Hi Wiz,
Um sich ein eigenes Urteil über das Strafmaß egal welchen
Prozesses machen zu können braucht es einfach viel mehr, als
zehn Zeilen.
Ist soweit richtig. Ich glaube aber, dass es auch insbesondere daran liegen mag, dass Gerichte in deutschsprachigen (
) Laendern fuer ihr mildes Urteilsverhalten bekannt sind. Natuerlich liegt es aber auch an der Gesetzgebung an sich. Dass dabei Faelle, in denen Kinder betroffen sind, enorm hervorstechen, ist doch ganz klar. Wird heute ein 24-jaehriger von einem gleichaltrigen fast zu Tode gepruegelt, interessiert es die Oeffentlichkeit doch kaum mehr. Es ist klar: der Typ bekommt ein mildes Urteil. „Interessant“ wird’s dann, wenn Kinder ins Spiel kommen. Das schafft Auflage.
In dem Verfahren gab es stundenlange mündliche
Verhandlungen, Gutachten, wahrscheinlcih hunderte Seiten von
Akten mit allen möglichen Aussagen von wer weiß wie vielen
Zeugen. Leute, die mit der Thematik häufiger befasst sind,
entsprechend langjährig ausgebildet sind, etc. sind dann zu
diesem Urteil gekommen. Da würde ich zunächst einmal immer
davon ausgehen, dass es gute Gründe für genau dieses und kein
anderes Urteil gegeben haben wird.
Von welchen Gruenden sprichst Du genau? Ich kenne keinen Grund, mit dem man Kindesschaendung rechtfertigen kann. Daraus ergibt sich fuer mich auch leider, dass ich ebensowenig einen Grund sehe, milde zu urteilen. Man sollte immer - und so muss es auch sein - nach Gruenden suchen, weshalb man ein Urteil zugunsten des Beklagten auslegen sollte. Z. B. die Frau, die ueber Jahre tagtaeglich von ihrem Mann geschlagen wird, greift in ihrer Verzweifelung irgendwann zum Messer und toetet ihn. Dann kann man sagen, dass ist zwar nicht der richtige Weg, aber man kann doch schon irgendwo Verstaendnis fuer ihre Lage und somit auch fuer ihre Tat aufbringen. Anderthalb Jahre Haft (ohne Bewaehrung), denn sie haette ihn auch einfach verlassen koennen. In dem bewussten Falle jedoch, dreht es sich um ein unschuldiges Kind, dass von einem - sagen wir es ruhig - Verbrecher geschaendet wurde, aus niederen sexuellen Trieben. Sollten wir hier nicht den Fakten das Wort lassen? Welche Begruendung kann in Hinsicht auf ein derartiges Verbrechen unser Verstaendnis wecken? „Ich bin krank. Ich fuehlte mich zu jemandem hingezogen.“? Der Mann war Lehrer. Er haette wissen muessen, dass das, was er tat, falsch war. Er haette sich behandeln lassen muessen. Damit sind wir auch schon bei einem weiteren Punkt, der das Urteil betrifft. Heilanstalt? Waere wohl wenigstens besser gewesen, als eine reine Bewaehrungsstrafe, die ihm zwar das Berufsleben etwas schwerer macht, aber ansonsten eigentlich gar keine Bedeutung hat, wenn wir von der Vermutung ausgehen koennen, dass er seine verbrecherische Vergangenheit von nun an hinter sich laesst (was aber eben nur eine Vermutung ist). Aber: jeder Arzt wird bestaetigen, dass es fuer psychologische Erkrankungen keine absolute Heilungsgarantie gibt. Wir wissen nicht, was in einem Menschen vorgeht. Er koennte auch ein guter Schauspieler sein. Womit waeren wir also besser beraten, als diesem Mann jegliche Moeglichkeit zu entziehen, jemals wieder rueckfaellig zu werden? Klar, eine Therapie kann man ihm zukommen lassen. Aber hinterher begibt er sich in die Strafgefangenschaft. Das bedeutet, Sicherheit vor diesem Mann zu haben. Er hat ein schweres Verbrechen begangen, es gibt keinen Grund, ihn (aus seiner Sicht) preisguenstig zu versorgen und ihm hinterher einen Pfefferkuchen zu schicken, frei nach dem Motto: „Gutes Gelingen noch und sieh’ mal zu, dass sowas nicht nochmal passiert. Du schaffst das schon.“. Sehe ich nicht. Man sollte „Koerperverletzer“ schon erfahren lassen, was Leid bedeutet. Und in der Haft hat er Gelegenheit, sich ungestoert darueber einen Kopf zu machen. Andere Haeftlinge sind gerade Kinderschaendern gern behilflich.
