Schlussstrich ziehen-warum so schwer?

Von: , Frage gestellt am Fr, 11. Jan 2002

Hallo liebe www-ler,

ich bin seit 7 Jahren Aktiv-Mitglied in einem Musikverein. Mit den Leuten verstand ich mich eigentlich immer gut, die Atmosphäre stimmte auch und ich hatte bisher auch keine Probleme mit den Verpflichtungen, die bei einem Verein entstehen.

Das hat sich jetzt geändert: Neuer Freund, erste Wohnung (und die ist weiter weg), bald Prüfungen (ausbildung) und und und, keine Lust mehr immer da zu sein, mit Freunden lief´s auch schon besser..

Ich hab im Moment einfach keine Lust mehr, mich dort blicken zu lassen.
Hab schon gefragt, ob ich mich evtl. Beurlauben lassen könnte, bis zumindest der Stress den ich leider grad hab vorbei is, aber das geht anscheinend nicht, weil das ein paar schon ausgenutzt hätten (als ob ich da was für kann....)-ganz aufhören? Dann bereu ich das in einem halben Jahr vielleicht!?

Auf jeden Fall hab ich eben keine Lust mehr, das Thema bringt mich nachts fast um den Schlaf, ich muss oft dran denken, hab ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal wieder nicht hingehe!
Warum das alles? Warum ist es so schwierig, sich von etwas zu trennen und nicht zu sagen: es kann nur besser werden?!

Was würdet ihr mir raten? Ähnliche Erfahrungen? Wie habt ihr´s gelöst?

Ich würd mich freuen, wenn mir jemand "helfen" könnte - is ja eigentlich ne Kleinigkeit, aber ich mach ´n riesen Theater daraus...oder?!

Danke im Voraus

LG anke

16 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 24 Minuten 1 hilfreich
    Re: Schlussstrich ziehen-warum so schwer?

    Hallo Anke,

    ich hatte vor vielen Jahren dasselbe Problem (sogar auch mit einem Musikverein). Die Sache ist ganz klar: Das Privatleben geht vor, das Berufsleben erst Recht! Und dass Vereine ihre Mitglieder am liebsten mit Haut und Haaren vereinnahmen wollen, ist auch klar. Das ist aber rücksichtslos - nicht von dir, sondern vom Verein! Da hilft nur, den Leuten zu sagen: "Ich war so lange da, jetzt habe ich eine Phase, in der andere Sachen wichtiger sind."

    Ich kann dich sehr gut verstehen, zumal die Arbeit im Verein dir ja anscheinend Spaß gemacht hat. Aber raten kann ich dir nur, eher früher als später selbst den Schritt zu machen und zu gehen. Das Eigenleben von Vereinen ist eben merkwürdig. Ein schlechtes Gewissen brauchst du nicht zu haben und solltest du nicht haben: Jeder hat das Recht darauf, seine Prioritäten selbst zu setzen.

    Herzliche Grüße

    Thomas Miller

    • Antwort von nach 5 Stunden 0 hilfreich
      Individuum versus Gruppe

      Hi Thomas,

      ich hätte hier eine Frage infolge deiner Erklärung.

      Ich bin mit deinem Satz Das Privatleben
      geht vor, das Berufsleben erst Recht!
      völlig einverstanden. Und wenn eine/r eher für sich sowieso entscheidet, dann umsomehr. Für mich bleibt dann die Frage, wie ein Musikverein existieren soll, wenn die Mehrheit der Mitglieder genauso wie du denkt. Individualisten sind mir genauso lieb wir Vereinsmitglieder. Ein Verein kann aber nur dann existieren, wenn die Mitglieder bereit sind mitzumachen. Wie siehst du das? Wo liegt die feine Balance zwischen den eigenen Prioritäten und der Verantwortung?

      Viele Grüße

      • Antwort von nach 6 Stunden 0 hilfreich
        Re: Individuum versus Gruppe

        Hallo Peet, Wie siehst du das? Wo liegt die feine Balance zwischen den
        eigenen Prioritäten und der Verantwortung?
        ich für mich habe das ziemlich klar entschieden. Ich bekomme ständig Angebote, in irgendwelchen Vereinen mitzuwirken, und muss vor allem aus Zeitgründen immer wieder absagen, selbst wenn ich gerne mitmachen würde (aber das interessiert dich sicher
        weniger).

