Praktikanten als Nulltarif-Arbeiter?

Ich bin Journalistin. Alles was ich hier lese bestätigt meine Vermutung. Es gibt viele gute Praktikantenplätze,
aber die Nulltarifler werden auch mehr und mehr ausgenutzt, insbesondere in den Sparten Medien,PR,Kunst, Design
etc.
Berliner Praktikanten, die solche Erfahrungen haben bitte melden unter 030 805 12 28

Den Arbeitgebern, die sich über nicht-lohnende Praktikanten beschweren wäre zu sagen: Das ist kleinlich und
irrelevant. An dieser egozentrischen Denkweise geht gerade unser Land kaputt. Investieren Sie in die Zukunft .
Danke!

Dr. Sabine Korsukéwitz

Sehr geehrte Frau Dr. Sabine Korsukéwitz,

könnten Sie freundlicherweise näher definieren, welche Praktikanten Sie meinen?

Schülerpraktikanten, die für 3 Wochen in Berufsfindung sind?
Praktikanten aus Berufsfindungslehrgängen?
Hochschüler, die mehrmonatige Praktika im Rahmen ihres Studiums machen?
Ehemals Langzeitkranke, die wieder Arbeiten lernen müssen?
Langzeitarbeitslose, die ihre Fähigkeiten im Praktikum unter Beweis stellen, um dann einen AP zu bekommen?

Und was heißt Null-Tarif?
für den Praktikanten = kein Lohn?
für den AG = gleich kein Ertrag?
Nutzen - Kostenausgleich bei beiden?

gruss

Hallo Sabine,

Den Arbeitgebern, die sich über nicht-lohnende Praktikanten
beschweren wäre zu sagen: Das ist kleinlich und
irrelevant. An dieser egozentrischen Denkweise geht gerade
unser Land kaputt. Investieren Sie in die Zukunft .

Irgendwie ärgert mich die plumpe Klassenkampfrhetorik.
Ein Praktikum ist ein geben und nehmen:
Der AG erwartet einen engagierten, interessierten Praktikanten, der halbwegs eigenständig zu arbeiten bereit ist, aber auch akzeptiert, dass er eben nicht immer die Rosinen des Arbeitsleben picken darf.
Dafür bietet er im allgemeinen eine deutlich realitätsnähere Ausbildung als die (Hoch-)Schule sie jemals gewährleisten kann und meist einen gewissen Ausgleich an zus. Lebenshaltungskosten.

Der Praktikant kann normalerweise einen halbwegs realistischen Eindruck vom späteren Arbeitsleben erwarten. Er erhält durchaus auch Know-How, auch wenn das vermittelte fachliche KnowHow oft eher nebensächlich ist gegenüber dem vermittelten Organisationswissen (wie bewege ich mich in gewissen Organisationen, mit welchen Problemen habe ich zu kämpfen, was mache ich, wenn mein Chef ein Idiot ist…) Und er erhält durchaus auch eine gewisse Betreuung (die aber manchmal aufgrund von Projektdruck schwierig ist).

Beide Seiten haben Rechte und Pflichten. Dass AGs manchmal tatsächlich Praktikanten beschämend beschäftigen (in dem genannten Bereich vielleicht häufiger als in dem mir bekannten Bereich) wird von mir nicht bestritten.
Aber häufig ist eben auch die Erwartungshaltung von Praktikanten gegenüber dem, was sie zu bieten haben, mehr als disproportional… (und das ist jetzt mein pers. Erfahrung)
Und was keinesfalls bei der Betreuung von Praktikanten vernachlässigt werden darf, ist eben der Betreuungsaufwand, der im Grunde für den AG ein vielfaches des pekuniär gezahlten „Gehaltes“ ausmacht.

Grüße
Jürgen

Hallo Sabine,

leider werden, wie du schon sagst, viele Praktikanten (ich nehme die Schülerpraktika für 3 Wochen mal raus-> Gruß Winkel) für nothing „beschäftigt“. Aber wessen Problem ist das, oder wer trägt die Schuld daran?

Das Problem liegt bei denen, die sich mit dem Unternehmer im Vorfeld nicht einigen. Dabei kommen wir auf den Punkt, was hat ein Praktikant zu bieten? Viele werden jetzt sagen:„Nichts, weil der kann noch nichts!“ Ich halte in dem entgegen, das der Mensch sehr wohl einiges kann. Er muß nur in den Arbeitsprozeß eingefügt werden. Ich kenne einige Praktikanten, die sich ihrer Stärken bewußt sind und dem Unternehmer im Gespräch klarmachen konnten, das die Arbeitskraft sehr wohl einiges Wert ist. Das setzt natürlich vorraus, das der Praktikant sich über den Betrieb, Ablauf, Philosophie, etc, im Vorfeld informiert hat und diesen Nutzen im Gespräch gut verkaufen kann.

