DIN - IEC - EN -Normen und Urheberechte

Hallo,

die Mitglieder von Norm- und Richtlinienausschüssen arbeiten durchweg ehrenamtlich. Die erarbeiteten Regelwerke beschreiben den Stand der Technik und und sind wie Gesetze Grundlage gerichtlicher Entscheidungen. Es ist zulässig, Gesetzestexte wiederzugeben, sie z. B. ins Internet zu stellen. Die gleiche Vorgehensweise bei einer technischen Norm führt aber zu ernsthaften Urheberrechtsproblemen mit dem Beuth-Verlag. Für ein paar Druckseiten kassiert dieser Verlag ganz erhebliche Beträge.

Nach meiner persönlichen Meinung ist die monopolartige Verbreitung als Druckschrift für Regelwerke, die Allgemeingut sein sollen, ein Anachronismus. Zeitgemäß gehören solche technischen Regeln, an die sich jeder zu halten hat, ins Internet zum kostenlosen Download. Außer den Interessen eines Verlages würde nichts berührt, aber der Allgemeinheit und der Wirtschaft ein nicht zu unterschätzender Dienst erwiesen.

Es ist nicht zu erkennen, daß sich am bestehenden Zustand absehbar etwas ändert. Deshalb meine Frage: Was haltet Ihr von einer Internet-Tauschbörse für Normen? Wer eine Norm haben möchte, wendet sich an die Tauschbörse und stellt als Gegenleistung die bei ihm vorhandenen Normen der Tauschbörse zur Verfügung. Binnen kürzester Zeit wäre das bestehende Monopol geknackt zum gesamtwirtschaftlichen Nutzen.

Mir sind rechtliche Bedenken bekannt und es ist klar, daß die Tauschbörse auf keinem deutschen Server laufen dürfte. Sehr lange muß das „Spiel“ nicht dauern. Es wird schnell Handlungsbedarf für das verkrustete System entstehen. Das Rad wird aber nicht zurück zu drehen sein. Es ist zu vermuten, daß es ähnlich wie bei den Telefonverzeichnissen auf CD läuft. Früher verlangte die Telekom dafür über 1000 DM! Dann kamen Billiganbieter und ein paar Prozesse und inzwischen gibts die CDs überall für wenig Geld.

Was haltet Ihr von der Idee? Wie bewertet Ihr den Nutzen frei zugänglicher Regelwerke für die gewerbliche Wirtschaft? Oder entsteht irgendwo Schaden, den ich übersehen habe?

Gruß
Wolfgang

Hallo Stefan, :wink:

na, du bist mir ja ein kleiner Anarchist.

Die DINs werden von einem Verein entwickelt in den jeweiligen Fachausschüssen.
Da aber alles Geld kostet, und sei es nur die Angestellten und Räumlichkeiten, muß der Verein irgendwie auch Geld (neben den Mitgliedsbeiträgen)hereinbekommen und das bekommt er anscheinend durch die Lizenzierung seiner Ergebnisse an den Beuth-verlag.
Die Sachen sind also nicht frei zugänglich.

So versteh’ ich das zumindest.
Damit unsere schönen Industriestandards weiter Bestand haben solltest Du die Tauschbörse vergessen, oder es gibt wieder Steuererhöhungen.

Gruß
Harry

Die DINs werden von einem Verein entwickelt in den jeweiligen
Fachausschüssen.
Da aber alles Geld kostet, und sei es nur die Angestellten und
Räumlichkeiten…

Hallo Harry,

kein Verein könnte die enorme Themenvielfalt je bearbeiten. In den Ausschüssen sitzen Leute aus der einschlägigen Industrie, die diese Arbeit nicht hauptamtlich machen, sondern neben ihrer Tätigkeit als ganz normale Angestellte der jeweiligen Unternehmen. Anders gehts auch nicht. Es werden hochkarätige Leute gebraucht, die in ihrem Berufsalltag unmittelbar mit der zu bearbeitenden Thematik beschäftigt sind. Die Unternehmen haben ein erhebliches Eigeninteresse an dieser Arbeit. In aller Regel wechseln die Sitzungsorte reihum bei den Unternehmen der Ausschußmitglieder. Dort findet auch die Bewirtung auf Kosten des jeweils gastgebenden Unternehmens statt. Anreise und Unterkunft zahlen die jeweiligen Brötchengeber der Ausschußmitglieder.
Jedes Ausschußmitglied bearbeitet bestimmte vorher abgesprochene Kapitel im Unternehmen während der Arbeitszeit. Die Ergebnisse werden dann im Kreis der Ausschußmitglieder besprochen und überarbeitet. Für die Ausschußmitglieder ist es eine Ehre, dabei sein zu dürfen. Es erfolgt für jedes Mitglied eine Berufung in aller Form. Sowas ist gern gesehener Schmuck beruflichen Werdegang. Die Berufungen finden aufgrund von Empfehlungen anderer Ausschußmitglieder statt. Ansonsten wird Wert darauf gelegt, daß die mit dem jeweiligen Thema befaßte Industrie einigermaßen repräsentativ vertreten ist und daß Sachverstand aus Entwicklung und Fertigung vorhanden ist.

