Wie folge ich einer wissenschaftlichen Debatte?

Von: , Frage gestellt am So, 13. Mär 2011
Hallo,
wenn ich als Laie einer wissenschaftlichen Debatte folgen will, wie mache ich das am einfachsten?
Also zum Beispiel ich weiß aus einem Buch, dass schwedische Wissenschaftler festgestellt haben, dass die Strahlung von Handys bei Ratten die Blut-Hirn-Schranke durchlässig macht. Und ich finde den betreffenden (Fachzeitschrift-)Artikel auch über PubMed (oder eine andere medizinische Datenbank oder über Google).
Jetzt gibt es nach so einer Veröffentlichung bestimmt eine Debatte:
1. Die Ergebnisse müssen von anderen Forschern noch bestätigt werden.
2. Evtl. werden Methoden der Studie kritisiert bzw. die Ergebnisse angezweifelt.
3. Eine Debatte über die Interpretation der Ergebnisse.

Außerdem gibt es Folgestudien, die weitere Fragen in dem Zusammenhang beantworten sollen.
Wie kann ich als Laie dieser Debatte und Entwicklung folgen ohne allzu großen Aufwand? Wonach muss ich überhaupt suchen? Nur nach Artikeln? Oder gibt es in den Fachzeitschriften auch so was wie Kommentare/Leserbriefe? Und wie finde ich die? Alles per Internet?

Muss ich die Entwicklung in verschiedenen Fachzeitschriften verfolgen, oder bündelt sich das irgendwo?

Und gibt's das alles nur auf englisch, oder findet man die Abstracts auch auf deutsch?

Eine Menge Fragen, danke im Voraus.

22 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 3 Stunden 0 hilfreich
    Re: Wie folge ich einer wissenschaftlichen Debatte
    Hallo, wenn ich als Laie einer wissenschaftlichen Debatte folgen
    will, wie mache ich das am einfachsten?
    Das ist schwer. Jetzt gibt es nach so einer Veröffentlichung bestimmt eine
    Debatte:
    1. Die Ergebnisse müssen von anderen Forschern noch bestätigt
    werden.
    Das wird kaum gemacht. Wer bekommt heute schon Mittel, Zusammenhäne, die nicht wirklich neu sind, nochmals zu untersuchen? Es muss doch innovativ sein! Nein, die Zeiten, wo wissenschaftliche Ergebnisse ernsthaft überprüft werden, sind vorbei. Arbeitsgruppen, die auf dem gleichen Gebiet arbeiten, stehen vor einem Problem, wenn sie wirklich versuchen, die bereits publizierten Ergebnisse zu prüfen: Entweder es bestätigt sich, dann kann man die Ergebnisse nicht publizieren, weil es ja schon publiziert ist - oder es bestätigt sich nicht, dann hat man keine eigenen Ergebnisse ("geht nicht" ist i.d.R. kein akzeptables Ergebnis) und kann das auch nicht publizieren. Eine Möglichkeit besteht nur: Wenn eine Arbeitsgruppe experimentell nachweisen und begründen kann, warum ein vorher publiziertes Ergebnis falsch sein muss. 2. Evtl. werden Methoden der Studie kritisiert bzw. die
    Ergebnisse angezweifelt.
    Das geschieht meist schon im sog. Reviewing-Prozess vor der Publikation durch unabhängige Fachgutachter. Wenn eine Arbeit in einer Fachzeitschrift veröffentlicht werden soll, werden vom Editor der Zeitschrift mehrere internationale Fachleute auf dem Gebiet angeschrieben, ein Gutachten über die Arbeit zu verfassen. Nur, wenn alle Gutachten ok sind, wird die Arbeit dann (meist nach einigen eingeforderten Änderungen und Ergänzungen) zur Publikation angenommen. Außenstehende bekommen davon nichts mit. 3. Eine Debatte über die Interpretation der Ergebnisse.
    Die ist sehr diffus. Ergebnisse einer Studie werden in der Publikation immer in einen Zusammenhang zu den Ergebnissen anderer Studien gestellt. Daraus ergibt sich sowas wie eine "Interpretation der Ergebnisse". Streng genommen werden die eigenen Ergebnisse auch von der eigenen Arbeitsgruppe interpretiert und diese Interpretation wird publiziert.