Somit kommen wir zur Frage, warum es so viele Praktikanten gibt, die nicht ihren Leistungen nach entlohnt werden??

Ist der Zweig überlaufen und die Unternehmer können sich den billigsten aussuchen? Wobei die nächsten das sehen und garnicht wagen, Forderungen zu stellen? Bekommen die Praktikanten das aus Ihrem Umfeld mit:„Wage bloß nicht nach Geld zu fragen, dann bist du raus!“?

Ich gebe dir recht, das man dagegensteuern muß und den Kosten->Nutzeneffekt nicht nur einseitig sieht.

Dieses schein auf jedenfall ein interessanter Thread zu werden.

Viele Grüße
Martin

Hallo Sabine,

Ich bin Journalistin. Alles was ich hier lese bestätigt meine
Vermutung. Es gibt viele gute Praktikantenplätze,
aber die Nulltarifler werden auch mehr und mehr ausgenutzt,
insbesondere in den Sparten Medien,PR,Kunst, Design
etc.

was heisst Nulltarif. Ohne einen Cent Bezahlung? Also ein bisschen Geld gibt es i.d.R. schon. Das hängt natürlich auch von der Konkurrenzsituation der Praktikanten ab. Ich meine Journalisten gibts es ja wie Sand am Meer, was wahrscheinlich daran liegt, das dies keine geschützte Berufsbezeichnung ist. Jeder Hans und Franz kann sich Journalist nennen und für irgendwelche Verlage arbeiten. Die Verlage können sich natürlich die Rosinen rauspicken. Festanstellungen gibt es in dieser Branche wohl kaum noch, warum sollten dann Praktikanten eine entsprechende Vergütung erhalten?

Wenn man Praxiserfahrung und Geld haben möchte, kann man ja als freier Mitarbeiter tätig werden.

Den Arbeitgebern, die sich über nicht-lohnende Praktikanten
beschweren wäre zu sagen: Das ist kleinlich und
irrelevant. An dieser egozentrischen Denkweise geht gerade
unser Land kaputt. Investieren Sie in die Zukunft .

Für mich ist im Bereich Journalismus kein Engpaß in Sicht. Warum sollte man in Humanressourcen investieren welche 1)im Übermaß vorhanden sind 2)in der vorhandenen Menge nicht gebraucht werden?
Eine Trendwende, also ein steigender Bedarf an Journalisten, kann ich nirgendwo erkennen.

Dennoch bin ich in einige Fällen schon der Meinung, dass Praktikanten eine Entlohnung zusteht. Viele Unternehmen lassen bestimmte Tätigkeiten nur noch von Praktikanten erledigen, weil reguläre Arbeitskräfte zu teuer wären. Die Praktikanten haben hier nicht selten ein abgeschlossenes Hochschuldiplom und überbrücken nur die Zeit bis zum ersten Job.
Wird hier eine Vergütung gezahlt, die zumindestens die Lebenshaltungskosten deckt, empfinde ich das als ok. Dann profitieren Praktikant und Unternehmen von der ganzen Sache. Würde in einem solchen Fall keine Vergütung gezahlt, wäre dass schon eine Schweinerei. Ich würde ein solches Praktikum nicht antreten. Nicht nur weil ich es für unmöglich halte, sondern auch weil ich von irgendwas leben muss.

Man sollte vielleicht deshalb zwei Arten von Praktikanten unterscheiden:

a)den Praktikanten der wirklich gebraucht wird und auch tatsächlich genutzt werden kann.

b) den Praktikanten, den man nur aus Gefälligkeit einstellt, weil man ihn eigentlich nicht gebrauchen kann.

Abhängig davon kann man sich auch überlegen, ob eine Vergütung angemessen ist oder nicht. In Fall a) sollten Unternehmen/Unternehmer bloss nicht anfangen zu jammern. Der Nutzen solcher Praktikanten ist stets größer als die damit verbunden Kosten. Die Opportunitätskosten wären in jedem Fall viel höher.

Mal sehen welche Meinungen sonst noch zu diesem Thema kommen.

