Liebe Lexi,
nach dem, was ich hier unten gelesen habe, bin ich der erste Lehrer der sich meldet. Ich habe Schülern schon Handys weggenommen. Warum?
Ich bin Lehrer geworden, weil ich Kinder mag, weil ich ihnen helfen möchte, ihren Weg ins Leben zu finden. Dazu muss ich ihnen Wissen vermitteln, das ist formal mein Auftrag. Ich möchte sie aber auch dahin führen, sich Gedanken über sich selbst, über andere Menschen und über ihre Umwelt zu machen, Rücksicht zu nehmen, nicht nur an sich selbst zu denken.
Ich weiß mich mit diesen Zielen im Einklang mit vielen Kollegen. Ich kenne aber auch solche, denen das schnurzegal ist, die nur tun, was von ihnen verlangt wird und sich im Konfliktfall auf Rechtspositionen zurückziehen. Ich verachte solche Kollegen.
Ich kenne Eltern, die für ihre Kinder dieselben Ziele verfolgen wie ich. Ich kenne aber auch solche, die gar keine Ziele haben, außer einem: Mein Kind ist mein Kind, alles andere interessiert mich nicht!Und wenn ein Lehrer etwas tut, das meinem Kind nicht gefällt, dann erzwinge ich er, notfalls gerichtlich!
Mit Interesse (und auch Überraschung) habe ich zur Kenntnis genommen, dass alle bisherigen Schreiber die Situation im Unterricht erkannt haben. Auch die, von denen ich aus anderen Beiträgen weiß, dass sie kinderlos sind, sehen die Situation sachlicher als du, die als Mutter mehr Verständnis für die Bedürfnisse ihres Kindes haben sollte.
Dich interessiert nicht, was erzieherisch sinnvoll ist, welchen Einfluss das Verhalten deines Kindes auf die übrige Klassengemeinschaft hat. Du denkst nicht einmal darüber nach, was deinem eigenen Kind zum Erreichen des Lernziels nutzt. Dich interessiert nur das Recht. Wenn hier jemand schreiben würde, nach § x des yz-Gesetzes dürfen Lehrer das nicht, würdest du darauf bestehen. Dass dein eigenes Kind dann vielleicht gar nichts mehr lernt, weil es nur noch auf sein Handy konzentriert ist, unter der Bank Computerspiele spielt, das ist dir egal. Hauptsache, du hast Recht, du hast dich durchgesetzt! Die Lehrer dürfen das nicht!
Lass mich mal konkret werden: Wen man lernen will, muss man aufpassen oder mitmachen, je nachdem, ob Frontalinformation oder Gruppenaktivität anliegt. In beiden Fällen muss man aber bei der Sache bleiben. Wenn sich jemand mit etwas anderem beschäftigt, mit etwas herumspielt o. ä., fordere ich auf, das weg zu tun oder sein zu lassen. Geschieht so etwas verdeckt unter dem Tisch, gibt es bei mir eine Grundregel, die kennen alle meine Schüler: Das wird kassiert und bekommen sie erst nach einer Woche zurück. Diese Regel habe ich, seit ich Lehrer bin: Ob das ein Tennisball ist, eine Sammlung von Fußballerbildern, Schauspielerfotos oder ein persönlicher Liebesbrief: Alles ist für eine Woche weg. Und seit einigen Jahren eben auch Handys.
Darf ich das? Ich sage es mal so, Lexi: Ich denke, ja, aber das ist mir egal. Wenn man Lehrerzeitschriften liest, sind da ständig Rechtsfälle drin. Wenn man dies oder jenes unter exakt diesen oder jenen Bedingungen macht, ist es erlaubt. Wenn man aber vorher nicht x gesagt oder vor y gewarnt, bei all dem z nicht beachtet hat, hat man sich strafbar gemacht.
Was glaubst du, was alles ich nicht tun dürfte, hätte tun dürfen, wenn ich mich immer an der Rechtsberatung der Fachzeitschriften orientiert hätte?
