Was passiert da mit mir und meiner Angst?

Hallo Leute,

um meine nachfolgende Frage verständlicher zu machen, muss ich euch eine Vorgeschichte dazu erzählen:

Vor 21 1/2 Jahren habe ich zur Geburt meines ältesten Sohnes ihm ein Plüschtier gekauft, das er später das „Füchsle“ nannte. Füchsle begleitet ihn seither durch´s ganze Leben, Früher lag er in seinem Bett, später, als die ersten Freundinnen kamen und es peinlich wurde mit einem Plüschtier zu schlafen, wurde es auf ein Brett hoch über seiner Zimmertür verbannt. Dort sitzt es noch heute und „wacht“ über ihn.

Füchsle hat ein sehr ausgefallenes Aussehen, ich habe das gleiche Stofftier nur ein einziges Mal wieder gesehen, beschreibe ich weiter unten.

Zeitsprung: Vor 3 1/2 Jahren war mein Sohn zusammen mit seiner Klasse auf dem Weg in ein Internat zu einer überbetrieblichen Ausbildung, die mehrere Wochen dauerte. Sie fuhren mit mehreren Autos im Konvoi. Waren noch keine 500 m auf der Autobahn, als sie in eine Massenkarambolage verwickelt waren. Niemand verletzt, fast alle PKWs Totalschaden.

Da ja jetzt kein Auto mehr zur Verfügung stand, habe ich mich mit einigen seiner Klassenkameraden auf den Weg ins Internat gemacht und die Jungen dorthin gebracht.

Als ich abends vollkommen fertig nach Hause kam, schaltete ich den Fernseher ein und befand mich mitten in einer Szene, wo eine junge Frau das frische Grab ihres bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückten Freundes besuchte und sein Plüschtier aufs Grab legte. Genau unser „Füchsle“.

Und nun zu meiner eigentlichen Frage:

Ich denke immer mal wieder an diesen Vorfall (3 - 4 x im Jahr), merke aber, dass ich dabei immer größere Angst bekommen. Kann mit dieser Angst fast nicht mehr umgehen, weiß nicht, was da mit mir passiert.

Gestern eben kam mir durch einen äußeren Vorfall dies alles wieder in´s Gedächtnis. Heute nacht habe ich kaum geschlafen. Mein Herz pochte bis zum Hals, mein Magen krampfte sich zusammen.

Jetzt eben die Frage: Was passiert da mit mir?

Gisela

Hallo Gisela,

aber was Du da erlebst würde ich ein verzögertes Trauma nennen.
Irgendwie bist Du damit noch nicht fertig. Das Füchsle spielt
da nur die Rolle eines Überträgers Deiner Angst.
Versuch den Spieß rumzudrehen. Es hat Deinen Sohn irgendwie
„beschützt“. Hört sich idiotisch an, aber ich hatte so ein
ähnliches Erlebnis. Meine Tochter war 4 Jahre alt, wir hatten
damals unser 1. Auto, einen gebrauchten uralten Ford. Mein Mann fuhr sie zum Kindergarten. Keine 2 min später klingelte die
Polizei vor meiner Tür. Schwerer Verkehrsunfall. Dieses riesen
Schiff von Auto war nicht erkennbare Schrottmasse. Ein Feuerwehrmann nahm mich in den Arm und sagte: beide, ihr Mann und ihre kleine Tochte SITZEN im Krankenwagen. Er war verletzt, sie stand unter Schock und sagte zu mir, die Oma hat mich aus dem Auto geholt. Nur daß die Oma da schon 2 Jahre tot war.
Ich hab bis heute Angst, größere Strecken mit dem Auto zu fahren, trotzdem denke ich, ob Angst oder nicht, es passiert alles zu seiner Zeit. Angst lähmt Dich, nimmt Dir zuviel Deiner
Lebensqualität. Lach dagegen an. Die Experten hier werden Dir
adäquatere Antworten geben, wollte Dir das aber unbedingt
überbringen, da ich weis, wie Du Dich in solchen Momenten fühlst.

Alles Gute
H.-D.

Auch keine Expertenantwort - nur ein Ratschlag
Hallo Gisela,

Deine Angst (die ich übrigens verstehen kann) hört sich unkontrollierbar und absolut lähmend an.
Vielleicht würde dir eine Therapie weiterhelfen? Hast du darüber nachgedacht?