MfG
Stephan

Wenn es einem beim Praktikum ums Geldverdienen geht, dann hat man irgendwas falsch gemacht. Ein Praktikum ist meines Erachtens nach zum Erlernen von organisatorischem, wie auch fachbezogenem Wissen gedacht, welches an (Hoch)Schule so nicht erlernt werden kann. Wenn der Praktikant bezahlt werden würde, müsste man ihn so beschäftigen, dass er auch nützt, was dann meist eine kurze Einarbeitung in eine einfache Arbeit ist und dann einem Nebenjob gleicht. Da der Praktikant aber was lernen will und mal hier und da was macht und über die Schulter schaut und dazu noch von einem Mitarbeiter betreut werden muss, kostet er Geld. Dazu erhält man als Praktikant ein Zeugnis über das Praktikum, was einem nützlich sein kann und wenn man gut ist, hat man danach eine bei weitem größere Chance, im entsprechenden Unternehmen beschäftigt zu werden.

Wenn man Geld verdienen will, dann sollte man entweder einen Nebenjob wählen, oder man wählt das Zwischending (Stud. Hilfkraft/HiWi/…) an einem Uni-Lehrstuhl oder einem (Forschungs-)Unternehmen bei nicht sehr hohen Entgelt, dafür aber mit Lerneffekten. Desweiteren gibt es die Möglichkeit, als freier Mitarbeiter oder selbständig neben Schule/Studium zu arbeiten, um Entgelt mit Lerneffekten zu verbinden, was aber ein größeres Mass an Eigeninitiative erfordert.

Also nochmal auf den Punkt: Wer ein Praktikum macht und dafür bezahlt werden will, der hat den Sinn eines Praktikums nicht richtig verstanden.

Ralph

Also nochmal auf den Punkt: Wer ein Praktikum macht und dafür
bezahlt werden will, der hat den Sinn eines Praktikums nicht
richtig verstanden.

Hallo Ralph,

ich gebe dir in soweit recht, das ein Praktikum die Realität im Berufsleben vermitteln soll und das derjenige die ersten praktischen Erfahrungen sammeln kann/soll.

Mir stellt sich jedoch die Frage:„Ist die Arbeitskraft nichts wert?“

Ich bleibe bei meiner Einstellung, das ein Praktikant sehr wohl etwas für den betriebsanlauf leisten kann. Dieses ist sogar planbar. Das er natürlich kein vollwertiges Gehalt beziehen kann ist klar. Die Höhe einer Entlohnung kann nur in einem Gespräch verhandelt werden (Siehe mein Posting)

Bei meinem Freund (Großhandel für Farben) war letztes jahr ein Praktikant (Zeitraum 12 Monate) aus dem Bilderbuch. In seinem Vorstellungsgespräch konnte er meinem Freund darlegen, das er durch seine schulische Vorbildung (kaufmännische), Kentnisse des Betriebs (Produkte,Vorteile,Marktstellung) und praktische Erfahrungen (hat sich vorher mit den Produkten und deren Verarbeitung beschäftigt-selber Produkte verarbeitet), in der Lage ist, für den Betrieb auch einen wirtschaftlichen Nutzen zu erbringen. Man einigte sich auf eine Entlohnung die dem Level des 2.Ausbildungsjahres entsprach. Letztendlich lief das Praktikum so gut, er konnte sehr gute Verkaufszahlen vorweisen und der administrative Bereich war TOP, das der Praktikant sogar noch eine Gratifikation bekam.

Jetzt stelle ich dir die Fragen:„Kann ich einem erfolgreichen Praktikanten, mit guten Vorraussetzungen, nichts zahlen? Komme ich dann an die Praktikanten die diese Vorraussetzungen erfüllen?“

Alles kostet Geld. Der Unternehmer zahlt einen bestimmten Satz und der Praktikant kommt mit dieser kleinen Entlohnung aus. In dem Beispiel von meinem Freund waren gerade die Fahrtkosten und Essenskosten gedeckt.

