiere mich für die versteckten Aussagen in der
Sprache:
Beispiel: „eigentlich würde ich schon gerne“ = „ich will
nicht“, etc…

Wieso ist „eigentlich würde ich schon gerne“ = „ich will nicht“?
Ich hoffe dass es kein derartiges „Nachschlagewerk“ gibt, weil das m. E. zu schweren Missverständnissen führen würde.

Wenn man wissen will, wie was gemeint ist, ist es am besten direkt bei der Person nachzufragen, die es gesagt hat. Sonst tut man sich und anderen durch wilde Spekulationen Unrecht. Passiert ja leider eh schon oft genug.

Allgemeiner Buchtipp:
Friedemann Schulz-von Thun
„Miteinander reden, Band 1-3“

Viele Grüße
Gitte

Hi Gitte,

Wieso ist „eigentlich würde ich schon gerne“ = „ich will
nicht“?

Dem „eigentlich“ folgt immer ein „aber…“. Allerdings verwenden viele Menschen solche Worte um Ihre wahren Gefühle/Ziele/Meinungen zu vertuschen.

Bsp: „Eigentlich bin ich schon ein Mensch der gerne Entscheidungen fällt“.
Dieser Satz läßt darauf schließen, dass diese Person wohl Schwierigkeiten damit hat, Entscheidungen zu fällen - dies aber ungerne zugibt.

Sinnvoll wäre: „Ich fälle gerne Entscheidungen!“ Das ist eine Aussage, die in sich stimmig ist.

Im oberen Fall „eigentlich schon“ bleibt das „aber…“ auf der strecke: „Eigentlich bin ich schon … aber ich mache es ungern.“ Nur das soll der Zuhörer wohl lieber nicht merken.

Diese rethorischen Floskeln werden unbewußt ständig benutzt. Teste dass einfach in Deinem Bekanntenkreis aus: Bei jedem „eigentlich“ kannst Du gleich fragen „… eigentlich? oder willst Du?“.
Hier sind wir jetzt bei Deinem Vorschlag, einfach fragen was die Menschen wollen - das sehe ich genauso.

Die Floskeln wie „eigentlich, prinzipiell, schon, möchte …“ verraten allerdings sehr viel über die Einstellung zu einer Sache.

Was ist wohl aussagekräftiger? "Ich will… " oder „Ich möchte …“ oder „Eigentlich möchte ich schon …“

Weitere interessante Schlüsselwörter sind noch „will, soll, muss“ … denk mal düber nach.

Liebe Grüße - Janick

Hallo nochmal Janick,

weiß schon wie Du das gemeint hast - ich hab mit Absicht nachgefragt, weil ich die Übersetzung „eigentlich würde ich = will nicht“ nicht korrekt finde. Es kann ein bloßes Zögern ausgedrückt werden oder auch einfach andere Gründe dagegenstehen, das WOLLEN jedoch dennoch bestehen.

Bsp.
Eigentlich würde ich schon gerne

… eine Sachertorte mit Schlagsahne essen.
(aber ich muss noch überlegen, ob ich die 53 800 Kalorien brauche) = Ich will wahnsinnig gern den Kuchen essen, tu’s vielleicht nicht.

… mit Dir zum Frühstücken gehen.
(aber leider hab ich schon mit jemand ausgemacht, dass ich mit ihm ins Kino gehe) = Ich will schon, hab eine zweite Verpflichtung.

Wenn Du mir also unterstellen würdest, dass ich nicht WILL, lägst Du falsch ;o)

Das meinte ich mit kategorischer Übersetzung einzelner Begriffe/Interpretation von Wörtern.

Bsp: „Eigentlich bin ich schon ein Mensch der gerne
Entscheidungen fällt“.
Dieser Satz läßt darauf schließen, dass diese Person wohl
Schwierigkeiten damit hat, Entscheidungen zu fällen - dies
aber ungerne zugibt.

Lässt es das? Möglicherweise lässt es drauf schließen, dass in dieser speziellen Situation irgendwas mit reinspielt, warum die Person sich hier schwerer tut oder zögert, eine Entscheidung zu treffen. Pauschal zu sagen „tut sich schwer, Entscheidungen zu treffen“, na, ich weiß nicht.
Nicht zu vergessen, dass bestimmte Worte/Floskeln auch eine Angewohnheit sein können.

Im oberen Fall „eigentlich schon“ bleibt das „aber…“ auf der
strecke: „Eigentlich bin ich schon … aber ich mache es
ungern.“ Nur das soll der Zuhörer wohl lieber nicht merken.