Grüße
Camilla

Etwas ähnliches …
… hatte ich bis Ende letzten Jahres auch. Ganz unkontrollierbar hatte ich die Fantasie (damals nannte ich es „dejavü“), dass ich mir bei einem Sturz vom Waschbeckenrand, auf dem ich gesessen hatte, das Genick gebrochen habe. Entweder hätte ich riesiges Glück gehabt oder wäre infolge davon vermutlich mind. gelähmt odgl.! Tatsächlich ist mir soetwas nie passiert! Aus der Theorie des Familienstellens nach Bert Hellinger (www.hellinger.com) habe ich den Stammbaum meiner Vorfahren erkundet und das feste Gefühl erlangt, dass da jemand fehlt. Meine Recherche hat tatsächlich ergeben, dass ein Bruder meiner Oma im Alter von 7 Jahren durch Genickbruch (vermutlich Sturz) im Jahre 1896 zu Tode gekommen ist und dieser Tod (und damit der ganze Mensch) aus unserer Familie verdrängt wurde. Ich habe den Stammbaum vervollständigt und seither kein einziges Mal mehr diese Fantasie gehabt - jetzt hat jeder seinen Platz!

ein bißchen Magie
Hi Gisela

Auch unser heutes Alltagsleben ist voller uralter „magischer“ Praktiken und Denkweisen - nur wissen die meisten nichts davon. Das hat jetzt um Himmels willen nichts mit Esoterik zu tun, denn es ist eine seit langem bekannte und nachgewiesene Tatsache. Das besondere an diesen Denkweisen ist, daß sie psychologisch (genauer: im Kontext der wissenschaftlichen Psychologie des 20. Jhdts) nicht ohne weiteres (und nicht ohne speziellere historische Kenntnisse) nachvollziehbar sind.

Ein wenig Kenntnis dieser nur vordergründig betrachtet ausgestorbenen oder rational überwundenden Denkweisen hilft tatsächlich manchmal mehr als (für solche Erlebnisse wie das deinige) viel zu komplizierte Psychotherapie.

Um deine Besorgnisfrage vorwegzunehmen:

Was passiert da mit mir?

Im obigen Sinne (also nicht psychologisch interpretiert) hast du irrtümlicherweise ein Ereignis als sog, „schwarze“ Magie (d.h. solche, die anderen Menschen Schaden zufügen soll) mißverstanden und reagierst bis heute dementsprechend. Tatsächlich aber war es ein Ereignis sog. „weißer“ Magie (d.h. solche, die den Menschen vor Schaden bewahrt) - du und dein Sohn: ihr habt sie praktiziert und sie war auch offenbar erfolgreich.

Da du sehr aufgeregt bist, versuche ich es dir (wie gesagt, nur im oben erwähnten Sinne verstanden), zu erklären:

Liebe, Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen pflegen wir manchmal in Gegenstände hineinzu projizieren. Das ist - in der magischen Fachsprache ausgedrückt - die geradezu alltäglich Handlungweise, daß uns Gegenstände in besonderen Situationen sehr ans Herz wachsen, weil sie mit uns vertraut sind (das Füchsle durfe im Bett deines Sohnes schlafen). Auch, wenn diese Gegenstände ihren „aktuellen“ Zweck nicht mehr erfüllen (das Kínderspielzeug wird erfurchtsvoll zur Seite gelegt), behalten sie manchmal ihre „magische Wertigkeit“ - nun in Form eines sogenannten Erinnerungsstückes. So gewinnt der Gegenstand vormals unmittelbarer Liebeszuwendung nun die Funktion (und die „magische“ Macht) eines Talisman (kein Einzelstück!):

…ich habe das gleiche Stofftier nur ein einziges Mal wieder gesehen, beschreibe ich weiter unten.

Aber umsomehr bekommt daher auch eine Szene „magisches“ Gewicht, in dem sich eine Begegnung mit einem weiterem Exemplar dieses Gegenstandes ereignet: Ähnlich wie bei einer sog. „Assoziation“ im Denken, wird dieses Ereignis unmittelbar „magisch identifiziert“ (der Ausdruckk stammt von C.G.Jung) mit allem, was mit der Verwendung des eigenen (originalen) Gegenstandes zusammenhängt.
Dies geschieht umso deutlicher, je mehr dieses aktuelle Ereignis in eine sehr dramtische Szene eingebunden ist. Dein Beispiel ist ja ein traumatisches Erlebnis (der Autocrash, von dem du die Nachricht bekamst) - das normalerweise später verarbeitet wird, indem es der (bloßen) Erinnerung überlassen wird.

Soweit zu dem „Mechanismus“, der hier eine Rolle spielt (ich will das nicht weiter begründen und durch andere alltägliche Beispiele belegen, in denen wir so denken).

