Hallo Rainer,
kannst Du klare, aber vielleicht hilfreiche Worte vertragen?
Meine Antwort wird Dir vielleicht nicht gefallen, aber ich rede (schreibe) jetzt einfach mal praxisbezogen und nicht nach Lehrbuchvorgaben und sonstiger Literatur, erst recht nicht unter Einbezug irgendwelcher Urteile in Bezug auf zulässige Fragestellungen in einem Bewerbungsgespräch.
Ich stell mir einfach mal vor, Du würdest als Bewerber mit mir - als angenommener Personalberater oder Personalchef - ein Gespräch führen.
Du machst insgesamt einen positiven Eindruck auf mich und auch die vorgelegten Bewerbungsunterlagen können überzeugen. Das Gespräch ist bis jetzt gut verlaufen, kommt aber bei der Frage nach dem bisherigen Einkommen ins Stocken, Du wirst unruhig, Du zögerst, Du gibst ausweichende Antworten, Du suchst nach Begründungen, Du redest von einer Bandbreite Deiner Einkommensvorstellungen, ganz einfach: Du zerstörst in diesem Moment ein bis jetzt geschaffenes positives Bild, Du wirst zu einem Stück Seife (will sagen: Du wirst glitschig), nicht mehr berechenbar, Du gibst plötzlich den Eindruck eines Paragraphenhengstes ab, Dein Marktwert sinkt rapide, nicht wegen mangelnder fachlicher Qualifikation, sondern wegen
sonderbarem Verhalten.
Rainer, dass Gespräch mit Dir ist binnen 10 Minuten beendet, zwar freundlich, aber auch direkt und bestimmend, Deinen Kaffee kannst Du natürlich noch austrinken. Denn hier bin ich der Boss, ich bin für die Ausgaben des Unternehmens verantwortlich, ich bestimme hier, wer eingestellt wird und wer nicht!
Du wirst von mir hören, sage ich Dir. Du hörst auch von mir, nein Du kannst es lesen: Eine Absage in freundlich höflichem Ton (ein Musterbrief, wie ihn schon viele andere vor Dir erhalten haben).
Ich bin doch auf Dich nicht angewiesen! Es gibt genügend qualifizierte Leute, die die Stelle gerne haben wollen. Da kann ich doch selektieren.
Mein Gott, denke ich, was haben die Leute für Vorstellungen, was glauben die denn wer sie sind (oder wer ich bin). Heini’s gibt es auf dieser Welt, wirklich schlimm. Kein Wunder, dass wir ein Heer von Arbeitslosen haben.
Genug der Dinge.
Ich habe bewusst übertrieben, um Dir klar zu machen wie es läuft, wenn jemand sich mit solchen Gedanken befasst wie Du!
Rainer, verstehst Du was ich sagen will?
Leg die Karten auf den Tisch! Deshalb musst Du doch Deine stark vom bisherigen Einkommen abweichenden Einkommensvorstellungen nicht verhehlen.
Sei kompromissfähig, versuch einen Einstieg unter Deiner Einkommensvorstellung, handel doch eine Steigerung für den Tag X aus, wenn nachvollziehbar ist, dass Du eine entsprechende Leistung erbringst und Dein Geld wert bist.
usw., usw., usw.,
Das muss reichen - werde wach und Du erreichst Dein Ziel.
Abschliessend noch ein Praxisbeispiel:
Wenn ein Arbeitnehmer, mit dem über ein überdurchschnittliches Gehalt verhandelt wird, die Frage nach vermögenswirksamen Leistungen stellt, dann ist ‚der Ofen in aller Regel auch schon aus‘.
Ich sage nicht, dass ich mich mit all dem was ich jetzt geschrieben habe, identifiziere, aber ich habe Dir aus der selbst erlebten Praxis erzählt, und nicht aus dem Hirn von Leuten, die zu lange die Schulbank gedrückt haben, nicht aus Gerichtsurtelen und auch nicht aus der Literatur.
Wie auch immer, ich wünsche Dir bei der Job-Suche viel Erfolg (und rede im Bewerbungsgespräch nie von Job, das ist negativ, Du suchst eine Arbeitsstelle, die Dir die Möglichkeit gibt, Dein Wissen und Können zum Wohle der Firma einzusetzen!!!).
… und wenn es Deinem Chef hypergut geht, dann geht es Dir zumindest gut.
Gruss
WALTER