Oder ich als Person, die das so sagt, weiß es in dem Moment selbst noch nicht genau. Weiß ja nicht, wie Du so drauf bist *lächel* … bei mir kommt es durchaus vor, dass ich zögere oder weiß, dass ich tatsächlich grad was nicht tun will, den Finger noch nicht drauflegen kann wieso.
Und da kannst Du mich anrufen und fragen, ob ich mit Dir ins Kino gehe - dann sag ich vielleicht „Eiiiiiigentlich schoooon …“ und parallel muss ich selbst noch überlegen, ob ja oder nein. Heißt aber keineswegs dass ich nicht will. Vor allen Dingen, was nicht will? Ins Kino gehen? Mit Dir ins Kino gehen? Morgen abend ins Kino gehen? Um diese Zeit ins Kino zu gehen?

Vielleicht sind die Details ja egal und Du meinst es nur ganz allgemein, dann ignoriere meinen ganzen Summs … hehe …

Hier sind wir jetzt bei Deinem Vorschlag, einfach fragen was
die Menschen wollen - das sehe ich genauso.

Ja eben. Sonst sind wir im „Reich der Spekulationen“. Das bringt’s selten.

Die Floskeln wie „eigentlich, prinzipiell, schon, möchte …“
verraten allerdings sehr viel über die Einstellung zu einer
Sache.

Ja, aber (

eigentlich schon …
Hi Janick

der Ausdruck „eigentlich“ verbirgt keine eigentliche Aussage, sondern er kennzeichnet den Sachverhalt in seiner Allgemeinheit. Ganz richtig sagst du, daß dann in der Regel ein „aber“ folgt: das „aber“ oder das „jedoch“ kennzeichnet den allgemeinen Sachverhalt in einem besonderen Rahmen bestimmterer Umstände oder Bedingungen (Terminus: „Randbedingungen“), die dem Sachverhalt widersprechen oder ihn (ggf. vorübergehend) stören.

„eigentlich möchte ich dich jetzt anrufen, aber die batterie meines handys ist leer“
„eigentlich möchte ich dich küssen, aber die nudel auf deiner wange stört mich“
„eigentlich möchte ich ihr sagen ‚ich liebe dich‘, aber ich kann kein chinesisch“
„eigentlich wollte ich heute nach München, aber ein wichtigerer Termin ist mir dazwischengekommen“
„eigentlich wollte ich dich grad besuchen kommen, aber mein Auto springt nicht an“
„eigentlich möchte ich sie heiraten, aber ein unbestimmtes gefühl läßt mich noch zögern“

„eigentlich“ heißt in der philosophischen Terminologie soviel wie „an sich“ und ist auch sonst ungefähr synonym mit „im Prinzip“, „allgemein“, „grundsätzlich“.

Eigentlich setze ich unter ein Posting immer das Wort „Gruß“, aber aus purer Willkür lasse ich es diesmal weg.

*gg*

Metapher

Hi Janick,

ich interessiere mich für die versteckten Aussagen in der
Sprache:
Beispiel: „eigentlich würde ich schon gerne“ = „ich will
nicht“, etc…

Kennt jemand ein Buch oder sonstige Informationen zu diesem
Thema? Gibt es einen Begriff für diese Thematik?

Es gibt diverse Psychologen, die sich mit der Kommunikation beschäftigen. Jeder geht davon aus, dass es keine eindimensionale Kommunikation (z.B. reine Sachinformation) gibt.
Also auch in sehr trivialen Sätzen schwingen mehre Informationen
mit:
‚Gib mir mal den Schlüssel her‘
1.) Ich brauche den Schlüssel.
2.) Das übliche Wörtchen ‚bitte‘ fehlt, weil:

  • wir so vertraut miteinander sind;
  • du mein Handlanger bist (Herr-Diener-Verhältnis);
  • weil es dringend ist (Schlimmeres verhüten);
    3.) Ich nehme an, du weisst wo der Schlüssel liegt.

Mir hat Schulz von Thun mit seiner 4- Ebenen- Theorie gut gefallen, weil er es so erklärt, daß man in Konfliktfällen damit die eigene Kommunikation analysieren kann und so darauf etwas einfluss nehmen kann.

Tschuess Marco.

Hallo Janick!

Dein Beispiel:

„Eigentlich bin ich schon ein Mensch der gerne
Entscheidungen fällt“.
Dieser Satz läßt darauf schließen, dass diese Person wohl
Schwierigkeiten damit hat, Entscheidungen zu fällen - dies
aber ungerne zugibt.

ist leider nur eine Möglichkeit der Interpretation. Die Person möchte Dir zB. sagen das sie die nötigen Entscheidungen gerne allein tragen würde, ohne Einmischung durch andere. Oder im Augenblick machen bestimmte Zustände im Betrieb das Arbeiten einfach nur zur Last.
Man möchte aber nicht gerade mit der Tür ins Haus fallen und versucht durch die Wortwahl bewußt oder unbewußt eine nachfragende Reaktion herauszufordern.