        Ich denke, dass Vereine dazu neigen, das Individuum zu schlucken. Das ist eine persönliche Erfahrung, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich denke, dass man - wenn man in einem Verein ist - aus Freude oder Interesse darin ist. Diese Freude bzw. dieses Interesse kann aber sehr schnell erlahmen, wenn man gezwungen wird, Dinge im Verein zu tun, die man eigentlich nicht will. Ich meine hier ganz einfach, dass man - auch als sich unterordnender Mensch - sich nicht vereinnahmen lassen darf.

        Du hast natürlich völlig Recht mit deiner Analyse, aber die Sache ist eigentlich ganz einfach: Man kommt freiwillig nur so lange, wie man nicht gezwungen wird, "freiwillig" zu kommen. Und gerade im Ausgangsfall hatte unsere Fragerin ja gesagt, dass sie bereits sieben Jahre tätig war und jetzt lediglich etwas kürzer treten wollte. Das finde ich legitim. Der Verein hat mit ihr sieben Jahre existiert, und wenn er die nächsten sieben Jahre ohne sie nicht mehr existieren könnte, dann wäre die Frage zu stellen, ob den dieser Verein überhaupt sinnvoll ist. Jedenfalls waren die komischsten Käuze in den Vereinen in denen ich gewesen bin, diejenigen, die zwanzig Jahre und mehr dort festklebten.

        (Ich selbst bin im Moment übrigens wirklich aktiv nur in einem einzigen Verein, da aber im Vorstand.)

        Ist deine Frage damit beantwortet?

        Herzliche Grüße

        Thomas Miller

        • Antwort von nach 7 Stunden 0 hilfreich
          Re^2: Individuum versus Gruppe

          Ist deine Frage damit beantwortet?
          Noch nicht :-)

          Ich möchte hier persönliche Erfahrungen und Strategien außer Besprechung lassen, wenns geht...

          Ich frage mich, wie kann ein Musikverein Probenarbeit und Konzerte auf die Beine stellen, wenn nicht unter dem Zwang der Termine und regelmäßigen Teilnahme? Wenn man das sowieso nicht will, dann ist es klar, weg und aus. Und wenn der Verein in etwas anderes unwürdiges ausartet, auch.

          Aber wenn es gut läuft, wie sollte man dann damit umgehen? Es ist meist so, daß das eine mit dem anderen eng verbunden ist. Nämlich das gute Klima und der Wunsch zusammen mit den anderen die Verantwortung zu tragen. Auch dann steht man unter dem Druck, aber freiwillig. Es ist nur so, daß ohne dieser Verantwortung keine Vereinsarbeit gewährleistet werden kann.

          Noch einmal, wo ist die Balance zwischen dem Willen eines Einzelnen und dem gemeinsamen Ziel einer Gruppe? Wie war es doch bei der Mammutjagd? :-)

          Viele Grüße :-)

          • Antwort von nach 8 Stunden 0 hilfreich
            Re^3: Individuum versus Gruppe

            Hallo Peet, Noch nicht :-)
            das hab ich mir schon gedacht :-) Ich möchte hier persönliche Erfahrungen und Strategien außer
            Besprechung lassen, wenns geht...
            Ok, das ist zwar schwierig, aber ich versuch's mal ... Ich frage mich, wie kann ein Musikverein Probenarbeit und
            Konzerte auf die Beine stellen, wenn nicht unter dem Zwang der
            Termine und regelmäßigen Teilnahme?
            Meine Antwort bezog sich nicht auf schon vereinbarte Termine. Bei diesen ist es doch selbstverständlich, dass ich sie einhalte, zumindest versuche einzuhalten - von höherer Gewalt mal abgesehen. Ích wäre der Letzte, der hier versuchen oder sogar empfehlen würde, bestehenden Verpflichtungen kurzfristig zu entsagen. Ich habe vor ca. 20 Jahren mal einen Chor geleitet, die Organisation besorgt, die Proben gemacht etc. etc. Ich weiß sehr wohl, wie schmerzlich es ist, wenn jemand da plötzlich - aus was für Gründen auch immer - ausfällt. Ok - persönliche Erfahrungen!

            Aber ich denke, genau darum geht es! Ich bekomme immer wieder Angebote, zum was weiß ich wie vielten Mal die Matthäus-Passion (ich bin leider Tenor!) mitzusingen. Wenn ich weiß, dass ich die Termine nicht halten kann, dann darf ich nicht zusagen. Und wenn unsere Fragerin sagt, dass sie keine Lust mehr zum Singen hat oder keine Zeit oder keine Muße oder was auch immer - eben wenn sie Gründe hat dafür, dass sie nicht singen will, dann ist es ihr gutes Recht zu sagen: "Ich will nicht!".

