ich weiß nicht wie ich meine Fremdsprachenkenntnisse einstufen soll. Fließend oder verhandlungssicher bedeutet doch, dass man extrem gut Kenntnisse in einer Sprache hat oder?. Ich war aber nie länger im Ausland, höchstens mal ne Sprachreise für 3 Wochen. Was gibt man denn dann in der Bewerbung an? Französisch hatte ich als Leisungskurs und würde zumindest Alltagssachen meistern, spezifische Fachbegriffe kann ich aber nicht. Englisch kann ich halt ganz gut, aber ich muss auch schon mal gedanklich nach Begriffen suchen (je nachdem um was für ein Thema es geht, ist das dann nicht so fließend). Ich glaube mein Englisch ist auch ziemlich einfach, also nicht so, dass ich jetzt wer weiß was für ein Vokabluar habe. Was soll ich denn nun schreiben in der Bewerbung?
ich bewerbe mich als Steuerassistentin und die Englischkenntnisse werden für Mandantenkontakt vermutlich meistens am Telefon gefordert. Allerdings hab ich schon oft gehört, dass viele Steuerassistenten fast nie Englisch sprechen müssen, aber trotzdem in der Stellenanzeige fließende oder ekzellente Englischkenntnisse gefordert worden. Im Bewerbungsgespräch hat man einige teilweise darauf getestet. Hier liegt auch mein Problem, wenn ich jetzt fließend schreibe, denken die vielleicht ich kann es sonst wie gut, testen mich dann und fragen warum ich fließend angebe, wenn es nicht so ist. Ist halt auch so ne Frage, was die Unternehmen unter fließend verstehen. Oder häufig steht auch Englisch in Wort und Schrift da, wie gut ist das denn nun wieder? Wenn ich jetzt angebe, gute Englischkenntnisse, was muss ich denn da so können, ich hab dann ja nicht sehr gut geschrieben?
Eine differenzierte Selbsteinschaetzung ist mit dem Referenzrahmen
fuer Sprachen des Europarates moeglich, nach welchem du deine
Kenntnisse in den 4 Kategorien Lesen, Schreiben, Sprechen, Verstehen
mit 6 Noten A1,…,C2 bewerten kannst. Diese Klassifizierung ist
allerdings ein Standard, der noch nicht jedem Personalmenschen
gelaeufig sein duerfte. Deshalb solltest du, nachdem du ungefaehr
weisst, wo du stehst, eigene Formulierungen finden, die deine
Faehigkeiten treffend beschreiben.
Hier sind die Kriterien auf Deutsch: http://www.dialang.org/project/english/ProfInt/Icana…
also beim Lesen würde ich C1 sagen, beim Schreiben B2, Hörverstehen irgendwo bei B1 oder B2
Die Frage ist halt nur, was schreib ich nun in der Bewerbung, weil die meisten diese Bezeichnungen ja nicht kennen. Wenn ich nun „gute“ Kenntnisse schreibe, was denkt sich dann der Personalchef?
in dieser Branche „gut“ ist sehr viel Fachvokabular. Wenn Du Dich nicht „fließend“ klassifizierst, wird der telefonische Kontakt nicht so dramatisch wichtig sein, eher schriftlich und passiv:
z.B. einen englischsprachigen Abschluss (incl. Anhang / Lagebericht) in eins runter lesen können und dabei alles verstehen (vor allem auch verstehen, was man nicht auf Anhieb versteht). Eine Anfrage betreffend Gründung einer Niederlassung in D oder irgendein USt-Problem oder irgendeine Bewertungs- oder Konsofrage verstehen, Expertise in D ausarbeiten, in E ausformulieren. ESt-Daten für einen anglophonen Arbeitnehmer in D komplett erfragen und zur Bearbeitung erfassen können. Einem anglophonen Partner erklären können, wo die Abweichungen zum reingegebenen Konso-Package in seiner deutschen Steuerbilanz liegen und warum man das in D so machen muß. Eine Frage zur australischen Umsatzsteuer recherchieren können (das ist leicht, weil die australische USt vor ein paar Jahren von deutschen Fachleuten gebastelt worden ist, der 13b funktioniert dort genauso wie hier, bloß mit anderen Begriffen).
Bref: „Gut“ in diesem Zusammenhang ist eher schriftlich als mündlich und eher passiv als aktiv, aber beides richtig und zügig.
Ich wurde in ähnlichem Zusammenhang den französischen Mandanten als „parfaitement bilingue“ angepriesen, obwohl ich keineswegs gutes Französisch z.B. im literarischen Sinn spreche, mich mit dem subjonctif ständig verheddere und im passé simple rumrühre wie in einer nebligen Suppe, aber in der Lage bin, einem französischen directeur administratif et financier auch am Telefon und aus der hohlen Hand in groben Zügen zu erklären, wie die Gehälter seiner Mitarbeiter in Deutschland steuerlich und sozialversicherungstechnisch funktionieren. Wenn Du den Job hast (daumendrück) wirst Du schnell sehen, daß „nur am Telefon“ nicht so ist, sondern im Gegenteil mündlicher Kontakt sehr viel anspruchsvoller und anstrengender ist, als wenn Du z.B. eine kleine gutachterliche Sache oder sowas in aller Ruhe schriftlich ausarbeiten kannst: Im Zweifelsfall muß am Telefon jedes Wort sitzen, Du darfst keinen Moment zweifeln, was der jetzt mit „mortgage“ genau meint (Abschreibung? Tilgung? jawasdennun?), weil Du sonst die zweite Hälfte des Satzes nicht mehr präzise auffassen kannst.
Wenn Du die Dinge, die ich oben angesprochen habe, von StB- auf WP-Niveau bringst (einem Ami erklären, was er sich unter dem „strengen Niederstwertprinzip“ vorstellen kann, und warum er in seiner deutschen Bilanz nichts anderes finden wird, und wenn er sich auf den Kopp stellt und mit den Füßen strampelt - und dann kaltlächelnd mit drei Sätzen die Überleitung der Kiste in sein Konsopackage darstellen und begründen) und et janze mündlich, geht das schon in Richtung „verhandlungssicher“ - die Inflation der Übertreibung ist in den Begriffen leider genauso drin wie in Zeugnissen.
vielen Dank für die ausführliche Antwort. Ist genau was ich gesucht habe :o)
----der 13b funktioniert dort genauso wie hier—
erinnert mich an meine Diplomarbeit, 13b USTG und 48 EstG war nämlich mein Thema
—Wenn Du den Job hast (daumendrück) —
Danke dir, ich lerne auch schon die ganze Zeit fleißig Fachvokabular, damit es ja nicht am Englisch scheitert.
----was der jetzt mit „mortgage“ genau meint (Abschreibung? Tilgung? jawasdennun?)----
Das ist wirklich schwierig, weil manche Wörter wirklich mehrfache Bedeutung haben und überall was anderes steht. mortgage hätte ich jetzt zum Beispiel mit Hypothek übersetzt, gut kommt sicher auch auf den Zusammenhang an. Hab schon bei amazon geschaut, für die Branche gibt es auch extra Wörterbücher, werde ich mir noch holen.
Vielen vielen Dank noch mal, hast mir sehr weiter geholfen.