Keine Verhandlung?

Hallöle,

gestern hab´ ich mal wieder Lehrgeld bezahlt, was das Recht angeht. Vor einigen Monaten habe ich einen Reiseveranstalter verklagt. Mein Anwalt (den ich zähneknirschend durch den Anwaltsuchservice ausgewählt habe, da mir sonst niemand eine Empfehlung geben konnt) hat die Klage eingereicht… Zeit ist vergangen… und gestern war Gerichtstermin. Mein Ziel ist gewesen: Ich möchte einem Richter oder einer Richterin meine Geschichte erzählen, die Gegenseite soll was dazu sagen und dann soll ein Urteil gefällt werden.
Mein Ziel erreiche ich aber offensichtlich nicht. Gestern war Gerichtstermin. Ahnungslos wie ich bin, hab´ ich an eine Art Verhandlung gedacht… aber da gings zu wie auf dem Bahnhofsklo! 12 Fälle wurden ´gleichzeitig´ abgehandelt… eine Traube von Menschen… nein, keine Menschen, Anwälte! ;o) … drängelte sich am Richtertisch wie eine Horde Verdurstender am Tresen einer Kneipe und redeten auf die Richterin ein. Die diktierte was … eine Schriftführerin schrieb was …Papier raschelte… Türen schlugen… es war chaotisch!
Abgesehen davon, dass mein Staranwalt nicht erschienen ist (Zitat: ich stand im Stau und bin deshalb zu spät gekommen. Ich wollte eigentlich noch eine Klageerweiterung einreichen… die nun möglicherweise nicht mehr akzeptiert wird, da die mündliche Verhandlung bereits beendet war als ich erschien. Und ärgerlich, dass ich nach der Gebührenordnung dies nun nicht berechnen darf!) war ich total platt: Kein Schwanz interessierte sich für die Sache. Die gegnerische Seite hat einen Schriftsatz abgegeben, von dem ich auch einen bekommen habe: Viel Papier, in dem eigentlich nur steht: Was der Kläger sagt, stimmt nicht!
Die Richterin hat gesagt, dass ich nun 14 Tage Zeit habe, um darauf zu erwidern… und dass dann wiederum 14 Tage später ein Urteil ergeht. Da brauche man nicht dabei zu sein… das könne man auch telefonisch erfragen.
Auf mein vorsichtiges Gestammel: ´´und was is mit einer Verhandlung?´´ amüsierten sich die Anwälte, die da überall herumstanden, köstlich und die Richterin sagte: ´´ ´s gibt keine Verhandlung. Das ist in Ordnung so.´´

So, die Sache geht nun den Bach herunter. Die Richterin kann gar nicht in der Lage sein, in dem Wust von Papier und den Verschleierungen der Gegenseite in deren Ausführungen zu verstehen, worum es denn ursächlich geht. Allein das Lesen und Verstehen der schriftlichen Ausführungen dauert 3 Stunden. Diese Zeit hat die Richterin doch im Leben nicht! Und bei diesem hin und her auf dem Papier den Knackpunkt zu entdecken… das kriegt die im Leben nicht hin!

Wieso gibt es keine Verhandlung? Wieso überprüft kein Mensch die Angaben von mir und der Gegenseite? Wie kann man glauben, komplexere Sachverhalte so in Papier ´einzubetten´, dass man nur anhand dieser Schriften in manierlicher Zeit gerechte Urteile sprechen kann?

Es seufzt

Tefan

*derMalWiederDerDummeUndDerSozialisierungDurchDasSystemWiederEinenSchrittNäherGekommenIst*

Hallo, Du Ärmster,

da hast Du wirklich nicht gerade einen guten Eindruck von Justitia erhalten! So chaotisch, wie Du es beschreibst, habe ich noch keine Verhandlung erlebt. Allerdings, egal wie Deine Sache nun ausgeht, ist es im Zivilrecht tatsächlich eher so, daß nicht verhandelt wird in dem Sinne, wie man das so schön aus dem Fernsehen kennt. Die meisten Gerichtstermine im Zivilrecht laufen so ab, daß schriftlich alles vorbereitet wird und in der Verhandlung selbst der eine Anwalt sagt, er stellt den Antrag aus der Klagschrift, und der andere Anwalt sagt, er beantragt Klagabweisung. Das beruht darauf, daß im Zivilrecht nicht der Mündlichkeitsgrundsatz gilt wie im Strafrecht (da muß alles mündlich passieren). Daher werden bei einfacheren Sachen von den Richtern auch mehrere Termine auf einen Zeitpunkt anberaumt. Das allein muß aber noch nichts mit der Kompetenz des Richters oder der Richterin zu tun haben. Ob allerdings Dein Anwalt nach dem Verhandlungstermin noch mit seiner Klagerweiterung durchdringt, hängt davon ab, was er dem Gericht jetzt noch schreibt. Ich wünsch’ Dir jedenfalls Glück!
Gruß,
Cajun

*tröst*
Hi Tefan!
ich habe sowas auch mal erlebt… in einer klage zum Verkehrsrecht…
Ich bin extra hin… und habe das Treiben
mit Faszination betrachtet…
schliesslich waren bis auf den Richter fast alle weg…
und ich wurde gefragt, warum ich denn da war…
Ich hatte „meinen“ Fall im Eifer der „Verhandlungen“ einfach nicht mitbekommen…#

Na ja… auch daraus lernt der Mensch!!!
Gruß und *kopfhoch*
Ayla, auch vom Fernsehen verblendet…