Nun aber zu dem Mißverständnis:

befand mich mitten in einer Szene, wo eine junge Frau … sein Plüschtier aufs Grab legte. Genau unser „Füchsle“.

Dieser traditionelle Akt, einen geliebten Gegenstand als Grabbeigabe zu inszenieren, hat eine „Glückbringer“-Funktion - und nicht das Gegenteil!!
Er bekommt seinen Sinn aus der Voraussetzuung, daß das Leben nicht zuende ist, so daß die Grabbeigabe weiterhin die Rolle des Beschützers beibehält.

Das Füchsle in deiner TV-Szene hat also dieselbe Funktion wie euer Füchsle: Es soll beschützen… und das hat es ja auch erfolgreich getan!

Denn deinem Sohn ist ja nichts passiert, trotz einer lebensgefährdenden Szene. Bei dir aber ist - deinem Bericht zufolge - folgendes passiert: Du warst zu Hause, als die Nachricht von dem Unfall kam - und zu dem Zeitpunkt wußtest du noch nicht, ob etwas passiert war. Und nun warst du wieder zu Hause und sahst die Szene im TV - und das Füchsle, das es (subjektiv) „nur einmal gibt“.

Nun setzt der oben beschriebene „magische“ Mechanismus ein - die Identifizierung dieser beiden Situationen „zu Hause“:
a. die Nachricht mit der Ungewißheit mit b. die TV-Grabszene. Und die Konsequenz ist dann eine weitere Identifizierung:
a. deine Gabe an den Sohn (als Kind) mit b. die Grabgabe der fremden Frau. Die unausweichliche Folge sind Schuldgefühle - über die Assoziation: du hast deinem Kind eine Grabbeigabe geschenkt. Und in dieser Identifizierung wirst du bis heute „festgehalten“ - ähnlich wie bei einem Bannspruch.

Nur: du hast die Identifizierung zunächsteinmal falsch gemacht bzw. erlebt (das kann man bei solchen Dingen nicht unterscheiden), nämlich über die Gleichung „ist etwas passiert?? (dein Sohn)“ = „es ist etwas passiert!! (die fremde Frau)“.

Die korrekte Identität ist jedoch eine ganz andere: „das Füchsle beschützt!!“ und zwar so wie bei der fremden Frau (mit deren Schicksal du ja nichts zu tun hast) sogar (!) einen Toten im Totenreich, so auch bei dir den aus der Todesgefahr heil entkommenen Sohn. Es ist also eine „gute“ Parallele, nicht eine „böse“!

Du brauchst also nur das Ritual der Grabbeigabe korrekt zu verstehen, um weiterhin an die magische Beschützerkraft des Füchsle glauben zu können - und so die angstvolle Frage "ob etwas passiert sei - und, wenn ja, dann bist du schuld, denn du hast das Füchsle geschenkt " (in der du - sogesehen - bis heute festgehalten wirst) in Gelassenheit an die Realität anzupassen: „es ist nichts passiert - und das Füchsle war ein gutes Geschenk“.

Viel Glück!

Metapher

Hallo Metapher,

vielen vielen Dank für deine sehr ausführliche Antwort.

Nur zwei Punkte möchte ich „richtigstellen“ und dich fragen, ob sich da an eienr Beurteilung etwas ändert:

Zunächst wusste ich von dem Zeitpunkt an, als ich vom Unfall erfuhr, dass meinem Sohn nichts passiert ist. Er kam nämlich zusammen mit dem Schrottauto im Abschleppwagen zu meiner Arbeitsstelle.

Als nächstet habe ich schon das Gefühl „Füchsle“ beschütze ihn/uns. Allerdings immer mit dem Gefühl im Hintergrund: Kann so ein „Schutzengel“ i m m e r zuverlässig und ohne zu „schwächeln“ zur Verfügung stehen. Was verlange ich da von so einer „guten Macht“?

P.S. Den Bereich der Esotherik weise ich nicht so vollkommen von der Hand, wie du vielleicht annimmst.

Gruß
Gisela

Auch unser heutes Alltagsleben ist voller uralter „magischer“
Praktiken und Denkweisen - nur wissen die meisten nichts
davon. Das hat jetzt um Himmels willen nichts mit Esoterik zu
tun, denn es ist eine seit langem bekannte und nachgewiesene
Tatsache.

