ein bißchen Magie
Hi Gisela
Auch unser heutes Alltagsleben ist voller uralter „magischer“ Praktiken und Denkweisen - nur wissen die meisten nichts davon. Das hat jetzt um Himmels willen nichts mit Esoterik zu tun, denn es ist eine seit langem bekannte und nachgewiesene Tatsache. Das besondere an diesen Denkweisen ist, daß sie psychologisch (genauer: im Kontext der wissenschaftlichen Psychologie des 20. Jhdts) nicht ohne weiteres (und nicht ohne speziellere historische Kenntnisse) nachvollziehbar sind.
Ein wenig Kenntnis dieser nur vordergründig betrachtet ausgestorbenen oder rational überwundenden Denkweisen hilft tatsächlich manchmal mehr als (für solche Erlebnisse wie das deinige) viel zu komplizierte Psychotherapie.
Um deine Besorgnisfrage vorwegzunehmen:
Was passiert da mit mir?
Im obigen Sinne (also nicht psychologisch interpretiert) hast du irrtümlicherweise ein Ereignis als sog, „schwarze“ Magie (d.h. solche, die anderen Menschen Schaden zufügen soll) mißverstanden und reagierst bis heute dementsprechend. Tatsächlich aber war es ein Ereignis sog. „weißer“ Magie (d.h. solche, die den Menschen vor Schaden bewahrt) - du und dein Sohn: ihr habt sie praktiziert und sie war auch offenbar erfolgreich.
Da du sehr aufgeregt bist, versuche ich es dir (wie gesagt, nur im oben erwähnten Sinne verstanden), zu erklären:
Liebe, Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen pflegen wir manchmal in Gegenstände hineinzu projizieren. Das ist - in der magischen Fachsprache ausgedrückt - die geradezu alltäglich Handlungweise, daß uns Gegenstände in besonderen Situationen sehr ans Herz wachsen, weil sie mit uns vertraut sind (das Füchsle durfe im Bett deines Sohnes schlafen). Auch, wenn diese Gegenstände ihren „aktuellen“ Zweck nicht mehr erfüllen (das Kínderspielzeug wird erfurchtsvoll zur Seite gelegt), behalten sie manchmal ihre „magische Wertigkeit“ - nun in Form eines sogenannten Erinnerungsstückes. So gewinnt der Gegenstand vormals unmittelbarer Liebeszuwendung nun die Funktion (und die „magische“ Macht) eines Talisman (kein Einzelstück!):
…ich habe das gleiche Stofftier nur ein einziges Mal wieder gesehen, beschreibe ich weiter unten.
Aber umsomehr bekommt daher auch eine Szene „magisches“ Gewicht, in dem sich eine Begegnung mit einem weiterem Exemplar dieses Gegenstandes ereignet: Ähnlich wie bei einer sog. „Assoziation“ im Denken, wird dieses Ereignis unmittelbar „magisch identifiziert“ (der Ausdruckk stammt von C.G.Jung) mit allem, was mit der Verwendung des eigenen (originalen) Gegenstandes zusammenhängt.
Dies geschieht umso deutlicher, je mehr dieses aktuelle Ereignis in eine sehr dramtische Szene eingebunden ist. Dein Beispiel ist ja ein traumatisches Erlebnis (der Autocrash, von dem du die Nachricht bekamst) - das normalerweise später verarbeitet wird, indem es der (bloßen) Erinnerung überlassen wird.
Soweit zu dem „Mechanismus“, der hier eine Rolle spielt (ich will das nicht weiter begründen und durch andere alltägliche Beispiele belegen, in denen wir so denken).
Nun aber zu dem Mißverständnis:
befand mich mitten in einer Szene, wo eine junge Frau … sein Plüschtier aufs Grab legte. Genau unser „Füchsle“.
Dieser traditionelle Akt, einen geliebten Gegenstand als Grabbeigabe zu inszenieren, hat eine „Glückbringer“-Funktion - und nicht das Gegenteil!!
Er bekommt seinen Sinn aus der Voraussetzuung, daß das Leben nicht zuende ist, so daß die Grabbeigabe weiterhin die Rolle des Beschützers beibehält.
Das Füchsle in deiner TV-Szene hat also dieselbe Funktion wie euer Füchsle: Es soll beschützen… und das hat es ja auch erfolgreich getan!
Denn deinem Sohn ist ja nichts passiert, trotz einer lebensgefährdenden Szene. Bei dir aber ist - deinem Bericht zufolge - folgendes passiert: Du warst zu Hause, als die Nachricht von dem Unfall kam - und zu dem Zeitpunkt wußtest du noch nicht, ob etwas passiert war. Und nun warst du wieder zu Hause und sahst die Szene im TV - und das Füchsle, das es (subjektiv) „nur einmal gibt“.
Nun setzt der oben beschriebene „magische“ Mechanismus ein - die Identifizierung dieser beiden Situationen „zu Hause“:
a. die Nachricht mit der Ungewißheit mit b. die TV-Grabszene. Und die Konsequenz ist dann eine weitere Identifizierung:
a. deine Gabe an den Sohn (als Kind) mit b. die Grabgabe der fremden Frau. Die unausweichliche Folge sind Schuldgefühle - über die Assoziation: du hast deinem Kind eine Grabbeigabe geschenkt. Und in dieser Identifizierung wirst du bis heute „festgehalten“ - ähnlich wie bei einem Bannspruch.
Nur: du hast die Identifizierung zunächsteinmal falsch gemacht bzw. erlebt (das kann man bei solchen Dingen nicht unterscheiden), nämlich über die Gleichung „ist etwas passiert?? (dein Sohn)“ = „es ist etwas passiert!! (die fremde Frau)“.
Die korrekte Identität ist jedoch eine ganz andere: „das Füchsle beschützt!!“ und zwar so wie bei der fremden Frau (mit deren Schicksal du ja nichts zu tun hast) sogar (!) einen Toten im Totenreich, so auch bei dir den aus der Todesgefahr heil entkommenen Sohn. Es ist also eine „gute“ Parallele, nicht eine „böse“!
Du brauchst also nur das Ritual der Grabbeigabe korrekt zu verstehen, um weiterhin an die magische Beschützerkraft des Füchsle glauben zu können - und so die angstvolle Frage "ob etwas passiert sei - und, wenn ja, dann bist du schuld, denn du hast das Füchsle geschenkt " (in der du - sogesehen - bis heute festgehalten wirst) in Gelassenheit an die Realität anzupassen: „es ist nichts passiert - und das Füchsle war ein gutes Geschenk“.
Viel Glück!
Metapher