Mit 45 schon zu alt zum Arbeiten?

Hallo!

Mein Freund ist fast 45 (nächste Woche) und leider ohne Job. Er hat mal Elektriker gelernt, aber nicht lange in dem Job gearbeitet. Hat dann immer als Betreuer (von „seinen“ Auslieferungsfahrern) oder im Vertrieb, hauptsächlich bei Versicherungen und Finanzdienstleistern gearbeitet. Dort war er auch sehr erfolgreich, hat es aber wegen Familiengründung aufgegeben und etwas total anderes gemacht.
Seit 7 Jahren darf er nun den letzten Job nicht mehr machen (Allergie), hat aber 2 Umschulungen gemacht (Krankengymnast/abgebrochen und Immobilienverwalter/erfolgreich beendet).
Jetzt findet er absolut keinen Job. Als Immobilienverwalter hat er zu wenig Berufserfahrung und aus dem Vertrieb ist er zu lange raus. Dann kommt noch das Alter dazu.
Aus 40 Bewerbungen kamen nur 2 Gespräche heraus. Sonst nur Absagen oder gar keine Reaktion.
Nun ist er natürlich sehr frustriert. Zumal ich sehr schnell einen neuen Job gefunden habe und viel und lange arbeite.
Was kann ich ihm raten? Oder habt ihr vielleicht Tips, wie er auf sich aufmerksam machen kann?
Ich habe schon x Stellenbörsen durchgekämmt, aber die Anforderungen sind einfach wahnsinnig hoch (Studium, 25 Jahre alt und 20 Jahre Berufserfahrung).

Soviel wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Danke fürs Lesen. Ich mußte einfach mal Frust ablassen.

Kyra

Frust, ja das kann ich voll verstehen, ich würde Euch sehr gerne mit praktischen Tips weiterhelfen, kann aber leider auch nur sagen: NICHT AUFGEBEN ! ! !

Und auf keinen Fall vergessen:
DEIN FREUND IST EINER VON VIELEN ab diesem Alter. Also auf keinen Fall persönlich interpretieren das er im Augenblick so große Schwierigkeiten hat. Ich kann alleine in meinem Umkreis zig’ dieser Fälle aufzeigen, es ist nun mal eine BESCHISSENE SITUATION. (Der Ausdruck ist natürlich noch zu tief gegriffen)

Ja ich habe gut reden, aber macht weiter und glaubt daran Erfolg zu haben, dann wird es gelingen !!!

Viel Viel Erfolg

Ralf

Hallo Kyra,

ich glaube nicht, das es so auf das Alter ankommt.
Beim letzten Bewerbungsgespräch ( ich bin 40 Jahre alt) wurde ich nach meinen Vorzügen gefragt.
Antwort: Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewußt!
Bei Nachteilen von mir habe ich das Rauchen angeben.OK!!!
Was nützt mir ein 25 Jahre junger Mann der selten pünktlich zur Arbeit kommt?
Was nützt mir ein 30 Jahre junger Mann der selten verantwortungsbewußt arbeitet?

Drei Artikel unter Dir " Zeitarbeit"von Melanie, dort sehe ich eine große Chance für die Zukunft.
Ist interessant, sich mal mit solch einer Alternative auseinander zu setzen.

Als letztes gibt es noch die Möglichkeit der Selbstständigkeit.
Ein Bekannter von mir, (50 Jahre) wurde von heute auf morgen arbeitslos.
Ich habe versucht ihn bei meinen Arbeitgeber unter zu bekommen, hat leider nicht geklappt.
Heute ist er selbstständig als Elektriker und kommt über die Runden.

Hoffe, euch einigermaßen geholfen zu haben.

Osterliche Grüße

Heiner

Blick offen halten + mehrgleisig fahren
Hallo Kyra,

ich habe etwas gezögert, zu antworten - weil ich nicht weiß, ob Du wirklich Tipps möchtest - oder echt nur Frust ablassen. Ich fang mal von hinten an:

Ich habe schon x Stellenbörsen durchgekämmt, aber die
Anforderungen sind einfach wahnsinnig hoch (Studium, 25 Jahre
alt und 20 Jahre Berufserfahrung).

