Blick offen halten + mehrgleisig fahren
Hallo Kyra,
ich habe etwas gezögert, zu antworten - weil ich nicht weiß, ob Du wirklich Tipps möchtest - oder echt nur Frust ablassen. Ich fang mal von hinten an:
Ich habe schon x Stellenbörsen durchgekämmt, aber die
Anforderungen sind einfach wahnsinnig hoch (Studium, 25 Jahre
alt und 20 Jahre Berufserfahrung).
Bei sowas muss ich echt mit den Augen rollen: Das ist echt eine wahnsinnige Pauschalisierung - besonders von wegen 25 Jahre alt und 20 Jahre Berufserfahrung.
Ein Unternehmen sucht einen passenden Mitarbeiter für eine offene Stelle - in fachlicher und in persönlicher Hinsicht.
Die Firma überlegt sich für die Stellenausschreibung: Welche Qualifikationen/Voraussetzungen sollte ein Kandidat mitbringen, um die Stelle gut auszufüllen. So kommen die angefragten Kriterien zustande.
Das bedeutet, dass Du bzw. Dein Freund Dich überhaupt nicht abschrecken lassen solltet durch irgendeine Hürde wie ein Studium, das nicht vorhanden ist. Es geht darum, die schriftliche Bewerbung so interessant zu machen, dass das Unternehmen neugierig auf den Bewerber ist - und ihn kennenlernen möchte. Überzeugen heißt die Devise.
Es stellt sich mir jetzt natürlich auch die Frage, für welche Stelle sich Dein Freund bewirbt - und wonach Du die Stellenbörsen „durchkämmt“ hast.
Du zählst ja diverse Berufserfahrung Deines Freundes auf - weiß er denn wirklich genau, was er machen kann und möchte. Oder tritt er als „Bauchladen“ auf. So nach dem Motto: Ich kann alles machen?
Sowas wäre nicht so gut, weil ein Unternehmen damit nicht recht was anfangen kann.
So, jetzt mal zum Alter:
Mein Freund ist fast 45 (nächste Woche) und leider ohne Job.
Natürlich wird es mit zunehmendem Alter tatsächlich schwieriger, eine Stelle zu finden. Das hat mit vielen Aspekten zu tun - unter anderem auch mit dem Verdienst. Ein 25jähriger hat meist weniger Gehaltsvorstellungen als jemand, der zusätzlich 20 Jahre Berufserfahrung hat. - Das ist aber kein Hinderungsgrund.
Schwierig ist es allerdings, wenn sich die Bewerber (und ich sehe das sehr häufig in meiner Berufspraxis) selbst total auf ihr Alter versteigen: So nach dem Motto „Mich will eh keiner mehr“. Erstens kann sich das in der Bewerbung entsprechend niederschlagen (ich habe schon Anschreiben gesehen, wo Bewerber selbst Ihr Alter negativ präsentieren) - und zweitens verstellt es den eigenen Blick auf tatsächliche Ursachen für Absagen. Wenn dann wieder ein braunes A 4-Kuvert zurückkommt, ist halt das eigene Urteil: „Wieder jemand, der denkt, ich bin zu alt zum Arbeiten“. So wird nur der Frust größer.
Wenn aus 40 Bewerbungen nur 2 Gespräche wurden, dann kann das an unterschiedlichen Dingen liegen:
a) das Unternehmen will tatsächlich niemand einstellen, der 45 Jahre alt ist
b) die Stellen, auf die sich der Bewerber bewirbt, passen nicht
c) die Bewerbung ist nicht gut genug (da gibt es tausend unterschiedliche Gründe) - allen voran sei mal das Anschreiben genannt:
Wenn Dein Freund an jede Stelle mehr oder weniger das gleiche Anschreiben verschickt, also nur den Firmennamen/Ansprechpartner austauscht, ist das schon mal ein Aspekt. Ein gutes Anschreiben ist immer individuell auf das Unternehmen/die Position zugeschnitten.
Das Anschreiben sollte nicht nur einen Teil des Lebenslaufes „wiederkäuen“, sondern auch die Person des Bewerbers deutlich rüberbringen, damit das Unternehmen sich von der Person und einem „passt fachlich zu uns“ machen kann.
Dein Freund hat einen bewegten Lebenslauf durch die verschiedensten Branchen. Stellt Euch mal vor wie es auf dem Schreibtisch eines Personalentscheiders aussieht: der hat einen Stapel von Bewerbungen. Und da sind immer Bewerber drunter, deren Wunschprofil sich mit den von der Firma angegebenen Kriterien deckt. - Wenn jetzt Bewerbungen dabei sind, wo das Wunschprofil nicht passt, dann müssen diese Bewerbungen irgendwas haben, was das Unternehmen so anspricht, dass es den Kandidaten einladen möchte. Und das ist in der Regel das Anschreiben.
Legt mal die Bewerbung vor Euch hin und überlegt Euch, wie sie in einem Stapel von anderen Bewerbungen wirkt.
Sofern Dein Freund sich für Stellen bewirbt, wo er tatsächlich Bedenken hat, dass das Alter ein Ablehnungsgrund ist, kann er damit ruhig in die Offensive gehen: aber eben nicht negativ oder gar jammernd (hab ich auch des öfteren gesehen, das im Anschreiben stand: „Hoffentlich denken Sie nicht, dass ich zu alt bin …“ etc.), sondern die positiven Aspekte ansprechen.
Natürlich ist die gesamte Bewerbungsmappe wichtig. Mehr kann ich dazu jetzt hier nicht schreiben, weil es da viel zu viele Einzelheiten gibt, was wichtig ist.
Was ich also sagen will: Ich verstehe Euren Frust. Bleibt konstruktiv und klopft die eigene Präsentation mal genau ab - Dein Freund sollte sich genau angucken, worauf er sich bewerben möchte - und dann seine Bewerbung individuell darauf abfassen. Geht weg vom „nur aufs Alter schieben“. Das verstellt Euch nur den Blick und macht die Lage keinen Deut besser.
Viele Grüße
Gitte
…
Nicht vergessen, dass es viele Möglichkeiten gibt - zum Teil schon aufgezählt:
> Arbeitsamt
> eigenes Gesuch aufgeben (Print)
> Internet: Jobbörsen & Firmenhomepages (Recherche & Profil aufgeben)
> Inititativ-(oder Blind-)Bewerbungen
> Personalvermittler
> aktiv im Freundeskreis streuen, dass Dein Freund sucht und WAS er sucht!!
> Zeitarbeit