Genau abwägen
Hallo Paula,
ich würde es mir drei mal überlegen, als Freiberufler zu arbeiten. Wie hier schon geäussert wurde, musst Du Dich um den ganzen Steuerkram selber kümmern, bist nicht abgesichert, wenn Du krank wirst oder schwanger bist, zahlst nicht in die Rentenversicherung ein, bezahlst voll Deine Krankenkasse und bekommst kein Gehalt, wenn Du Urlaub machen willst. Das wiederum sind handfeste Vorteile für den Arbeitgeber. Der nebenbei auch noch die Sozialabgaben spart und Dir jederzeit die Zusammenarbeit aufkündigen kann. Was für viele Auftraggeber auch wichtig ist: Du fällst als Freiberufler in Projektbudgets, nicht direkt in die Abteilung Personalkosten. Über dieses Hintertürchen kann man dann zusätzliches Personal ranholen - heutzutage sehr beliebt. Zumal Dein Honorar frei verhandelbar ist. Tarife und sonstiges spielen hier keine Rolle.
Scheinselbstständigkeit ist dann gegeben, wenn Du nicht selber bestimmen kannst, wann und wo Du arbeitest (GANZ wichtig!), wenn Du keine eigene Visitenkarte/Geschäftspapiere hast, mittelfristig keine Geschäftsinvestitionen tätigst, Dich um keinen Förderkredit bemühst, keine Aquise betreibst und einiges mehr. Es ist nicht so, dass es ausreicht, einfach zu sagen „Ich bin Gründer und habe eben erst diesen einen Kunden“. Ich spreche aus Erfahrung, ich war selber lange selbstständig und musste bei einer Prüfung meiner Tätigkeit sogar schriftlich darlegen, welche unternehmerischen Chancen und Risiken ich für meine freiberufliche Tätigkeit sehe.
Die pauschale Auskunft Deines Finanzamts, dass es egal ist, ob man angestellt ist oder freiberuflich arbeitet, ist schlicht nicht richtig. Als Freiberufler musst Du mehr verlangen als ein Angestellter in gleicher Position, schon allein wegen des oben erwähnten Risikos. Auf der anderen Seite ist es so, dass Du als Freiberufler sehr viele Optionen hast, berufsrelevante Kosten von Deinen Einnahmen abzuziehen. Das vermindert dann den Gewinn und so letztlich die Steuerlast. Das ganze ist komplex, und Du kannst nicht davon ausgehen, dass 4000 Euro brutto dasselbe sind wie 4000 Euro Einnahmen.
Ich gebe Dir deshalb den dringenden Rat, es Dir noch mal genau zu überlegen. Freiberuflich oder angestellt ist nicht nur ein formaler Unterschied wie bei Steuerklassen, sondern weit mehr.
Viele Grüße
Anna