    Zu machen Artikeln erscheinen in späteren Ausgaben der Fachzeitschriften auch Kommentare. Dazu muss man schlicht die Ausgaben regelmäßig durchstöbern. Außerdem gibt es Folgestudien, die weitere Fragen in dem
    Zusammenhang beantworten sollen.
    Das gibt es. Wie kann ich als Laie dieser Debatte und Entwicklung folgen
    ohne allzu großen Aufwand?
    Ohne allzugroßen Aufwand kann man bei aktuellen Themen nicht "dabei" sein. Wonach muss ich überhaupt suchen?
    Nur nach Artikeln?
    Ja. Und die Kommentare bzw. Leserbriefe, die in den Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Alles per Internet?
    Ja. Muss ich die Entwicklung in verschiedenen Fachzeitschriften
    verfolgen, oder bündelt sich das irgendwo?
    Sowas wie eine Bündelung gibt es nicht. Es bleibt nur, verschiedene Zeitschriften zu verfolgen. Es gibt allerdings "bessere" und "weniger gute" Zeitschriften, so dass man sich auf die "besseren" fokusieren kann. Und gibt's das alles nur auf englisch, oder findet man die
    Abstracts auch auf deutsch?
    Nee, das ist alles nur Englisch. Es gibt auch deutsche Fachzeitschriften (mit deutschen Artikeln und deutschen Zusammenfassungen), aber in der Regel zählen sehr nationale Zeitschriften nicht zu den "besseren". (dafür gibt es gute Gründe, die zu erklären hier aber off-topic sind).

    Eine relativ zeitnahe Zusammenfassung von Forschungsergebnissen zu bestimmten Themen bieten die sogenannten Reviews, die auch in Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Das sind so ein Zwischending zwischen ganz aktuellen Fachartikeln und wenig aktuellen Lehrbüchern.

    VG
    • Antwort von (abgemeldet) nach 7 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Wie folge ich einer wissenschaftlichen Debat
      Hallo,

      ich fand deine Stellungnahme sehr gut. Nur in einem Punkt möchte ich als gebranntes Kind widersprechen. Das geschieht meist schon im sog. Reviewing-Prozess vor der
      Publikation durch unabhängige Fachgutachter. Wenn eine Arbeit
      An dieses Ideal glaubst du doch selber nicht von wegen: "unabhängige Fachgutachter".
      Das sind häufig Leute die sich bereits auf dem jeweiligen Gebiet festgelegt haben da sie z.B. Lehrbücher herausgaben, über das Thema als Doktorväter/mütter fungierten, Artikel mit anderslautenden Ergebnissen veröffentlichten oder auch Fördergelder auf dem Gebiet bekamen.

      Eine wirklich neue Meinung bringt man so nicht durch, vor allem nicht in den „besseren“ Zeitschriften. Wiedergekäutes schon, da man nirgends aneckt.
      Man muß in dem Betrieb drin stecken, die häufige Anonymität der Editoren durchschauen können und hoffen, daß man auch als Editor einmal dran kommt um abzurechnen, bzw. einen Antrag im Drittmittelverfahren abzulehnen.
      Das alles segelt als Etikettenschwindel unter dem Deckmantel: "Freiheit der Wissenschaft". Es geht tatsächlich um knallharte wirtschaftliche Interessen.

      Gruß

      watergolf
      • Antwort von nach 7 Stunden 1 hilfreich
        Re^3: Wie folge ich einer wissenschaftlichen Debat
        Eine wirklich neue Meinung bringt man so nicht durch, vor
        allem nicht in den „besseren“ Zeitschriften. Wiedergekäutes
        schon, da man nirgends aneckt.
        Doch, das geht schon. Die üblichen Verdächtigen sind ja bekannt. Also muss man nur darauf achten, sie häufig genug zu zitieren und aufpassen, ihnen nicht zu offensichtlich zu widersprechen. Wenn man eine völlig gegensätzliche Meinung vertritt, dann darf man nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern muss den Richtungswechsel auf mehrere Publikationen verteilen und jeden Schritt mit überzeugenden Daten belegen.

        Ich weiß, dass das kein erstrebenswerter Zustand ist. Allerdings habe ich auch keine Idee, wie man es besser machen kann, ohne jedem Unsinn Tür und Tor zu öffnen. Man muß in dem Betrieb drin stecken, die häufige Anonymität
        der Editoren durchschauen können und hoffen, daß man auch als
        Editor einmal dran kommt um abzurechnen, bzw. einen Antrag im
        Drittmittelverfahren abzulehnen.
        Damit machst Du es nur noch schlimmer.
        • Antwort von (abgemeldet) nach 10 Stunden 1 hilfreich
          Re^4: Wie folge ich einer wissenschaftlichen Debat
          Damit machst Du es nur noch schlimmer.
          Da hst du schon recht.
          Ganz lustig ist was bereits Goethe und Schiller über die Wissenschaft dachten:

          „Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem andern
          Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt.“

          Aus den ‚Xenien’.
        • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
          Re^4: Wie folge ich einer wissenschaftlichen Debat
          Eine wirklich neue Meinung bringt man so nicht durch, vor
          allem nicht in den „besseren“ Zeitschriften. Wiedergekäutes
          schon, da man nirgends aneckt.
          Doch, das geht schon. Die üblichen Verdächtigen sind ja
          bekannt. Also muss man nur darauf achten, sie häufig genug zu
          zitieren und aufpassen, ihnen nicht zu offensichtlich zu
          widersprechen. Wenn man eine völlig gegensätzliche Meinung
          vertritt, dann darf man nicht mit der Tür ins Haus fallen,
          sondern muss den Richtungswechsel auf mehrere Publikationen
          verteilen und jeden Schritt mit überzeugenden Daten belegen.
          Warum gelten die "besseren" Zeitschriften denn überhaupt als besser, wenn die Leser wissen, dass die Inhalte gewissermaßen vorzensiert sind? Ich weiß, dass das kein erstrebenswerter Zustand ist.
          Allerdings habe ich auch keine Idee, wie man es besser machen
          kann, ohne jedem Unsinn Tür und Tor zu öffnen.
          Vielleicht, indem der Vorauswahlprozeß transparent gemacht wird? Also auch die Stellungnahmen zum Artikel öffentlich zugänglich machen (auch oder gerade dann, wenn ein Artikel abgelehnt wurde)?
          • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
            Re^5: Wie folge ich einer wissenschaftlichen Debat
            Warum gelten die "besseren" Zeitschriften denn überhaupt als
            besser, wenn die Leser wissen, dass die Inhalte gewissermaßen
            vorzensiert sind?
            "Zeitschriften gelten dann als "besser", wenn die darin veröffentlichten Artikel häufiger in anderen Artikeln zitiert werden (-> "Impact-Punkte"). Hat eine Zeitschrift erstmal irgendwie einen solchen Ruf (Bsp. Nature, Science, Cell, Lancet, ...), kann sie sich die Sahnestückchen aus den eingereichten Arbeiten aussuchen. Diese Sahnestückchen haben dann meist ein hohes Maß an Originalität (Innovation) und sehr viele sehr gute Daten (meherer Mann-Jahre Arbeit pro Artikel). Natürlich werden in solchen Zeitschriften auch Artikel zweifelhafter Qualität veröffentlicht. Das liegt meist daran, dass unter den Autoren bekannte Autoritäten sind, mit denen sich der Verlag dann auch nicht überwerfen will... Vielleicht, indem der Vorauswahlprozeß transparent gemacht
            wird? Also auch die Stellungnahmen zum Artikel öffentlich
            zugänglich machen (auch oder gerade dann, wenn ein Artikel
            abgelehnt wurde)?
            Das ist schon mehrfach diskutiert worden. Ich glaube, es gibt inzwischen sogar mind. eine Zeitschrift, die das so macht. Allerdings ist das insgesamt problematisch, weil die Begutachtung im Prinzip eine Ehrenamtliche Tätigkeit ist. Und wer will dafür dann auch noch in den Senkel gestellt werden? Bezahlen sollte man die Gutachter aber auch nicht, weil dann eine (finanzielle) Unabhängiigkeit nicht mehr gegeben ist.

            VG
          • Antwort von (abgemeldet) nach einem Tag 0 hilfreich
            Re^5: Wie folge ich einer wissenschaftlichen Debat
            Hallo,

            deine drei Fragen, Warum gelten die "besseren" Zeitschriften denn überhaupt als
            besser, wenn die Leser wissen, dass die Inhalte gewissermaßen
            vorzensiert sind?
            Vielleicht, indem der Vorauswahlprozeß transparent gemacht
            wird? Also auch die Stellungnahmen zum Artikel öffentlich
            zugänglich machen (auch oder gerade dann, wenn ein Artikel
            abgelehnt wurde)?
            haben mich früher auch sehr beschäftigt.

            Ich schrieb z.B. an zwei Minister für Wissenschaft in zwei Bundesländern. Einer gab mir recht, ihm würde das System der anonymen Gutachter auch nicht gefallen, er könne aber nichts dagegen unternehmen, weil die Zeitschriften ja nicht staatlich seien.