Bei sowas muss ich echt mit den Augen rollen: Das ist echt eine wahnsinnige Pauschalisierung - besonders von wegen 25 Jahre alt und 20 Jahre Berufserfahrung.

Ein Unternehmen sucht einen passenden Mitarbeiter für eine offene Stelle - in fachlicher und in persönlicher Hinsicht.
Die Firma überlegt sich für die Stellenausschreibung: Welche Qualifikationen/Voraussetzungen sollte ein Kandidat mitbringen, um die Stelle gut auszufüllen. So kommen die angefragten Kriterien zustande.

Das bedeutet, dass Du bzw. Dein Freund Dich überhaupt nicht abschrecken lassen solltet durch irgendeine Hürde wie ein Studium, das nicht vorhanden ist. Es geht darum, die schriftliche Bewerbung so interessant zu machen, dass das Unternehmen neugierig auf den Bewerber ist - und ihn kennenlernen möchte. Überzeugen heißt die Devise.

Es stellt sich mir jetzt natürlich auch die Frage, für welche Stelle sich Dein Freund bewirbt - und wonach Du die Stellenbörsen „durchkämmt“ hast.
Du zählst ja diverse Berufserfahrung Deines Freundes auf - weiß er denn wirklich genau, was er machen kann und möchte. Oder tritt er als „Bauchladen“ auf. So nach dem Motto: Ich kann alles machen?
Sowas wäre nicht so gut, weil ein Unternehmen damit nicht recht was anfangen kann.

So, jetzt mal zum Alter:

Mein Freund ist fast 45 (nächste Woche) und leider ohne Job.

Natürlich wird es mit zunehmendem Alter tatsächlich schwieriger, eine Stelle zu finden. Das hat mit vielen Aspekten zu tun - unter anderem auch mit dem Verdienst. Ein 25jähriger hat meist weniger Gehaltsvorstellungen als jemand, der zusätzlich 20 Jahre Berufserfahrung hat. - Das ist aber kein Hinderungsgrund.

Schwierig ist es allerdings, wenn sich die Bewerber (und ich sehe das sehr häufig in meiner Berufspraxis) selbst total auf ihr Alter versteigen: So nach dem Motto „Mich will eh keiner mehr“. Erstens kann sich das in der Bewerbung entsprechend niederschlagen (ich habe schon Anschreiben gesehen, wo Bewerber selbst Ihr Alter negativ präsentieren) - und zweitens verstellt es den eigenen Blick auf tatsächliche Ursachen für Absagen. Wenn dann wieder ein braunes A 4-Kuvert zurückkommt, ist halt das eigene Urteil: „Wieder jemand, der denkt, ich bin zu alt zum Arbeiten“. So wird nur der Frust größer.

Wenn aus 40 Bewerbungen nur 2 Gespräche wurden, dann kann das an unterschiedlichen Dingen liegen:

a) das Unternehmen will tatsächlich niemand einstellen, der 45 Jahre alt ist

b) die Stellen, auf die sich der Bewerber bewirbt, passen nicht

c) die Bewerbung ist nicht gut genug (da gibt es tausend unterschiedliche Gründe) - allen voran sei mal das Anschreiben genannt:
Wenn Dein Freund an jede Stelle mehr oder weniger das gleiche Anschreiben verschickt, also nur den Firmennamen/Ansprechpartner austauscht, ist das schon mal ein Aspekt. Ein gutes Anschreiben ist immer individuell auf das Unternehmen/die Position zugeschnitten.
Das Anschreiben sollte nicht nur einen Teil des Lebenslaufes „wiederkäuen“, sondern auch die Person des Bewerbers deutlich rüberbringen, damit das Unternehmen sich von der Person und einem „passt fachlich zu uns“ machen kann.