Aber es sind noch mehr Varianten denkbar.

Tschüs, Sven.

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eigentlich…
… ist das sehr schönes Beispiel:

… mit Dir zum Frühstücken gehen.
(aber leider hab ich schon mit jemand ausgemacht, dass ich mit
ihm ins Kino gehe) = Ich will schon, hab eine zweite
Verpflichtung.

…aber wer geht eigentlich schon zur Frühstückszeit ins Kino?

grins,
Thomas

Bei aller Liebe…
Hi Janick,

eine sehr schöne Frage. Es gibt viele Konstrukte, die gewisse Dinge implizieren, beschönigen oder abschwächen, sie aber nicht benennen. Mir hat es immer schon Spaß gemacht, solche Konstrukte zu analysieren. „Eigentlich“ ist so ein Wort - das ich lieber gar nicht höre oder benutze. Ein Unwort. :smile:

Ein anderes Konstrukt dieser Art ist: „Bei aller Liebe“. Ist es nicht amüsant, daß ein Satz, der mit diesen besonders liebevollen Worten beginnt, immer mit einem Killer endet? „Bei aller Liebe“ leitet, völlig konträr zum eigentlichen (*g*) Wortgehalt, immer eine Abwehraussage ein.

Gitte hat natürlich recht: Sprache, Duktus, Ausdrucksweise… das alles sind persönlich geformte und lebende, sich verändernde Dinge. Wieter unten in einem ganz andere Thread hat Guido geschrieben, daß nur 5 - 10% der Kommunikation beim Sprechen tatsächlich über Sprache transportiert wird. Wir können nicht sagen: „Jemand, der dieses Konstrukt benutzt, meint immer genau das“. Das wäre gefährlich.

Nach wie vor müssen wir uns darauf einlassen, zuzuhören und zu verstehen, was das Gegenüber meint. Und das wird nach wie vor immer wieder schwierig sein.

Natürlich macht es trotzdem Spaß, Euphemismen und Verschleierungen in der Sprache zu entlarven. :smile:

Liebe Grüße, Nike

Hi Nike,

bei aller Liebe, jetzt habe ich in einem Antwortpositing an Dich „eigentlich“ geschrieben, derweil ich ebenso mit dem Wort auf Kriegsfuß stehe. Ich bemühe mich allerdings um eine Aussöhnung und interpretiere es als "Im Grunde genommen … möchte ich

Es ist sehr interessant wie unterschiedlich Menschen Worte gebrauchen. Kein Wunder, daß es soviele Mißverständnisse gibt. Teils machte ich mal eine Wörterdefinition im Vorfeld eines Gespräches, was es nur bedingt brachte.

Ich werde immer bei Sätzen hellhörig, in denen jemand sagt: „Da bin ich ganz ehrlich.“ bzw. „Ehrlich gesagt“ was tut der Mensch sonst?

Ciao,
Romana

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Hallo!
Der treffendste Begriff dürfte "Euphemismus sein (die Zusammensetzung aus eu - gut und pheme - Ausdruck, zu deutsch sozusagen Beschönigung).
Ein paar Bücher nenne ich hier. Schulz von Thun beschreibt mehr die zwischenmenschliche Ebene, bei der normalerweise die Beteiligten gegenseitiges Interesse an einer guten Beziehung haben, d.h. viele Streitigkeiten letztlich „nur“ auf Mißverständnissen beruhen.

Schulz von Thun, F., „Miteinander reden“

Ein anderes Feld ist die gezielte Manipulation mit Hilfe der Verwendung von Wörtern auf dem Gebiet der Politik. Es gibt hinreichend Beispiele, die bei Klemperer aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen („Garant klingt bedeutsamer als Bürge“), bei „Ossi-Nachweis bis Buschzulage“ aus der Zeit der Wende („Abwickeln“ statt „Entlassen“ … „Minuswachstum“ etc.) und bei dem Internet-Artikel recht ausführlich und wissenschaftlich betrachtet werden.

Klemperer, V. „LTI“

„Von Ossinachweis bis Buschzulage“

Euphemismen in der politischen Sprache:
http://tabu.sw2.euv-frankfurt-o.de/Tabu_pdf/Euphemis…

In meinen Augen kommt es sehr häufig vor, daß der undurchdachte Gebrauch von Worten („Sinn machen“ ist inhaltlich nicht möglich) auch unbewußt zu „Verbergungen“ führt („er ist von uns gegangen“ statt „gestorben“).