            Die Bundesregierung sitzt im Hauptausschuß der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Hier werden Steuergelder für die Wissenschaft vergeben. Einem Herrn der damals für die Bundesregierung im Hauptausschuß saß, klagte ich mein Leid über die anonyme Zensur, die auch von Professoren kommen könne, die vom Grundgesetz nach Artikel 5: „ ... Freiheit der Kunst und der Wissenschaft“ garantiert bekommen, im Schutze der Anonymität bei Zeitschriften diese Freiheit aber ungestraft zu Fall bringen können.

            Der Regierungsvertreter lachte nur freundlich und sagte, daß ihm das auch nicht passen würde, er aber nichts dagegen machen könne.

            Ich versuchte sogar einmal über den Petitionsausschuß eines Landtags etwas in dieser Richtung durchzubekommen.
            Und zwar wollte ich erreichen, daß das dortige Wissenschafts- oder Finanz-Ministerium keine Abonnements derartiger Zeitschriften an Unis und an Schulbibliotheken über Steuergelder subventioniert.
            Das Thema interessierte die Ausschußmitglieder keiner Partei. Bei der ersten Sitzung wo ich dabei war, wurde mein Antrag an das Ende der Tagesordnung verschoben und dann die Sitzung vor Erreichung meines Punktes geschlossen.
            Da ich nicht immer 200 km zum Landtag hin und zurück fahren und das Risiko mit dem Tagesordnungstrick nicht ständig auf mich nehmen wollte, war ich dann bei der abschließenden Verhandlung nicht mehr dabei und bekam die Ablehnung schriftlich.
            Die Amtsdiener bei so einem Verfahren fragen einen vor der Sitzung ganz freundlich nach dem Namen und nach dem Antrag.
            Daher bleibt den Akteuren im Ausschuß immer noch genügend Zeit, unliebsame Anträge an das Ende der Tagesordnung zu verschieben und dann die Sitzung schon vorher zu schließen, da die anderen Anträge bereits sehr viel Zeit verbraten hatten.

            Dieses Thema bringt den Parteien keine Wählerstimmen und wichtiger, auch keine Pöstchen für ihre Anhänger.
            • Antwort von nach 6 Tagen 0 hilfreich
              Re^6: Wie folge ich einer wissenschaftlichen Debat
              Dieses Thema bringt den Parteien keine Wählerstimmen und
              wichtiger, auch keine Pöstchen für ihre Anhänger.
              Ich glaube auch nicht, dass die Politik eine allzu freie Wissenschaft überhaupt will. Bestimmte Schweinereien ließen sich dann weniger leicht vertuschen.
          • Antwort von nach einem Tag 3 hilfreich
            Re^5: Wie folge ich einer wissenschaftlichen Debat
            Warum gelten die "besseren" Zeitschriften denn überhaupt als
            besser, wenn die Leser wissen, dass die Inhalte gewissermaßen
            vorzensiert sind?
            Davon abgesehen, dass es da noch andere Kriterien gibt (siehe Beitrag von watergolf93), gelten solche Zeitschriften nicht zuletzt deshalb als besser, weil die Inhalte gewissermaßen vorzensiert sind. Das sichert nämlich einen minimalen Qualitätsstandard. Dass dabei dabei gute Artikel unter den Tisch fallen, wird dabei in Kauf genommen, weil das gegenüber der Gefahr schlechte Artikel zu veröffentlichen als das kleinere Übel gilt. Um Grunde ist das nichts anderes als die Moderation dieses Forums. Ich weiß, dass das kein erstrebenswerter Zustand ist.
            Allerdings habe ich auch keine Idee, wie man es besser machen
            kann, ohne jedem Unsinn Tür und Tor zu öffnen.
            Vielleicht, indem der Vorauswahlprozeß transparent gemacht
            wird? Also auch die Stellungnahmen zum Artikel öffentlich
            zugänglich machen (auch oder gerade dann, wenn ein Artikel
            abgelehnt wurde)?
            Das würde sehr schnell ausufern. Sieh' Dir bloß mal die Diskussionen um Wikipedia-Artikel an. Ich glaube wir sind besser beraten, wenn man solche Meta-Dioskussionen in der Wissenschaft vermeidet und sich auf die inhaltliche Diskussion der Publikation selbst beschränkt.

            Davon abgesehen sollen die Gutachter anonym bleiben, um frei urteilen zu können. Das wäre bei einer Veröffentlichung der Gutachten kaum sicherzustellen. Immerhin gehört es zu den Grundsätzen der Wissenschfat für jede veröffentlichte Information die zugehörige Quelle zu nennen.


            Davon abgesehen, dass das zu einem Wust neuer Probleme führt (sieh' Dir beispielsweise mal die Diskussionen um Wikipedia-Artikel an)


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