Dein Freund hat einen bewegten Lebenslauf durch die verschiedensten Branchen. Stellt Euch mal vor wie es auf dem Schreibtisch eines Personalentscheiders aussieht: der hat einen Stapel von Bewerbungen. Und da sind immer Bewerber drunter, deren Wunschprofil sich mit den von der Firma angegebenen Kriterien deckt. - Wenn jetzt Bewerbungen dabei sind, wo das Wunschprofil nicht passt, dann müssen diese Bewerbungen irgendwas haben, was das Unternehmen so anspricht, dass es den Kandidaten einladen möchte. Und das ist in der Regel das Anschreiben.
Legt mal die Bewerbung vor Euch hin und überlegt Euch, wie sie in einem Stapel von anderen Bewerbungen wirkt.

Sofern Dein Freund sich für Stellen bewirbt, wo er tatsächlich Bedenken hat, dass das Alter ein Ablehnungsgrund ist, kann er damit ruhig in die Offensive gehen: aber eben nicht negativ oder gar jammernd (hab ich auch des öfteren gesehen, das im Anschreiben stand: „Hoffentlich denken Sie nicht, dass ich zu alt bin …“ etc.), sondern die positiven Aspekte ansprechen.

Natürlich ist die gesamte Bewerbungsmappe wichtig. Mehr kann ich dazu jetzt hier nicht schreiben, weil es da viel zu viele Einzelheiten gibt, was wichtig ist.

Was ich also sagen will: Ich verstehe Euren Frust. Bleibt konstruktiv und klopft die eigene Präsentation mal genau ab - Dein Freund sollte sich genau angucken, worauf er sich bewerben möchte - und dann seine Bewerbung individuell darauf abfassen. Geht weg vom „nur aufs Alter schieben“. Das verstellt Euch nur den Blick und macht die Lage keinen Deut besser.

Viele Grüße
Gitte

Nicht vergessen, dass es viele Möglichkeiten gibt - zum Teil schon aufgezählt:

> Arbeitsamt
> eigenes Gesuch aufgeben (Print)
> Internet: Jobbörsen & Firmenhomepages (Recherche & Profil aufgeben)
> Inititativ-(oder Blind-)Bewerbungen
> Personalvermittler

> aktiv im Freundeskreis streuen, dass Dein Freund sucht und WAS er sucht!!

> Zeitarbeit

Huhuuuuu,

und wieder muss ich unsere Gitte ganz arg loben und auf eine ihrer Seiten verweisen. Kyra, guck mal hierhin: http://www.authentisch-bewerben.de/

Da dürfte einiges brauchbares dabei sein und die Motivation für Deinen Freund kommt auch nicht zu kurz.

Ansonsten habe ich erst heute Morgen wieder einen Bericht darüber gehört dass mittlerweile ein grosses Umdenken in der Geschäftswelt stattfindet. Es wird langsam erkannt dass der Jugendlichkeitswahn nicht nur seine guten Seiten hat. Wie Gitte schon erwähnte: Bloss nicht mit dem Alter tränen schinden aber dazu stehen und es als Vorteil präsentieren!

Bye und viel Glück!
Rolf

Mal vorweg: Ich bin 43 und habe bisher immer noch eine Stelle gefunden; meine längste Arbeitslosenzeit war 6 Monate, in denen ich eine Weiterbildung gemacht habe.

Mal vom Standpunkt eines Unternehmers gesehen: Bei deiner Schilderung erkenne ich jemenaden der in seinem Berufsleben viele Gleise gefahren ist. Wie konnte er sich eine solide Basis in einem Beruf aufbauen ? Was kann er eigentlich besonders gut ? Wieso hat er so unterschiedliche Branchen durchlaufen ? Wenn er in der Vergangenheit schon so „sprunghaft“ war, wie lange wird er es denn in meiner Firma aushalten ?

Das ist alles sehr subjektiv und mag deinem Freund nicht gerecht werden. Aber ebensoweinig wie ich ihn kenne wird ein Firmenchef ihn kennen. Und wenn eine große Auswahl vorhanden ist wird man den Berwerber nehmen bei dem man das beste Gefühl hat. Das kann natürlich auch schiefgehen, aber der menschliche Faktor spielt eine sehr große Rolle !