Tschuess, Sven.

Hi Sven,

lieben Dank für die Literaturhinweise sowie die Begriffsbestimmung

Der treffendste Begriff dürfte "Euphemismus sein

Werde mich eingehender mit der Materie beschäftigen und bei neuen Einsichten :smile: posten.

Liebe Grüße - Janick

ich schwör´s Dir (…eigentlich, haha)
Hi Romana,

Ich werde immer bei Sätzen hellhörig, in denen
jemand sagt: „Da bin ich ganz ehrlich.“ bzw. „Ehrlich gesagt“
was tut der Mensch sonst?

Junge Menschen, überwiegend ausländische (nehme ich an, wenn sie gebrochen deutsch reden, da kann ich mich aber auch irren, gell) und männliche, benutzen oft den Ausdruck „ich schwör´s Dir“ oder „ich schwöre“.
Ist ja noch heftiger, nicht?
Meine Nichte (halbe Italienerin, 21 und ausserdem ´ne Frau :smile:) und ihr türkischer Freund (20) machen das beispielsweise auch.

Als sie damit anfingen, dachte ich mir auch zuerst -wie Du?- na was tun sie denn wenn sie das nicht dazusagen? Schwindeln?
Ich glaube, sie benutzen den Ausdruck nicht im wörtlichen Sinn, sondern um Ihrem Statement mehr Nachdruck zu verleihen. Einfach um dem Gesagten noch mehr Gewicht zu geben.

Beim Nachdenken fällt mir auch auf, dass sie es besonders dann häufig machen, wenn sie aufgeregt und/oder heftig diskutieren. Also wenn sie gefühlsmässig stärker beteiligt sind.
Vielleicht hat es auch etwas mit Unsicherheit zu tun?

Könnte das mit dem „Ehrlich gesagt…“ auch so ähnlich sein.
Oder vielleicht ist es auch ein Signal an den anderen, dass es da nicht viel Verhandlungsspielraum gibt?

Ciao,
Thomas

Sag niemals immer oder so.
Hallo!

Dem „eigentlich“ folgt immer ein „aber…“. Allerdings

Nein. Das eigentlich kann durchaus auch dem aber folgen. (Auch wenn das vielleicht nicht ganz so häufig vorkommt.)

(Bsp.: Sonntag Mittag, ich krieche irgendwie aus dem Bett weil das Telephon klingelt, eine fröhliche Stimme brüllt mir ins Ohr: „Hey, treff ma uns doch, unternehmen wir was!“ Ich: „Uargh.“ (= bist wahnsinnig?) „blablabla“ Ich (werde langsam wach) denke/sage: „eigentlich würde ich schon gerne …“)

Für sich allein hat „eigentlich würde ich schon gerne“ gar keine sinnvolle Bedeutung. Erst im Zusammenhang bekommt es die unterschiedlichsten Bedeutungen. Und ich fürchte, dadurch könnte ein entsprechendes Wörterbuch eher verwirrend als hilfreich sein.

Gruß,
g.g.

Hallo, ich studiere germanistik und kann in der hinsicht nur fachwissenschaftliche literatur empfehlen, die sich leider manchmal ganz gräßlich schwer liest:

z.B. Bücher zur Theorie der Sprechakte, z.B. Buch: „Wie man mit Wörtern Dinge tut“ (ich glaub, von Searle)

oder Texte zum Begriff der ‚ABtönungspartikel‘ (mal, eben, also, eigentlich, doch…) und ‚Heckenbegriffe‘.

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Austin und Searle
Hallo,

z.B. Bücher zur Theorie der Sprechakte, z.B. Buch: "Wie man

mit Wörtern Dinge tut" (ich glaub, von Searle)

das Buch ist von Austin und heißt „How to do things with words“

deutsch:
Zur Theorie der Sprechakte. ( How to do things with words). (Lernmaterialien) von John Langshaw Austin
Preis:* DM 10,00 EUR 5,11
ISBN: 3150093961 Buch anschauen

Das Buch von Searle heißt:
Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay. von John R. Searle
Ausdruck und Bedeutung. Untersuchungen zur Sprechakttheorie. von John R. Searle
prechakte. Ein sprachphilosophischer Essay.
von John R. Searle Preis:* DM 24,90 EUR 12,73
Taschenbuch - Suhrkamp, Ffm.
Erscheinungsdatum: 2000
ISBN: 3518280589 Buch anschauen

Herzliche Grüße

Thomas Miller