Re^3: Individuum versus Gruppe
Hallo Peet,
Noch nicht :-)
das hab ich mir schon gedacht :-)
Ich möchte hier persönliche Erfahrungen und Strategien außer
Besprechung lassen, wenns geht...
Ok, das ist zwar schwierig, aber ich versuch's mal ...
Ich frage mich, wie kann ein Musikverein Probenarbeit und
Konzerte auf die Beine stellen, wenn nicht unter dem Zwang der
Termine und regelmäßigen Teilnahme?
Meine Antwort bezog sich nicht auf schon vereinbarte Termine. Bei diesen ist es doch selbstverständlich, dass ich sie einhalte, zumindest versuche einzuhalten - von höherer Gewalt mal abgesehen. Ích wäre der Letzte, der hier versuchen oder sogar empfehlen würde, bestehenden Verpflichtungen kurzfristig zu entsagen. Ich habe vor ca. 20 Jahren mal einen Chor geleitet, die Organisation besorgt, die Proben gemacht etc. etc. Ich weiß sehr wohl, wie schmerzlich es ist, wenn jemand da plötzlich - aus was für Gründen auch immer - ausfällt. Ok - persönliche Erfahrungen!
Aber ich denke, genau darum geht es! Ich bekomme immer wieder Angebote, zum was weiß ich wie vielten Mal die Matthäus-Passion (ich bin leider Tenor!) mitzusingen. Wenn ich weiß, dass ich die Termine nicht halten kann, dann darf ich nicht zusagen. Und wenn unsere Fragerin sagt, dass sie keine Lust mehr zum Singen hat oder keine Zeit oder keine Muße oder was auch immer - eben wenn sie Gründe hat dafür, dass sie nicht singen will, dann ist es ihr gutes Recht zu sagen: "Ich will nicht!".
In Vereinen aber - und das ist nicht nur eine rein persönliche Erfahrung läuft es häufig so ab, dass derjenige, der sagt, er möchte etwas kürzer treten, sofort persönlich attackiert wird (wieder mehrfach selbst erlebt, aber nicht nur rein eigene Erfahrung, da auch von anderen kolportiert). "Wir brauchen dich!" "Alles platzt ohne dich!" usw.
Wie auch immer: Der Gruppendruck kann so stark werden, dass er in das Gegenteil dessen umschlägt, was er erreichen will. Und das ist ganz unnötig! Denn der Zwang hat - in den meisten Fällen - gar nicht die Wirkung, die er haben soll(te), nämlich die Qualität zu steigern. Er steigert allenfalls das Wohlbefinden der "Vereinsnudeln" (die ich übrigens gar nicht so negativ sehen will, wie es jetzt den Anschein hat).
Vereine sind - aus meiner Sicht - ein verkleinertes Abbild der Gesellschaft. Individuen sind nur so lange geduldet, wie sie funktionieren (also eigentlich keine Individuen mehr sind). Wenn ich das Ganze mal aus philosophischer Sicht angehe (meiner natürlich!), dann prallen hier also zwei Interessen aufeinander, die unvereinbar sind. Interessen lassen sich abwägen - quantitativ nach Morgenstern/Neumann -, und man könnte eine Matrix aufstellen, die die Interessen des Einzelnen mit den Interessen des Einzelnen vergleicht. Ich bezweifle allerdings, dass das sinnvoll wäre.
Aber wenn es gut läuft, wie sollte man dann damit umgehen? Es
ist meist so, daß das eine mit dem anderen eng verbunden ist.
Nämlich das gute Klima und der Wunsch zusammen mit den anderen
die Verantwortung zu tragen. Auch dann steht man unter dem
Druck, aber freiwillig. Es ist nur so, daß ohne dieser
Verantwortung keine Vereinsarbeit gewährleistet werden kann.
Die Verantwortung ist erst dann gegeben, wenn ich mich dafür entschieden habe, diese Verantwortung wahrzunehmen (in diesem Beispiel). Wer sich diesem Druck unterwirft, hat selbstverständlich die Pflicht, im Rahmen seiner Möglichkeiten an der Realisierung mitzuwirken.
Die Frage war aber, ob die Pflicht zur Realisierung erzwungen werden darf - durch sanften Zwang, Speichellecken oder sonst irgendeinen Druck - und ob nicht unter der Prämisse, dass man viel für den Verein getan hat, man nicht auch einmal an sein eigenes alleiniges Wohl denken dürfe. Dies meine ich schon.
Noch einmal, wo ist die Balance zwischen dem Willen eines
Einzelnen und dem gemeinsamen Ziel einer Gruppe? Wie war es
doch bei der Mammutjagd? :-)
Jaja, die Mammutjagd! Abgesehen davon, dass es sich nicht um Kultur, sondern um Natur handelt, ist die Grenze zwischen dem Willen des Einzelnen und dem gemeinsamen Ziel einer Gruppe da zu setzen, wo sie - in ähnlichen Fällen - das deutsche Strafgesetz (und andere Strafgesetze) zieht: bei der Nötigung.
Die "Drohung mit einem empfindlichen Übel" - so heißt es im Gesetzestext (§ 240) - ist die Grenze. Nur was ist das? Das eben, was das Individuum schreckt und nicht die Gruppe! Denn einmalige Wunde an Gruppen verheilen schnell - an Individuen langsam und sehr selten. Und "Liebesentzug" (im weitesten Sinn) ist ein Gruppenmittel - kein Mittel des einfachen Individuums!
Herzliche Grüße
Thomas Miller
*derdasthemaübrigenssehrspannendfindet*