Und wie meine Vorredner schon sagten: Hat sich dein Freund auch immer gut „verkauft“ ? Sind seine Berwerbungen für einen Personalchef interessant ? Begründet er einleuchtend warum er soviele verschiedene Tätigkeiten ausgeführt hat ?

Nur ein Tipp:
…was die Bewerbung angeht:

Hi Du,

ich habe einen Beruf, aber schon in vielen verschiedenen Branchen gearbeitet. In meinen Bewerbungen (derzeit nicht, aber bis vor kurzem war es der Fall) habe ich für die jeweilige Bewerbung in meinem lebenslauf einen Punkt angeführt: „Bewerbungsrelevante Tätigkeiten“. Dahinein kommen logischerweise dann die Dinge, die für die jeweilige Bewerbung nützlich sein sollten.

Alles andere kam dann unter „Sonstige Tätigkeiten/ Erfahrungen“ .

Dass ich damit nicht falsch lag, bewiesen die Telefonate betreffender angeschriebender Firmen, die mich zum Termin luden.

Das soll nur ein Tipp sein, bei mir hat es Effektivität gezeigt.

CIAo

Hallo!

Ich danke euch allen für die Ratschläge. Vieles werden wir bestimmt umsetzen können.

Allen noch schöne (und leider kalte!) Ostern!

Kyra

Das war jetzt aber eine fundierte Antwort. Klasse.

So, jetzt mal zum Alter:

Mein Freund ist fast 45 (nächste Woche) und leider ohne Job.

Natürlich wird es mit zunehmendem Alter tatsächlich
schwieriger, eine Stelle zu finden. Das hat mit vielen
Aspekten zu tun - unter anderem auch mit dem Verdienst. Ein
25jähriger hat meist weniger Gehaltsvorstellungen als jemand,
der zusätzlich 20 Jahre Berufserfahrung hat. - Das ist aber
kein Hinderungsgrund.

Schwierig ist es allerdings, wenn sich die Bewerber (und ich
sehe das sehr häufig in meiner Berufspraxis) selbst total auf
ihr Alter versteigen: So nach dem Motto „Mich will eh keiner
mehr“. Erstens kann sich das in der Bewerbung entsprechend
niederschlagen (ich habe schon Anschreiben gesehen, wo
Bewerber selbst Ihr Alter negativ präsentieren) - und zweitens
verstellt es den eigenen Blick auf tatsächliche Ursachen für
Absagen. Wenn dann wieder ein braunes A 4-Kuvert zurückkommt,
ist halt das eigene Urteil: „Wieder jemand, der denkt, ich bin
zu alt zum Arbeiten“. So wird nur der Frust größer.

also, gitte, ich habe mit 61 (auf 62 zugehend)
KEINE ‚schwierigkeit‘ mit dem ‚alter‘.
absolut keine.
ich freue mich immer wieder ueber die anfragen!
fast jeden tag zwei! ich weiss nicht wo zuerst zugreifen.
eine menge macht die persoenliche einstellung.
optimistisches (fast aggressives) herangehen mit elan:
es funktioniert einfach.

mir kommt immer wieder der k…affee hoch,
wenn ich sehe / hoere: entschuldigung dass ich
schon 40…45…gar 50 bin - koennen sie mich vielleicht
eventuell unter umstaenden noch gebrauchen.

jeder, der mich nicht gebrauchen kann, ist selber schuld.
hat mir auch mal einer (der mich ausnehmen wollte) gesagt:
in DEINEM alter kriegst du doch nix mehr.
naechste stunde war ich weg.
der hat aber vielleicht bloed geschaut.

und - du darfst dich nie nie nie in totale abhaengigkeit
begeben. nie und nirgendwo - auch nicht privat.

gruss - digi
(vielleicht irgendwann auch mal DEIN coach)