Hallo Sonny,
auch ich habe mir die Zeitarbeit aufgrund widriger Umstände zwei Jahre lang angetan (Chefsekretärin) und könnte einen Roman schreiben.
Seit 01.01.2002 gibt es das neue Job-AQTIV-Gesetz:
http://www.infozeitarbeit.de/Gesetz/job_aqtiv.php
„Arbeitnehmerüberlassung:
Die Überlassungsdauer eines Leiharbeiters an den Entleiher wird von bisher 12 auf 24 aufeinander folgende Monate verlängert. Ab dem 13. Monat muss der Verleiher dem Leiharbeitnehmer die Arbeitsbedingungen des Entleihbetriebes gewähren, einschließlich des Arbeitsentgelts. Diese Verlängerung ermöglicht den entleihenden Unternehmen, Leiharbeitnehmer auch in länger dauernden Projekten zu beschäftigen.“
In der Praxis sah das bei mir (und bei anderen mir bekannten kaufmännischen Zeitarbeitskräften) so aus, dass ich tatsächlich bei einer Kundin 13 Monate lang war
(auf meinen Wunsch dann dort raus kam), aber keineswegs mehr Gehalt ab dem
13. Monat erhalten habe, weil nämlich der Kunde freiwillig nicht mehr zahlen
wird (nämlich das Gehalt, was ein Festangestellter bei denen bekommen würde und
zusätzlich das, was die Zeitarbeit ja auch noch verdienen möchte).
Die Kundin war eine weltweit bekannte Firma mit vielen NL in Deutschland und
die buchte mich einfach auf eine andere NL oder sonst wohin, für die also ein neuer Auftrag
sozusagen ab Monat 1 und damit gleichbleibende Rechnungen von der Zeitarbeitsfirma
(unsere Regierung hat also mal wieder ein unglaublich Sinn machendes und wirkungsvolles
Gesetz erlassen).
Ich war bei Adecco und kann von den Personalberatern in der für mich zuständigen NL nur
Gutes berichten, was aber Glückssache war, denn die Meisten machen schlechte Erfahrungen mit Zeitarbeitsfirmen. Ganz klar hängt es sehr von denen ab, wie die sich um ihre Angestellten kümmern, d. h. inwieweit man Jobs ablehnen kann (i. d. R. gar nicht, es gibt aber Ausnahmen). Bei Adecco werden Vorstellungsgespräche beim Kunden geführt (teilweise
mit einem Adecco-Mitarbeiter), so dass man – wenn man den Einsatz nicht haben möchte –
z. B. versuchen kann, nicht übermäßig begeistert auszusehen, so dass der Kunde schon
ablehnt (auf Vorwürfe seitens der Zeitarbeit muss man aber gefasst sein), dito, wenn
mehrere Mitarbeiter von der Zeitarbeit zum Vorstellungsgespräch geschickt werden.
Es darf nur nicht zu offensichtlich sein.
Wenn man das Glück hat, mit den Leuten von der Zeitarbeit reden zu können, kann auch
mal was abgelehnt werden, sofern die Ersatz für den Kunden haben und auch einen anderen
Auftrag für einen selbst. Mehr als ein paar Mal wird man sich das aber nicht leisten können.
Grundsätzlich ist man verpflichtet, Einsätze anzunehmen, sofern sie nicht sittenwidrig o. Ä.
sind. Ggf. auch einen Versuch wert: Man tritt den Job an und wenn er wirklich so schlimm
ist (eine gute Begründung braucht man), dann verzweifelt bei der Zeitarbeit anrufen mit der
Bitte, da rausgeholt zu werden. Derzeit geringe Chancen für so ein Vorgehen, denn:
Problem Nr. 1 seit – mir bekannten - ca. 3 Jahren: Die schlechtere Auftragslage. Die
Zeitarbeit würde dir mit Sicherheit den Job geben, für den du qualifiziert bist und den du haben möchtest, aber wenn sie einen solchen Auftrag nicht haben, muss man das annehmen,
wohin man zugeteilt wird. Ich habe in 2 J. nur Aufträge gehabt, die weit unter meiner
Qualifikation lagen, damit auch weit unter Wert gearbeitet und würde nur noch im absoluten
Notfall für eine Zeitarbeitsfirma arbeiten, obwohl positiv ist, dass man auf diese Weise
eventuell eine Festanstellung ergattern kann (gibt es die noch?) und den Job und die Firma
vorher schon kennen gelernt hat. Am besten aufgehoben bei einer Zeitarbeit sind die Leute,
denen es egal ist was sie arbeiten (also keine Ansprüche haben), Hauptsache sie verdienen etwas Geld.
Bei meinem letzten Einsatz (übrigens in Stuttgart, den ich schon aufgrund der Entfernung
nicht wollte – wohne etwas ländlich) über die Zeitarbeit hatte ich die Wahl:
Entweder den Einsatz weiterführen (die wollten mich vor allem mangels Auftragslage nicht
rausnehmen) oder beim Kunden die Festanstellung annehmen. Da ich dort ohnehin vorläufig
arbeiten musste (eine „normale“ Festanstellung war weit entfernt), entschied ich mich der
Kohle wegen für die Festanstellung, obwohl ich den Job, die Firma und die meisten Kollegen
zutiefst gehasst habe (eine Immobilienfirma, wer in sowas schon gearbeitet hat, weiß wovon
ich rede). Nachdem die Firma ein paar Monate später verkauft wurde, ich die höchstbezahlte
Sekretärin und zuletzt eingestellte Mitarbeiterin war, hat man mir in der letzten Woche der
Probezeit gekündigt und ich habe Gott auf Knien gedankt und seither hat sich meine Psyche
beträchtlich erholt.
Kleiner Tipp: Wenn man schon einen Auftrag annehmen muss, den man nicht will, wenigstens versuchen, das Gehalt gut auszuhandeln, wenn nicht über den Stundensatz, dann
eine volle „Verpflegungspauschale“ (ist steuerfrei) und zusätzlich Fahrtkosten. Hier kann sich
dann auch mal eine Zeitarbeitsfirma entgegenkommend zeigen.
Nachdem ich aufgrund eigener Horror-Erfahrung jedes Problem mit einer Zeitarbeitsfirma
nachfühlen kann, wünsche ich dir viel Erfolg und eine „normale“ Festanstellung!
Grüße
Kris