            In Vereinen aber - und das ist nicht nur eine rein persönliche Erfahrung läuft es häufig so ab, dass derjenige, der sagt, er möchte etwas kürzer treten, sofort persönlich attackiert wird (wieder mehrfach selbst erlebt, aber nicht nur rein eigene Erfahrung, da auch von anderen kolportiert). "Wir brauchen dich!" "Alles platzt ohne dich!" usw.

            Wie auch immer: Der Gruppendruck kann so stark werden, dass er in das Gegenteil dessen umschlägt, was er erreichen will. Und das ist ganz unnötig! Denn der Zwang hat - in den meisten Fällen - gar nicht die Wirkung, die er haben soll(te), nämlich die Qualität zu steigern. Er steigert allenfalls das Wohlbefinden der "Vereinsnudeln" (die ich übrigens gar nicht so negativ sehen will, wie es jetzt den Anschein hat).

            Vereine sind - aus meiner Sicht - ein verkleinertes Abbild der Gesellschaft. Individuen sind nur so lange geduldet, wie sie funktionieren (also eigentlich keine Individuen mehr sind). Wenn ich das Ganze mal aus philosophischer Sicht angehe (meiner natürlich!), dann prallen hier also zwei Interessen aufeinander, die unvereinbar sind. Interessen lassen sich abwägen - quantitativ nach Morgenstern/Neumann -, und man könnte eine Matrix aufstellen, die die Interessen des Einzelnen mit den Interessen des Einzelnen vergleicht. Ich bezweifle allerdings, dass das sinnvoll wäre. Aber wenn es gut läuft, wie sollte man dann damit umgehen? Es
            ist meist so, daß das eine mit dem anderen eng verbunden ist.
            Nämlich das gute Klima und der Wunsch zusammen mit den anderen
            die Verantwortung zu tragen. Auch dann steht man unter dem
            Druck, aber freiwillig. Es ist nur so, daß ohne dieser
            Verantwortung keine Vereinsarbeit gewährleistet werden kann.
            Die Verantwortung ist erst dann gegeben, wenn ich mich dafür entschieden habe, diese Verantwortung wahrzunehmen (in diesem Beispiel). Wer sich diesem Druck unterwirft, hat selbstverständlich die Pflicht, im Rahmen seiner Möglichkeiten an der Realisierung mitzuwirken.

            Die Frage war aber, ob die Pflicht zur Realisierung erzwungen werden darf - durch sanften Zwang, Speichellecken oder sonst irgendeinen Druck - und ob nicht unter der Prämisse, dass man viel für den Verein getan hat, man nicht auch einmal an sein eigenes alleiniges Wohl denken dürfe. Dies meine ich schon. Noch einmal, wo ist die Balance zwischen dem Willen eines
            Einzelnen und dem gemeinsamen Ziel einer Gruppe? Wie war es
            doch bei der Mammutjagd? :-)
            Jaja, die Mammutjagd! Abgesehen davon, dass es sich nicht um Kultur, sondern um Natur handelt, ist die Grenze zwischen dem Willen des Einzelnen und dem gemeinsamen Ziel einer Gruppe da zu setzen, wo sie - in ähnlichen Fällen - das deutsche Strafgesetz (und andere Strafgesetze) zieht: bei der Nötigung.
            Die "Drohung mit einem empfindlichen Übel" - so heißt es im Gesetzestext (§ 240) - ist die Grenze. Nur was ist das? Das eben, was das Individuum schreckt und nicht die Gruppe! Denn einmalige Wunde an Gruppen verheilen schnell - an Individuen langsam und sehr selten. Und "Liebesentzug" (im weitesten Sinn) ist ein Gruppenmittel - kein Mittel des einfachen Individuums!

            Herzliche Grüße

            Thomas Miller

            *derdasthemaübrigenssehrspannendfindet*

            • Antwort von nach 9 Stunden 0 hilfreich
              Re^4: Individuum versus Gruppe

              Hi Thomas, ich finde das Thema auch spannend und ziemlich aktuell für den Bestand der Chor- und Orchesterkultur im Amateurenbereich.

