Hallo,
Da kann ich Dir überhaupt nicht zustimmen. Du kennst ja meine
Geschichte in etwa. Woher will denn ein Notar/Anwalt wissen,
was denn nun der tatsächliche Wille des Dementen ist? Kann er
das wirklich abschätzen?
Das ist immer eine Frage des Einzelfalls. Demenz gibt es in 1001 Form in 1001 Stadium. Nur weil jemand nicht mehr weiß, dass er nicht gestern, sondern vor zehn Jahren zum letzten Mal in Hamburg gewesen ist, heißt dies noch nicht, dass er auch nicht in der Lage ist, klar zum Ausdruck zu bringen, wer seine Geschäfte regeln soll. Und es stellt sich natürlich auch die Frage, ob jemand wirklich bis in jedes Detail verstehen muss, was in so einer Vollmacht steht oder nicht. Ganz ehrlich: Sicher weit über 50% der Bevölkerung versteht nur in mehr oder weniger groben Zügen, was in einer Notarurkunde steht, und die sind nicht alle Demenzkrank. D.h. wie bei jedem anderen Mandanten auch, muss man auch bei Demenzkranken sehr individuell abschätzen was geht und was nicht, und dies muss man davon abhängig machen, wie deutlich bestimmte Dinge zum Ausdruck kommen, und was offenbar verstanden wird.
Was ist, wenn nun ein berechtigtes
Interesse von Dritten bestehen, die durch manipulatives
Verhalten den Dementen dazu drängen, Dinge zu ihrem Vorteil zu
verändern?
Wenn bei mir Mutter und Sohn reinkommen, und nur noch Sohn redet, dann schicke ich die beiden wieder nach Hause. Insbesondere dann, wenn man merkt, dass hier jemand nicht nur grundsätzlich (das Thema muss als solchen endlich geklärt werden) sondern auch inhaltlich in eine bestimmte Richtung gedrängt wird. Da wird jeder anständige Kollege sehr gründlich ermitteln.
Ich finde jedem steht es frei die Dinge bei
gesundem Verstand so zu regeln, wie er das gerne möchte. Auf
die Folgen, die sich aus vorhandener oder nicht vorhandener
Vollmacht ergeben wird in den Medien regelmäßig hingewiesen
bzw. kann man sich ausführlich informieren. Selbst ich mit
meinen 36 Jahren habe bereits eine Vorsorgevollmacht, in der
so ziemlich alles geregelt ist! So ein notarielles Testament
zu ändern, ist ziemlich zeitaufwendig und kostspielig. Hätte
unser Notar gewissenhaft gehandelt wäre und eine Menge Ärger
erspart geblieben und das finde ich nicht ok!
Das ist alles gut und schön, trifft aber die Realität nur zu einem Teil, bzw. verkennt die Alternativen. Über 90% der bei mir fast täglich in die Kanzlei kommenden Mandanten, die sich über Vorsorgevollmachten, Testamente und Patientenverfügungen informieren wollen, sind deutlich jenseits der 70, gerne auch mal deutlich jenseits der 80. Es gibt da einen unglaublichen Meidungskonflikt. D.h. das Thema wird geschoben und geschoben, bis es nicht mehr geht, und oft genug ist es dann eben mehr oder weniger grenzwertig.
Trotzdem ist es keine Lösung, die Leute dann einfach nach Hause zu schicken. Denn dann gehen sie ggf. zu einem windigeren Kollegen, der sich weniger Gedanken macht, und wird die Sache schlimmer, als wenn man sie selbst nach bestem Wissen und Gewissen regelt. Auch darf man nicht vergessen, dass keine Regelung immer die schlechteste Regelung ist. D.h. solange man noch grundsätzlich an das Gute im Menschen glauben darf, kann man den Leute ganz oft ohne schlechtes Gewissen helfen, und damit Dinge erreichen, die auf jeden Fall besser sind, als die, die ohne Regelung passieren würden.
Angesichts dieser Vielzahl von ordentlich lösbaren Fällen, sollte man die sehr kleine Zahl der Fälle, bei denen einem Kollegen nicht aufgefallen ist, dass man ihn da gerade missbraucht hat, nicht überbewerten. Daher sollte man auch Angehörige nicht unter Generalverdacht stellen, die sich bereit erklären, Vollmachten zu übernehmen, und Angehörige drängen, die Sache zu regeln. Das Ausüben so einer Vollmacht ist alles andere als ein Vergnügen, und oft genug findet sich tatsächlich auch nur einer, der bereit ist, diese Verantwortung zu übernehmen, während der Rest die Geschichte am liebsten einfach laufen lassen würde, in der Hoffnung, dass es sie nie treffen wird. Ich selbst mache die Vollmachten zudem grundsätzlich in einer Form, die zwar einerseits so weit wie nötig, andererseits aber so eng wie möglich ist, um Missbrauch vorzubeugen. Angehörige, die keine bösen Pläne verfolgen, haben damit auch kein Problem.
Gruß vom Wiz