Das finde ich sehr interessant - es stimmt, selbst wenn man noch so rational ist (oder zu sein glaubt), kann man sich offensichtlich von solchen Dingen nicht frei machen. Ich selbst hatte vor kurzem auch ein seltsames Erlebnis ‚‚magischer Art‘‘, das mich nicht wirklich ernsthaft beunruhigt, aber irgendwie auch wundert. Am Wochenende war ich mit Freunden spazieren, und wir kamen an einer Raubvogelschau vorbei - lauter riesige Raubv"ogel, die auf Stangen sassen, auf einer Wiese. Am Ende der Wiese war ein Kreuz (es war in der N"ahe eines Klosters), es war ein bisschen neblig, und dann habe ich den Uhu gesehen, ein riesiger Uhu mit leuchtend roten Augen, der mich regelrecht angestarrt hat. In diesem Moment schoss mir das Wort ‚‚Totenvogel‘‘ durch den Kopf. Zwei Sekunden sp"ater sagt mein Patenkind (2.5 Jahre alt, und eigentlich in seiner Sprachentwicklug deutlich zur"uck) ‚‚Die kenne ich noch!‘‘. So einen Satz habe ich von ihm vorher (und auch hinterher) noch nicht geh"ort. Und irgendwie fand ich das wirklich gruselig, ich meine, ich weiss, dass Eulen als Symbol des Todes gelten, und wenn man sich eine mal genau ansieht, versteht man auch warum. Ich glaube nicht an das Leben nach dem Tod oder Wiedergeburt , und nicht an das Geisterreich oder was auch immer, aber trotzdem fand ich die ganze Szene bemerkenswert seltsam und beunruhigend.
Magisches Denken? Ich dachte eigentlich immer, ich sei davon einigermassen frei…

Hallo Gnlwth…

Magisches Denken? Ich dachte eigentlich immer, ich sei davon
einigermassen frei…

Sei bloß froh, dass nicht, nicht alles ist erklärbar und das wiederum finde ich einigermaßen beruhigend…:wink:))

Grüße
h.-d.

Ich habe für Gisela gehofft…
…dass du ihr zu Hilfe kommst :smile:

Liebe Grüße

Camilla

zweifelsfrei

… Er kam nämlich zusammen mit dem Schrottauto im Abschleppwagen zu meiner Arbeitsstelle.

oups - das war also verkehrt (das ist der heikle Nachteil, wenn man soewas via Mails/Postings bespricht) - sorry, macht aber nichts, denn die „Identifizierung“ hatte ja noch andere (tieferliegende) Wege, oder? Mich würde interessieren, wie denn diese Deutung der Lage bei dir „angekommen“ ist…

… habe ich schon das Gefühl „Füchsle“ beschütze ihn/uns. Allerdings

Das ist das besondere an solcher „magischen“ Denkweise, daß in ihr Gegenstände personalisiert werden können. Und wie bei jeder zärtlichen Liebe sind diese „Beschützer“ extrem empfindlich gegen zweifelnde Gedanken … …

Weißt, was ich meine?

:smile:

Metapher

P.S. Den Bereich der Esotherik weise ich nicht so vollkommen
von der Hand, wie du vielleicht annimmst.

Gruß
Gisela

Mich würde interessieren,

wie denn diese Deutung der Lage bei dir „angekommen“
ist…

Ich weiß noch nicht, kann´s noch nciht einschätzen. Lass mir da etwas Zeit.

diese „Beschützer“ extrem

empfindlich gegen zweifelnde Gedanken … …

Ja, das verstehe ich.

Gisela

Hallo Gnlwth (???)

Und irgendwie fand ich das

wirklich gruselig, ich meine, ich weiss, dass Eulen als Symbol
des Todes gelten, und wenn man sich eine mal genau ansieht,
versteht man auch warum.

Nein, das verstehe ich eigentlich nicht.
Ích hatte als kleines Kind Angst vor Eulen.
Vielleicht fand ich ihr Aussehen irgendwie
unheimlich, weil sie so ein flächiges Gesicht haben
wie ein Mensch, aber eben einen Schnabel, sind halt Vögel. *g*
Das kann einen ganz jungen Kopf vielleicht verwirren.
Aber was hat für Dich eine Eule an sich, dass Du
damit den Tod in Verbindung bringst?
Das würde mich wirklich interessieren.

Liebe Grüsse
Pamela

Hi Gisela,

Beim Lesen deines Postings kam mir die Idee, daß deine Angst und im besonderen dein Umgang damit, etwas mit der Beziehung zwischen dir und deinem Sohn zu tun habe? Und zwar in dem Sinn, daß es hier um Abnabelung und Verlustängste, bzw. Loslassensgeschichten deinerseits geht.

Wenn dem so ist, solltest du dich darum kümmern; so wirksam Rituale und Talismänner auch sind - sie ersetzen nicht unsere Verantwortung über unser Tun oder Nicht- tun.

MfG Harald