              Wir haben uns auf etwas geeinigt, nämlich daß die Verpflichtungen eingehalten werden müssen. Und dabei eben Verpflichtungen eines Einzelnen gegenüber der Gruppe. Du hast ein schönes Beispiel mit einem Tenor im Chor eingeführt. Nehmen wir an, ein kleiner Chor hat 4 Tenöre, nein, lieber 2 Tenöre, das klingt schon echter :-) und von diesen zwei kommt einer nicht mehr. Der Chor hört auf zu existieren. Wie hoch ist dann der Druck auf diesen einen Tenor, der mit seinem Ausstieg den gesamten Chor ruiniert? Wird er mit Speichel beleckt? Oder genötigt? Das sind alles von dir eingeführte Reaktionen der Gruppe. Wie ist es aber mit seiner Reaktion, mit seinem Liebesentzug? Vereine sind - aus meiner Sicht - ein verkleinertes Abbild der
              Gesellschaft.
              Ja, der Film "Prova d'orchestra"" von Fellini hat das ganz deutlich gezeigt. Individuen sind nur so lange geduldet, wie sie
              funktionieren (also eigentlich keine Individuen mehr sind).
              Haben wir hier nicht etwas vereinfacht? :-) Die Verantwortung ist erst dann gegeben, wenn ich mich dafür
              entschieden habe, diese Verantwortung wahrzunehmen (in diesem
              Beispiel). Wer sich diesem Druck unterwirft, hat
              selbstverständlich die Pflicht, im Rahmen seiner Möglichkeiten
              an der Realisierung mitzuwirken.

              Die Frage war aber, ob die Pflicht zur Realisierung erzwungen
              werden darf - durch sanften Zwang, Speichellecken oder sonst
              irgendeinen Druck - und ob nicht unter der Prämisse, dass man
              viel für den Verein getan hat, man nicht auch einmal an sein
              eigenes alleiniges Wohl denken dürfe. Dies meine ich schon.
              Das erhebt sich bis zur antiken Tragödie. Eigenes Wohl oder jenes der Familie, der Gruppe, der Stadt, des Staates etc. Ist es mit einem allgemein gültigen Rat zu bewältigen? Noch einmal, wo ist die Balance zwischen dem Willen eines
              Einzelnen und dem gemeinsamen Ziel einer Gruppe? Wie war es
              doch bei der Mammutjagd? :-)
              Jaja, die Mammutjagd! Abgesehen davon, dass es sich nicht um
              Kultur, sondern um Natur handelt, ist die Grenze
              zwischen dem Willen des Einzelnen und dem gemeinsamen Ziel
              einer Gruppe da zu setzen, wo sie - in ähnlichen Fällen - das
              deutsche Strafgesetz (und andere Strafgesetze) zieht: bei der
              Nötigung.
              Hmmm, wird die steinzeitliche Gruppe einen einzelnen nötigen, um bei der Mammutjagd mitzuwirken? Zwingt ein moderner Staat einen jungen Mann bei der Wehr einige Monate zu verbringen? Ein gemeinsames Ziel einigt also, nicht immer freiwillig. So läuft Selektion nicht nur unter Individuen, ob sie bei einem Verein bleiben, sondern auch zwischen Vereinen, ob sie überleben. Gruppen schützen sich also auch als symbiotische Vereinigungen, oder? Denn
              einmalige Wunde an Gruppen verheilen schnell - an Individuen
              langsam und sehr selten.
              Ich versuche das Thema immer wieder zu brutalisieren :-) Im Beispiel oben zerfällt der Chor, weil ein Tenor raus ist. Wie schreiben wir diese antike Tragödie um? Und "Liebesentzug" (im weitesten
              Sinn) ist ein Gruppenmittel - kein Mittel des einfachen
              Individuums!
              Oft kommt es auch umgekehrt: ein Individuum geht, um die Gruppe zu "bestrafen", durch den "Liebesentzug" bewirkt er viel - in demselben extremen Beispiel :-)

              Bis dann :-)

            • Antwort von nach 16 Stunden 0 hilfreich
              Re^5: Individuum versus Gruppe

