Re: Kein Dispokredit für Senioren?
einem 80-jährigen Familienmitglied wurde von ihrer Sparkasse
der Dispo-Kreditrahmen gekündigt. Erklärung: "nicht auf die
Person bezogen", Begründung: "Verwaltungsvereinfachung". Neuer
Überziehungszins ca. 18 %.
Die äußeren Bedinungen: jahrzehntelange Kundin, regelmäßiger
Eingang der Rente, nur gelegentliche Überziehungen in geringem
Rahmen, kurz, alles ganz normal, keine weiteren Schulden.
-> Hat jemand schon von solchen Geschäftspraktiken bei
anderen Geldinstituten gehört?
-> Kann sich jemand vorstellen, welche Überlegungen zu
solchem Geschäftsgebaren geführt haben könnten?
-> Welche Reaktion würdet ihr empfehlen?
Hallo Thomas,
von derartigen Praktiken hörte ich bereits mehrfach. Die Sparkassen, deren Träger i. d. R. die Kommunen sind, haben Satzungen, die Ihnen den Rausschmiß eines Kunden verbieten, solange das Konto sauber geführt wird. Inzwischen beginnen einige Sparkassen, sich aus der öffentlichen Trägerschaft zu lösen und wollen in den nächsten Jahren zu Aktiengesellschaften werden. Darauf bereiten sich viele Institute vor, fusionieren zu einer größeren, nicht mehr strikt an die Region gebundenen Bank. Inzwischen wird schon mal versucht, sich von weniger lukrativen Kunden zu trennen. Auf kleine Gewerbetreibende werden mit Hinweis auf die Basel-Abkommen überzogene Ratingverfahren angewandt. Oft kommt dabei zutage, daß der Umsatz des Kunden stagniert oder daß Renditevorstellungen der Banker nicht erfüllt werden. Da wird dann schon mal dem wirtschaftlich durchaus gesunden Tischlermeister oder dem Grünhöker die Suche nach einer anderen Bank nahe gelegt. Rausschmeißen kann man ihn nicht so ohne weiteres, aber man kann ihm die Kreditlie kürzen oder unter fadenscheinigen Vorwänden kündigen, man kann sich wegen kleinster Beträge richtig mädchenhaft anstellen und dem ungeliebten Kunden das Leben versauern, bis er von alleine geht.
So läuft es wahrscheinlich auch bei Eurem Familienmitglied. An einem Rentenempfänger, der ein paar Daueraufträge laufen hat und ansonsten jeden Überweisungsträger per Hand ausgefüllt in der Filiale abgibt, kann man nichts verdienen.
Langfristig wird das, was die Deutsche Bank vorexerzierte (gern gesehene Kunden werden behalten, der weniger gern gesehene Rest kommt zur Bank 24) und die Sparkassen und Kartoffelbanken jetzt nachahmen, zum Knieschuß für das Bankgewerbe. Die verwöhnten Herrschaften haben vergessen, daß noch nie auch nur ein Cent an der Börse erwirtschaftet wurde. Der Mehrwert wird bei der arbeitenden Bevölkerung und im Gewerbe jeder Größenordnung geschaffen. Auch die größten Unternehmen waren einmal sehr klein und die die ganze Wirtschaft in der Hauptsache tragenden KMUs erstreben weder gewaltige Wachstumsraten noch Börsengänge. Sie sind alle zufrieden, wenn solide, lebenslange Existenzen für Inhaber und Beschäftigte heraus kommen. Geht man dieser wirtschaftlichen Grundlage des Landes durch zu viel kurzfristige Geldgier an den Lebensnerv, schlägt solches Tun auf die Kreditwirtschaft zurück. Die Herrschaften haben vergessen, wo auch die noch so großen Vermögen letztlich erwirtschaftet werden und träumen alle vom großen Geschäft hier und jetzt und von Renditen, die eine durchschnittliche Existenz nicht bringen kann. Weil sich die Banker gerade den Ast absägen, auf dem sie sitzen, werden sie ihre Geschäftspolitik in ein paar Jahren überdenken (müssen). Davon bin ich fest überzeugt. Aber das nützt Euch heute nichts.
Im Moment sehe ich nur folgende Möglichkeiten:
1. Eine andere Bank suchen. Die großen Geschäftsbanken kannst Du dabei gleich vergessen. Versuche es z. B. bei der Sparda-Bank.
2. Studiere das Kleingedruckte und sehe nach, unter welchen (butterweich formulierten) Bedingungen sich die Bank die Dispo-Kündigung vorbehalten hat. Wenn sich dabei nichts Greifbares findet, dann teile der Bank schriftlich mit, sie möge die vertragsgemäßen Gründe nennen.
3. Mann nimmt die Dispo-Kündigung zur Kenntnis und akzeptiert den Schritt. Schließlich ist klar, daß Ihr von dieser Bank nichts Gutes mehr zu erwarten habt.
Gruß
Wolfgang