Was immer an Nebenkosten auftritt, von Kaffee und Keksen während der Sitzungen, bis zu Sekretariatsarbeiten, Kopierkosten, Besprechungszimmer, zahlen die Unternehmen der Ausschußmitglieder.

Die Arbeit wird also gemacht, ob der Beuth-Verlag nun kassiert oder nicht. Außerdem geht es mir nicht darum, den Verlag brotlos zu machen. Da bleibt bei genauerer Betrachtung noch genug, auch zum Geldverdienen. Nur eben nicht mehr auf diese archaische Art und nicht mehr zu Freudenhauspreisen. Wer z. B. komplette und laufend aktualisierte Normwerke eines Sachgebietes braucht, wird sich das kaum in einer Tauschbörse beschaffen und einen vernünftigen Preis akzeptieren.

Im Moment aber wird mit Berufung auf das Urheberrecht richtig viel Geld abgegriffen, ohne daß die Urheber auch nur einen Pfennig sehen.

Gruß
Wolfgang

Hallo

Du vergißt, dass dem DIN auch Kosten entstehen (Overhead).
Abgesehen davon ist es das gute Recht jeden Vereins oder jeder Firma für seine Dienstleistungen auch Geld zu verlangen. Die ehrenamtlichen und amtlichen Mitarbeiter sind mit der Vermarktung und der Abtretung der Rechte einverstanden.

Abgesehen davon ist es nicht zwingend erforderlich, die Regeln des DIN anzuwenden. Wenn Du als Auftragnehmer vertraglich dazu verpflichtet wirst, musst Du halt die Kosten für die Beschaffung der Normen in Dein Angebot einkalkulieren. Oder geh doch einfach in eine öffentliche Bücherei…

Gruß jiwe

Abgesehen davon ist es nicht zwingend erforderlich, die Regeln
des DIN anzuwenden.

Hallo,

das ist nicht zutreffend. Die Normen stellen die anerkannten Regeln der Technik dar. Abweichende Vorgehensweise bedarf im Zweifel der Begründung. Wenn ein Produkt, ein Detail, die Ausführung einer Messung oder was auch immer es ist, nicht der jeweiligen Norm entspricht und es tritt der Produkthaftungsfall ein, ist z. B. ein Rechtsstreit so gut wie nicht mehr zu gewinnen. Das Normenwerk hat Vorschriftencharakter und eine andere als die dort beschriebene Verfahrensweise ist vorschriftenwidrig. Jedes Gericht macht die einschlägigen Normen zur Grundlage seiner Entscheidungen. Aus diesen Gründen sind die Normen eben nicht Privatsache eines Vereins oder einer Firma.

Gruß
Wolfgang

Hallo Wolfgang,

Im Moment aber wird mit Berufung auf das Urheberrecht richtig
viel Geld abgegriffen, ohne daß die Urheber auch nur einen
Pfennig sehen.

Was ändert denn das am Urheberrecht?
Selbst wenn ich mich zuhause hinsetze und ein geniales Werk für wenig Kosten erschaffe, das alle haben wollen, steht es mir doch frei, jeden Preis dafür zu verlangen, oder?
Ich kann es genauso lizenzieren und weitergeben. Der Lizenznehmer macht dann seine eigenen Preise.
Die DINs sind zwar als anerkannte Regeln der Technik Mindeststandard für jeglich Art von (Bau-)Leistungen und werden vom Gericht auch angewandt, aber es sind keine Gesetze oder Verordnungen. Bei Einhalten der Regeln heißt es noch nicht automatisch, daß der Unternehmer ohne Verschulden gehandelt hat, diese Regeln müssen von jedem Richter bewertet und überprüft werden. (Allerdings muß ich zugeben, daß in der Praxis den Richtern es oft nicht zumutbar ist sich mit technischen Regeln auseinanderzusetzen.)
Dasselbe gilt übrigens auch für Sportregeln.

Deine Tauschbörse würde hier in D, wie du selbst erkannt hast, untersagt werden. Und nicht nur der Server/Datenbank müßten im Ausland sitzen, auch die entsprechenden Verantwortlichen.
Theoretisch käme sogar jeder Nutzer der Datenbank als ein Verletzer des Urheberrechts in Betracht.

Dennoch finde ich auch, daß die DINs zu ziemlich wucherischen Preisen verkauft werden.

Gruß
Harry *derimmerdenwagenholt*