              Hallo Peet, Nehmen wir an, ein kleiner Chor hat 4 Tenöre, nein, lieber 2
              Tenöre, das klingt schon echter :-) und von diesen zwei kommt
              einer nicht mehr. Der Chor hört auf zu existieren. Wie hoch
              ist dann der Druck auf diesen einen Tenor, der mit seinem
              Ausstieg den gesamten Chor ruiniert? Wird er mit Speichel
              beleckt? Oder genötigt? Das sind alles von dir eingeführte
              Reaktionen der Gruppe. Wie ist es aber mit seiner Reaktion,
              mit seinem Liebesentzug?
              soweit ich mich erinnere, sitzt du in Bremen, und einige meiner Beispiele aus eigener Erfahrung stammen auch aus dieser Stadt. Und in einer so großen Stadt ist das von dir beschriebene Problem m. E. eigentlich kein Problem, weil ja - im Prinzip - mehrere Chöre existieren, die man zusammenlegen könnte (oder die Tenöre leihweise verteilen *g*). Es muss also für das Problem noch ein weitere Punkt hinzukommen - dass es sich um einen kleineren Ort handelt, in dem keine Alternativen bestehen (ich bin damals aus Münster öfter nach Laer ausgeliehen worden). Dann aber ist das Problem ganz anders gelagert. Individuen sind nur so lange geduldet, wie sie
              funktionieren (also eigentlich keine Individuen mehr sind).
              Haben wir hier nicht etwas vereinfacht? :-)
              Schön: Ich vereinfache - du dramatisierst. Das ist doch eine gute Rollenverteilung :-) . Insbesondere die Selektionspassagen deines Postings scheinen mir die Sache allzu prinzipiell gestalten zu wollen. Zwischen der existentiellen Mammutjagd und dem Freizeitvergnügen Chor bestehen doch wohl einige Unterschiede; naja, vielleicht nicht für den Chorleiter ... :-) Oft kommt es auch umgekehrt: ein Individuum geht, um die
              Gruppe zu "bestrafen", durch den "Liebesentzug" bewirkt er
              viel - in demselben extremen Beispiel :-)
              Aber das ist sein gutes Recht - ein Recht, das ich dem Chor oder die Gesellschaft als Gruppe nur im Extremfall zubillige. Wenn man es denn prinzipialisieren will: Freiheit steht höher als Gleichheit - jedenfalls in nichtmarxistischen Systemen.

              Herzliche Grüße

              Thomas Miller *derimmernochgespanntist*

            • Antwort von nach 19 Stunden 0 hilfreich
              Verpflichtung und Freiwilligkeit

              Hallo Thomas,

              vor einigen Jahren habe ich mit ein paar anderen Leuten einen Verein gegründet, so dass ich das Problem mit der schwankenden Teilnahmebereitschaft von Mitgliedern kenne. (zufällig in der Nähe von Bremen :) )
              Es Spielkreis, der sehr arbeitsintensiv war. Das Gesundheitsamt setzte einen bestimmten Status quo voraus, der aufrechterhalten werden mußte. Personal konnten wir uns nur bedingt leisten - sprich die Erzieherinnen. In der Anfangszeit war die Begeisterung und damit die Leistungsbereitschaft groß, die im Laufe der Zeit nachließ, so dass nur noch ganz wenige täglich für Ordnung und Sauberkeit sorgten.
              Somit haben wir beschlossen, um den Bestand des Spielkreises zu erhalten, die Mitgliedsbeiträge zu staffeln. Hoher Beitrag - keine Mitarbeit, mittlerer Beitrag - ein wenig Mitarbeit, niedriger Beitrag - viel Mitarbeit. Das wurde von allen akzeptiert (lange, lange Diskussionen, viele Detailgespräche, viele Emotionsausbrüche, endlich die Ab- und Zustimmung).
              Mein Fazit daraus ist:
              Freiwilligkeit und Verpflichtung sind für uns Menschen gleichermaßen wichtig.
              Die Verpflichtungen, die durch Familie und Beruf entstehen, sind existentiell und oftmals zeitintensiv (wie von Dir bereits erwähnt).
              Sich in der Freizeit mit anderen Menschen zusammenzutun, um gemeinsam einem Hobby oder einem Ideal nachzugehen, kann auch existentiell sein, aber in der Rangwichtigkeit unter Familie und Beruf. Die Freiwilligkeit im Hobby ist genau das, was den Zeitvertreib so entspannend macht - es fehlt der Druck, der Stress.
              Doch der fehlende Druck, die in Aussicht gestellte Freiwilligkeit - da kann ich Peet gut verstehen - kann eine Gemeinsamkeit, die von Vereinsmitgliedern getragen werden sollte, zum Kippen bringen, oder es kommt mindestens zur Stagnation, so dass kein Weiterkommen und keine Dynamik mehr im Verein (ein schönes Wort: einer mit anderen zusammen) zu erkennen ist.
              Dem müssen Verantwortliche Rechnung tragen, denn der Verein besteht aus Menschen, die wie überall in Gruppen reagieren. Es muß für die Mitglieder die Möglichkeit geben, sich zwischen einer großen und kleinen Mitarbeit zu entscheiden (was für den Verein durchschaubar sein muß, eine Willkür in Maßen), und es braucht die Bestimmer und Obermacher, die ab und zu eine Bestätigung brauchen (wir haben Engagementcracks zum großen Essen eingeladen - Wertschätzung der VIPs, der jeder werden konnte).
              Ich glaube, dass man Engagementbereitschaft machen kann, aber nur in Maßen. Ein Verein ist für die wenigsten der Familie gleich wichtig.
              Auf keinen Fall sollte der Verein einem Mitglied die Zeit rauben, die er für sich als Individuum braucht.