Wenn eine Schülerin in Tränen aufgelöst zu mir kommt, weil sie eine schlechte Zensur im Fach x hat oder weil der Schüler y sie angemacht hat, dürfte ich sie nicht in den Arm nehmen, ihr über die Haare steichen und sie trösten. Wenn sie mich gar unter ein Gespräch unter vier Augen bittet, dürfte ich das nicht tun, sie könnte mir ja hinterher etwas vorwerfen. Ich dürfte keine Klassenfahrten machen, wenn keine weibliche Lehrkraft dabei ist.
Ich habe immer das getan, was ich menschlich und pädagogisch für richtig hielt. Das bedeutet aber auch, dass man mich vielfach hätte angreifen können. Ich habe mir, wenn man das rechtlich sieht, sicher viel Blößen gegeben. Mir war das immer egal. Bisher hat das niemand gegen mich ausgenutzt.
Hättest du es? Ich habe das Gefühl, dass du es tun würdest.
Und wie ist das nun mit dem Lehrer, der Lehrerin, deines Kindes? Geht es dir nur ums Recht, oder um das Wohl deines Kindes? Hast du schon mit ihm / ihr darüber gesprochen?
So spät nachts schreibe ich sonst eigentlich nicht mehr. Aber deine Mail hat mich dazu gezwungen.
Gruß
Peter
PS 1
Da meine Schüler meine (1-Wochen-Wegnahme)-Regel kennen, hatte ich auch bei Handys noch nie Probleme. Natürlich kommen sie am nächsten Tag, und auch danach zuweilen noch mit Bitten wie „Könnten Sie …“, „Ich brauche …“
Sollte mir dann eine Begründung vorgetragen werden, die nachprüfbar sinnvoll ist, gebe ich nach. Ich bin kein Pedant. Bisher gab es aber keinen solchen Fall.
Einer von wenigen „Konfliktfälen“ fand erst vor wenigen Tagen statt: Ich hatte im Physikuntericht einem Jungen das Handy weggenommen, mit dem er unter der Bank Tetris spielte. Am nächsten Tag stand wild ufgeregt und mich beschimpfend ein Vater im Schulbüro und bechuldigte mich, ich hätte ohne Grund (Aussage seiner Tochter) ihr ein Handy weggegnommen. Sie trage, erklärte er mir nun, dieses Gerät nur deshalb bei sich, weil sie einen Herzschaden habe und er oder seine Frau sie deshalb in Pausen anrufen wollten, um nachfragen zu können, ob sie ärztliche Hilfe brauche. Erst nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass die Tochter das Gerät, das angeblich lebenswichtig für sie war, an den o. a. Jungen verliehen hatte.
PS 2
Ich sprach oben von „dürfen oder nicht dürfen“. Die Rechtslage ändert sich ständig, besonders deswegen, weil sich immer wieder Eltern finden, die einen Sonderfall oder eine Gesetzeslücke oder einen Fehler eines Betroffenen mit anwaltlicher Hilfe dahin umzumünzen verstehen, dasss sie sich durchsetzen. Durchsetzen für was?
Mich hat das nie interessiert. Ich tue, was ich für die mir anvertauten Schüler als richtig erachte. Ich missachte dabei auch Verwaltungvorschriften, wenn ich diese für falsch halte. Bisher hat mich kein Elternteil deshalb angegriffen oder mir Probleme gemacht. Täte das jemand, wäre ich verletzlich. Aber ich würde eher mit fliegenden Fahnen untergehen, als mich einer Vorschrift zu beugen, die ich als unverantowrtlich empfinde. Oder Eltern, die vonmir eine Anpasung erwarten, die ich für ihre Kinder als nachteilig empfinde. Aber ich bin optimistisch, dass diese Situation nie einritt; es ist bisher auch nicht geschehen.
Hast du überhaupt schon einmal mit dem oder den betroffenen Lehrern geprochen? Ohne Vorbelastung durch einen vermeintlichen Rechtsanspruch? Weißt du, was dein Kind, oder deine Kinder brauchen? wo und wie sie in der Klassengenmeinschaft positioniert sind? Was ihnen fehlt oder wo sie verfehlt haben?