Hallo,
Du lieferst eine Vorlage, auf die ich reagieren möchte.
Ich bestreite nicht daß manche Bewerbungen indiskutabel sind. Dinge wie allzu viele Rechtschreibfehler (dafür gibt es zumindest Rechtsschreibprüfungen in Textverarbeitungsprogrammen, oder man läßt seine Ergüsse von jemandem Korrektur-lesen), Eselsohren, Kaffeeflecken usw. halte ich in der Tat für indiskutabel.
Jemand, der sich selbst vermarktet, sollte gewisse Grundregeln einhalten und sich nicht mit solchen, wirklich absolut überflüssigen Minuspunkten, disqualifizieren.
Was mir aber immer wieder übel aufstößt wenn ich Aussagen von Menschen, die Bewerbungen bekommen, lese:
Da wird ein Drama aus Kleinigkeiten gemacht oder Nebensächlichkeiten völlig überbewertet. In einer großen Firma weiß ich nicht wer die Bewerbung in die Finger bekommt und mitentscheidet - was ist also falsch an einer Formulierung wie „Sehr geehrte Damen und Herren“?
dann schmeiß’ ich das gleich weg.
…und vergibst damit die Chance auf einen vielleicht guten Mitarbeiter. Anhand einer Grußformel schon zu entscheiden daß eine Bewerbung und letztlich der ganze Bewerber unfähig seien traue ich nur einem Hellseher zu, keinem Personaler.
Der sitzt zwar „am längeren Hebel“ und kann sich so ein Vorgehen bei der Anzahl der Arbeitslosen heutzutage „leisten“, es ist aber IMHO ein nicht zu überbietendes Zeichen von Arroganz und selbstherrlicher Dummheit.
Was soll ich mit einem Mitarbeiter (ich habe eh
nur gelegentlich mal freie), der weder die Fähigkeit noch die
Motivation hat, eine Firmenadresse zu überprüfen, ehe er seine
Bewerbung wegschickt? Der sich als Labormitarbeiter in einer
Beratungsfirma bewirbt? Uff!
Berechtigte Frage - aber nur dann wenn Deine Firma ihr Geld damit verdient daß sie Firmenadressen überprüft.
Ich streite ja nicht ab daß ein gewisses (Mindest-) Maß an Engagement nötig ist und erkennbar sein sollte, damit man den Eindruck hat daß der Bewerber motiviert ist. Aber hier wird wieder aus einer Kleinigkeit auf die komplette Persönlichkeit eines Bewerbers geschlossen - der ja insgesamt unfähig sein müsse weil er angeblich keine Firmenadresse überprüfen konnte…
Und was ist generell falsch daran wenn sich ein Labormitarbeiter in einer Beratungsfirma bewirbt? Das zeugt von Bereitschaft und Flexibilität sich in neuen Arbeitsbereichen zu engagieren.
Ich behaupte sowieso daß man in 60, 70, 80 Prozent aller Jobs sowieso eingearbeitet werden muß und die allermeisten Jobs nicht dadurch lernt daß man auf dem Papier eine passende Ausbildung genossen hat, sondern dadurch daß man vor Ort in die Tätigkeit eingewiesen wird.
Wahrscheinlich könnte man sehr viele Jobs allein durch Übung, „Training on the job“, erlernen und müßte dazu keine jahrelange Ausbildung haben. Mit ein paar Monaten Theorie und viel praktischer Erfahrung könnte man vermutlich die meisten Jobs genauso gut ausüben wie mit einer jahrelangen, theoretischen und überfrachteten Ausbildung.
Mich wundert es nicht wenn immer behauptet wird daß viele Stellen nicht mit passenden Bewerbern besetzt werden können: weil die Hürden bei der Bewerbung inzwischen so weltfremd und pingelig sind daß viele Menschen keine Chance haben diese zu überspringen obwohl sie für die Tätigkeit selber gut geeignet wären.
Eine untadeliges Bewerbungsschreiben und tolle Zeugnisse sagen, das weiß jeder intelligente Mensch, erstmal gar nichts über einen Menschen aus. Weder über seinen Charakter, weder darüber ob die Chemie stimmt, noch darüber ob derjenige, wenn er praktisch tätig werden soll, fähig ist.
Mein Opa hat immer erzählt daß er seinerzeit von dem Schreiner, bei dem er sich beworben hat, zum Mittagessen eingeladen wurde. Wer mit gutem Appetit gegessen hat, sich vernünftig unterhalten konnte und dem Chef sympathisch erschien - der bekam einen Job. Das hat offensichtlich funktioniert, auch ganz ohne daß der Bewerber irgendwelche formalen Bedingungen in einer schriftlichen Bewerbung erfüllen konnte.
Wieviele Leute in einer Schulklasse haben Bestnoten, und wieviele bleiben übrig, die nur im Mittelfeld oder am unteren Ende der Leistungsskala rangieren? Trotzdem haben auch die 95% Nicht-Klassenbesten ihre Fähigkeiten, ihre Talente…
Ich beziehe mich nicht auf Dich alleine, aber Du präsentierst hier eine Denkweise, die mir immer wieder auffällt wenn Leute, die Bewerbungen beurteilen, ihre teilweise wirklich dümmlichen Kriterien der Auswahl zum Besten geben.
Gruß,
MecFleih