So ein Urteil gerade bei einem Sexualdelikt zum Nachteil von
Kindern macht sich sicher kein Gericht leicht, und im Gegesatz
zur weit verbreiteten Meinung haben auch Strafrichter,
Staatsanwälte und Strafverteidiger Kinder. Da ist von der
gerne dann genannten angeblichen Sympathie für Vergewaltiger
nichts zu spüren. Was man aber spürt ist eine Professinalität,
bei der eigene Haßgefühle Fakten und eindeutigen Vorschriften
untergeordnet werden, und eben nicht nach dem ersten Anschein
entschieden wird. Aber genau dies vermitteln natürlich
Zehnzeiler oder noch schlimmer Postings, in denen das Alter
und die Stellung von Täter und Opfer als ausreichende
Kriterien für einen Vergleich zweier höchst komplizierter
Fälle als ausreichend erachtet werden. Jedem Richter würde man
vollkommen zu Recht jegliche Qualifikation absprechen, wenn er
vor diesem Hintergrund ein Urteil fällen würde. Also sollten
wir es auch nicht tun.
Sein wir mal ehrlich. Es dreht sich nicht um diesen Zehnzeiler. Es dreht sich auch nicht um einen Richter. Es dreht sich um die mangelhafte Gesetzeslage in Deutschland (respektive Schweiz). Es dreht sich darum, dass man in Deutschland (obgleich es in der Schweiz geschah) permanent erleben muss, wie grausamse Koerperverletzungen mit einem „Bussgeld“ abgeurteilt werden. Das erzeugt lediglich auf der Seite der Straftaeter kein Gefuehl der Hilflosigkeit. Und jeden Tag wird den Menschen dort vor Augen gefuehrt, dass sie sich vor Gewalt nicht mehr schuetzen koennen, da man heutzutage ganz anders gewalttaetig ist, als noch vor fuenfundzwanzig Jahren. Ich streite nicht ab, dass es nicht moeglich sein wird, durch hohe Strafen ein hoeheres Mass an Abschreckung zu generieren. Ich streite aber ab, dass man die Zahl der Kriminellen reduziert, indem man sie moeglichst schnell wieder in die Freiheit entlaesst oder gar nicht erst einsperrt. Ebenso wenig ist es erwiesen, dass lasche Urteile einen Menschen eher zum Guten umformen, als harte Urteile dazu in der Lage waeren.
Leider fällt dies aber nicht leicht, denn die Medien machen in
den letzten Jahren verstärkt gerade mit dem Thema sexualler
Mißbrauch einfach viel zu viel Kohle, als dass sie gewillt
wären ihre finanziell erfolgreichen Skandalmeldungen zum Thema
zu Gunsten einer sachlichen Darstellung zurück zu nehmen. Hier
wird ganz bewusst Angst geschürt und Stimmung gemacht, obwohl
das Problem zum Glück ein sehr kleines ist.
Wiz, das Problem ist ein sehr grosses. Es wird nicht kleiner dadurch, dass es „relativ“ selten vorkommt. Daher ist es lediglich „selten“, aber dennoch ungleich erheblich.
Statt sich um die
Sicherheit der Kinder im Straßenverkehr zu sorgen, woran man
viel tun kann, und wo über 400 tote Kinder pro Jahr eine nicht
hinnehmbare und andererseits leicht zu drückende Zahl sind,
trauen wir uns nicht mehr die Kinder auf die Straße zu lassen,
weil überall ein böser Mann lauert.
Wir unterscheiden zwischen Unfaellen und vorsaetzlicher „personal injury“. Kinder, die einen Verkehrsunfall ueberleben, werden ihren Lebtag vorsichtig sein, wenn sie ueber die Strasse wollen. Wovor sollen sich Kinder, die sexuell missbraucht wurden, in Acht nehmen? Vor anderen Menschen? Sollen sie in jedem Menschen eine potentielle Gefahr fuer Leib und Leben sehen?
Also statt nach zehn Zeilen gleich das Gericht zu schelten
sollte man vielleicht erst einmal die Medien für die bewusst
verkürzte und reißerische Falldarstellung schelten.
War sie denn verkuerzt und reisserisch? Bis dann wir nicht wissen, ob tatsaechlich ein Schmierenjournalist am Werke war, sollte wir uns alle Optionen offenhalten. Solange in der deutschen Rechtsprechung ebenso alles Merkwuerdige moeglich ist. Ich weise nochmals darauf hin, dass mir bekannt ist, dass es eine schweizer Angelegenheit war, aber es ist doch schon bezeichnend, dass man dies auch gut als „in Deutschland geschehen“ betrachten kann.
Wenn man
sich dann in das Urteil eingelesen hat, kann man sich ggf.
über das Urteil immer noch aufregen.
Vielleicht hat dies der verantwortliche Redakteur ja getan? Weiss man’s?
Ich gebe zu, dass ich diese „blick“ nicht kenne, moechte ihr aber nicht von Beginn an jegliche redaktionelle Kompetenz absprechen. Tatsache ist nur, dass es halt zunaechst glaubwuerdig ist, da sowas ja tatsaechlich nicht selten vorkommt. Waere ja ansonsten so, als wuerde ich behaupten, die FAZ schreibt unserioes, weil man dort der Meinung ist, jemand haette wohl mal in der Nordsee einen Fisch gefangen (war bloed, weiss ich selbst
).
Gruesse
tigger