              Das Nichtkommen in Musikvereinen wirkt unmittelbar, es kann schlimmstenfalls nicht musiziert werden mangels Musiker. Ich würde als Vorstandsmitglied mit den Mitgliedern vereinbaren (durchschaubare Freiwilligkeit), dass sie dem Verein vorab mitteilen, wenn sie eine Weile nicht kommen (Gründe sind unwichtig). Dieses Mitteilen hat für die anderen Mitglieder einen Vorteil (der Tenor wird eine Weile fehlen - Stücke ohne Tenöre werden geübt), und für die Wegbleiber bedeutet es, dass sie Farbe bekennen müssen, sprich sie müssen sich und den Verein darüber bewußt machen, dass sie die Vereinsgemeinschaft (vielleicht nur für eine Weile) nicht unterstützen. Daraus kann keine Schelte, kein Schmollen und keine Reue entstehen, wenn es Bestandteil einer Mitgliedervereinbarung ist.
              Vielleicht ist das eine Lösung?

              Viele Grüße
              Claudia

            • Antwort von nach 21 Stunden 0 hilfreich
              Re: Verpflichtung und Freiwilligkeit

              Hallo Claudia, (zufällig in der Nähe von Bremen :) )
              ach, wo denn? Somit haben wir beschlossen, um den Bestand des Spielkreises
              zu erhalten, die Mitgliedsbeiträge zu staffeln.
              Ein interessanter Ansatz! Ich sehe zwar einige Probleme, aber darüber könnte man mal intensiver nachdenken. Mein Fazit daraus ist:
              Freiwilligkeit und Verpflichtung sind für uns Menschen
              gleichermaßen wichtig.
              In dieser Allgemeinheit ist das sicher richtig. Nur die Fragerin im Ursprungsposting hatte ein ganz individuelles Problem, wenn ich daran erinnern darf. Ein Verein ist für die wenigsten der Familie gleich wichtig.
              Da habe ich aber anderes erlebt. Nun könnte man argumentieren, dass sich nur diejenige in Vereinen überhaupt zusammenfinden, für die das nicht zutrifft. In den Vereinen jedenfalls, in denen ich Mitglied war, war es eher die Regel, die Familie zugunsten des Vereins zu vernachlässigen. Ob es sich um Sing- oder Sportvereine handelt, ist dabei gleichgültig. Auf keinen Fall sollte der Verein einem Mitglied die Zeit
              rauben, die er für sich als Individuum braucht.
              Das war es, was ich eigentlich nur sagen wollte - und so klar formuliert! Nicht mehr, aber auch nicht weniger. (durchschaubare Freiwilligkeit),
              Das ist eigentlich ein Selbstverständlichkeit. Wo das nicht der Fall ist, läuft etwas schief. Stücke ohne Tenöre werden geübt
              Schön wär's, aber in der Chorliteratur findet sich sowas eher selten, insbesondere bei den anspruchsvollen Stücken. für die Wegbleiber bedeutet es, dass
              sie Farbe bekennen müssen, sprich sie müssen sich und den
              Verein darüber bewußt machen, dass sie die Vereinsgemeinschaft
              (vielleicht nur für eine Weile) nicht unterstützen.
              Das geht mir ein Stück zu weit, weil die Fernbleiber - du selbst hast oben gesagt, "Gründe des Fernbleibens sind egal") - sich rechtfertigen müssten. Daraus
              kann keine Schelte, kein Schmollen und keine Reue entstehen,
              wenn es Bestandteil einer Mitgliedervereinbarung ist.
              Vielleicht ist das eine Lösung?
              Vielleicht ja, ich sehe aber gruppenpsychologisch eher das Gegenteil. Eben wegen der Starrheit der Vereinsstrukturen. Allerdings habe ich dafür auch keine Lösung.

              Liebe Grüße

              Thomas Miller



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