Gruß
Martin

Du hast schon recht, gerade wenn der Praktikant länger in der Firma ist >6 Wochen, dann ist das was anderes und sollte auch entsprechend entlohnt werden. Ich war jetzt von Praktita in der Länge von bis zu 6 Wochen ausgegangen, einen längeren Zeitraum kann man das Praktikum ja auch nicht nebenbei machen und irgendwovon sollte man ja leben :wink:

Ralph

Immer alles relativ…
Hallo Frau Dr.Sabine Korsukewitz,

zu den Arbeitgebern die sich ueber nicht lohnende Praktikanten beschweren kann ich nur sagen, W
er sucht sich denn die Praktikanten aus? Sind ja shcliesslich die Arbeitgeber. Dann sollten sie sich eben Persoenlichkeiten als Praktikanten waehlen, die lohnend sind. Warum werden denn die Nulltarifler ausgenutzt? Weil sie sich ausnutzen lassen. Wer sucht sich denn das Praktikum aus? Schliesslich die Studenten. Ausserdem werden nicht nur die Nulltarifler ausgenutzt. Auch die Praktikanten, die pauschal einen Betrag erhalten, koennen ausgenutzt werden? Wie? Indem sie keinen 8 Stunden Tag sondern oft auch einen 13-17 Stunden Tag leisten. Man rechne sich den Gewinn fuer das Unternehmen. Beispielsweise ein technischer Zeichner und ein Maschinenbaustudent. Dem Zeichner zahlt man jede Stunde die er laenger bleibt. Der MB-Student bleibt auch laenger, aber hat am Ende die gleiche Pauschale.
Nur, ob er in der Zeit in der er kleine Konstruktionen macht noch was lernt, bleibt fraglich.

In dem Bereich in dem ich mich befinde, also im technischen Umfeld, wird kein Praktikum ohne Entlohnung angeboten. Sodass hier auch kein Student ein Praktikum zum Nulltarif machen wuerde. Vielleicht alles auch eine Frage der Gewohnheit.

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass 3monatige Vorpraktika fuer Fachhochschulen kaum entlohnt werden, jedoch die ersten und zweiten praktischen Semester schon. Man bewegt sich dort in Bereichen von 500-1000 Euro.

Woran liegt dass?

  1. Die Studenten bringen schon Basiswissen mit und koennen an aktuellen Projekten mitwirken und zwar produktiv.
  2. Die Unternehmen sind schliesslich auch an Nachwuchs interessiert und wie koennte man besser einen Studenten locken, als ihm ein interessantes Thema mit einer Enlohnung zu bieten?

Fazit:
Solange keine Regelung wie beispielsweise bei der beruflichen Ausbildung exisitert ist alles erlaubt und offen, soweit wie es der Student mit sich machen laesst. Wenn man clever ist, dann laesst man sich im Vorfeld schriftlich eine Aufgabenstellung definieren, die man dann als Basis heranzieht.

Gruesse der Bergsteiger

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hi Frau Doktor sind wir Ihrer Rückäußerungen nicht würdig?

Oder gehören Sie auch zu den Bildzeitungs-Schmierern, die nur mit Sensationen und Skandalen Texte füllen können? einspaltig 12 Zeilen?

verärgert ohne gruss

Hallo Ralph,

wo wir wieder beim Thema der Kommunikation wären!

Ich persönlich sehe die kurzfristigen Praktika als reine Info-Veranstaltung, indem der AG dem Praktikanten die Möglichkeit gibt, hinter die Kulissen des Betriebes zu schauen. Das alleine ist schon eine zuvorkommende Geste. Desweiteren geht der AG das wirtschaftliche Risiko ein, das durch Erklärungen und Anleitungen der Praktikante, die Arbeitskräfte einen Teil ihrer wirtschaftlichen Fähigkeit einbüßen. Daher auch meine Meinung, das Kurzzeitpraktikanten nicht mit einer Entlohnung (gemeint ist hier die kostendeckende) rechnen sollten. Es ist aber eine „Fall“ Entscheidung. Beispiel: Praktikant der Sporthocschule geht für 6 Wochen in ein Therapiezentrum. Er hat bereits eine Ausbildung als Ergo-therapeut hinter sich. Also kann er dem AG auch hier Vorteile bieten, die ein „höheres“ Entgeld rechtfertigen würden. Ich weiß das es eher sellten der Fall ist, aber ich wollte nicht versäumen dieses auch mal kund zu tun.

Ich greife auch in diesem Zusammenhang den empörtten Aufruf von Sabine auf:„Ausbeutung und nur auf wirtschaftliche Vorteile aus, keine Investition in die Zukunft!“ Es ist und bleibt eine Frage der Relation. Unter 6 Wochen kann keiner erwarten (Standart Praktikant), das der AG ein lohnendes Gehalt raushaut, ohne entsprechende Gegenwerte. Jedes Unternehmen basiert auf diesem Prinzip und wer etwas dagegen einzuwenden hat, sollte ein kaufmännisches Seminar besuchen.

Gruß

Martin